"Wir haben uns Vertrauen erworben". Klaus-Groth-Gymnasium Neumünster

Das achtjährige Gymnasium steht in der aktuellen Diskussion. Überfordert es die Schülerinnen und Schüler? Ist die Ganztagsschule eine Antwort auf den oft in die Nachmittage hineinreichenden Unterricht? Die Klaus-Groth-Schule im schleswig-holsteinischen Neumünster arbeitet seit Jahren sowohl als G8-Gymnasium wie auch als Ganztagsschule und erfreut sich wachsender Beliebtheit bei den Eltern. Schulleiter Reinhard Rahner erläutert im Interview den Zusammenhang zwischen Ganztagsschule und G8.

Klaus-Groth-Schule

Online-Redaktion: Herr Rahner, momentan wird deutschlandweit die Einführung von G8 und die mögliche Überforderung der Schülerinnen und Schüler diskutiert. Ihr Gymnasium verfügt bereits seit acht Jahren über den achtjährigen Bildungsgang. Wie beurteilen Sie die Situation?

Rahner: Ich halte die Diskussion für überzogen. Das liegt hauptsächlich an der Perspektive, die ich als Schleswig-Holsteiner einnehmen kann. Die Einführung von G8 ist bundesweit unterschiedlich gehandhabt worden und daher rührt meines Erachtens die unterschiedliche Zufriedenheit. Unsere Landesregierung wandte sich bereits im Jahr 2000 im Rahmen einer freiwilligen Maßnahme an die Schulen und stellte es ihnen frei, das achtjährige Gymnasium einzuführen. Die Klaus-Groth-Schule ist diesem Aufruf 2001 gefolgt. Kein anderes Gymnasium in Schleswig-Holstein praktiziert die achtjährige Schulzeit so lange wie unsere Schule. Parallel gibt es acht so genannte Zugschulen im Land, in denen G8 nur mit einer Klasse pro Jahrgang stattfindet.

Online-Redaktion: Welchen Grund hatte die Einführung von G8?

Rahner: Ein Auslöser ist der Blick über den Tellerrand gewesen. In Europa ist der achtjährige Bildungsgang der Standard, auch die neuen Bundesländer verfügen über dieses Modell. Dazu kommt, dass der 11. Jahrgang - und das ist ein offenes Geheimnis bei Lehrern wie bei Schülern - das so genannte "Gammeljahr" ist, der uns Lehrkräfte schon früh zum Nachdenken brachte, ob man das nicht auch anders organisieren könnte.

Online-Redaktion: In Zusammenhang mit G8 ist in manchen Wortmeldungen von "gestohlener Kindheit" die Rede.

Rahner: Das halte ich wirklich für absurd. Wir hatten in den vergangenen Wochen hier auch viel Presse im Haus, die den Schülerinnen und Schülern in der Tendenz ähnliche Fragen gestellt haben. Interessant war die Reaktion der Kinder, die meinten: "Ich verstehe die Frage nicht."

Im Nachmittagsbereich bieten wir hauptsächlich sportliche Aktivitäten wie zum Beispiel Rudern, Golfen oder musische Angebote wie Chor und Orchester an. Diese Arbeitsgemeinschaften werden von über 500 unserer insgesamt 750 Schülerinnen und Schülern besucht. Wenn ich mir diese Kinder und Jugendlichen anschaue, kann zumindest ich nicht feststellen, dass sie um ihre Kindheit betrogen werden.

Online-Redaktion: Wie lange dauert ein Schultag an Ihrem Gymnasium?

Rahner: Freitags endet der Schultag um 14 Uhr, an den anderen Tagen um 15.30 Uhr. Die Schüler können sich ihre Arbeitsgemeinschaften frei wählen, müssen aber dann auch daran teilnehmen.

Online-Redaktion: Wie ist das achtjährige Gymnasium an Ihrer Schule konkret eingeführt worden?

Rahner: Nach dem ministeriellen Aufruf haben die verschiedenen Schulgremien - Lehrerkonferenz, Elternbeirat, Schulkonferenz - das Thema diskutiert. Es wurde festgelegt, dass bei einer Zweidrittelmehrheit G8 eingeführt werden sollte. Diese Mehrheit wurde in der Schulkonferenz  mit über 70 Prozent erreicht. Fast automatisch wurde diese Entscheidung mit der Einführung der offenen Ganztagsschule verknüpft, die dann drei Jahre später beantragt wurde. Da lag die Zustimmung dann bei 100 Prozent. Wir waren uns einig, dass G8 und Ganztagsschule zusammengehören.

Online-Redaktion: Was brachte Sie und Ihre Schule zu dieser Einsicht?

Rahner: Das mag auch mit meinen beruflichen Erfahrungen zu tun haben. Ich bin sechs Jahre an einer Schule im Ausland tätig gewesen, die bis 16.30 Unterricht hatte. Ich war also mit dem Thema Ganztagsschule vertraut. Der erste Ansatz in unserer Schule war die Einsicht, dass wir eine Mittagspause brauchen würden. Die Diskussion verlagerte sich nach der Entscheidung, keine gebundene, sondern eine offene Ganztagsschule einzuführen, dann zu den Fragen: Wie kann man die Nachmittage sinnvoll gestalten? Wie kann man Schule in diesem Rahmen verändern? Welche Arbeitsgemeinschaften sind sinnvoll? Wie können wir stützen und fördern? Als wir den Antrag auf Ganztagsschule einreichten, hatten wir dank dieser Diskussionen bereits ein fertiges Förderkonzept und ein Konzept für die Arbeitsgemeinschaften entwickelt, die dann auch umgesetzt wurden.

Online-Redaktion: Wieso ist die Zustimmung zur Ganztagsschule so hoch ausgefallen?

Rahner: Wir haben die Entscheidung richtig eingetütet. Zu Beginn der Diskussion gab es zwar einzelne Kolleginnen und Kollegen, die sich gegen die Ganztagsschule aussprachen. Durch "Öffentlichkeitsarbeit" konnten wir die Stimmung aber positiv wenden: Ich habe einen Ordner im Lehrerzimmer aufgestellt, der alle Pläne und Umsetzungsmaßnahmen enthielt - einschließlich der Aufgaben, die auf das Kollegium zukommen würden. Als dies dann im Kollegium diskutiert wurde, war der Konsens auf einmal da: Ach, so schlimm ist es ja gar nicht. Diese Überzeugungsarbeit nahm ein halbes Jahr in Anspruch.

Online-Redaktion: Mit IZBB-Mitteln haben Sie unter anderem eine Mensa für die Mittagsversorgung gebaut. Welchen Anteil hat diese an der Veränderung des Schulalltags?

Schülerinnen und Schüler an der Theke der Mensa

Rahner: Mit der Einführung der Mensa hat sich unsere gesamte Kommunikation verändert. Die Mensa sollte ein Treffpunkt werden. Deshalb liegt sie auch mitten im Verkehrswegebereich der Schülerinnen und Schüler. Was uns bei der Beschlussfassung aber gar nicht so bewusst war, ist das Maß an Veränderung, die sie bringen würde. Nach zögerlichem Beginn hat sie sich zu einem Ort der Begegnung zwischen Schülern und Lehrkräften entwickelt, die dort zusammensitzen und sich unterhalten.

Online-Redaktion: Wie steht es um das "Kerngeschäft" der Mensa, das Mittagessen?

Rahner: Da haben wir großes Glück. Der Betreiber führt die Mensa auf eigene Kosten und eigenes Risiko, orientiert sich an den Schülerwünschen und ist sehr beweglich in seinem Angebot. Ein Menü - heute gab es beispielsweise Grünkohl mit Kassler und Kartoffeln - kostet zwei Euro. Die Schülerinnen und Schüler wählen Gerichte mit Pizza und Pasta rauf und runter. Nach etwa einem Jahr hat auch die Resonanz im Kollegium zugenommen, die nun auch ihr Mittagessen hier bestellen. Leider ist die Mensa jetzt schon zu klein. Konzipiert wurde sie für rund 100 Personen. Wir sind gerade dabei, zwei Mahlzeitenschichten einzurichten.

Online-Redaktion: Pizza und Pasta - da dürften manche die Augen verdrehen. Wie sieht es mit der gesunden Ernährung aus?

Rahner: Es gibt eine Elterngruppe Mensa, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Die Schülerinnen und Schüler können frisches Obst kaufen, und wir führen keine Softdrinks. Aber man muss auch realistisch sein: Wenn die Kinder und Jugendlichen das Essen bei uns nicht annehmen, dann gehen sie in die 100 Meter entfernten Schnellimbisse. Mir ist es lieber, sie bleiben bei uns.

Online-Redaktion: Strahlt Ihre Zufriedenheit auch nach außen? Wie entwickeln sich Ihre Anmeldezahlen, auch die Ganztagsschule betreffend?

Rahner: Da hat sich etwas verändert: Am Anfang betonten Eltern bei der Einschulung ihrer Fünftklässler, dass ihre Kinder das Mittagessen zu Hause einnehmen würden. Inzwischen ist das kein Thema mehr. Nun werden wir im Gegenteil von Eltern nachgefragt, die beide berufstätig sind und ihre Kinder gut aufgehoben wissen wollen. Die Hausaufgabenbetreuung durch Lehrer und Referendare nehmen sie natürlich auch dankbar an.

Online-Redaktion: Wie bekommen Sie Hausaufgaben und Ganztagsschule unter einen Hut?

Rahner: Über das Thema Hausaufgaben haben wir zwei Diskussionen geführt. Schon im Zuge der G8-Einführung ging es um den Umfang der Hausaufgaben, den wir rigoros verringerten, nachdem wir heftige Beschwerden von Elternseite zu hören bekamen. In Teilbereichen setzten wir stattdessen auf Übungsphasen im Unterricht. Momentan diskutieren wir über den Sinn von Hausaufgaben. Sollte man überhaupt noch welche aufgeben? Wenn ja, wie müssten sie dann beschaffen sein?

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Förderkurse organisiert?

Rahner: Bisher lagen auch die Stütz- und Förderkurse im Nachmittagsbereich. Das wird sich allerdings ändern: Sie werden integraler Bestandteil des Unterrichts, indem die Fächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen eine Wochenstunde abtreten. Diese werden als Differenzierungsstunden ausgewiesen. Die Lehrkräfte sind derzeit damit beschäftigt, einen Pool an Arbeitsmaterialien zusammenzustellen, um differenziert auf die Schülerinnen und Schüler zugehen zu können.

Online-Redaktion: Die Nachfrage nach den Ganztagsangeboten wächst. Wie sieht es mit den Anmeldezahlen Ihrer Schule insgesamt aus?

Rahner: Die Anmeldezahlen steigen überproportional, was vor allem dem Kollegium zu verdanken ist. Die Lehrerinnen und Lehrer haben es geschafft, den Eltern unser Gymnasium als fordernde und fördernde Einrichtung zu vermitteln. Die Eltern wissen ihre Kinder in guten Händen. Wir erreichen das, indem wir buchstäblich ständig darüber nachdenken, wie wir Unterricht verbessern können.

Unterrichtsentwicklung ist ein zentrales Thema, ebenso wie die Diagnostik. Wir fragen uns, nach welchen Kriterien man Schüler beurteilen kann. Da zählt eben nicht nur eine einmalige Arbeit. Wir sind weggekommen vom "Nürnberger Trichter", sondern bieten an unserer Schule die Möglichkeit, auch anders zu lernen, als man es vielleicht klassischerweise von Gymnasien gewohnt ist. Unsere Bemühungen werden von den Eltern mit Vertrauen honoriert, zeigen aber auch konkret Wirkungen in unseren sehr geringen Sitzenbleiberquoten.

Online-Redaktion: Welche weiteren Veränderungen wird es an Ihrer Schule geben?

Rahner: Unsere Schule hat einen Projektantrag gestellt, um im kommenden Schuljahr eine Ingenieurakademie zu eröffnen. Wir wollen den Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 10 und 11 ein Angebot machen, über den normalen Unterricht hinaus in vier Semestern à 60 Wochenstunden auch an außerschulischen Lernorten zu lernen. Dazu habe ich Partner aus der Industrie gefunden, die bereit sind, den Schülern Einblicke zu gewähren, die sie selbst im Studium nicht unbedingt bekommen können. Ziel dieses Projektes ist es, Erfahrungen zu sammeln und zu schauen, ob einen bestimmte Berufsfelder interessieren.

Ich denke, dass dies der Einstieg in eine komplette Veränderung von Schule ist: Über das Klassenzimmer hinaus wird der Lernort Schule deutlich ausgeweitet.

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