Prof. Werner Sacher: Kooperation mit den Eltern erhöht die Bildungschancen

Die Erziehungs- und Bildungskooperation mit Eltern ist zentrale Aufgabe der Schulen. Sagt der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg Prof. Dr. Dr. Werner Sacher.

Online-Redaktion: Kann man überhaupt von den Eltern sprechen?

Werner Sacher: Nein. Schulen werden von Kindern aus höchst unterschiedlichen Familienformen und Lebenssituationen besucht. Schon deshalb kann es die Eltern nicht geben. Schule sollte den Begriff Eltern auch viel weiter fassen und um jene ergänzen, die bereit sind, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Ich denke an Pflege-, Heim- und Großeltern, Onkel und Tanten, ältere Geschwister, Freunde und Nachbarn. Aus der Forschung wissen wir von der positiven Wirkung ihrer Einbeziehung auf die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen.

Online-Redaktion: Onkel und Tante beim Elternabend?

Sacher: Nein, es geht nicht in erster Linie darum, diese Menschen in die Schule zu locken. Es geht darum, sie mitzudenken und ihren Einfluss aufs Kind einzukalkulieren und zu nutzen. Oft haben sie andere und entspanntere Zugänge zu ihm, vor allem im Umfeld der Pubertät, haben mehr Zeit oder mehr einschlägige Fachkompetenz oder wissen Rat, wo die eigentlichen Eltern mit ihrem Latein am Ende sind. Und nicht selten sind sie bei Konflikten wichtige Vermittler zwischen Lehrkräften und Eltern.

Online-Redaktion: Wie sollte Schule insgesamt an Elternarbeit herangehen?

Portrait Werner Sacher

Sacher: Schon der Begriff Elternarbeit drückt Falsches aus. Es geht um Bildungs- und Erziehungskooperation mit den Eltern. Als Lehrer ist man mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen konfrontiert. Und jetzt ist da auch noch die Bildungs- und Erziehungskooperation mit den Eltern. Das heißt, ein Aufgabenfeld zu entdecken, das bislang unterentwickelt ist. Eine wichtige Grundlage dafür ist, eine Schulgemeinschaft zu bilden. Die Eltern- und Klassenelternversammlungen wären eine gute Möglichkeit dafür. Leider werden sie gewöhnlich nicht nur als „Elternabende“ bezeichnet, sondern auch entsprechend durchgeführt mit Tagesordnungen in der herkömmlichen Art: Vorstellung der Lehrinhalte im nächsten Halbjahr, Formalitäten, Wahl der Klassenpflegschaft, Ankündigung der Dinge, wo Eltern helfen sollen, Sonstiges. Der Gesetzgeber hat das in den meisten Bundesländern anders gemeint. Lediglich im Hamburger Schulgesetz wird der Begriff „Elternabend“ verwendet. Hinter den ansonsten verwendeten Begriffen „Klassenelternversammlung“ oder „Elternversammlung“ steht die Intention, dass Eltern sich versammeln und austauschen und gemeinsame Strategien und Visionen entwickeln sollen. Die Einladung zu solchen Versammlungen muss nicht zwingend von den Lehrkräften kommen, das kann auch von Eltern aus geschehen. Traditionelle Elternabende bringen in dieser Hinsicht oft herzlich wenig.

Online-Redaktion: Warum ist diese Kooperation mit Eltern so wichtig?

Sacher: Eine gute Bildungs- und Erziehungskooperation von Schule und Eltern erhöht die Bildungschancen eines Kindes. Eltern als Kunden zu betrachten, deren Wünsche erfüllt werden müssen, halte ich allerdings nur bedingt für richtig. Es besteht ja nicht ein Dienstleistungsverhältnis zu den Eltern. Schule hat einen gesellschaftlichen Auftrag: Wissensvermittlung, Persönlichkeitsentwicklung, politische Bildung, Erziehung zur Toleranz, Vermittlung demokratischer Werte – ungeachtet ob Eltern dies wünschen oder nicht. Eltern sind Partner der Schule im Bildungs- und Erziehungsgeschäft. Und zwar auf Augenhöhe, mit klarer und sich ergänzender Rollenverteilung.

Online-Redaktion: Viele Eltern, aber auch Schulen, sehen die Aufgabe von Müttern und Vätern in der Unterstützung der Schule, etwa durch Hilfe bei Festen, Pausenhofgestaltung oder Ausflugsbegleitung...

Sacher: Sich in dieser Form aktiv in der Schule zu beteiligen, bezeichnen wir als schulbasiertes Engagement. Das können längst nicht alle Eltern leisten, denken sie etwa an die Alleinerziehende, deren drei Kinder auf drei unterschiedliche Schulen gehen. Wenn diese Mutter dann nicht in der Schule auftaucht, ist das nicht mit Desinteresse oder Bildungsferne gleichzusetzen. Und für den Lernerfolg ist es auch nicht ausschlaggebend. Mitunter artet diese Form der Unterstützung der Schule ins Buhlen um Sympathie aus. Lehrerinnen und Lehrer scheuen sich, Kindern von für die Schule engagierten Eltern schlechte Noten zu geben. Für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler ist das heimbasierte Engagement deutlich wichtiger als das schulbasierte.

Online-Redaktion: Was ist darunter zu verstehen und wie sollte heimbasiertes Engagement aussehen?

Sacher: Ich fange einmal damit an,  was heimbasiertes Engagement nicht bedeutet: Es steht nämlich nicht für „Lerncoaching“ oder Hausaufgabenhilfe. Die Forschung belegt insgesamt einen geringen Effekt von Hausaufgaben, und vor allem die Einmischung der Eltern in diese ist meistens kontraproduktiv. Sie kann zu vielen Konflikten in der Familie führen und macht das Kind eventuell auch abhängig von dieser Hilfe.

Online-Redaktion: Was sollen Eltern stattdessen tun?

Standards erfolgreicher Bildungs- und Erziehungspartnerschaften von Familien und Schulen© PTA National Standards for Family-School Partnerships

Sacher: Neueste Metaanalysen, unter anderem von Hill Tyson (2009) sowie William Jeynes (2011), kommen übereinstimmend zu fünf wesentlichen positiven Einflussfaktoren: Eltern sollten ihr Kind mit starkem Zutrauen und Optimismus, keinesfalls mit Druck begleiten. Das ist eine Grundhaltung. Sie sollten einen autoritativen Erziehungsstil pflegen – eine Mischung aus Liebe, Verständnis, klaren Strukturen und Übernahme von Pflichten in der Familie. Sie sollten eine bildungsfreundliche Atmosphäre schaffen, etwa durch das Vorleben von Interesse, Offenheit und Lernfreude. Wichtig ist auch die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Dabei sollte nicht das Thema Schule im Vordergrund stehen. Es geht ums Sprechen über Gott und die Welt, um den Austausch und darum, das Ohr am Kind zu haben. Wir wissen aus der PISA-Studie, dass schon durch die regelmäßige gemeinsame Einnahme der Hauptmahlzeit und die damit verbundenen Gespräche ein Lernvorsprung von mindestens einem halben Jahr gewonnen wird. Diese Ruhe und Muße für die gemeinsame Mahlzeit geht in vielen Familien in der Hektik des Alltags verloren. Es muss künftig also auch um Entschleunigung gehen. Und schließlich kommt dem Lesen mit dem Kind in der Grundschulzeit große Bedeutung zu.

Online-Redaktion: Was raten Sie besorgten Eltern, die meinen, dass ihr Kind in der Schule nicht wie gewünscht gefördert wird und es zuhause auch keine großen Anstalten macht, die Hausaufgaben zu machen und zu lernen?

Sacher: Natürlich ist man dann in Sorge und möchte seinem Kind leidvolle Erfahrungen  ersparen. Aber nur aus der Erfahrung lernt das Kind, reflektiert sein Verhalten und ändert es. Ich würde dazu raten, mal mit den Lehrern – auch über den Umgang mit Hausaufgaben – zu sprechen. Ich bin mir bewusst, dass sich in solchen Fragen Eltern zumeist nicht solidarisieren. Die natürliche Grundhaltung ist Egoismus. Das eigene Kind steht im Mittelpunkt, nicht die Klasse und gar die Schule. Das aber führt dazu, dass Pädagogen jede Anregung oder Kritik mit den Worten abtun können: „Das höre ich aber zum ersten Mal…“ Wenn Schwierigkeiten bestehen, ist es besser auf Lerntechniken oder auch die Möglichkeiten neuer Medien hinzuweisen und Tipps zur Selbstständigkeit zu geben. Studien belegen, dass rund 85 Prozent der Eltern auf die falsche Weise helfen – siehe Einmischung in die Hausaufgaben.

Online-Redaktion: Noch einmal nachgehakt: Eltern sollen zuschauen, wie sich ihr Kind den Weg verbaut, etwa, weil es aufgrund mangelnden Ehrgeizes schon in der Grundschule nicht mitkommt, schlechte Noten erhält, was sich auf die weiterführende Schule auswirkt?

Sacher: Man muss Kinder ja nicht gleich in große Krisen und Katastrophen hineinlaufen lassen. Aber nicht immer bei allen kleineren Schwierigkeiten gleich eine Hilfslehrerrolle einzunehmen und auch gelegentliche Misserfolge als Konsequenz unangemessenen kindlichen Verhaltens zuzulassen, sollte man sich schon getrauen. Wenn es gravierende Probleme gibt, sollte man das Gespräch mit den Lehrkräften suchen und mit ihnen gemeinsam Lösungen entwickeln.

Online-Redaktion: Bedeutet das nicht eine Verlagerung der Verantwortung für den Bildungserfolg von Kindern ins Elternhaus?

Sacher: Es geht nicht nur um den Bildungs-, sondern auch den Erziehungserfolg. Und es geht um das gemeinsame Bemühen von Schule und Eltern. Die Betonung liegt auf gemeinsam.

Online-Redaktion: Manche Eltern werden diesem Anspruch nicht gerecht werden können?

© www.thinkstock.de

Sacher: Warum nicht? Bis auf den Aspekt des gemeinsamen Lesens sind alle Punkte auch  ohne höheren Bildungsabschluss und sogar ohne Beherrschung der deutschen Sprache machbar. Die Aussage „Wir können nichts tun“ halte ich für eine Ausrede. Und auch das Lesen in anderen als der deutschen Sprache fördert. Den bildungspanischen Eltern der Mittelschicht, die ihre Kinder zu allen möglichen Zusatzangeboten hin- und herkutschieren, möchte ich raten: Vergesst die fünf elementaren Punkte nicht.

Online-Redaktion: Und die Schule schaut zu?

Sacher: Die beschriebenen Aufgaben können von pädagogischen Einrichtungen, auch von Ganztagsschulen, nur zu einem geringen Teil übernommen werden. Aus der Forschung ist bekannt, dass der Einfluss der Familien auf die Lese-, Mathematik- und naturwissenschaftliche Kompetenz der Kinder doppelt so stark ist wie der der Schule. Mangelnde Unterstützung der Eltern kann Schule nicht kompensieren. Sie kann nur versuchen, Eltern zu stärken und ihnen Hilfestellungen für die Wahrnehmung ihrer Elternrolle zu geben.

Online-Redaktion: Ist die Ganztagsschule, wenn der Einfluss der Eltern soviel größer ist, sinnvoll?

Sacher: Auf jeden Fall. In Ganztagsschulen kann nicht zuletzt aufgrund des größeren Zeitfensters eine Besserung im Zusammenspiel mit Eltern gelingen. Man muss sich um Familien kümmern, auch Elterntraining betreiben. Im Ganztag bieten sich viel mehr Möglichkeiten, sich etwa am Arbeitsrhythmus der Eltern zu orientieren und den Einfluss anderer Professionen zu nutzen. Wichtig wäre insgesamt der Ausbau von Elternbildung.

Online-Redaktion: Immer wieder ist zu hören, dass die Schule manche Eltern nicht erreicht. Wie können Kontaktbarrieren überwunden werden?

Sacher: Schule muss sich dieser Barrieren bewusst sein. In Deutschland gibt es dazu wenig Forschung. Anders sieht es etwa in England aus. Von dort wissen wir zum Beispiel einiges über emotionale Barrieren. Das können eigene schlechte Erfahrungen der Eltern mit Schule oder mit Lehrkräften sein. Dann gibt es viele Gründe, warum sich Eltern in der Schule nicht blicken lassen: Beide Partner arbeiten ganztags oder haben noch Kleinkinder zu betreuen. Das bedeutet nicht, dass ihnen das Kind, Bildung und Schule gleichgültig sind. Bei Migranten und bildungsferneren Menschen kommt häufig Unsicherheit hinzu. Sie sehen sich oft mit einer leidvollen Defizithypothese konfrontiert. Ihre positiven Ansätze werden gerne übersehen. Etwa die Tapferkeit, etwas aufgegeben zu haben, um hier etwas Neues anzufangen oder auch die Zweisprachigkeit. Wo ich aber das Gefühl vermittelt bekomme, minderwertig zu sein, gehe ich nicht hin. Als Lehrkraft muss ich Eltern also unbedingt Wertschätzung entgegenbringen.

Online-Redaktion: Welchen Stellenwert sollten Pädagogen der Erziehungs- und Bildungskooperation mit Eltern einräumen?

Sacher: Sie sollte ganz oben auf der Agenda stehen. Angesichts der wissenschaftlich nachgewiesenen Stärke des Einflusses auf den Bildungserfolg würde ich mich als Lehrkraft fragen, ob ich allen neuen Moden der Unterrichtsgestaltung nachlaufe. Auch wenn der Unterricht nicht auf dem modernsten Stand ist, die Elterneinbindung dafür aber besser gelingt, wird der Bildungs- und Erziehungserfolg größer sein. Deshalb sollten die Lehrkräfte ihr Augenmerk viel, viel stärker auf die Eltern richten. Und der Gesetzgeber müsste das ins Arbeitszeitkontingent der Lehrkräfte einbeziehen.

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