Ganztag und Berufsorientierung: „Worin sind wir richtig gut?“

Mit Schülerfirmen wie „Stübi Barista“ oder „Holzwurm“, aber auch der der Schüler-Technik-Akademie „lütt Ing“ und dem Projekt „Formel 1“ punktet die Stadtteilschule Stübenhofer Weg, eine gebundene Ganztagsschule in Hamburg. Stillsitzen und Frontalunterricht waren gestern.

Matthias Herpe leitet die Stadtteilschule Stübenhofer Weg.© Claudia Pittelkow

Triste Hochhaussiedlungen, hohe Arbeitslosigkeit, Schüler mit niedrigem Schulabschluss – jahrzehntelang galt Wilhelmsburg als einer der „sozialen Brennpunkte“ Hamburgs. Vor ein paar Jahren jedoch rückte der Stadtteil südlich der Elbe in den Fokus der Stadtentwicklung: Altbauten wurden saniert, neue Schulen gebaut und soziale Projekte angestoßen.

Heute zieht es immer mehr Kreative, Studierende und junge Familien auf die Elbinsel. Mittendrin die Stadtteilschule Stübenhofer Weg. Die gebundene Ganztagsschule ist genau wie das Viertel vor ein paar Jahren neu durchgestartet. Nach der Schulreform 2010 wurde die ehemalige Grund-, Haupt- und Realschule in eine Stadtteilschule umgewandelt, gleichzeitig wurden Inklusion und Ganztag eingeführt.

„Das war eine Zeit des Umbruchs“, erinnert sich Schulleiter Matthias Herpe, damals noch stellvertretender Leiter. „Wir mussten uns quasi neu erfinden.“ Zur Neuerfindung gehörte einerseits die Umsetzung des Ganztags, auf der anderen Seite wollte sich die Schule auch inhaltlich neu aufstellen. „Wir haben uns damals gefragt: Worin sind unsere Schüler richtig gut?“, so Herpe. Im Ergebnis wurde der Fokus auf eine Produktionsorientierung beispielsweise mit Schülerfirmen, das Lernen in Projekten, Sport und Bewegung sowie auf eine intensive Berufs- und Studienorientierung gelenkt – alles als Bestandteil des ganztägigen Unterrichts

BOSO wird großgeschrieben

Heute bietet die Stadtteilschule Stübenhofer Weg ihren rund 680 Schülerinnen und Schülern ein breitgefächertes Angebot von praxisorientierenden herausfordernden Lernangeboten, die es den Jugendlichen von der 5. bis zur 13. Klasse ermöglichen, ihren Stärken und Interessen auf die Spur zu kommen. „BOSO, also die Berufs- und Studienorientierung, wird bei uns großgeschrieben“, erklärt Konrad Sens, Lehrer und Mitglied des BOSO-Teams der Schule. Die Schule kooperiert dafür mit ganz unterschiedlichen Firmen, je nach Interessen der Schülerinnen und Schüler. Der Anspruch: Die Angebote sollen möglichst individualisiert, auf den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin zugeschnitten sein.

Konrad Sens, Lehrer und Mitglied des BOSO-Teams der Schule
Konrad Sens, Lehrer und Mitglied des BOSO-Teams© Konrad Sens

Zehntklässler Elyesa Kodak weiß das Angebot seiner Schule zu schätzen – und zu nutzen. „Die Stübi ist keine Schule wie jede andere, sondern hier kann man auch Praktisches lernen“, sagt er. Sein Berufswunsch: Kfz-Mechatroniker bei einem großen Sportwagenhersteller. Für dieses Ziel nimmt der 16-Jährige auch Umwege in Kauf: Als kein Praktikumsplatz in einem Kfz-Betrieb verfügbar war, hat er kurzerhand ein Praktikum bei einem Rettungsdienst absolviert. „Ich habe Herzmassage gelernt, das ist ja auch irgendwie etwas Handwerkliches“, sagt er.

Die Berufsorientierung zieht sich durch alle Jahrgänge: In der Unterstufe gibt es erste Betriebsbesichtigungen, Girls' Days, Boys' Days und eine Berufsorientierungswoche. Ab Klasse 8 absolvieren die Schülerinnen und Schüler freiwillige Praktika, Werkstatttage mit Potenzialanalyse und externe Bewerbungstrainings. „Ich wurde darauf hingewiesen, weder ‚Digger‘ noch ‚ne‘ zu sagen“, erinnert sich Elyesa Kodak und lacht dabei. In Klasse 9 beginnt das Pflichtprogramm mit wöchentlichem Praxislerntag und Pflichtpraktikum. Das müssen alle Hamburger Schülerinnen und Schüler leisten.

Formel 1 in der Schule

Das Interesse am Thema Berufsorientierung ist unterschiedlich. Konrad Sens: „Wer sich frühzeitig damit beschäftigt, bei dem läuft es gut.“ Die Schule hilft bei der Suche nach einem Praktikumsplatz und macht es den Jugendlichen auch sonst leicht, sich mit späteren Berufsperspektiven, darunter auch der eines Studiums, auseinanderzusetzen. Es werden zahlreiche Projekte angeboten: Von der Schüler-Technik-Akademie „lütt Ing“ über die Experimentierstationen Miniphänomenta bis zum Azubi-Speed-Dating haben die Schülerinnen und Schüler unterschiedlichste Möglichkeiten, ihre Interessen und Vorlieben sowie Stärken und Schwächen zu erproben.

Sie koordinieren den Ganztag: Yvonne Frank und Ghassan El-Bathich.© Claudia Pittelkow

Seit einigen Jahren nimmt die Schule als einzige Stadtteilschule unter sonst nur Gymnasien am Praxisprojekt „Nordmetall Cup. Formel 1 in der Schule“ teil, einem weltweiten Technologie-Wettbewerb, bei dem Schülerteams von elf bis 19 Jahren einen Miniatur-Formel 1-Rennwagen am Computer entwickeln, fertigen und anschließend ins Rennen schicken. Träger des Wettbewerbs ist in Hamburg die Nordmetall-Stiftung. Der nächste Wettbewerb auf Landesebene wird im Februar 2018 in der Wilhelmsburger Schule ausgetragen. Das Ziel: der Bundessieg.
Ein weiterer Schwerpunkt der Berufsorientierung sind Schülerfirmen. Das sind von Schülerinnen und Schülern eigenverantwortlich gegründete Übungsunternehmen mit realem Geschäftsbetrieb, realen Waren und Geldströmen. Bereits zweimal hat die Schule die alljährliche Hamburger Schülerfirmenmesse ausgerichtet. „Schülerfirmen sind nützlich für den beruflichen Weg der Jugendlichen“, sagt Schulleiter Herpe. Außerdem würden sie erwachsener, weil sie konkrete Aufgaben lösen müssten.

Zwölftklässler Leon Löffke arbeitet seit drei Jahren in der Schülerfirma „Holzwurm“ mit und hat dort sein mathematisch-technisches Talent entdeckt: Unter anderem hat er eine Tassenkrone – eine Art mobile Energiequelle – entwickelt, einen Feuertornado nachgebaut und schon zweimal eine Miniphänomenta mitorganisiert. „Wir haben dafür alles selbst geplant, eingekauft und gebaut“, berichtet er. Sein Berufsziel: Er möchte Mathe- und Sportlehrer werden.

Kaffee servieren und Physik des Milchschäumens erfahren

Wilhelmsburg ist zwar im Aufwind. Aber nach wie vor gibt es viele Familien im Stadtteil, die von Arbeitslosengeld II leben. Rund 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Die Stadtteilschule ist eine von 23 Hamburger Schulen, die wegen ihrer herausfordernden Lage von der Schulbehörde besonders unterstützt werden. Matthias Herpe: „Viele Kinder haben einen besonderen Förderbedarf, in der 5. Klasse haben einige sehr große Lernrückstände.“ Rund 250 Schüler an der „Stübi“ müssen besonders gefördert werden.

Leon Löffke, Elyesa Kodak und Elyesa Kustol.
Leon Löffke, Elyesa Kodak und Elyesa Kustol.© Claudia Pittelkow

„Die Förderkurse sind in den Ganztag integriert und finden nicht nur am Nachmittag statt, darauf sind wir stolz“, erklärt der Schulleiter. Aufgrund der heterogenen Schülerschaft ist individuelles Lernen gefragt. Die Stübi setzt auf sportliche Aktivität, Praxisprojekte und Schülerfirmen. Stillsitzen, Frontalunterricht und Gleichschrittpauken waren gestern. „Projektunterricht ermöglicht individuelles Lernen und schafft gleichzeitig viele Möglichkeiten für Inklusion“, so Herpe. Die Fragen der Kinder kommen dabei aus dem eigenen Alltag. So soll die eigene Lebensumgebung dazu anregen, selbst Fragen zu stellen, Lösungswege zu suchen und auf diese Weise die Welt zu begreifen.

Ein besonders gelungenes Beispiel für Produktions- und Projektorientierung ist das „Stübi Barista“: Gestartet als kleiner Kaffeestand in der Mensa ist das Stübi Barista mittlerweile eine florierende Schülerfirma, die durchaus auch größere Events mit selbst zubereiteten Speisen und Getränken beliefern kann. Hier lässt sich gut beobachten, wie individuelles – und inklusives – Lernen funktioniert. Schulleiter Herpe: „Für einige Schüler ist es total erfüllend, den Kaffee zu servieren, andere interessieren sich mehr für die physikalischen Zusammenhänge beim Milchschäumen. Und alle haben Erfolgserlebnisse.“

Fokus Übergang von der Schule ins Berufsleben

Ums Kochen geht es auch bei dem neuesten Projekt der Schule: „Abgekocht – Stübi kocht selbst!“ Dazu wurden zwei Köche eingestellt, eine Schülergruppe sammelt in „Ernstsituation“ und unter professioneller Anleitung Erfahrungen, die andere beschäftigt sich mit der Theorie. Geplant ist, dass jede Klasse im Wechsel jeweils eine Woche lang für die ganze Schule kocht. Das zurückgelegte Geld reicht für ein halbes Jahr, dann muss sich das Projekt selbst tragen.

In der Fokusklasse geht es vor allem um den Übergang von der Schule ins Berufsleben.© Konrad Sens

Trotz der vielfältigen Angebote in Sachen Berufsorientierung gibt es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die sich verweigern, unmotiviert sind oder sich aufgrund ihrer mäßigen Noten aufgegeben haben. BOSO-Lehrer Konrad Sens findet: „Diese Schülerinnen und Schüler werden vom herkömmlichen System nicht angesprochen.“ Die Stadtteilschule hat deshalb die sogenannte Fokusklasse ins Leben gerufen, in der maximal 15 Schülerinnen und Schüler ihren Schwerpunkt auf den Übergang von der Schule ins Berufsleben richten. Dank der intensiven Betreuung – Lehrer gehen mit ins Praktikum – und garantierten Praktikumsplätzen bei namhaften Firmen ist das Programm überaus erfolgreich.

Konrad Sens: „Im letzten Jahr konnten wir 13 Ausbildungsverträge abschließen, darunter waren sogar Schüler ohne Schulabschluss.“ Nur zwei Schüler aus der Fokusklasse konnten 2016 nicht vermittelt werden. Der Pädagoge erinnert sich an eine Schülerin, die zwei Praktika mit Bravour absolviert habe, in der Schule dagegen ein Enfant terrible gewesen sei. „Das alleinige Glück hängt nicht von Schulnoten ab. Es gibt auch in der Ausbildung Möglichkeiten, Noten zu verbessern und einen höheren Schulabschluss zu schaffen“, so Sens. Für viele Schülerinnen und Schüler ist das aufgrund des Praxisbezugs und weil sie älter geworden sind, eine neue Chance.

 

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