Ganztagsschulverband im Zeichen der Inklusion

Den „Blick über den Zaun“ wagten 450 Gäste des Bundeskongresses des Ganztagsschulverbandes GGT e.V. Er fand vom 28. bis 30. November in Saarbrücken statt.

Das abwechslungsreiche Programm mit Vorträgen, Schulbesuchen, Praktikergesprächen und Workshops bot hinreichend Raum, sich auszutauschen, Ideen anderer zu lauschen, vor allem aber auch Einblick in den Alltag von Ganztagsschulen zu gewinnen. Mehr als 20 Schulen, darunter einige im benachbarten Ausland, hatten ihre Pforten geöffnet, um kleinen Gruppen ihr Konzept und ihre Schule vorzustellen. Eine luxemburgische Teilnehmerin brachte es auf den Punkt, als sie die Qual der Wahl hatte und sich für eine Schule entscheiden musste: „Am liebsten würde ich mir alle Schulen anschauen.“ Zumal, das verrieten sie und ihre Kollegin, in Luxemburg insbesondere im ländlichen Raum die Entwicklung von Ganztagsschulen eher langsam voranschreite.

Zuhörer während des Kongresses
450 Interessierte nahmen am Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes teil.© Rolf Richter

„Hier leben die Menschen noch sehr traditionell. Und die Frauen möchten gerne am Nachmittag für die Kinder zuhause sein“, berichtete die Pädagogin. Nach ihrem Besuch einer gebundenen Ganztagsgrundschule zeigte sie sich höchst angetan von den Möglichkeiten, die sich hier für die Erziehung und Bildung der Kinder boten. Mit Interesse verfolgten Kolleginnen und Kollegen von ihr Schulen in Frankreich und bilanzierten: „Sicher kann man nicht alles, was Schulen im Ausland machen und auszeichnet, auf unser System übertragen. Aber manches ist schon spannend.“ Den verstärkten Einsatz muttersprachlicher Lehrerinnen und Lehrer, wie er etwa an der Ecole biculturelle de Spicheren üblich ist, erwähnten sie dabei ausdrücklich.

Rolf Werning: „Eine Veränderung der Schulkultur“

Wollte man indes den „Geist von Saarbrücken“ benennen, der einen Grossteil der Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer bewegte, so wäre es die Zukunftsaufgabe „Inklusion“. Wesentlichen Anteil daran hatte Prof. Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover. Sein Vortrag „Inklusive Pädagogik in der Ganztagsschule“ hatte die Menschen schon am Eröffnungstag bewegt. Anschaulich schilderte er, wo Inklusion beginnen kann, woraus der Wunsch nach Homogenität in der Schule resultiert und machte jenen, die sich auf den Weg zur inklusiven Schule machen wollen, Mut. So, als er betonte: „Jede Schule, jede Lehrerin und jeder Lehrer kann mit Inklusion sofort beginnen. Zum Beispiel wenn Sie sich fragen, wie Sie unter den gegebenen Umständen die Partizipation ihrer Schülerinnen und Schüler erhöhen.“

Prof. Rolf Werning zeigte auf, wie Inklusion gelingen kann.© Rolf Richter

Dabei machte er deutlich, dass Inklusion mehr bedeute, als Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen aufzunehmen oder die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums zu verändern. „Inklusion bedeutet nicht nur, dass da ein Sonderpädagoge hinzukommt. Inklusion bedeutet eine Veränderung der Schulkultur. Sie verbessert die Bildungspartizipation aller Kinder und Jugendlichen, verbunden mit der Überwindung von Diskriminierung aller Risikogruppen in der Schule“, betonte er. Zugleich warnte er davor, Schulen und insbesondere auch Ganztagsschulen die Aufgabe Inklusion „stellvertretend“ für die Gesellschaft zu übertragen. „Die Schulen können nicht die Heilsbringer für eine Gesellschaft sein, die noch nicht wirklich weiß, wie und ob sie inklusiv sein will“, formulierte er.

Die Ressource „Sonderpädagogik“ nutzen

Eine inklusive Schule definierte Werning als eine, die ja sage zu allen Kindern. Dass Deutschland dabei noch deutlichen Nachholbedarf aufweist, belegte der Wissenschaftler anhand von eindrucksvollen und nachdenklich stimmenden Zahlen. Demnach besuchen hierzulande nach wie vor mehr als 83 Prozent der Kinder mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf eine Sonder- oder Förderschule. Deutlich weniger sind es schon in Großbritannien (42,6%) und Österreich (41,3%), ganz zu schweigen von Norwegen (4%) und Island (1,3%). Werning bat jedoch, genau hinzuschauen, wenn man die Inklusionsleistung einer Schule begutachte. Seiner Einschätzung nach könne man noch nicht von gelingender Inklusion sprechen, wenn Kinder mit Behinderung und Beeinträchtigung zwar eine Regelschule besuchen könnten, dort aber nur einen Bruchteil der Unterrichtszeit in der Regelklasse lernten. Sie sollten so häufig wie möglich im Klassenverband verbleiben.

„Doch das gelingt nicht einmal in Finnland“, berichtete er aus der Anschauung seiner Mitarbeiter. Bei einem Besuch einer finnischen Schule hätten diese hartnäckig und nicht zur Begeisterung des dortigen Schulleiters nach Kindern mit Behinderung oder Beeinträchtigung gefragt. Bis dieser schließlich eingeräumt habe, dass es für diese Kinder eine eigene Klasse gebe. Kritisch setzte sich Werning mit dem Einsatz von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen in der Regelschule aus. „Diese Ressource wird häufig verschenkt, weil sie unstrukturiert eingesetzt wird“, befürchtete er. Anstatt sich als Team um die optimale Begleitung der Kinder mit Behinderung oder Beeinträchtigung zu bemühen, würden Sonderpädagogen zu oft als jemand, der die Kinder betreut, „im Zaum hält“ oder als jemand, der ihnen den Unterrichtsstoff eben noch einmal erklärt, eingesetzt. Sein Fazit: „Inklusion ist die Aufgabe aller Schulen und der dort Tätigen mit der Unterstützung von Sonderpädagogen.“

Eine Frage der Haltung

Intensiv diskutierten Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer in der Folge immer wieder, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Regelschulen Kinder mit Behinderung und Beeinträchtigung erfolgreich integrieren und begleiten können. Viele folgten dabei der Aufforderung Wernings, „Visionen für Inklusion“ zu entwickeln. Als eine Teilnehmerin in der abendlichen „Pädagogischen Nacht“ fehlende „Geräte“, etwa zur Visualisierung von Unterrichtsmaterial für Sehbehinderte, sowie die ungeeigneten baulichen Gegebenheiten ihrer Schule ins Feld führte, widersprachen ihr die Gesprächspartner: „Schau doch nicht, was nicht möglich ist, sondern auf das, was geht.“ Kommentar eines niedersächsischen Pädagogen: „Diese Diskussion hat mir wieder gezeigt, dass Inklusion eine Frage der Haltung ist. Sie beginnt in Herz und Kopf.“ Dazu meinte Rolf Werning: „Wenn man sich in kleinen Schritten auf den Weg zur Inklusion macht und dabei positive Erfahrungen sammelt, ändert sich die Einstellung.“ Dennoch stimmte auch er jenen zu, die von Bund, Land und Kommunen erwarten, die Rahmenbedingungen für Inklusion zu verbessern.

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