Freistaat Sachsen: „Investitionen in Ganztagsangebote lohnen“

Ganztagsangebote in Sachsen helfen Benachteiligungen auszugleichen, Übergänge zu gestalten, Interessen, Talente und Neigungen zu entdecken oder auch die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Kultusminister Christian Piwarz spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen.

Bildungsminister Christian Piwarz© Ronald Bonss

Online-Redaktion: Herr Minister, es ist allgemein bekannt, dass in Sachsen schon jetzt die meisten Schulen über Ganztagsangebote verfügen. Worauf führen Sie diese hohe Akzeptanz zurück?

Christian Piwarz: Der Freistaat Sachsen fördert bereits seit 2005 Ganztagsangebote an den Schulen und unterstützt sie finanziell beim eigenverantwortlichen Ausbau der Angebote. Seither hat sich an den allgemeinbildenden Schulen ein positives Grundverständnis zu ganztägiger Bildung herausgebildet. Ganztagsangebote sind zu einem Merkmal von Schulqualität geworden und werden als unverzichtbarer Bestandteil der Schulkultur betrachtet. Sie ermöglichen den Schulen, ein eigenes Profil herauszubilden, sich weiterzuentwickeln und damit die Attraktivität zu erhöhen.

Blick auf das Ministerium vom gegenüberliegenden Elbufer
Sächsisches Staatsministerium für Kultus in Dresden© Sächsisches Staatsministerium für Kultus

Ganztagsangebote gehören inzwischen zum Schulalltag und werden immer weniger als etwas Zusätzliches wahrgenommen. Dies ist vor allem ihrem großen Engagement und dem der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Kooperationspartner zu verdanken. Ganztagsangebote werden als Bereicherung empfunden, denn sie ermöglichen zusätzliche Förder- und Begleitmaßnahmen, die ansonsten nur sehr eingeschränkt zu realisieren wären. Freizeitangebote werten den Schulalltag und das Schulklima auf und unterstützen so das soziale Lernen und die soziale Einbindung.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie am meisten Handlungsbedarf?

Der Qualitätsrahmen baut auf Erfahrungen sächsischer Schulen auf.© Sächsisches Staatsministerium für Kultus

Piwarz: Sachsen belegt bundesweit beim quantitativen Ausbau von Schulen mit Ganztagsangeboten einen der vorderen Plätze. Damit diese erfolgreich sind, müssen aber auch inhaltliche und qualitative Aspekte stimmen. Die Vergleichbarkeit der Angebote und die Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler lassen sich mit gemeinsamen Bezugsgrößen und einem kommunizierten Qualitätsverständnis sichern.

Im Jahr 2017 hat das Kultusministerium deshalb den „Qualitätsrahmen Ganztagsangebote“ erarbeitet. Er baut auf den langjährigen Erfahrungen sächsischer Schulen, den Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Begleitung des Förderprogramms durch die TU Dresden sowie auf den Beratungs- und Unterstützungserfahrungen des Kultusministeriums und des Landesamtes für Schule und Bildung auf.

Der Qualitätsrahmen soll Ausgangspunkt und Referenzmaßstab für die Einschätzung der Entwicklungen an der Schule sein. Er kann als Instrument verwendet werden, um die Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln. Die Anwendung des Qualitätsrahmens wird in diesem Schuljahr in einem Modellvorhaben mit 20 Schulen erprobt. Ab dem Schuljahr 2018/2019 soll er allen allgemeinbildenden Schulen zur Verfügung stehen.

Schülerinnen und Schüler auf der Bühne
Theaterpädagogik am Gymnasium Dresden-Bühlau © Gymnasium Dresden-Bühlau

Online-Redaktion: Die Diskussion dreht sich in vielen Bundesländern um die Frage Verlässlichkeit und Flexibilität. Ist die Organisationsform – offener oder gebundener Ganztag – auch ein Thema in Sachsen?

Piwarz: Die Berichte der wissenschaftlichen Begleitung durch die TU Dresden belegen, dass sich in Sachsen schwerpunktmäßig die offene Form als Organisationsform etabliert hat. Fast 50 Prozent und damit die größte Gruppe der Schulen bevorzugt die offene GTA-Organisationsform. Ein reichliches Drittel der Schulen besitzt ein teilweise gebundenes Modell und weitere acht Prozent organisieren ihren Ganztag in der vollgebundenen Form.

Multiprofessionelles Team der Johann-Amos-Comenius-Schule Herrnhut (Oberlausitz)© Johann-Amos-Comenius-Schule

Bei einer Umfrage der TU Dresden zeigten sich 90 Prozent der Eltern mit Quantität und Qualität der Ganztagsangebote an ihrer Schule zufrieden und befürworten das überwiegend freiwillige Angebot. Damit ziehen sie mit den Lehrerinnen und Lehrern an einem Strang. Zugleich wünschen sie sich, dass Ganztagsangebote dauerhaft an den Schulen eingerichtet werden, da sie zu höherer Schulfreude beitragen, die Schule attraktiver machen und eine verlässliche Nachmittagsbetreuung gewährleisten.

Online-Redaktion: Das Kultusministerium hat 2017 eine „Fachempfehlung ‚Ganztagsangebote an sächsischen Schulen‘“ herausgegeben. Welche Idee stand dahinter, und mit welcher Unterstützung können Schulen rechnen?

Blechbläsergruppe
Blechbläsergruppe des Gymnasiums Markneukirchen © Gymnasium Markneukirchen

Piwarz: Die Fachempfehlung wurde erstmals 2013 veröffentlicht. Später wurden Aktualisierungen zu geltenden Rechtsverordnungen vorgenommen. Sie dient als Orientierung für die Schulen bei der Wahrnehmung ihrer gestärkten Eigenverantwortung und gibt Hinweise und Anregungen für die Gestaltung von Ganztagsangeboten. Sie bildet aber auch die Grundlage bei der Unterstützung und Beratung der Schulen.

Online-Redaktion: Das Thema „Ländliche Räume“ ist wieder mehr in der öffentlichen Diskussion. Spielt es für die Ganztagsangebote in Sachsen eine Rolle?

AGs an fünf Tagen der Woche: Oberschule Brand-Erbisdorf© Oberschule Brand-Erbisdorf

Piwarz: Im ländlichen Raum kommt es auf eine gute Organisation und ein hohes Maß an Kommunikation an. Es müssen Abstimmungen zwischen Schule, Kommune und den Verkehrsverbünden stattfinden. Der ländliche Raum bietet aber auch Vorteile: Ob Sport-, Musik- oder Feuerwehrvereine – auf dem Land sind solche Kooperationspartner viel näher an den Menschen dran. Eine nachhaltige und gewinnbringende Verbindung zwischen Schule und externen Partnern ist auf dem Land schnell und unkompliziert hergestellt.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie künftig die Schwerpunkte schulischer Ganztagsangebote in Sachsen?

Schülerinnen und Schüler beim Basketball auf dem Schulhof
Oberschule „Clara Zetkin“ Freiberg: mit IZBB-Mitteln gefördert© Britta Hüning

Piwarz: Ganztagsangebote sind ein Baustein zum Bildungserfolg. Für sie Geld zu investieren, wird sich auch zukünftig lohnen. Im kürzlich verabschiedeten Handlungsprogramm „Nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität in Sachsen“ hat Sachsen deshalb beschlossen, dass ab dem 1. August 2019 jährlich 13,5 Millionen Euro mehr für Ganztagsangebote zur Verfügung stehen, um kurzfristig zusätzliche Angebote zu ermöglichen.

Eine ganztägige individuelle Förderung leistet einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Sie unterstützt den Ausbau von Stärken und hilft, Defizite abzubauen. Sie trägt dazu bei, Beeinträchtigungen und Benachteiligungen auszugleichen sowie Übergänge zu weiterführenden Schularten zu gestalten. Schüler erhalten Gelegenheit, Interessen, Talente und Neigungen zu entdecken beziehungsweise zu entwickeln und ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Um diesem Anliegen von ganztägigem Lernen gerecht werden zu können, sollen sich Schulen öffnen und mit außerschulischen Partnern zusammenarbeiten.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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