Eltern sind Kenner ihrer Kinder

Ganz im Zeichen der Fortbildung stand das Netzwerktreffen der 16 Regionalen Serviceagenturen „Ganztägig lernen!“ am 26. und 27. November in Magdeburg.

„Erziehungs- und Bildungspartnerschaften“ werden die Regionalen Serviceagenturen der Länder im kommenden Jahr ein besonderes Gewicht geben. Ganztagsschulen brauchen die Einbindung der Eltern ebenso wie die der Schülerinnen und Schüler. Zur Elternbeteiligung entwickelt Matthias Bartscher, Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder der Stadt Hamm, im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung derzeit ein Baukastensystem. Es wird im Frühjahr den Serviceagenturen zur Verfügung stehen. Bartscher stellte seine Materialien in einem interaktiven Workshop vor, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Bedeutung gelingender Elternarbeit zu sensibilisieren.

„Wie kann Elternarbeit gelingen?“ „Wie können möglichst alle Eltern erreicht werden?“ „Was müssen Pädagoginnen und Pädagogen über Eltern wissen, um dem gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht werden zu können?“ So lauteten drei zentrale Fragen der vierstündigen Fortbildung.

Unterstützung für das „heimbasierte Engagement“

In kleinen Gruppen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst einmal Gründe, warum Elternbeteiligung überhaupt wichtig ist. Eltern seien ein Potential, das es nicht nur zum „Kuchenbacken“ zu nutzen gelte – eine Anspielung auf ein berühmt gewordenes Buch amerikanischer Schulforscherinnen (Anne T. Henderson und andere: „Beyond the Bake Sale: The Essential Guide to Family-School Partnerships, 2007). Eltern seien vielmehr eine wertvolle Ressource für die Weiterentwicklung der Schule.

Standards erfolgreicher Bildungs- und Erziehungspartnerschaften von Familien und Schulen© PTA National Standards for Family-School Partnerships

„Eltern sind die Kenner ihrer Kinder“, und dies sei ein elementarer Aspekt für eine kontinuierliche und von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Kooperation. Allen Beteiligten gehe es darum, Kindern die bestmögliche Bildung und Erziehung angedeihen zu lassen. „Das gelingt nur, wenn beide Seiten an einem Strang ziehen“, hielt die Workshop-Runde fest. Bartscher erinnerte an die internationale Bildungsstudie PISA 2000. Sie zeigte erneut, dass die Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg zu 63 Prozent bei der Familie und zu 30 Prozent bei der Schule liegen. Das heißt zum einen nicht, dass die familiären Einflussfaktoren alle positiv sind. Zum anderen ist der Einfluss der Schule nicht gering. Eltern können Schulen und Schulen können Eltern unterstützen. Auch kann die Schule die Eltern in deren häuslichem Engagement begleiten, sie unterstützen und ermutigen. Der aus dem Englischen übernommene Begriff „heimbasiertes Engagement“ („home based engagement“ oder „home based reinforcement“) besagt, dass Elternarbeit dann effektiv ist, wenn sie auch einen Bezug zum häuslichen Lernen hat.

Nicht alle Eltern sind gleich

Dass dies alles andere als leicht umzusetzen ist, weiß Bartscher. Als eine Ursache machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das nicht vorhandene Zeitkontingent der Pädagogen für Elternarbeit aus. Hinzu kommt, dass sich Eltern unterschiedlich stark von sich aus in der Schule engagieren. Einige sind ständig in der Schule, um sich des Wohls ihrer Kinder zu versichern, andere besuchen nicht einmal Elternabende. Wie die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“ und andere Studien zur Ganztagsschule zeigen, aber auch jede Lehrerin und jeder Lehrer weiß, ist das Elternengagement sehr unterschiedlich verteilt. In der Grundschule, vor allem, wenn es um die Übergangsempfehlung für die weiterführende Schule geht, ist es größer als später. Die Elterngremien werden von Mittelschichtseltern dominiert.

Als gravierende Frage formulierte Thomas Kuhn aus der niedersächsischen Serviceagentur daher: „Wie erreichen wir alle Eltern?“ Schnell herrschte Einigkeit, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Die Herangehensweise hänge unter anderem von der Zusammensetzung der Elternschaft in einer Klasse ab. So sei es wichtig, sich die Unterstützung der Eltern mit Migrationshintergrund zu sichern. Diesen falle es häufig leichter, andere Eltern mit Migrationshintergrund anzusprechen und zum Mitmachen zu motivieren. Bartscher machte  deutlich: „Nehmen Sie Abschied von den Eltern.“ Ob die Familienform, das Bildungsniveau, das Bildungsverständnis oder auch die jeweils aktuelle Situation, in der sich Familien befinden – Eltern und Familien unterscheiden sich. „Von den aktuellen Belastungen einer Familie, die sich auf das Kind, seine Entwicklung und Leistungsbereitschaft auswirken, wissen Schulen in aller Regel kaum etwas“, betonte er.

Verständnis und Wertschätzung

Heftig und durchaus kontrovers diskutierte der Workshop daraufhin die Frage, inwieweit Pädagoginnen und Pädagogen zum Beispiel die Sinus-Studie „Eltern unter Druck“ (2008) über unterschiedliche Elternmilieus und deren jeweilige Wertevorstellungen nutzen könnten. Nicht alle Anwesenden waren sich sicher, ob diese in der praktischen Arbeit hilfreich sei. Doch allein die Beschäftigung mit den verschiedenen Wertemilieus machte eindrucksvoll deutlich, dass der Zugang zu Eltern auch innerhalb einer Klasse individuell gestaltet werden muss. Bartscher führte das den Teilnehmerinnen und Teilnehmern anhand einer einfachen Frage vor Augen: „Wie viele Tage oder Wochen benötigen Sie als Eltern vor einem Elternabend die Einladung?“ Die Antworten reichten von „Sechs Wochen“ bis „Drei Tage“.

Solche anschaulichen Beispiele waren ein Erfolgsrezept dieses Workshops. So auch, als es um die Vorbereitung der Lehrkräfte für den Elternabend ging. Bartscher: „Die meisten Lehrkräfte orientieren sich an ihrem Terminkalender und ihren Interessen.“ Was etwa zur Folge habe, dass sie, wenn sie selbst kein Fußballfan seien, sich ausgerechnet den Abend eines Länderspiels aussuchten und sich dann wunderten, wenn die Eltern ausblieben. Gute Elternarbeit und eine enge Kooperation bedeute deshalb auch, dass Schulen etwas über die Eltern wissen. „Es treffen unterschiedliche Werte und Welten aufeinander. Die Frage ist, wie diese zusammenkommen?“ so Bartscher.

Die Intensität der Gesprächsrunde machte die Bedeutung und Vielschichtigkeit des Themas Elternbeteiligung deutlich. 2013 wird ein Schwerpunkt der Arbeit der Serviceagenturen deshalb zu Recht dieser Problematik und Chance gewidmet werden. www.ganztagsschulen.org wird die von Matthias Bartscher erarbeiteten Materialien nach ihrem Erscheinen vorstellen.

Aus den Ergebnissen der Ganztagsschulforschung erarbeiten derzeit die Erziehungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin Dr. Martina Richter (Universität Vechta)  für die Grundschule und der Familiensoziologe Prof. Dr. Andreas Lange (Hochschule Weingarten) für die Sekundarstufe I jeweils eine Broschüren zum Thema „Familien und Ganztagsschule“, die Im Frühjahr 2013 vorliegen werden.

Ein Interview mit Prof. Dr. Werner Sacher, der in einer Vielzahl von Studien die Elternarbeit in Deutschland erforscht hat, finden Sie demnächst hier bei www.ganztagsschulen.org“.

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