Ganztag in Sachsen-Anhalt: Bedarfsgerecht, vielfältig, mit Qualität

Verlässliche Rahmenbedingungen, eine wirksame Qualitätssicherung und die bedarfsorientierte Unterstützung sollen Ganztagsangebote in Sachsen-Anhalt kennzeichnen. Bildungsminister Marco Tullner spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen.

Poträtfoto Marco Tullner
Bildungsminister Marco Tullner© Ministerium für Bildung

Online-Redaktion: Herr Minister, Sie haben im Sommer gerade neue Ganztagsschulen in Halle und Gommern bewilligt. Wie entwickeln sich die Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt?

Marco Tullner: In Sachsen-Anhalt werden mehr als die Hälfte der Sekundar- und Gemeinschaftsschulen, ein Drittel der Gymnasien und alle Gesamtschulen als Ganztagsschulen geführt. Alle Förderschulen unterbreiten ein Ganztagsangebot, und nahezu alle Grundschulen bieten durch Kooperationen ein ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot, das einen verlässlichen Betreuungsanspruch für alle Schülerinnen und Schüler gewährleistet.

Natürlich ist die Organisation des Ganztages auch an die Verfügbarkeit von Ressourcen gebunden. Hier haben wir einen Umsteuerungsprozess begonnen, der veränderte schulische Rahmenbedingungen berücksichtigt. Wir sind dabei, außerschulische Kooperationspartner und Experten in die Gestaltung außerunterrichtlicher Angebote stärker einzubeziehen. Es geht also darum, die kontinuierliche Entwicklung bestehender Ganztagsschulen zu unterstützen und durch schulbezogene Flexibilisierung zu ergänzen.

Ministerium für Bildung Sachsen-Anhalt © Ministerium für Bildung

Im laufenden Haushaltsjahr stellen wir den Schulen dafür über 3 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Dieses Budget eröffnet weiteren Schulen die Möglichkeit, an mindestens drei Tagen in der Woche zusätzliche außerunterrichtliche Angebote mit außerschulischen Partnern einzurichten.

Online-Redaktion: Sachsen-Anhalt gehört zu den Ländern, die sich in den bundesweiten Programmen engagieren, vor allem mit der Serviceagentur „Ganztägig lernen“. Welche Bedeutung hat dieser Austausch für die Qualität der Angebote?

Schulhof der Maria-Montessori-Grundschule Halle (Saale)
Mit IZBB-Mitteln gefördert: Maria-Montessori-Grundschule Halle (Saale)© Britta Hüning

Tullner: Die zweijährige Verlängerung der Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung nach dem Auslaufen des Begleitprogramms zum IZBB war eine bewusste Entscheidung, um die Zusammenarbeit der Bundesländer fortzusetzen. Unsere Serviceagentur unterbreitet seit nunmehr fast 15 Jahren ein wirksames Unterstützungsangebot für die Ganztagsschulen.

Durch die Zusammenarbeit mit der DKJS und die Einrichtung eines Fachbeirates konnte die Ausrichtung der Angebote am Bedarf der Schulen gewährleistet werden. Durch einen bundesweiten Wissenstransfer und die länderübergreifende Zusammenarbeit wird der Zugang zu Wissen, Erfahrungen und Materialien gesichert. Besonders hervorzuheben sind die Vernetzung der Bildungspartner in den Regionen, die Unterstützung der Kooperation mit außerschulischen Partnern, die Erschließung außerschulischer Lernorte und die Unterstützung der Qualitätsentwicklung durch ein etabliertes Netzwerk von Referenzschulen.

Exkursion zum Kraftwerk Dieselstraße © Neues Städtisches Gymnasium Halle (Saale)

Online-Redaktion: Die Diskussion dreht sich in vielen Ländern um Verlässlichkeit und Flexibilität. Ist die Organisationsform – offene oder gebundene Ganztagsschulen – auch ein Thema in Sachsen-Anhalt?

Tullner: Sachsen-Anhalt verfügt über Ganztagsschulen in beiden Angebotsformen. Diese Vielfalt hat ihre Berechtigung und wurde um die Kategorie „Schulen mit Ganztagsangebot“ ergänzt. Um eine Diskussion darüber zu vermeiden, welche die bessere oder die einzig richtige Form ist, werden wir zukünftig auf eine Priorisierung einer Angebotsform verzichten.

Es müssen doch die Erfordernisse vor Ort darüber entscheiden, welche Variante am besten zu einer Schule passt. Der regionale Bedarf und konkrete Rahmenbedingungen definieren, ob ein ergänzendes außerunterrichtliches Angebot eingerichtet werden soll, das vorrangig durch außerschulische Kooperationspartner gestaltet wird, oder ob der Unterricht und das zusätzliche Angebot zu einem durchgängig rhythmisierten und obligatorischen Ganztagsangebot zusammengeführt wird.

Schülerinnen am PC
Die Computer-AG legt Grundlagen für den Technikunterricht© Freie Schule im Burgenland

Online-Redaktion: In der Sekundarstufe hat Ihr Land ein anderes Ganztagsmodell als im Primarbereich – wie bedeutsam sind die Unterschiede?

Tullner: Das Kinderförderungsgesetz sieht einen gesetzlichen Betreuungsanspruch für Schülerinnen und Schüler bis einschließlich 6. Schuljahrgang vor. Genehmigungen von Ganztagsschulen gemäß Schulgesetz sind deshalb in Sachsen-Anhalt auf die Schulformen der Sekundarstufe I beschränkt.

Motto der Schülerfirmen: „Früh aufstehen, früh gründen!“© Serviceagentur Sachsen-Anhalt

An nahezu allen Grundschulstandorten wird durch die enge Kooperation zwischen Grundschulen mit verlässlichen Öffnungszeiten und Kindertageseinrichtungen ein ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot bereitgehalten, das mit den Angeboten anderer Bundesländer vergleichbar ist und bei den Angebotszeiten sogar weit über die KMK-Mindestanforderungen hinausgeht. Da sind wir bestens aufgestellt.

Online-Redaktion: Das Thema „Ländliche Räume“ ist wieder mehr in der öffentlichen Diskussion, auch in Sachsen-Anhalt. Welche Herausforderungen für den Ganztag, zum Beispiel bei der Gewinnung von Kooperationspartnern, sehen Sie?

Schülerband auf der Bühne
Band „Namenlos” der Ganztagsschule „Am Lerchenfeld“ Schönebeck (Elbe)© Serviceagentur Sachsen-Anhalt

Tullner: Attraktive schulische Angebote sind zweifelsohne ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung des ländlichen Raumes. Ganztagsschulen bieten da vorteilhafte Bedingungen, da sie durch ein erweitertes Angebot Möglichkeiten sozialer Begegnung eröffnen, die gerade in ländlichen Regionen für die Schülerinnen und Schüler von Bedeutung sind. Auch wenn sich dort die Suche von Partnern und der Aufbau von stabilen Kooperationsbeziehungen aufwändiger gestalten kann.

Allerdings beginnt die Auseinandersetzung mit den besonderen Herausforderungen ja nicht erst in jenem Moment, in dem sich die Schule auf den Weg zum Ganztag macht. Sind Schulen gut vernetzt und als zentraler Bildungs- und Begegnungsort in der Region anerkannt, gelingt es auch, innovative und belastbare Kooperationspartner zu binden. Hier vertraue ich auch sehr auf das Engagement und die Vernetzung unserer Lehrkräfte und schulischen Partner vor Ort.

Kooperationswerkstatt der Serviceagentur „Ganztägig lernen“© Serviceagentur Sachsen-Anhalt

Online-Redaktion: Wo sehen Sie künftig die Schwerpunkte der Ganztagsschule in Sachsen-Anhalt?

Tullner: Die Aufgabe des Landes besteht darin, verlässliche Rahmenbedingungen zu sichern, eine wirksame Qualitätssicherung durchzusetzen und bedarfsorientierte Unterstützung zu initiieren. Derzeit beschäftigen wir uns beispielsweise intensiv mit Fragen der Qualitätsentwicklung.

Im Zuge der Diskussion um die Neufassung des Ganztagserlasses beschäftigt uns die Entwicklung von Qualität und Quantität der Angebote außerschulischer Kooperationspartner, die stärkere Einbeziehung der Träger der Jugendhilfe und der Kooperationspartner in die konzeptionelle Arbeit, sowie die Ausgestaltung regelmäßiger Evaluation. Auch die Ressourcenfrage wird uns weiter beschäftigen. Leider sind auch im Ganztagsbereich nicht immer alle Wünsche erfüllbar. Da werden auch künftig einige Bretter zu bohren sein.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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