Schulen lernen von Schulen

Auch 2013 und 2014 wird es in Schleswig-Holstein ein Referenzschulnetzwerk geben. Die Leiterin der Serviceagentur „Ganztägig lernen“, Tanja Klockmann, zieht eine Bilanz der ersten Netzwerke.

Online-Redaktion: Weil am Dienstag, 13. November 2012, die Schulen geehrt wurden, die im zweiten Referenzschulnetzwerk aktiv waren, lohnt sich auch ein Blick zurück ins Jahr 2007. Da fiel der Startschuss zum ersten Netzwerk. Was war damals die Motivation, ein solches Netzwerk einzurichten?

Tanja Klockmann: Viele Schulen standen vor fünf Jahren am Anfang ihrer Entwicklung, andere hatten die ersten Schritte zur Ganztagsschule bereits hinter sich. Unser Ansinnen war, gute Beispiele aus beiden Gruppen zu identifizieren. Denn am besten lernen Schulen von Schulen. Wir waren und sind uns einig, dass wir keine perfekten Schulen für das Netzwerk suchen, sondern solche, die in bestimmten Bereichen beispielhaft sein können. Wir wollten Schulen, die bereit waren, sich zu öffnen und sich im Netzwerk weiterzuentwickeln. Zwei Jahre lang lief dieses Netzwerk „Erfolgreiches Lernen“, in denen Schulen aller Schulformen vom Austausch miteinander und von zahlreichen Hospitationen profitierten.

Online-Redaktion: Gab es überraschende Erfahrungen?

Tanja Klockmann während eines Vortrags
Tanja Klockmann, Leiterin der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Schleswig-Holstein© Jens Krystek

Klockmann: Zum einen ist da die große Bereitschaft von Schulen zu nennen, sich wirklich zu öffnen. Die beteiligten 20 Ganztagsschulen haben den Mut aufgebracht, ihre Stärken zu zeigen, aber auch Bereiche zur Diskussion zu stellen, wo sie selbst noch Schwächen vermuteten. Überrascht und gefreut hat uns, dass auch die gastgebenden Schulen nach eigener Aussage von den Hospitationen profitiert haben. Sie haben ihr Konzept reflektiert und sprachen von einem großen Zugewinn durch das Feedback der Gäste.

Online-Redaktion: Dann war die Fortsetzung durch ein zweites Referenzschulwerk, das nun zu Ende geht, also eine logische Konsequenz?

Klockmann: Das kann man so sagen. Die Schulen schätzen den regelmäßigen Austausch als äußerst befruchtend und inspirierend. Viele Schulen des ersten Netzwerkes haben sich auch für eine Teilnahme am zweiten Netzwerk beworben. Unter den nunmehr 28 Referenzschulen befinden sich zahlreiche „alte Hasen“.

Online-Redaktion: Sie sagten, es seien Schulen aller Schulformen dabei. Mancher meint, Gymnasien täten sich noch ein wenig schwerer, sich zu öffnen.

Klockmann: Wir spüren auch dort die immer größer werdende Bereitschaft, sich einzubringen und über die Schulform hinaus zu schauen. Unsere Fortbildungen für Gymnasien unterstreichen diesen Eindruck. Gymnasien signalisieren uns, dass die Weiterentwicklung im Ganztag bei den sonstigen Herausforderungen der vergangenen Jahre eher „eine Nebenrolle“ spielte. An dieser Stelle möchte ich da nur die Schulzeitverkürzung als Beispiel nennen.

Online-Redaktion: Hat sich die Arbeit im zweiten Netzwerk im Vergleich zum ersten verändert?

Klockmann: Vieles ist geblieben. Die Projektgruppen setzten sich aus alten und neuen Netzwerkern schulartübergreifend zusammen. Alle hatten eine thematische Ausrichtung. Doch einen gravierenden Unterschied gab es. Im ersten Netzwerk hatten sich alle Gruppen zum Ziel gesetzt, ein „Produkt“ zu erarbeiten, etwa ein Evaluationsinstrument für Schülerinnen und Schüler. Es ging darum, etwas zu entwickeln, was andere Schulen bei der Gestaltung des Ganztages nutzen können. Davon sind wir abgekommen. Im zweiten Netzwerk war es wichtiger, sich auszutauschen, Dinge auszuprobieren, Beispiele zu geben, sich weiterzuentwickeln. Das ist weniger greifbar, aber an den Schulen hat sich viel getan. Sie haben vor Ort Neues entwickelt und dies bei Hospitationen und Fortbildungen vorgestellt. Haltungen haben sich verändert. Sie kann man nicht präsentieren, aber sie sind die Basis für jede Weiterentwicklung. Und noch eine Neuerung hat sich bewährt. Viele unserer Fortbildungen finden nun nicht mehr zentral in Kiel, sondern in Referenzschulen statt.

Online-Redaktion: Wurde das zweite Netzwerk evaluiert?

Klockmann: Wir haben einen Evaluationstag mit den Moderatorinnen und Moderatoren der Projektgruppen veranstaltet und die gemeinsame Arbeit zusammen mit allen Schulen beim jüngsten Netzwerktreffen ausgewertet. Herausgekommen ist unter anderem, dass die Fortbildungen in den Referenzschulen als ausgesprochen wertvoll empfunden werden. Als Vorteil wurde unter anderem genannt, dass man ergänzend zum fachlichen Impuls auch ein Praxisbild einer anderen Schule erhält und der Austausch unter Kolleginnen und Kollegen gefördert wird. Zweite wichtige Erkenntnis war, dass das Treffen und der kollegiale Austausch in kleinen Projektgruppen als gewinnbringender empfunden werden. Die Gesamtnetzwerktreffen sind wichtig, aber in den kleinen Runden wird der Austausch intensiver. Als ausgesprochen positiv wird zudem stets das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Professionen bewertet. Es befördert den Blick über den Tellerrand und schafft  Verständnis für die unterschiedlichen Ausgangspositionen und Denkweisen.

Online-Redaktion: Welche Rolle können die Referenzschulen künftig spielen?

Vertreter der Referenzschulen und weitere Beteiligte© Jens Krystek

Klockmann: Die Bereitschaft der Netzwerkschulen, sich zu öffnen und ihre Konzepte mit anderen zu besprechen, hat dazu geführt, dass die Beteiligten auch über Dinge gestolpert sind, die nicht funktionieren. Das Vertrauen und der Respekt voreinander ermöglicht, die Hinweise anzunehmen und gemeinsam zu überlegen, wie man sich weiterentwickeln kann und welche Unterstützung man benötigt. Ich würde soweit gehen, zu sagen, die Referenzschulen werden zu unseren Ganztagsschulexperten. Nicht jede für jeden Bereich, aber jede für ganz spezielle Herausforderungen und Veränderungen. Dort sehen sie die Herausforderungen, haben sich ihnen gestellt und können Wege benennen, wie man die Qualität von Schule und Unterricht steigern kann.

Online-Redaktion: Der Titel „Referenzschulen“ könnte anderen Schulen, aber auch Eltern signalisieren, hier handele es sich um die besseren Schulen im Lande?

Klockmann: Eine gute Frage. Der Begriff soll eben nicht suggerieren, hier die Vorzeigeschulen, dort die weniger guten Schulen. Referenzschulen müssen nicht perfekt sein. Das Besondere an den Referenzschulen ist, dass sie in ausgewählten Bereichen beispielhaft arbeiten, anderen Schulen den Blick hinter die Kulissen ermöglichen und ein großes Interesse daran haben, kontinuierlich ihre Qualität weiterzuentwickeln. Es sind viele dabei, die bei der Auswahl im Jahr 2007 und auch 2009 noch am Anfang ihrer Entwicklung zur Ganztagsschule standen oder sich gerade erst auf den Weg machten, neue Konzepte und Strategien zu erproben. Schulen, die erkannt haben, dass sie zum Lern- und Lebensort der Schülerinnen und Schüler werden müssen, dass sie jedes einzelne Kind in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen wollen. Referenzschulen wollen Impulse geben, Wege und keine Patentrezepte aufzeigen und sie sind bereit, sich selbst zu hinterfragen.

Online-Redaktion: Wird es ein drittes Netzwerk geben, und wie könnte es konzipiert sein?

Klockmann: Ja, es wird ein drittes Netzwerk geben, und darüber freuen wir uns sehr. Die Arbeitsweise im Netzwerk wird sich etwas verändern. Wir sehen vor, dass die beteiligten Schulen konkrete Veränderungsvorhaben für die jeweils eigene Schule entwickeln  Das Netzwerk soll genutzt werden, um die Umsetzung der Vorhaben  intensiv zu begleiten und zu unterstützen. Weiterhin steht natürlich im Fokus, gute Praxis im Land bekannt zu machen. Auch in den Jahren 2013/2014 werden Referenzschulen ihre Türen öffnen und Einblicke in ihr Tun geben.

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