Werte vermitteln macht Ganztagsschule

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln, ist ein Ziel der August-Sander-Schule Altenkirchen. Zum Beispiel im Projekt "Boxen macht Schule".

© August-Sander-Schule

Zwischen Laura (15) und Dominik (16) herrscht Einigkeit. Immer wieder donnerstags, kurz nach der Mittagspause, steht für sie ein Highlight der Schulwoche an: Sie treffen sich mit 15 anderen Schulfreunden zu einer außergewöhnlichen Arbeitsgemeinschaft: Boxen. Die August-Sander-Realschule Plus in Altenkirchen bietet sie seit nunmehr drei Jahren im Rahmen des Projektes „Boxen macht Schule“, das vom Boxclub Montabaur e.V. unterstützt wird, an.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Jan Meurer. Er ist hauptberuflich seit 2003 Justizvollzugsbeamter, aber schon seit 1997 leidenschaftlicher Boxer und Thai-Boxer. Durch seinen Beruf kommt er mit vielen Menschen zusammen, die die Orientierung in ihrem Leben verloren haben. Darunter sind leider auch viele Jugendliche. Seinen Wunsch formulierte er einmal so: „Ich möchte jungen Leuten wieder neue Perspektiven für ihr Leben geben, bevor sie ‚hinter Gittern’ landen.“ Kampfsport kann dazu beitragen, die Weichen neu zu stellen, andere Werte zu verinnerlichen. Laura und Dominik können dem nur beipflichten: „Ohne Respekt, Disziplin und das Einhalten von Regeln funktioniert Boxen nicht“, versichern die beiden. Und ganz nebenbei wächst das Selbstbewusstsein.

Kreis
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Nun ist es wahrlich nicht so, dass Laura und Dominik drohten auf die schiefe Bahn zu geraten. „Nein“, sagen sie, „wir haben einfach Freude an diesem Sport und freuen uns über die Dinge, die wir neben körperlicher Fitness mitnehmen können.“ Bei Dominik wirkt sich das besonders intensiv aus: Schon seit drei Jahren boxt er aktiv im Boxring Westerwald. Soweit ist es bei der 15-Jährigen (noch) nicht. Und vor allem war auch nicht abzusehen, dass sie die Leidenschaft fürs Boxen derart packen würde. „Beim ersten Training habe ich mich richtig erschreckt. Die körperliche Gewalt war mir so fremd. Ich wollte nur weglaufen.“ Doch Schulsozialarbeiterin Uta Löw ermunterte sie weiterzumachen. „Zum Glück“, betont die selbstbewusste Schülerin.

Mit Respekt und Akzeptanz

Diese Zufriedenheit strahlt nicht nur sie aus. „Laura und Dominik üben in der Gruppe eine hervorragende Vorbildfunktion aus“, lobt Uta Löw. Sie nehmen sich der anderen, zum Teil sogenannten verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern an, geben ihnen Tipps und weisen sie schon einmal darauf hin, wenn ihr Verhalten Grenzen überschreitet. Das geschieht auch, wenn Dominik seine Freizeit opfert, um während der Lernzeiten im Ganztag Jüngeren als Lernpate zur Seite zu stehen. Ganztagskoordinatorin Anke Becker zeigt sich ob dieses Engagements begeistert: „Mensch Dominik, kannst du das nicht viermal pro Woche machen...“.

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Kaum ausgesprochen, wird das Gesicht der Pädagogin nachdenklich. Nicht wegen Dominik. Nein, wegen der Begrifflichkeit. „Sind Kinder verhaltensauffällig?“, fragt Uta Löw. Eine passende Antwort findet sie in dieser Minute nicht. Doch der Moment ist ein Beleg für die Einstellung des Kollegiums gegenüber den knapp 800 Schülerinnen und Schülern, von denen 100 den Ganztag nutzen. Ihnen wird mit Respekt und Akzeptanz begegnet. Zwei jener Werte, die vor dem Sekretariat wie gedankliche freundliche Wolken über dem „Ganzen“ schweben: Gerechtigkeit, Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Zielstrebigkeit, Würde und Pünktlichkeit gehören dazu.

Intensive Kommunikation

„Wir stehen für Werte und wollen diese auch vermitteln“, erläutern Anke Becker und Uta Löw. Sie wissen, dass dies bei manchen Kindern und Jugendlichen schneller, bei anderen langsamer und mit mehr Energie gelingt. „Sicher aber ist, dass wir über den Sport leichter an die Kinder und Jugendlichen herankommen“, versichern sie. Dominik ist überzeugt: „Die faire sportliche und körperliche Auseinandersetzung ist immer auch mit Ehrgeiz verbunden.“

Basteln
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Genau an diesem Punkt „packte“ er einen jüngeren Schüler in der viermal wöchentlich angebotenen Lernzeit im Ganztag. Dominik spürte, dass dieser ihm unbedingt beweisen wollte, wie gut er doch schon die englische Sprache beherrsche. Dominik ließ sich auf den Wettbewerb „Wer kann mehr Worte übersetzen?“ ein. Und schon galt das Büffeln von Vokabeln nicht mehr als unangenehmes Übel.

Es sind solche und ähnliche Beispiele, die Becker und Löw daran glauben lassen, sich mit dem Konzept der Schule auf dem richtigen Weg zu befinden: interessiert an den Schülerinnen und Schüler, wachsam für ihre Entwicklung und bereit einzugreifen, wenn sich jenseits des Lernfortschritts Probleme im Sozialen und Familiären auftun. Eine intensive Kommunikation zwischen allen in der Schule Tätigen, angefangen von den Lehrkräften über das Personal im Ganztag bis zu den „Externen“, ermöglicht, die Kinder und Jugendlichen besser einzuschätzen. Über ihre Eindrücke von den Schülerinnen und Schülern tauschen sie sich untereinander aus.

Offen für Optimierungen

Für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für ihre Eltern, hat das gesamte Schulteam stets ein offenes Ohr und einen geeigneten Treffpunkt. Zwei Räume hat die Schule für Elterngespräche fest zur Verfügung gestellt. Die Eltern wissen und erleben, dass sich die August-Sander-Realschule Plus nicht mit dem Status quo zufriedengibt. „Wir schauen immer, was und wie wir es optimieren können“, verspricht Anke Becker. Als gelungen betrachtet sie beispielsweise die Einführung des Lehrerraumprinzips seit diesem Schuljahr.

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Gleiches gilt für den Einsatz ihrer Kollegin Carolin von Heesen. Sie wechselte als ausgebildete Expertin für „Deutsch als Zweitsprache“ glücklicherweise exakt zum richtigen Zeitpunkt, als der Zuzug von Flüchtlingen besonders stark war, an die Schule. Im Unterricht, aber auch in speziellen Projekten, Theater- und Ferienprogrammen unterstützt sie ganze Familien beim Lernen der deutschen Sprache.

Zur Rubrik „gelungen“ zählen Anke Becker und Uta Löw auch die Aufwertung und Zertifizierung der Mensa zu einer „gesunden und abwechslungsreichen Küche“ oder die Arbeit als Kulturforscherschule. Entdeckendes und forschendes Lernen findet nicht nur in der Arbeitsgemeinschaft „Kultshop“, sondern in jedem Unterrichtsfach seinen Niederschlag. Ein forschendes Projekt pro Fach sollte es im Schuljahr schon sein. Was ganz nebenbei auch die Heimatkunde stärkt, wenn die Schülerinnen und Schüler beispielsweise herausfinden sollen, wo sich im Nachbarort Weyerbusch Spuren des in Hamm an der Sieg geborenen Sozialreformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen finden lassen.

Prävention
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Dass darüber hinaus in jeder Jahrgangsstufe ein Präventionsprojekt – von den „Suchtpräventionstagen“ über „Medienkompetenz“ bis hin zur „Baby-Bedenkzeit“ der Diakonie – obligatorisch ist, lässt Becker und Löw zu dem Ergebnis kommen: „Unsere Stärke ist unsere Vielfalt.“ Dabei verlieren sie mögliche Verbesserungspotenziale nicht aus den Augen. „Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, noch individuellere Lösungen der Betreuung im Ganztag zu entwickeln“, formuliert Anke Becker ein Ziel.

Das könnte beispielsweise bedeuten, dass flexibler entschieden wird, in welchem Fach die Ganztagsschülerinnen und -schüler spezielle Förderung nutzen können, anstatt dass unabhängig vom Bedarf alle an den festgelegten Fördereinheiten – aktuell in den Hauptfächern – teilnehmen müssen. Ein weiterer Wunsch lautet: Der Großteil der Hausaufgaben sollte in den Lernzeiten erledigt werden können. „Wenn uns das gelingt, empfinden die Schülerinnen und Schüler den Ganztag noch stärker als Gewinn. Es wäre doch klasse, wenn sie von jenen, die nach dem regulären Vormittagsunterricht nach Hause gehen, um ihre Ganztagszeit am Nachmittag beneidet würden“, wünscht sich Anke Becker.

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