Digitales Lernstudio: „Flipped Classroom“ in der Ganztagsschule

Lernen im „Flipped Classroom“, in der „Augmented Reality“ oder mit „Minetest“ – klingt ungewohnt? Das Lernstudio „Digitales Lernen in ganztägig arbeitenden Schulen“ der Serviceagentur Mecklenburg-Vorpommern zeigte, wie Schülerinnen und Schüler neu zu motivieren sind.

Schülerinnen vor einem Laptop
© Britta Hüning

Kommt die Rede auf digitale Medien in Schulen, ist die Klage über mangelnde Infrastruktur nicht weit. Doch die Hardware allein ist nicht entscheidend, wie Peter Hofmann, Lehrer an der Regionalen Schule „Am Lindetal“ in Neubrandenburg und pädagogischer Mitarbeiter der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Mecklenburg-Vorpommern, aus eigener Erfahrung weiß: „Wichtig für digitale Bildung sind gut durchdachte Konzepte. Und Motivation.“

Lehrerinnen und Lehrer waren ebenso wie andere pädagogische Fachkräfte motiviert, als sie am 20. März 2018 im Lernstudio „Digitales Lernen in ganztägig arbeitenden Schulen“ in Rostock zusammenkamen. Zum zweiten Mal widmete die Serviceagentur Mecklenburg-Vorpommern sich diesem Thema, das laut Maria Parttimaa-Zabel bei vergangenen Tagungen immer wieder gewünscht worden war.

Maria Parttimaa-Zabel begrüßt das Plenum© Serviceagentur MV

Digitale Bildung in der Schule ist für die Leiterin der Serviceagentur „ein Gewinn für die Chancengleichheit“. Für sie können damit „alle Schülerinnen und Schüler neue Kompetenzen erwerben und auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet werden“. Im Zuge der Digitalisierung gebe es viele Herausforderungen, aber vor allem eine Chance für Bildung: „Schülerinnen und Schüler bekommen neue Möglichkeiten für das Lernen, für Kommunikation und Vernetzung. Die Ganztagsschule kann das durch die zusätzliche Zeit und mehr Kooperation mit außerschulischen Partnern unterstützen.“

„Lernen bleibt ein soziales Ereignis“

Folie mit dem Konzept des Flipped Classrooms
© Serviceagentur MV

Ein Partner für die Schulen in Österreich ist die Virtuelle Pädagogische Hochschule. Ihre vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung bestimmte Aufgabe ist die Unterstützung von Lehrkräften und Lehramtsstudierenden beim Erwerb digitaler Kompetenzen. Sie leistet dies unter anderem mit einer eigenen virtuellen Lernumgebung, mit Online-Fortbildungen und Selbstlernmaterialien, unterstützt durch praxiserfahrene Expertinnen und Experten, darunter viele Lehrkräfte. Stefan Schmid, Leiter der virtuellen PH, war nach Rostock gekommen, um über die Erfahrungen zu berichten. Rund 30.000 Lehrerinnen und Lehrer bilden sich so bereits digital fort, „Tendenz stark steigend.“ Die Kurse seien ständig ausgebucht.

Schmid nahm als Referent den Einsatz digitaler Medien im Unterricht in den Blick. „Es geht hier nicht um Schwarz oder Weiß, sondern es braucht den optimalen Mix“, so der Informations- und Kommunikationspädagoge. „Die Presse will immer Super-Beispiele, wie das Lernen durch digitale Medien total auf den Kopf gestellt wird.“ Doch neu sei nicht per se besser. Lernen sei und bleibe ein soziales Ereignis. „Wir wollen die Bildungsprozesse nicht irgendwelchen Apps überlassen, sondern es geht um bessere und gewinnbringendere Lernprozesse. Die digitalen Medien haben das Potenzial, das zu unterstützen.“

Stefan Schmid© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Das zeige zum Beispiel das Konzept des „Flipped Classroom“, des „umgedrehten Klassenzimmers“. Statt wie herkömmlich in der Schule den Stoff zu vermitteln, den Schülerinnen und Schüler dann zu Hause zu vertiefen, erfolgt der Lernprozess im „Flipped Classroom“ genau andersherum: Die Schülerinnen und Schüler bereiten zu Hause medial gestützt selbst ein Thema vor. Das Üben und Vertiefen findet dann in der Schule statt. Die Vorteile liegen laut Schmid in der Erweiterung von Raum und Zeit und der Möglichkeit, sich den Input in eigenem Tempo anzueignen.

Die gemeinsame Zeit im Klassenzimmer kann dann optimal für die Vertiefung genutzt werden, mit der Lehrerin oder dem Lehrer als „Coach“. Stefan Schmid berichtete: „Wir haben die Wirksamkeit dieses Konzepts an den Schulen erfragt.“ Nach den Umfragen hätten sich innerhalb von drei Jahren die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Englisch und Mathematik an diesen Schulen signifikant verbessert. 90 Prozent der Schulen wollen den „Flipped Classroom“ weiter nutzen.

Geschichtsunterricht mit Augmented Reality

Josef Buchner bei einer Präsentation
Josef Buchner© Serviceagentur MV

Josef Buchner ist Lehrer für Geschichte, Psychologie/Philosophie und Informations- und Kommunikationstechnik am Gymnasium Polgarstraße in Wien, einer Schule mit Tagesbetreuung, also mit offenem Ganztagsangebot. Er ist ein Verfechter des „Flipped Classroom“ und hat neue Unterrichtsformen mit digitalen Medien selbst erprobt. Zum Beispiel sogenannte Augmented-Reality-Unterrichtseinheiten, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre Smartphones für Projekt- und Stationenarbeit nutzen.

„Augmented Reality“ heißt „erweiterte Realität“. Nach Rostock hatte Buchner zur Veranschaulichung entsprechend präparierte Arbeitsblätter mitgebracht. Wenn die Schülerinnen und Schüler diese mittels QR-Codes mit dem Smartphone scannen, öffnen sich zu den jeweiligen Aufgaben wiederum Bilder, Videos oder Texte, mit denen weitere kompetenzorientierte Aufgabenstellungen verbunden sind. Die ansprechende Art und Weise und der offene Unterricht sorgen für Abwechslung. Die aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel selbst Fotos zum Leben erwecken können, ist gesichert.

Blick in einen der zehn Workshops© Serviceagentur MV

Buchner berief sich auf die in den 1980er Jahren von Deci & Ryan entwickelte Selbstbestimmungstheorie der Motivation, die Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als psychologische Grundbedürfnisse des Menschen ansieht. „Deci & Ryan sprechen von 'enjoyment', also der Freude am Tun. Das ist ein Qualitätsmerkmal der intrinsischen Motivation, die ich mit der Augmented Reality ansprechen will“, meinte Buchner, der in seinem Workshop in Rostock für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine solche Unterrichtssituation nachstellte.

Den Teilnehmenden gab er mit auf den Weg: „Bei dieser Art des Lernens findet in der Konzeptionsphase eine Zusammenarbeit zwischen traditionell lehrenden und digital lehrenden Lehrkräften statt. Auch hier muss die Mischung stimmen.“

Virtueller Burgenbau im Ganztagskurs mit „Minetest“

Peter Hofmann während seines Vortrags
Peter Hofmann© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Dann kam Mecklenburg-Vorpommern selbst zu Wort: Wie sich interaktive Spiele und sogenannte Open-Source-Software in den Unterricht integrieren lassen, demonstrierte Peter Hofmann aus Neubrandenburg, dessen Regionale Schule „Am Lindetal“ eine gebundene Ganztagsschule ist. Er stellte die Arbeit mit diversen multifunktionalen Tools vor, wie „Quizlet Live“ oder „Quizizz“, die das individuelle, aber auch das kollaborative Lernen unterstützen.

Schülerinnen und Schüler können mit diesen interaktiven Lernspielen in einer Gruppe beispielsweise englische Vokabeln üben, müssen sich dazu aber untereinander austauschen. „Die Zukunft liegt in der menschlichen Kollaboration. Die Lösung komplexer Probleme erfordert Zusammenarbeit“, ist Hofmanns Überzeugung. Mit „Padlet“ lassen sich zeit- und ortsunabhängig gemeinsam virtuelle Pinnwände erstellen, „ThingLink“ ermöglicht, Fotos mit zusätzlichen Medieninformationen zu verknüpfen.

© Britta Hüning

Das Open-World-Spiel „Minetest“, mit dem Bauwerke konstruiert werden und das Hofmann auch im „Ganztagskurs Minetest“ einsetzt, lässt sich zum Beispiel im Geschichtsunterricht für den Bau einer virtuellen Burg einsetzen. „Die Schülerinnen und Schüler recherchieren und verständigen sich, welche Burgformen sie auswählen und welche Materialien sie benötigten. Der Lehrer hält sich hier zurück, die Schülerinnen und Schüler regen sich gegenseitig an“, erläuterte Hofmann.

Für viele solcher digitalen Lernformen sei ein funktionstüchtiges WLAN erforderlich. Folglich rät Peter Hofmann: „Es ist besser, Mittel in ein WLAN-Netz zu investieren als in Whiteboards.“ Mit Hilfe des Internets habe ich die Möglichkeit, mich mit anderen Lehrkräften und Unterrichtsmaterialien und auch anderen Schulen oder Partnern zu vernetzen.“

Unterstützung im „Dschungel“

Schüler am PC
© Britta Hüning

Einer dieser Partner in Mecklenburg-Vorpommern ist das Bildungsministerium mit dem Medienpädagogischen Zentrum (MPZ) und seinen Regionalstellen Greifswald, Neubrandenburg, Rostock und Schwerin. Seit 2016 können Lehrerinnen und Lehrer das „Unterrichtshilfenportal MV“ nutzen. Es stellt zum Beispiel interaktive Arbeitsblätter für den Unterricht aller Klassenstufen zur Verfügung. „Die Arbeitsblätter können verändert oder neu erstellt werden. Inzwischen stehen etwa 16.000 Übungen in 3.700 Materialien für 14 Fächer zur Verfügung“, berichtete Dörte Gaikowski. Sie ist Lehrerin an der Grundschule „Ferdinand von Schill“ in Stralsund und Mitglied im Lehrerteam des Unterrichtshilfenportals.

Auch die interaktiven Arbeitsblätter sollen die Motivation der Schülerinnen und Schüler erhöhen und helfen, den Unterricht abwechslungsreicher zu gestalten. Die Materialien sind in Themenblöcken gebündelt. Aktuell gibt es zum Beispiel „Plastik im Meer“, das vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde und vom Ozeanum Stralsund entwickelt worden ist, oder das Thema „Filmbildung“ mit Unterrichtsmaterialien zu über 80 Filmen.

Der Markt für virtuelles Lernen sei derzeit „groß und unübersichtlich“, ein „Dschungel“, resümierte der Gast Stefan Schmid. Ganztagsschulen benötigen also weiter Unterstützung, um die vielfältigen Anregungen gewinnbringend für die Schülerinnen und Schüler zu nutzen. Das Lernstudio „Digitales Lernen in ganztägig arbeitenden Schulen“ hat sich genau dieser Aufgabe verschrieben. Die Nachfrage ist groß. Maria Parttimaa-Zabel kündigte an, dass es eine dritte Auflage des Lernstudios geben wird.

 

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