Freie Schule „Jan Hus“: Eine Ganztagsschule liest

Individuelle Förderung, Lesekompetenz und Berufsorientierung sind die Schwerpunkte der Freien Schule im Burgenland „Jan Hus“, einer gebundenen Ganztagsschule in Naumburg (Saale).

© Freie Schule im Burgenland

Wer morgens zwischen 7.45 und 8.00 Uhr die Freie Schule im Burgenland „Jan Hus“ in Naumburg (Saale) besucht, wird ein Haus in absoluter Stille vorfinden – obwohl alle Schülerinnen und Schüler bereits anwesend sind. Die ersten Kinder und Jugendlichen sind bereits gegen 7 Uhr mit dem Bus gekommen und von Schulleiterin Dr. Kathrin Wahlbuhl-Nitsche oder ihrem Stellvertreter Felix Neumann ins Gebäude gelassen worden. Der Grund ist die viertelstündige Lesezeit unter dem Motto „Die Schule liest“, die jeden Tag stattfindet. Hier lesen alle Schülerinnen und Schüler in einem mitgebrachten Buch.

„Wir bringen so Ruhe in den Schultag nach dem Wirbel des Ankommens“, begründet die Schulleiterin das Ritual an der Sekundarschule. „Außerdem ist uns die Lesekompetenz ein großes Anliegen. Wir glauben, dass, wenn die Schülerinnen und Schüler hier bei uns lesen, sie womöglich auch zu Hause mal eher zu einem Buch greifen. Mit unserer Schulbibliothek und Buchvorstellungen im Unterricht wollen wir ebenfalls zum Lesen anregen.“ Was die Kinder und Jugendlichen lesen, bleibt ihnen überlassen – Hauptsache, es wird gelesen! Die einzige Bedingung: Die Literatur sollte altersgerecht sein. „Wenn ein Zehntklässler 'Gregs Tagebuch' lesen wollte, dann würden wir schon was sagen“, meint die Schulleiterin.

Naumburg Freie Schule im Burgenland
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Seit Gründung der Schule im Jahr 2005 ist Kathrin Wahlbuhl-Nitsche Schulleiterin an der gebundenen Ganztagsschule. Träger der freien Schule ist die MBA Medizinische Berufs-Akademie GmbH, zu der mehrere Berufsfachschulen für die nichtmedizinischen Heilberufe gehören. „Damals kam der Wunsch aus der hiesigen Berufsfachschule von Eltern, Lehrern und auch Schülern nach einer Sekundarschule, in der Schülerinnen und Schüler anders lernen sollten“, berichtet die Schulleiterin. Von Anfang an stand fest, dass dieses „andere Lernen“ ein „Lernen im Ganztag“ sein sollte. Der Schultag dauert für alle Kinder und Jugendlichen von 7.40 Uhr bis 15.20 Uhr.

Der „Neuling“ ist gefragt

Mit einer Klasse startete die Sekundarschule, nachdem es bei einem ersten Informationsabend seinerzeit einen „überwältigenden Ansturm“ gegeben hätte, wie sich die Schulleiterin erinnert. 80 Eltern wollten ihre Kinder anmelden; 22 Schülerinnen und Schüler fanden Aufnahme. Heute lernen 270 Schülerinnen und Schüler an der Sekundarschule „Jan Hus“. Die Nachfrage blieb hoch. In diesem Jahr waren es über 120 Bewerbungen auf 44 Plätze.

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Ihren Platz hat die Schule in einem altehrwürdigen Gemäuer gefunden, das 150 Jahre Schulgeschichte atmet: 1878 wurde es erstmals bezogen. Ab 1905 beherbergte es eine Bürgerschule für Jungen, ab 1917 eine Mittelschule, später eine Volksschule. Ende der 1950er Jahre wurde daraus eine Polytechnische Oberschule, nach 1990 dann eine Sekundarschule. Die Freie Schule teilte sich das Gebäude in den ersten Jahren nach 2005 mit einer Evangelischen Grundschule. Inzwischen hat die Schule einen Anbau erhalten, in dem die Mensa untergebracht ist.

Es ist aber sicherlich eher die Arbeitspraxis der Schule, die die Eltern die Freie Schule so kontinuierlich anwählen lässt. Während sich die anfängliche Skepsis im Gemeinderat und bei anderen Sekundarschulen gegenüber dem Neuling gelegt hat und es laut Kathrin Wahlbuhl-Nitsche viele Beispiele für gute Kooperationen mit den anderen Sekundarschulen in Naumburg gibt, hat die Ganztagsschule zwei Schwerpunkte gebildet, die bei den Eltern gut ankommen: die individuelle Förderung und die Berufsorientierung.

Transparenz durch Schüler-Lehrer-Eltern-Gespräche

Individuelle Förderung wird durch die Klassenteilung in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik erreicht. Jeweils elf Schülerinnen und Schüler lernen in einer Gruppe. Während zum Beispiel die eine Gruppe Deutsch lernt, hat die andere Hälfte Mathematik.

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In der Stunde darauf wird gewechselt. „In den Kleingruppen sind individuelle Förderung sowie verschiedene Lernformen wie Partner-, Gruppen- oder Freiarbeit sehr gut umzusetzen“, so Kathrin Wahlbuhl-Nitsche. Auch die Arbeit am Laptop ist hier möglich. In der 5. Klasse sind noch vier von fünf Wochenstunden so getrennt, dann nimmt die Zahl dieser Teilungsstunden mit aufsteigenden Jahrgängen ab.

Schriftliche Hausaufgaben gibt es an der Freien Schule im Burgenland nicht; die Aufgaben sind in die zwei allgemeinen Lernzeitstunden pro Woche integriert und vertiefen die Unterrichtsinhalte. Dazu kommt pro Woche eine Lernzeitstunde speziell für Deutsch, Mathematik und Englisch. „In der Lernzeit suchen sich die Schülerinnen und Schüler das Fach und den entsprechenden Lehrer aus“, erklärt die Schulleiterin, „und nach der Hälfte der Stunde wechseln sie in einen anderen Raum zu einem anderen Fach und Lehrer.“ In der 5. und 6. Klasse gibt es das Fach „Lern- und Arbeitstechniken“, das nicht bewertet wird. Hier geht es darum, das Lernen zu lernen. „Manchen Schülerinnen und Schülern fällt es schwer, einen Hefter zu führen oder Vokabeln zu lernen. Hier finden sie Unterstützung.“

Computer
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Ein Schuljahr ist in drei große Lernabschnitte, die sogenannten Module, eingeteilt. Ein Modul umfasst 13 Wochen. Zu Beginn eines Moduls erhalten die Schülerinnen und Schüler – und auch die Eltern – eine Zusammenstellung der Lernziele aller Unterrichtsfächer und Übersichten zur Leistungsüberprüfung. Durch diese Transparenz können die Eltern den Leistungsstand ihrer Kinder jederzeit nachvollziehen. Am Ende jedes Moduls finden gemeinsame Modulgespräche mit den Schülerinnen und Schülern im Beisein der Eltern statt. Hier reflektieren die Kinder und Jugendlichen ihr Lern- und Sozialverhalten und erhalten eine Rückmeldung durch die Lehrkraft. Zum Schluss setzen Lehrer und Schüler die Lernziele und den Förderbedarf für das folgende Modul fest. Die Teilnahme der Eltern an diesen Gesprächen ist verpflichtend und in den Elternvereinbarungen mit der Schule so festgehalten.

Frühe Berufsorientierung ab der 5. Klasse

Ab dem 6. Jahrgang werden ausgewählte Fächer epochal unterrichtet, fachübergreifend über zwei bis drei Wochen. Während dieses Epochenunterrichts lernen die Schülerinnen und Schüler zunehmend selbstständig, die Lehrkräfte werden mehr und mehr zu Lernbegleitern. Zum Abschluss einer Unterrichtsepoche fassen sie in einem fächerübergreifenden Projekttag ihre Erkenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten des Lerngebietes zusammen und präsentieren sie.

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Ebenfalls der individuellen Förderung dienen die zwei AG-Stunden pro Woche, die montags und mittwochs stattfinden und größtenteils von Lehrkräften abgedeckt werden. Aus 30 Angeboten können die Schülerinnen und Schüler wählen, darunter Kochen und Backen, Russisch, Spanisch, Latein, Chor, „Jugend debattiert“ und das Schulmusical, das Kathrin Wahlbuhl-Nitsche besonders begeistert. In diesem Juni haben 80 Schülerinnen und Schüler bereits zum 3. Mal ein Musical aufgeführt. Das neue Stück, was im Juni 2018 Premiere haben wird, wurde erstmals von einer Schülerin geschrieben.

„Da stehen Schülerinnen und Schüler auf der Bühne, von denen man nie und nimmer erwartet hätte, dass sie so aus sich rausgehen“, freut sich die Schulleiterin. Ein Vater leitet die Schulband-AG, ein anderer die Fußball-AG. Für die Schach-AG besteht eine Kooperation mit einem Sportverein, und der aus Syrien stammende Mohammed Arslan organisiert die Selbstverteidigungs-AG.

Zeitzeuge
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Zum Schulleben gehören seit 2010 auch die regelmäßigen Projektfahrten in das ehemalige KZ Auschwitz. Unter dem Thema „Begegnung mit der deutschen Vergangenheit“ führen Schüler der 9. und 10. Klassen und Leitung der Geschichtslehrerin Anett Herrmann Unterricht an außerschulischen Orten durch und gestalten im Anschluss Ausstellungen für die Naumburger Öffentlichkeit. Ebenfalls regelmäßig finden für die Schüler der Klassen 8 bis 10 Sprachreisen nach Südengland mit Teilnahme an Sprachunterricht und Unterbringung in Gastfamilien statt.

Spätestens am Ende der 9. Klasse sollen die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule „Jan Hus“ eine Vorstellung davon haben, was sie einmal beruflich machen wollen und was sie nicht wollen. Dementsprechend früh fängt die Berufsorientierung an: In der 5. und 6. Jahrgangsstufe verbringen die Mädchen und Jungen einen „Schnuppertag“ in Betrieben. In der 7. Jahrgangsstufe erhöht sich dies auf drei Tage. Dazu kommt ab der 8. Klasse die Teilnahme am Landesprogramm „BRAFO – Berufswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren“. Hier können die Schülerinnen und Schüler ihre berufsbezogenen Interessen „erforschen“, sich in unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten erproben und dabei ihre Stärken und Talente kennenlernen.

Gute Rückmeldung von Ausbildern und Gymnasien

Für BRAFO besuchen die Schülerinnen und Schüler das Technische Ausbildungszentrum in Weißenfels, wo sie unter anderem Berufsfelder wie Garten- und Landschaftsbau, Gastronomie, Altenpflege und Kosmetik kennenlernen. In der 8. Klasse sind es zwei Praktika à eine Woche, in der 9. Klasse folgt dann ein zweiwöchiges Praktikum am Stück. „Es hat Schülerinnen und Schüler gegeben, die schon vor ihrem Schulabschluss einen Ausbildungsvertrag erhalten haben“, freut sich Kathrin Wahlbuhl-Nitsche. „Vom Amtsgericht habe ich beispielsweise zu hören bekommen, das seien die besten Azubis gewesen, die sie je hatten.“

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Ähnlich klinge es von den Gymnasien. „Ein Gymnasialkollege hat mir gesagt, dass unsere Schülerinnen und Schüler sehr gut vorbereitet seien“, sagt die Schulleiterin. Von den Zehntklässlern machen 50 Prozent den Erweiterten Realschulabschluss, und einige besuchen das Fachgymnasium in Weißenfels.

Für Kathrin Wahlbuhl-Nitsche ist das altersgemischte Kollegium, das Schwung und Ideen in die Freie Schule im Burgenland einbringt, ein Erfolgsfaktor. Der stellvertretende Schulleiter Felix Neumann, der als Referendar – seit vier Jahren ist die Schule Ausbildungsschule – an der Schule begonnen hat, ist gerade mal 27 Jahre alt. Der älteste Kollege ist ein 76-jähriger ehemaliger Lehrer der Schule, der noch immer Lust hat, die Lernzeiten und die Russisch-AG zu begleiten. Dazu kommen „tolle pädagogische Fachkräfte wie unsere Kollegin Doreen Skupin, die unter anderem die Streitschlichter-AG leitet“.

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