Ganztagsschulverband Hessen: „Lernrezepte zum Nachkochen“

Der Hessische Ganztagsschulverband lud zu seiner Jahresfachtagung „Ganztagsschule und Persönlichkeitsentwicklung“ in Brechen auch ein StEG-Team zum Thema „Lern- und Übungszeiten“ ein.

Frank Groos ist seit 2016 Bürgermeister der Gemeinde Brechen.© Redaktion www.ganztagsschulen.org

„Es gibt noch viel zu entdecken!“ Der Titel des Schulsongs der Schule im Emsbachtal, den die Klasse 6a zum Auftakt der Fachtagung des Ganztagsschulverbandes Hessen schmetterte, gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich am 15. März 2018 aus ganz Hessen in den Landkreis Limburg-Weilburg aufgemacht hatten, wollten ebenfalls ihren Wissensdurst stillen.

Gut investiert

Für Frank Groos, Bürgermeister der Gemeinde Brechen, der gerade kürzlich zwei Schülerinnen der Marienschule Limburg ein Interview zur Infrastruktur des Landkreises gegeben hat, ist klar: „Wir müssen uns mit der Ganztagsschule befassen, und zwar als Lebensraum, nicht nur als Lehranstalt.“ In ländlichen Räumen sei das nicht immer ganz einfach, zum Beispiel weil die Kooperationspartner manchmal rar gesät sind. „Aber erfreulich ist, dass unser Landkreis schon gut in die Ganztagsschulen investiert hat.“

Plenum der Schule im Emsbachtal
Die Schule im Emsbachtal war Gastgeberin der Fachtagung.© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Guido Seelmann-Eggebert, Vorsitzender des Landesverbandes, und Bernd Steioff, stellvertretender Vorsitzender und Schulleiter der Schule im Emsbachtal, die diesmal die Gastgeberschule der Fachtagung war, begrüßten Schulleitungen, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und weitere pädagogische Fachkräfte, die sich unter dem Tagungsmotto „Schule anders denken und anders leben – Ganztagsschule und Persönlichkeitsentwicklung“ informieren und diskutieren wollten.

Und auch viele Landtagsabgeordnete waren anwesend, wie Wolf Schwarz, Leitender Ministerialrat im Hessischen Kultusministerium, erfreut am Beginn seines Vortrags „Entwicklung und Perspektiven in Hessen“ hervorhob. Das Thema „Ganztagsschule“ steht in Hessen weiterhin oben auf der Agenda, so Schwarz: „Überall erfolgt der Ausbau, den das IZBB-Programm überhaupt erst ermöglicht hat. In den vergangenen vier Jahren sind über 1.000 Lehrerstellen in den Ganztag gegeben worden. 700 neue Stellen für Sozialpädagogen werden in diesem Jahr dazukommen, davon 400 an Grundschulen. Inzwischen arbeiten 66 Prozent der Schulen ganztägig.“

Wolf Schwarz ist Leitender Ministerialrat im Hessischen Kultusministerium.© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Da die Entwicklung im Primarbereich hinterhergehinkt sei, habe das Land 2013 mit dem „Pakt für den Nachmittag“ gegengesteuert. Dieser garantiert nun ein verlässliches Angebot bis 17.30 Uhr. Im Herzen der neuen Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen stehe der Qualitätsrahmen. In diesem sei insbesondere die individuelle Förderung ein wichtiger Bereich: „Die individuelle Förderung kann und soll Bindemitglied zwischen Vor- und Nachmittag sein. Sie kann Klassenwiederholungen, Schulabbrüchen und Schulverweigerung präventiv entgegenwirken“, führte Schwarz aus.

Ganztag: Raum für Talentendeckung

Die Hessische Ganztagsschulstudie (HeGS) der Justus-Liebig-Universität Gießen aus den Jahren 2011 bis 2013 und die bundesweite StEG-Studie hätten gezeigt, dass sich die Evaluation der eigenen Schule und des Ganztags zu einer wichtigen Kompetenz entwickele. Die Förderung sozialen Lernens und der Selbstständigkeit rückten in den Fokus. Multiprofessionelle Kooperationen würden von den Ganztagsschulen als unverzichtbar angesehen, daher „sind dem Land die gemeinsamen Fortbildungen unterschiedlicher Berufsgruppen wichtig“, so Schwarz. Hessen legt derzeit eine Weiterbildungsreihe für Personal ohne pädagogische Ausbildung, genauer: „Personal mit angebotsspezifischer Sachkunde“ auf.

Schülerinnen und Schüler singen den Schulsong
Die 6a begrüßt die Gäste mit dem Schulsong der Schule im Emsbachtal.©  Redaktion www.ganztagsschulen.org

Das Titelthema der Tagung „Ganztagsschule und Persönlichkeitsentwicklung“ griff Prof. em. Olaf-Axel Burow in seinem Vortrag auf. „Die Ganztagsschule sollte Raum für Talentendeckung und -förderung bieten, Engagement und Leidenschaft unterstützen. Begabungsförderung ist der Schlüssel zu einer guten Ganztagsschule“, erklärte der Wissenschaftler. Das könne schon mit vergleichsweise einfachen Angeboten wie der Schülerzeitungs-AG beginnen, in der Schülerinnen und Schüler Themen entdecken könnten, für die sie sich interessierten. Wenn Schülerinnen und Schüler dann für etwas „brennen‟, so Burow, sollten die Lehrkräfte und außerschulischen Pädagogen das in der Rolle von „Talentfindern“ unterstützen. „Die Ganztagsschule kann das 'Brockhaus-Denken' überwinden und stattdessen fächerübergreifendes und kooperatives Lernen organisieren.“

StEG-Tandem: Lernzeit mit dem Study Buddy-Konzept

An drei Ganztagsschulen wird bereits besonderes kooperatives Lernen praktiziert. Was „Study Buddies“ sind, konnten die Teilnehmenden erfahren, die sich am Nachmittag aus dem Angebot von rund 15 Workshops für den Workshop „Lern- und Übungszeiten als Bestandteil im Schulalltag des Ganztags“ entschieden hatten. Außerdem gab es die Möglichkeit, fünf Schulen zu besuchen.

StEG-Tandem mit Maskottchen StEGosaurus (auf www.projekt-steg.de zum Ausmalen)© DIPF/www.curldesign.de, Björn Locke

Brigitte Brisson und Dr. Markus Sauerwein vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) stellten die Studie „StEG-Tandem: Konzeptionelle Weiterentwicklung von Lern- und Übungszeiten durch kooperative Lernformen“ vor. Das Team arbeitet eng mit einem Team der Universität Kassel und sechs Integrierten Gesamtschulen zusammen. Drei dieser Ganztagsschulen waren bei der Tagung vertreten.

„Mit den Schulen haben wir im Schuljahr 2016/2017 ein schulspezifisches Konzept für kooperative Lernformen in den Lern- und Übungszeiten der Jahrgangsstufe 5 erarbeitet. Die Grundlage bildet ein Leitfaden, der unter Beachtung aktueller Forschungsergebnisse darlegt, wie kooperative Lernformen in Lern- und Übungszeiten umgesetzt werden können“, berichtete Brigitte Brisson. „Während der Lern- und Übungszeiten haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, in Tandems zu lernen. Dabei werden sie von älteren Schülerinnen und Schülern, sogenannten Mentoren, unterstützt.“

Positive Erfahrungen mit Mentorinnen und Mentoren

Diese Mentorensysteme haben die Schulen mit Beginn des Schuljahres 2017/2018 eingeführt. Neben dem Forscherteam stehen den Ganztagsschulen darüber hinaus erfahrene Experten aus der Praxis zur Verfügung, um diesen Prozess zu begleiten. Im nun zweiten Halbjahr setzen die Schulen das Tandem-Konzept selbstständiger um. Das Wissenschaftlerteam beschränkt sich jetzt auf regelmäßige Beobachtungen und Befragungen. „Gegebenenfalls wird das Konzept im kommenden Schuljahr auf die 6. Jahrgangsstufe ausgeweitet“, kündigte Brigitte Brisson an.

Laut Markus Sauerwein haben sich die sechs Schulen grob in zwei Gruppen geteilt, was die Herangehensweise betrifft: „Manche bieten die Mentorenausbildung für die Acht- bis Zehntklässler im Wahlpflichtunterricht an, andere als freiwillige AG. Es sind immer drei bis sechs Lehrkräfte involviert, und das Betreuungsverhältnis in den Lernzeiten bewegt sich in einer Spannbreite von eins zu fünf bis eins zu zehn.“

Brigitte Brisson und Dr. Markus Sauerwein vom DIPF Frankfurt am Main
Brigitte Brisson und Dr. Markus Sauerwein vom DIPF Frankfurt am Main © Redaktion www.ganztagsschulen.org

Fünftklässler bewerten die Unterstützung durch die Mentoren positiv: „Diese seien nett, würden helfen und man müsse nicht mehr so lange auf Hilfe warten“, rekapitulierte Sauerwein. „Auch die Mentoren melden zurück, dass es ihnen Spaß macht und sie selbst nebenbei alten Unterrichtsstoff auffrischen.“ Problematisch sei für die Mentoren, dass sie manchmal nicht wüssten, welche Aufgaben die Schülerinnen und Schüler lösen sollen, oder dass manche unsicher seien, wie sie mit Störungen umzugehen haben. Manche Fünftklässler wiederum monieren, dass die Jugendlichen sie mitunter unangemessen zu disziplinieren versuchten.

„Welche Schule kann sagen, dass eine Maßnahme wirksam ist?“

An der Erich-Kästner-Schule Baunatal läuft seit vier Jahren die Lernzeit. Für Lehrer Fabian Bose war es die „anstrengendste Stunde der Woche“, denn „25 Kinder mit verschiedenen Aufgaben arbeiten in den 45 Minuten eben nicht selbstständig“. Es gab eklatante Probleme bei der Lernorganisation der jungen Schülerinnen und Schüler, die oft zum Beispiel nicht ihre benötigten Arbeitsutensilien zusammenhatten. Als die Anfrage von StEG gekommen sei, hat die Schule daher „sofort zugesagt“, um die unbefriedigende Situation zu verbessern.

Aus den neunten und zehnten Klassen wurden die „Study Buddies“ rekrutiert. „Dabei hat es sich als gut erwiesen, auch leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler zu nehmen“, berichtete Lehrer Sven Krugmann. „Diese Schüler bringen viel Empathie mit.“ Nun laufe die Lernzeit viel effektiver. Und die meisten Neuntklässler wollten auch im kommenden Jahr dabei sein.

Blick ins Plenum
Schulleiter Bernd Steioff im Plenum© Schule im Emsbachtal

„Study Buddy“-Programme, in denen sich Schülerinnen und Schüler gegenseitig beim Lernen unterstützen, gibt es in den USA schon seit den 1970er Jahren, inzwischen teilweise sogar online. Viele wurden evaluiert. „Welche Schule kann von sich aus sagen, dass eine Maßnahme wirksam ist? Da ist StEG sehr sinnvoll“, befand Sven Krugmann. „Auf die Buddies wären wir alleine nicht gekommen. Alle müssen aber bereit sein, dass man jemanden in die Schule lässt. Diese Kultur gibt es zum Glück an unserer Schule.“

Aus der Adolf-Reichwein-Schule Friedberg berichtete die Pädagogische Leiterin Christine Fauerbach vom Fach „Voneinander miteinander lernen‟ (VML), in dem nun „Lerncoaches“ mitwirken, die vor den Herbstferien geschult worden sind. „Nach jeder Stunde füllen die Lerncoaches einen Bogen für die Lehrkräfte aus, in den sie eintragen, wer die Hausaufgaben geschafft oder nicht geschafft hat und wie das Verhalten war.“ Auch hier meldeten die Mentoren, dass sie selbst etwas lernten. Die Fünftklässler freuen sich über bessere Betreuung. „Aber noch ist nicht alles optimal.“ Zum Umgang mit Konflikten, dem Rollenwechsel und der Fachkompetenz der Lerncoaches gebe es noch Diskussionsbedarf, meinte Christine Fauerbach.

„Rezepte zum Nachkochen“

An der Georg-August-Zinn-Schule in Frankfurt am Main gab es laut Lehrerin Elena Jung früher eine offene Hausaufgabenbetreuung in der Bibliothek mit Aufsicht. „Wir wollten nun das Förderangebot unter Berücksichtigung des Lernstandes der Schülerinnen und Schüler ausbauen und verbessern. Dazu haben wir Mentoren aus der 9. Klasse im Wahlpflichtkurs 'Soziales Lernen' ausgebildet.“

(vl.): Guido Seelmann-Eggebert dankt Madlen Wagner, Carina Merth und Bernd Steioff von der Schule im Emsbachtal.© Schule im Emsbachtal

An vier Nachmittagen in der Woche sind sie in der nun verbindlichen Hausaufgabenbetreuung im Einsatz, geben Feedback durch Rückmeldebögen. „Als positiv empfinden wir die entlastete Lernatmosphäre“, berichtete Lehrer Farzad Zare, „und das soziale Engagement der Mentoren. Auch ist der Stellenwert der Hausaufgabenbetreuung als Fördermaßnahme gestiegen.“ Für die Zukunft ist eine Erweiterung des Material-Pools geplant – mit Übungen für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die vorzeitig mit den Aufgaben fertig sind.

Nicht nur um viele Erkenntnisse reicher, sondern auch mit einem kleinen Geschenk konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag die Heimreise antreten. Bernd Steioff hatte allen einen USB-Stick überreichen lassen, auf dem Ganztagskonzepte verschiedener Schulen zu finden sind. „Diese Rezepte sind ausdrücklich zum Nachkochen empfohlen. Sie müssen sie nur noch mit einer gehörigen Portion Herzblut würzen und an Ihre Schulsituation anpassen“, gab der Schulleiter der Schule im Emsbachtal als Anleitung mit auf den Weg.

Hinweis:

Neben den Links in der rechten Spalte finden Sie auf www.ganztagsschulen.org zahlreiche Beiträge mit Praxisbeispielen aus Ganztagsschulen zu den Themen Hausaufgaben, Lern- und Übungszeiten.

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