Ganztag unter einem Herrnhuter Stern

In Herrnhut in der Oberlausitz leuchten die Sterne besonders hell. Das Kollegium der Johann-Amos-Comenius-Schule ist es gewohnt, individuelle Lernpläne zu erstellen.

Der Herrnhuter Stern symbolisiert den Stern von Betlehem.© Johann-Amos-Comenius-Schule

Beim Eintritt in die Johann-Amos-Comenius-Schule ist er nicht zu übersehen: der große Herrnhuter Stern in der Eingangshalle. Schon auf dem Weg zur Schule begleitet das berühmte Wahrzeichen den Besucher, ob in der Stadt oder in den umliegenden Ortschaften der Oberlausitz. Er schmückt Hauseingänge, Fenster, Giebel und Straßen.

Dieser Herrnhuter Stern, der den Stern von Bethlehem symbolisiert, ist seit 100 Jahren einer der Exportschlager Sachsens. Es war die Herrnhuter Brüdergemeine, die Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Sterne herstellte. Heute werden jährlich 600.000 Sterne hergestellt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts in industrieller Fertigung. Die Herrnhuter Sterne GmbH produziert über 60 verschiedene Sterne, unterstützt von mehreren Behindertenwerkstätten der Region. Der Herrnhuter Stern ist auch mathematisch interessant: Er besteht aus 17 Viereck- und acht Dreieckzacken. Traditionell wird er in Einzelteilen geliefert und im Kreise der Familie oder mit Freunden zusammengesetzt.

Schülerinnen und Schüler in der Pause
© Johann-Amos-Comenius-Schule

In der Johann-Amos-Comenius-Schule ist der Stern „zu Hause“. Denn hervorgegangen ist sie aus einem der diakonischen Angebote, die seit fast 300 Jahren die Herrnhuter Brüdergemeine, eine aus der böhmischen Reformation hervorgegangene, pietistisch geprägte Glaubensbewegung, ausmachen. 1977 wurde das Förderungszentrum „Johann Amos Comenius“ eröffnet, für Jugendliche mit geistiger Behinderung, wie es damals hieß, und benannt nach dem Pädagogen und Bischof der Brüder-Unität, dessen Namen heute viele Schulen tragen.

Aus dem Förderzentrum in Herrnhut entstanden weitere Wohn-, Betreuungs- und Pflegeangebote, die heute in der Stiftung Herrnhuter Diakonie zusammengefasst sind. Diese ist der Schulträger der Johann-Amos-Comenius-Schule, die 1990 als Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung gegründet wurde. Seit 1992 ist Holger Böwing als Schulleiter dabei. Er hat den Ausbau der Schule moderiert, die einst mit etwa 30 Schülerinnen und Schülern startete und in der aktuell 97 Kinder und Jugendliche aus der Region lernen.

„Ich habe da eine Idee...“

Schulleiter Holger Böwing© Redaktion www.ganztagsschulen.org

25 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten hier mit 34 weiteren pädagogischen Fachkräften, drei Physiotherapeutinnen, FSJlern, Mitarbeitern des Bundesfreiwilligendienstes, mit Ergotherapeuten und Logopäden in insgesamt 15 Klassen à durchschnittlich sieben Schülerinnen und Schülern. Holger Böwing ist voll des Lobes über sein Team: „Das Berufsethos ist hier sehr ausgeprägt, die Kolleginnen und Kollegen machen sich viele Gedanken über die Ausgestaltung und die Weiterentwicklung der Schule. Es vergeht fast keine Woche, in der eine Kollegin oder ein Kollege nicht auf mich zukommen, mit dem Satz: ‚Ich habe da eine Idee...‘“

Wichtig sei es, Lehrkräfte zu unterstützen und sie etwas ausprobieren zu lassen. Ein Schulleiter dürfe Vorschläge nicht „abbügeln“. Wöchentliche Dienstberatungen, Arbeitsgruppen, verschiedenste Fortbildungen, Supervisionen sowie eine jährliche Klausurtagung des gesamten schulischen Mitarbeiterteams sichern eine gleichbleibend hohe Qualität, ja auch wissenschaftliche Aktualität der Arbeit, wie Böwing betont.

Wahlunterricht Ton
© Johann-Amos-Comenius-Schule

Was den Eltern an der Comenius-Schule gefällt, sind aber besonders „die Herzlichkeit und Offenheit von unserer Seite“, meint der Schulleiter. „Wir zeigen gerne, wie wir hier arbeiten. Die Eltern schätzen die familiären Bindungen und unsere Räumlichkeiten als lebensnah.“ Diese Räume sind seit 2016 mit einem kompletten Neubau und dem Umbau eines vorhandenen Gebäudes im Jahr 2017 auf eine ganz neue Basis gestellt worden. Nachdem die Schule über Jahrzehnte in verschiedenen, über die Stadt verstreuten Provisorien untergebracht war, präsentiert sich jetzt alles in einem campusartigen Gebäudekomplex.

Die Klassen verfügen über eine eigene Küche und Garderobe. Es sieht beinahe aus wie in einer Wohnung. Das ist kein Zufall. „Als wir auf einer Klausurtagung unsere Pläne für den Neubau besprochen haben, war es interessant, dass die Eltern gerade das, was nur aus der Not geboren worden war – die Umwidmung von Wohnraum zu Klassenzimmern – jetzt als besonders positiv empfunden haben“, erinnert sich Holger Böwing.

Für jedermann geöffnet...

© Johann-Amos-Comenius-Schule

Die Kolleginnen und Kollegen haben sich bundesweit in Förderschulen umgesehen und Anregungen unterschiedlicher Art geholt, beispielsweise für den „Snoezelraum“. „Alle konnten bei der Planung mitreden, und es ist toll, dass die kühnen Pläne umgesetzt worden sind. Das haben wir auch unserem unermüdlich arbeitenden Vorstand zu verdanken. Die Arbeits- und Lerngelegenheiten haben sich jetzt enorm verbessert“, lobt der Schulleiter.

Für den Unterricht in den Fächern Musik/Rhythmik, Werken (Holz), Keramik, Religion, Hauswirtschaft und Zeichnen gibt es Fachräume. Ein modern ausgestatteter Raum zur motopädagogischen Betreuung, also zur Bewegungserziehung, der auch als Sporthalle und Aula genutzt wird, zwei Computerkabinette, der Snoezelraum, eine Cafeteria, eine Bibliothek und Arbeitsräume für die Lehrkräfte sorgen im Innern für ideale Lernbedingungen. Auf dem weitläufigen Außengelände können sich die Schülerinnen und Schüler auf einem Spielplatz mit Kletterhügel bewegen und die Tiere im Streichelzoo versorgen. Das Schulgelände ist wie die Mensa für jedermann geöffnet, sodass sich dort Schülerinnen und Schüler, Menschen aus dem Ort und Touristen begegnen.

Schulgebäude
© Johann-Amos-Comenius-Schule

Die Johann-Amos-Comenius-Schule ist eine genehmigte Ersatzschule nach dem „Gesetz über Schulen in freier Trägerschaft“. Die staatliche Aufsicht über den Schulbetrieb wird von den Regionalstellen der Sächsischen Bildungsagentur in Bautzen und Dresden wahrgenommen. Die laufenden Personal- und Sachkosten trägt das Land Sachsen. Die Schule erhebt kein Schulgeld. Grundlage der Unterrichtsarbeit ist der sächsische Lehrplan für Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Stundentafel und Klassenbildung richten sich nach den entsprechenden Erlassen des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus.

Enorme Gestaltungsfreiheit und enorme Verantwortung

In Sachsen sind alle Förderschulen auch Ganztagsschulen. Für Holger Böwing ist das auch nicht anders denkbar. Gerade jüngere Schülerinnen und Schüler bräuchten großzügige Pausenzeiten. Die Stunden sind grundsätzlich im 90-minütigen Blockunterricht organisiert, mit der Ausnahme, dass es jeden Morgen eine 45-Minuten-Stunde „Kulturtechnik“ gibt, in der Lesen, Rechnen und Schreiben gelernt werden. „Wir haben festgestellt, dass es den Kindern guttut, jeden Tag einen Impuls in diesen Fächern zu bekommen und die Lerninhalte in kurzen Zeitabständen zu wiederholen.“

© Johann-Amos-Comenius-Schule

Die Stundentafel ist für den Schulleiter „nur in einer Hinsicht ein Dogma“: in der Zahl der vorgeschriebenen Stunden. Ansonsten genieße die Schule viele Freiheiten in der Ausgestaltung. Ein Beispiel: „Schon lange, bevor das Fach Arbeit und Beruf eingeführt wurde, haben wir Langzeitpraktika organisiert und es geschafft, Schülerinnen und Schüler auf dem freien Arbeitsmarkt unterzubringen“, erzählt Böwing. Für die Projekte im Bereich der Berufsvorbereitung hat die Schule 2008 den „Schule-Wirtschafts-Oskar“ erhalten.

Die enorme Gestaltungsfreiheit gehe mit einer enormen Verantwortung einher. Die Umsetzung des Rahmenlehrplans werde immer wieder auf seine Inhalte untersucht, um zu verhindern, dass ein Thema stiefmütterlich behandelt wird. Die Lehrerinnen und Lehrer stellen Trimesterpläne für differenziertes Lernen auf, die sich nach dem Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen richten. Die Pläne werden mit der Schulleitung abgestimmt.

Kollegium
Zum Kollegium gehören viele verschiedene Professionen.© Johann-Amos-Comenius-Schule

Seit einigen Jahren setzen die Lehrkräfte mit wachsendem Erfolg die Freiarbeit nach Maria Montessori als Unterrichtsmethode ein. Diese empfindet Holger Böwing als „ideal“ für die Schülerinnen und Schüler. Einige Pädagoginnen und Pädagogen haben dazu das Montessori-Diplom erworben. „Jede Schülerin und jeder Schüler wird an sich selbst gemessen“, beschreibt der Schulleiter die Leistungserhebung. „Wir würdigen die Anstrengung, nicht nur pauschal das Ergebnis.“

Erfahrungen mit heterogenen Lerngruppen

Die Johann-Amos-Comenius-Schule öffnet sich für außerschulische Partner. So macht beispielsweise ein Schauspieler theaterpädagogische Angebote im Wahlunterricht. Eine Polnisch-Muttersprachlerin gibt Sprachunterricht. Sogar die Polizei kommt in die Schule – nämlich zum Fahrradtraining. Seit mehreren Jahren gibt es die Schulpartnerschaft mit einer Schule im westpolnischen Wschowa. Zweimal jährlich treffen sich, unterstützt vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler beider Schulen in Herrnhut und in Wschowa.

© Johann-Amos-Comenius-Schule

Beachtlich ist die Zusammenarbeit mit der Oberschule der Evangelischen Zinzendorfschulen in Herrnhut, deren Träger ebenfalls die Schulstiftung der Evangelischen Brüder-Unität ist. Einzelne Sechstklässler nehmen am Unterricht der jeweils anderen Schule teil. „Interessant finde ich, dass die Oberschüler von selbst darum bitten, bei uns mitlernen zu dürfen“, sagt Holger Böwing. „Wir haben eine Arbeitsgruppe mit den Kolleginnen und Kollegen von der anderen Straßenseite gegründet, um das vorzubereiten, und tauschen uns über die Erfahrungen im pädagogischen Umgang mit heterogenen Lerngruppen aus. Es gibt eine große gemeinsame Lust auszuloten, was pädagogisch möglich ist – und wir werden oft positiv überrascht.“

Holger Böwing glaubt, dass seine Schule auch deshalb so gut angenommen wird, „weil wir im Blick haben, was nach der Schule kommt, und die Freiheit bieten, es unsere Schülerinnen und Schüler ausprobieren zu lassen“. Die aktuelle Liste der Firmen, die mit der Förderschule kooperieren, indem sie Plätze für teils ganzjährige Praktika an wöchentlich drei Schultagen zur Verfügung stellen, ist lang und vielfältig. Sie umfasst unter anderem die Entsorgungsgesellschaft Görlitz-Löbau-Zittau, ein Möbelhaus und zwei Autohäuser, das Städtische Klinikum Görlitz, ein Maniküre- und Pediküre-Studio in Ebersbach und den Geflügelhof in Ruppersdorf und – natürlich – die Herrnhuter Sterne GmbH. So sorgt die Schule selbst für den guten Stern, der über ihre Arbeit wacht.

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