IGS Nastätten: „Ganztagsschule – eine runde Sache“

Die IGS Nastätten im „Blauen Ländchen“ zwischen Rhein und Lahn ist Ganztagsschule in Angebotsform. Für das Ganztagsteam steht besonders die individuelle Förderung im Blickpunkt.

© IGS Nastätten

Willkommen auf dem Bildungshügel! In Nastätten, einer Kleinstadt im Rhein-Lahn-Kreis, thront die Nicolaus-August-Otto-Schule, eine Integrierte Gesamtschule, zusammen mit der Grundschule Blaues Ländchen tatsächlich auf einer Anhöhe über der Stadt. „Vom Blauen Ländchen in die Welt“ lautet der Titel einer Broschüre der IGS über ihre gymnasiale Oberstufe, die die Schule seit dem Schuljahr 2015/2016 anbietet. Seitdem bietet die einzige IGS im Landkreis sämtliche Schulabschlüsse an.

„Blaues Ländchen“ bezieht sich auf die Tradition des aus Wolle und Flachs seit dem 16. Jahrhundert gewebten „Nastätter Tuchs“, das oft blau gefärbt wurde. Aus den Blättern des heimischen Färberwaids konnten die Handwerker einen indigoblauen Farbstoff gewinnen. Das Einzugsgebiet der IGS besteht aus rund 70 Ortschaften. Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen mit Bussen, deren Fahrplan dann auch die Anfangszeiten des Schultags mitbestimmte, wie sich Schulleiter Ulrich Landes erinnert: „Wir mussten uns an der Schule bewegen und haben vor zwei Jahren unseren Schulbeginn eine Viertelstunde vorgezogen, sodass wir nun um 7.35 Uhr starten.“ Am Nachmittag wiederum bewegten sich die Verkehrsbetriebe und verlängerten die Fahrzeiten, sodass die Ganztagsschülerinnen und -schüler um 15.45 Uhr noch nach Hause kommen.

Schülerinnen während der Lernzeit
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Die IGS Nastätten, die 2009/2010 neu gegründet wurde, ist eine Ganztagsschule in Angebotsform. Das heißt, dass der Besuch der Ganztagsangebote am Nachmittag – montags bis donnerstags – freiwillig ist. Eltern, die ihre Kinder in der 5. Klasse für den Ganztag anmelden, tun dies für die gesamte Orientierungsstufe, also auch für die 6. Klasse, verbindlich. Von den rund 850 Schülerinnen und Schülern der vierzügigen Gesamtschule nutzen derzeit 115 die Ganztagsangebote. Dazu die Lernzeiten nach dem Mittagessen, in denen die Hausaufgaben erledigt werden, Förderangebote am Montag und Dienstag, die 90-minütigen Arbeitsgemeinschaften am Mittwoch und die Projekte am Donnerstag. An den Arbeitsgemeinschaften können aber auch Halbtagsschülerinnen und -schüler teilnehmen.

„Kinder kommen aus der Reserve“

Die Lernzeiten werden von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften begleitet. Zusätzlich unterstützen Jugendliche aus den Jahrgängen 9 und 10 die jüngeren Schülerinnen und Schüler im Projekt „Schüler helfen Schülern“. Das, so Ulrich Landes, funktioniere „einwandfrei, einfach weil die Schüler die gleiche Sprache sprechen“. Die jungen Mentorinnen und Mentoren erhalten für ihr Engagement einen entsprechenden Vermerk im Zeugnis.

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„In der Ganztagsschule wollen wir besonders individuelle Unterstützung für Schülerinnen und Schülern, die Schwierigkeiten in den Hauptfächern haben, geben“, so der Schulleiter. „Fördern und Fordern“ heißt das schuleigene Konzept. Es gibt Angebote für Deutsch – auch Literatur und Rechtschreibung –, für Englisch und Mathematik. Ulrich Landes: „Hier sind kompetente Fachkräfte am Werk, die für eine emotional-sozial gesicherte Atmosphäre sorgen, in der es sich besser lernt.“

In den jahrgangsübergreifenden Arbeitsgemeinschaften wie der Schulband, der Theater-AG, der Schülerzeitung „Labertasche“, Naturgarten, Forschen oder Werken können sich die Schülerinnen und Schüler ausprobieren und neue Neigungen und Talente entdecken. Auch eine Bläserklasse gehört dazu. „Die Kinder kommen hier aus der Reserve, es herrscht eine andere Atmosphäre, und es bilden sich andere Beziehungen“, weiß Ganztagskoordinatorin und Lehrerin Sonja Brach zu berichten.

Hühner, Bienen und ein Hund

Schülerinnen füttern Hühner
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Ein besonderes Projekt im Ganztag ist das „Hühner-Projekt“. Seit dem Schuljahr 2015/2016 kümmern sich rund 20 Ganztagsschülerinnen und -schüler um sechs Hühner und einen Hahn. Sie füttern die Tiere und halten das Gehege, darunter den von Lehrkräften zusammengezimmerten Stall sauber. „Die Kinder gehen da vollkommen auf“, findet Sonja Brach. Die Idee für die Schulhühner kam von einer Kollegin, die selbst Hühner zu Hause hatte. „Gerade für Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen, die wir als Schwerpunktschule seit 2014 bei uns haben, ist der Bezug zu Tieren förderlich. Das gilt auch für unsere Bienen-AG und den Schulhund, den wir demnächst wiederbekommen werden“, so die Ganztagskoordinatorin.

Einmal in der Woche trifft sich der Ganztagsschulkreis: Neben Ganztagskoordinatorin Sonja Brach sind das Deutschlehrerin Daniela Zaan, die in den Förderangeboten mitwirkt, und die beiden pädagogischen Mitarbeiterinnen Petra Maus und Christiane Schmidt, die schon seit Jahren im Einsatz sind. „Vier starke Frauen“, freut sich Ulrich Landes über sein GTS-Team.

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„Wir haben immer neue Ideen, das finde ich gut“, meint Daniela Zaan. Petra Maus ergänzt: „Jeder Tag ist anders, jeder Tag ist neu, das empfinde ich als spannend.“ Und Christiane Schmidt meint: „Wir sind gewillt, auf jeden Schüler, jede Schülerin einzeln einzugehen. Die Betrachtung wird auf jeden Fall ganzheitlicher. Und dass es immer die gleiche Gruppe ist, stärkt den Zusammenhalt. Dadurch, dass der Rahmen am Nachmittag nicht so eng ist, haben wir mehr Luft für Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen. Auch Konflikte und Aggressionen lassen sich besser auffangen.“

Lerntagebuch: „Kommunikationsmittel schlechthin“

Was das Team über die Jahre hat beobachten können, ist ein Wandel in der Einstellung der Eltern zum Ganztag: „Der erste Grund, sein Kind für die Ganztagsschule anzumelden, war früher sicherlich der Betreuungsgedanke, inzwischen gehen die Motivation und das zunehmende Engagement der Eltern darüber hinaus. Jetzt ziehen die Angebote. Die Eltern kommunizieren offen ihre Wertschätzung für die Qualität des Ganztags“, beschreibt Petra Maus.

Stundenplan
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Diese Qualität ergibt sich auch durch die Verknüpfung der Angebote mit dem Unterricht. Die Lehrerinnen und Lehrer bringen ihr Wissen um die Lerninhalte in den Nachmittag ein. Im Lerntagebuch, das die Schülerinnen und Schüler stets bei sich führen müssen, halten diese ihre Lernfortschritte fest. Auch ist hier Platz für Bemerkungen der Lehrkräfte und der pädagogischen Fachkräfte. Das Lerntagebuch muss einmal in der Woche von den Eltern gegengezeichnet werden und ist laut Sonja Brach „das Kommunikationsmittel schlechthin“.

Über den Umgang mit dem Lerntagebuch, die Ganztagsangebote und die Lernzeiten informieren sich die neuen Fünftklässler jeweils in ihrer ersten Schulwoche an zwei Nachmittagen. In jedem Schuljahr findet außerdem nach Pfingsten eine ganze Projektwoche „Lernen lernen“ für den 5. Jahrgang statt. Die Schule hat sich das Erlangen von Methodenkompetenz auf ihre Fahnen geschrieben. Der Unterricht ist daher von Binnendifferenzierung geprägt: Aufgaben und Materialien sind für verschiedene Anforderungsniveaus ausgelegt.

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In den Hauptfächern bestehen durch Doppelbesetzung von Lehrkräften und zusätzlich belegbare Räume gute Möglichkeiten für individuelle Förderung. Die Klassenleitung ist in der Orientierungsstufe doppelt besetzt. Ab der 6. Klasse greift die Neigungsdifferenzierung: Die Schülerinnen und Schüler können im Wahlpflichtbereich eigene Interessenschwerpunkte setzen. Sie wählen entweder Französisch als zweite Fremdsprache, Naturwissenschaft und Technik, Wirtschaft und Arbeitswelt, Haushalt und Soziales, Sport und Gesundheit oder Darstellendes Spiel. Ab Klasse 7 folgt die Leistungsdifferenzierung durch leistungsbezogene Kursbildungen in zwei Niveaustufen in Deutsch, Englisch und Mathematik, später dann in Französisch und in den Nebenfächern.

„Gemeinsam genießen“ und Pläne für die Zukunft schmieden

Derzeit freut sich Ulrich Landes, dass sein Schulschiff in ruhigeren Gewässern segelt: „Der Aufbau der IGS, der Oberstufe und der Schwerpunktschule – das war alles ziemlich viel auf einmal und kein leichter Weg. Wir haben auch andere Zeiten erlebt.“ Doch nun ist die Zeit, wieder Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Gemeinsames Kochen
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„In der Ganztagsschule wollen wir noch mehr individuelle Förderung in Deutsch und Literatur“, sagt Daniela Zaan. „Und für die Schüler wäre es gut, wenn sie noch mehr nach draußen könnten, um ihren Bewegungsdrang auszuleben.“ Sonja Brach findet Projekte, die die Alltagskompetenzen stärken, wichtig: Fahrpläne lesen, einkaufen, die Umgebung erkunden. Christiane Schmidt möchte beispielsweise das „Gemeinsam genießen“-Projekt wiederaufleben lassen, in dem die Schülerinnen und Schüler zusammen einkaufen, kochen und essen.

Exkursionen und Schülerfahrten sind in der IGS Nastätten selbstverständlicher Bestandteil des Schullebens, besonders in der Oberstufe, etwa zum Loreley-Plateau in Bornich oder zur Synagoge in Wiesbaden. Als das Team erfuhr, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die noch nie im Zoo oder in einem Theater waren, sah es Handlungsbedarf: In der Ganztagsschule wurden entsprechende Ausflüge eingeführt. Das Team ist sich einig: „Aus der Ganztagsschule haben wir eine runde Sache gemacht.“

 

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