Professionalität, Engagement und Ideenreichtum – Ganztag in NRW

Nordrhein-Westfalen will landesweit ein vergleichbares Maß an Qualität in seinem Ganztagsangebot schaffen. Eine gute Balance zwischen Verbindlichkeit und Flexibilität wird angestrebt, Fördersätze werden erhöht. Bildungsministerin Yvonne Gebauer im Interview über aktuelle Entwicklungen.

Porträtfoto Yvonne Gebauer
Bildungsministerin Yvonne Gebauer© MSB/ Susanne Klömpges

Online-Redaktion: Frau Ministerin, Sie haben kürzlich bei einer Veranstaltung in Essen die dort teilnehmenden Ganztagsschulen gewürdigt. Wie entwickelt sich der Ausbau der Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen?

Yvonne Gebauer: Entwicklung ist das richtige Stichwort. Die Landesregierung möchte den Ganztag in NRW weiterentwickeln und stärken. Folgende Ziele haben wir dabei im Blick: Wir wollen für einen bedarfsgerechten Ausbau der Plätze sorgen, die Qualität sichern und die Teilnahmeregelungen an den Grundschulen flexibilisieren. Dabei gilt es, sowohl die Wünsche und Ansprüche der Eltern sowie deren Umsetzungsmöglichkeiten von Seiten der Träger und Kommunen zu berücksichtigen.

Ministerin Gebauer (3.v.l.) zu Besuch bei der Serviceagentur Münster. © Serviceagentur „Ganztägig lernen“ NRW

Online-Redaktion: Schon vor Ihrem Antritt als Ministerin haben Sie gesagt, die Qualität des Ganztags dürfe „keine Glückslotterie“ sein. Die AWO hat eine Initiative ähnlich begründet. Was wollten Sie mit dem Begriff der „Glückslotterie“ zum Ausdruck bringen?

Gebauer: Wir brauchen landesweit ein vergleichbares Maß an Qualität. Eltern in NRW sollen sich auf ein qualitatives Ganztagsangebot verlassen können. Guter Ganztag darf keine Frage des Standorts sein. Hier sage ich ganz offen: Nicht überall wird der Ganztag dem Anspruch als zusätzliches Bildungsangebot gerecht. Deswegen führen wir Gespräche mit den Trägern des Ganztags und setzen das Thema der Qualitätssteigerung auf die Tagesordnung. Wir sprechen dann über verschiedene Kriterien für die Qualität, unter anderem den Personalschlüssel, die Gruppengrößen, die individuelle Förderung in Kleingruppen, verschiedene Raumkonzepte und über die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe auf Augenhöhe.

Schüler fahren Fahrrad auf dem Schulhof der Hundertwasser-Schule Gütersloh
Die Hundertwasser-Schule Gütersloh wurde mit Mitteln des IZBB gefördert.© Britta Hüning

Online-Redaktion: Eine besondere Rolle spielt in Nordrhein-Westfalen weiterhin die OGS, also die Offene Ganztagsgrundschule. Wie wichtig ist sie für junge Familien?

Gebauer: Der Ganztag an Grundschulen leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Eltern Familien- und Berufsleben unter einen Hut bekommen, zumal wenn beide Elternteile berufstätig sind. Entscheidend für die verlässliche Lebensplanung von Eltern ist, dass die Betreuung mit der Einschulung der Kinder nach dem U3-Kindergarten und der Kita weiter sichergestellt ist. Ganztagsangebote sind heutzutage aus Grundschulen nicht wegzudenken – völlig zu Recht.

In NRW haben 93 Prozent aller Grundschulen Bildungs- und Betreuungsangebote im Rahmen des offenen Ganztags. Der offene Ganztag bietet viele Chancen, die Schule zu einem Lern- und Lebensort zu entwickeln, an dem Kinder auch viele soziale Kontakte und Freundschaften aufbauen. Wichtig ist mir, dass wir bei der Konzeption und Umsetzung auch die Kinder beteiligen und ihre Interessen berücksichtigen, zum Beispiel, wenn es darum geht, welches Sportangebot sie mögen.

Auch Eltern engagieren sich in der OGS© Martinus-Grundschule

Online-Redaktion: Die Diskussion dreht sich in allen Ländern um Verlässlichkeit und Flexibilität. Ist die Organisationsform – offene oder gebundene Ganztagsschulen – ein Thema für Sie?

Gebauer: Für die Grundschulen, die fast alle im offenen Ganztag arbeiten, gilt es, eine gute Balance zwischen Verbindlichkeit und Flexibilität herzustellen. Von manchen Eltern werden die im Erlass des Ministeriums zum Ganztag geregelten Vorgaben zur Teilnahme als starr empfunden, da sie nicht genügend Raum für weitere Aktivitäten ihrer Kinder lassen. Dies geht in der Tat an der Lebenswirklichkeit vieler Familien vorbei. Andererseits brauchen die Träger eine gewisse Verlässlichkeit, um planen und die Qualität der Angebote wahren zu können.

Wortwolke mit Werten wie Wertschätzung und Respekt
Werte in der Offenen Ganztagsschule© KGS Fußfallstraße Köln

Wir sind dieses Thema angegangen und haben erste Schritte eingeleitet. Es galt, für alle Beteiligten die nötige Klarheit zu schaffen, die auch rechtssicher ist. Eine Ergänzung im Erlass wird nun klarstellen, dass Schülerinnen und Schülern die Teilnahme an verschiedenen außerschulischen Aktivitäten ermöglicht werden soll, nämlich an regelmäßig stattfindenden außerschulischen Bildungsangeboten wie zum Beispiel im Sportverein oder in der Musikschule, an ehrenamtlichen Tätigkeiten etwa in Vereinen oder Kirchen, an Therapien oder auch an wichtigen familiären Ereignissen.

Was den gebundenen Ganztag angeht: Der gebundene Ganztag ist an den weiterführenden Schulen Praxis. So sind in NRW alle Gesamtschulen und inzwischen fast jedes fünfte Gymnasium Ganztagsschulen. Insofern stellt sich nicht die Frage „gebunden oder offen“, sondern die Frage einer praktikablen Ausgewogenheit zwischen verpflichtenden und freiwilligen Angeboten.

Forum „ganz!mittendrin“ 2017 in Gelsenkirchen© Saskia Nielen/ISA e.V.

Online-Redaktion: Das Thema „Ländliche Räume“ ist wieder mehr in der öffentlichen Diskussion. Gibt es hier besondere Herausforderungen für den Ganztag?

Gebauer: Es kann im ländlichen Raum durchaus vorkommen, dass es schwieriger ist, ein vielfältiges Angebot der Partner zu gewährleisten. Wichtig ist dann die Zusammenarbeit mit außerschulischen Lernorten in der Umgebung. Warum soll nicht der eine oder andere Nachmittag an einem solchen Lernort stattfinden können, vielleicht im Museum der nächstgelegenen Stadt.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie künftig die Schwerpunkte der Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen?

Tafel in der Martinus-Schule Wassenberg-Orsbeck mit einem "OGS-Fahrplan"
Martinus-Schule Wassenberg-Orsbeck: „Fahrplan OGS“© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Gebauer: Für mich ist klar: Dreh- und Angelpunkt bei allen Fragen rund um die Weiterentwicklung des Ganztags ist die Qualität. Dazu stehen wir im Dialog mit Trägern, kommunalen Spitzenverbänden, Elternverbänden und Verbänden der Beschäftigten. Dabei geht es ganz grundsätzlich erstmal um die Frage: Was kann und was soll der offene Ganztag leisten? Wie groß sind die jeweiligen Anteile von Betreuung, Erziehung und Bildung?

Die Angebote des Ganztags sind vielfältig und leben von der Professionalität der Schule und der beteiligten Träger sowie vom Engagement und vom Ideenreichtum der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist wertvoll, und das möchte ich stärken. Deswegen sorgen wir auch finanziell für gute Rahmenbedingungen: Mit dem kommenden Schuljahr werden die Fördersätze erhöht. Damit stehen im Haushalt 2018 mehr als 480 Millionen Euro für die Offene Ganztagsschule bereit. Zudem steigt die Zahl der Plätze um weitere 8.000 Plätze, sodass ab August im offenen Ganztag 315.600 Plätze zur Verfügung stehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir durch den begonnenen Prozess die Qualität des Ganztags als Bildungsangebot steigern werden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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