2. Landesfachtagung in Niedersachsen: Ganztag gelingt nur gemeinsam

Die Vielzahl von Herausforderungen, denen Ganztagsschulen gerecht werden wollen und die Überlegung, wie ihnen das gelingen kann, standen im Mittelpunkt der 2. Landesfachtagung für Ganztagsschulen in Niedersachsen.

Publikum

Der Ort für die Tagung „Die Zukunft im Ganztag gestalten“ am 23. November 2012 hätte von den Veranstaltern nicht besser gewählt werden können. Mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, im Wesentlichen Lehrerinnen und Lehrer, ließen sich von der lichtdurchfluteten und modern gestalteten Albert-Schweitzer-Grundschule geradezu zum intensiven Gedankenaustausch inspirieren. Und das nicht nur in den spannenden Workshops, deren Themenspektrum von  „Räume im Ganztag – Rhythmisierung“ über „ChangeManagement“, „Lernzeiten“, „Kommunale Mitgestaltung des ganztägigen Lernens“ bis hin zu „Wohlbefinden in der Schule entwickeln“ reichte. Der Austausch im persönlichen Gespräch zeichnete diesen Tag aus, den die Schule nach Auskunft ihrer Leiterin Beatrix Albrecht „ausgesprochen gerne gestaltete.“ Im Kollegium sei man sich schnell einig gewesen, dass auch durch einen solchen Kongress „unsere Schule lebt.“ Dass sie das nicht nur nach Ansicht der Pädagoginnen und Pädagogen tut, unterstrichen die Kinder. „Wir fühlen uns hier total wohl, das ist unser zweites Zuhause“, versicherte ein achtjähriges Mädchen. Unterbrochen wurde sie in ihrem Lob von einer Klassenkameradin, die mit leuchtenden Augen fragte: „Hast Du da unsere Schultiere gesehen? Sind die nicht kuschelig.“ Von Kuschelpädagogik kann an der Albert-Schweitzer-Schule dennoch nicht die Rede sein. Leistung und Disziplin gehören zum Alltag. Und das nicht nur in den vermeintlich wichtigen Fächern. Beeindruckend die musikalische und gestalterische Fähigkeiten, die eine Gruppe von Kindern als „Kulturelles Intermezzo“ auf die Bühne der Aula zauberten.

Althusmann: „Ganztagsschule ist das Schulmodell der Zukunft“

Dr. Bernd Althusmann

Sie unterbrachen den Vormittag, der ganz im Zeichen aufrüttelnder, mutmachender, Bilanz ziehender, mitunter auch nachdenklich stimmender Beiträge aus Politik und Wissenschaft stand. Den Auftakt machte der niedersächsische Kultusminister, Dr. Bernd Althusmann. Er verwies auf die rasante Entwicklung des Ausbaus der Ganztagsschulen in seinem Land und zeigte sich überzeugt: „Die Ganztagsschule ist das Schulmodell der Zukunft.“ Zugleich bat er um Verständnis, dass er zwar gerne noch mehr in die Ganztagsschulen stecken würde, aber auch in anderes, insbesondere den frühkindlichen Bereich investieren müsse. Es gehe nun konkret darum, zu schauen, wie man das vorhandene Geld für die Qualitätssteigerung von Ganztagsschulen nutzen könne. Die Ganztagsschule komme unter anderem ins Spiel, wenn es um die bessere Gestaltung von Übergängen, etwa von der Kita in die Grundschule, aber auch später von der weiterführenden Schule in den Beruf, gehe. Das „Mehr an Zeit“ müsse zur Bewältigung dieser Aufgaben genutzt werden. Dabei sprach er sich für eine „Bildungskette von null bis zehn Jahren“, sprich eine intensive Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen, aus. Als eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre bezeichnete er die Umsetzung der gesetzlich verankerten Inklusion. Er äußerte die Überzeugung, dass „Inklusion zwar im Kopf beginnt, aber im Kern eine Sache des Herzens ist.“ Mit Blick auf  diese Aufgabe und die Lehrerinnen und Lehrer meinte er: „Viele wünschen sich ja, dass sie jetzt einmal in Ruhe an der Umsetzung der zahlreichen Reformen der Vergangenheit arbeiten können. Aber damit kann ich sie nicht beglücken.“

Bundszus: „Niedersachsen ist ein starker Partner“

Bettina Bundszus während eines Vortrags

Komplimente für die Ganztagsschulbewegung in Niedersachsen erhielten der Minister, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer von der Leiterin des Referats „Frühe und allgemeine Bildung“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bettina Bundszus. Sie sei von der Entwicklung in diesem Land sehr angetan, betonte sie und erinnerte daran, dass Niedersachsen die komplette Summe, die ihm aus dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) zugestanden, auch genutzt habe. „Niedersachsen ist mit seiner Serviceagentur, mit seinen aktiven Schulen und mit seinen Forschungsprojekten ein starker Partner im Bundesprogramm“, hob sie hervor. Zugleich erinnerte sie daran, dass die Ganztagsschule ein Erfolgsmodell sei. Das belege die Forschung. „Aber“, so fügte sie hinzu, „ohne die Akzeptanz der Eltern bekommen sie Ganztagsschule nicht hin.“

Kahl: „Schulen müssen eigene Wege finden“

Dr. Heike Kahl während der Tagung

Die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Dr. Heike Kahl, wertete es als Erfolg, dass die Ganztagsschule kein politisches Kampffeld mehr darstelle, dass die Ganztagsschule die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtere und dass Bildungs- und Sozialpolitik enger miteinander verzahnt würden. Für die einzelne Schule könne indes nur gelten, einen eigenen Weg zu gehen. Wenn dieser zum gewünschten Ziel führe, sei auch das ein Erfolg. Dabei ermunterte sie die „vor Ort Handelnden“: „Zu diesem Weg gehören auch Scheitern, Misserfolge und Widersprüche, aber auch die Zeit zum Innehalten und zur Prüfung, wo man gerade steht.“ Und dazu zähle auch der Blick über den Tellerrand. Zufrieden stellte sie fest: „Ich bin sehr beruhigt. Noch vor ein paar Jahren fiel es Schulen schwer, sich in die Kochtöpfe schauen zu lassen. Heute ist das vielfach verbreitet.“

Burow: „Wissensgesellschaft braucht Originale“

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Olaf-Axel Burow von der Universität Kassel zeigte sich überzeugt, dass der Ausbau der Ganztagsschulen die Möglichkeit biete, Schule neu zu entwickeln und zu gestalten. „Aber“, so empfahl der Wissenschaftler, „dabei sollte man sich nicht verzetteln, sondern sich Stück für Stück weiterentwickeln. Entscheiden Sie sich für einige zentrale Ziele.“ Ein solches müsse lauten, Schule und Unterricht so zu gestalten, dass Schüler ihr Element, ihre Leidenschaft erkennen könnten. „Denn die Wissensgesellschaft braucht Originale und keine Dubletten“, betonte er.
Es sei eine Aufgabe von Ganztagsschulen, die spezifischen Begabungen jedes einzelnen Kindes zu erkennen und zu fördern.

Die Bedeutung, „alle Beteiligten zu Mitspielern zu machen“

Prof. Burow während des Vortrags

Er erinnerte an die Aussage des Göttinger Hirnforschers Gerald Hüther, mit dem er sich ansonsten sehr kritisch in seinem Beitrag auseinandersetzte, welches Glücksgefühl kleine Kinder durch ihre Offenheit, Gestaltungslust, Entdeckerfreude und Begeisterung erfülle. Man müsse sich, so Burow, fragen, warum diese Begeisterung im Laufe der Schulkarriere abnehme und wie man das verhindern könne. Eine Antwort fand er: „Damit sich Menschen für etwas begeistern können, muss es für sie bedeutsam sein.“ Ein weiteres Erfolgskriterium für Lernfreude und Schulglück beruhe auf einer wertschätzenden Beziehung zwischen Schüler und Lehrer, ein weiteres auf der Beachtung von Heterogenität. Burows Fazit: „Gute Ganztagsschulen entstehen, wenn wir diese Punkte berücksichtigen.“ Eindringlich riet er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Fachtagung, „Schülerinnen und Schülern Zeit für ihre Ideen zu lassen.“

Wenn es um die Gestaltung einer Ganztagsschule gehe, sollten „alle Beteiligten, besonders auch die Schüler, zu Mitspielern gemacht werden.“ Er erinnerte an seine Beobachtung anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft. In der deutschen Mannschaft sei das Zusammenspiel zwischen etwa der Hälfte aller Spieler sehr intensiv gewesen, bei der spanischen dagegen seien nahezu alle Akteure gleichermaßen eingebunden gewesen. „Und so musste ich meinen Freunden schon vor dem Finale und obwohl ich mich nicht für Fußball interessiere, sagen: Spanien gewinnt“, berichtete er.

Hannerfeldt: „Ganztag in kleinen Schritten und mit Verbündeten vorantreiben“

Dass man Veränderungen nicht alleine bewirken könne, unterstrich anschließend auch die Berliner Diplom-Psychologin Helen Hannerfeldt. Ihr Vortrag „ChangeManagement als Herausforderung für Ganztagsschulen“ richtete sich in erster Linie an Schulleiterinnen und Schulleiter. Ihnen empfahl auch sie, in kleinen Schritten den Ganztag voranzutreiben: „Und  selbst wenn Sie schon 'Endgültiges' vor ihrem geistigen Auge haben, nehmen sie das Kollegium mit, verordnen sie nichts von oben.“ Transparenz und Wertschätzung seien die Erfolgsgaranten. Ebenso wichtig wie das Einbinden von Verbündeten und Anhängern sei die eigene feste Überzeugung, dass die Ganztagsschule die richtige Schulform sei. „Wenn ein Schulleiter nicht wirklich davon überzeugt ist, dann merkt das das Kollegium, eventuell nicht an seinen Worten, wohl aber an der Körpersprache“, mahnte sie. „Na, diese Sorge muss die Leiterin der Albert-Schweitzer-Schule nun wahrlich nicht haben“, kommentierte dies eine Pädagogin wenige Minuten später, als sie Beatrix Albrecht angeregt in eine Diskussion vertieft, beobachtete.

Im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org zogen einige Teilnehmerinnern und Teilnehmer ein durchweg positives Fazit der 2. Landesfachtagung. „Ich habe sehr wertvolle Anregungen und konkrete Hinweise erhalten, wie ich die Hausaufgaben stärker in den Unterricht integrieren kann“, versicherte eine Grundschullehrerin, die am Workshop „Lernzeiten“ teilgenommen hatte. Ihr sei bewusst geworden, wie belastend Hausaufgaben für eine Familie sein können. Fast erleichtert fügte sie hinzu: „Der Workshop hat mich sensibilisiert und ermutigt, aus den eingefahrenen Bahnen ausbrechen zu wollen.“ Ein Kollege, der „erstaunt“ registrierte, wie sehr Oldenburg in den Ausbau seiner 27 Grundschulen investiert, hielt fest: „So etwas zu hören, ist für mich ganz wichtig. Jetzt kann ich anders argumentieren, wenn es bei uns wieder einmal heißt, die Stadt habe kein Geld.“  

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