Mittagszeit ist Bildungszeit

Gute Ganztagsschulen bieten nicht nur Mittagessen und Mittagspause, sondern „Mittagsband“ oder „Mittagsfreizeit“. Um die pädagogische Gestaltung ging es beim Fachtag „Essen und erholen: Die Gestaltung der Mittagsfreizeit im Ganztag“ in Augsburg.

© Britta Hüning

Die Mittagsfreizeit einer Ganztagsschule ist mehr als das Mittagessen. Auf dem Fachtag „Essen und erholen: Die Gestaltung der Mittagsfreizeit im Ganztag“ am 28. November 2017 in der Westpark-Grundschule informierten sich rund 60 Teilnehmer über die Möglichkeiten, wie das Mittagessen und die Mittagsfreizeit auch pädagogisch genutzt werden können, ohne den Schülerinnen und Schülern den Erholungscharakter zu nehmen.

Henry Steinhäuser, Referatsleiter im Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung und dort für das Thema Ganztag zuständig, führte dies zum Auftakt der Veranstaltung der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ und der Vernetzungsstelle Schulverpflegung in seinem Impulsreferat aus. Für ihn spiegelt gerade die Mittagszeit das erweiterte Bildungsverständnis einer Ganztagsschule als Lern- und Lebensraum wider. „Die Schülerinnen und Schüler können das Schulgelände als Lebensort wahrnehmen und natürliche Gegebenheiten als Bewegungs- und Rückzugsräume entdecken.

Obst
Frisches Obst und Gemüse für alle Klassen der Westpark-Grundschule© Redaktion www.ganztagsschulen.org
Solche Rückzugsräume kann es auch in offenen Bereichen geben, wie zum Beispiel Nischen in den Wänden.“ Es müsse auch Räume und Zeiten ohne Erwachsene geben. Um dies umzusetzen, sollten sich die Ganztagsschulen die Unterstützung außerschulischer Partner sichern.

Der Referatsleiter zitierte unter anderem die Studie „PIN – Peers in Netzwerken“ von Prof. Maria von Salisch, wenn er vom „pädagogischen Belagerungszustand“ sprach, den es zu vermeiden gelte. Stattdessen müsste es den Schülerinnen und Schülern möglich sein, die Mittagsfreizeit auch zum Aufbau und zur Pflege von Freundschaften zu nutzen.

Bedenklich sei andererseits die hohe Zahl von 44 Prozent von Schülerinnen und Schülern, die in der Münchner Schulklimabefragung 2014 angaben, die schulischen Freizeitangebote gingen an ihren Interessen vorbei. „Wir müssen mit Flexibilität und Kompetenz auf die Wünsche der Schülerinnen und Schüler eingehen und die Freizeitangebote von Anfang an mit ihnen und den Lehrkräften planen und gestalten“, so Steinhäuser.

Mittagszeit ist Bildungszeit

Ann-Kathrin Hillenbrand vom Kompetenzzentrum für Ernährung berichtete in ihrem Impulsreferat „Mittagsverpflegung – Qualitätsmerkmal im Ganztag“, dass in Bayern 600.000 Kinder und Jugendliche in Kitas und Schulen essen. „Hier liegt das Potenzial, Schülerinnen und Schülern neue Speisen nahezubringen, gesundes Essen und Tischkultur zu vermitteln“, so Ann Kathrin Hillenbrand. „Die Mittagszeit ist auch Bildungszeit, sie kann Prävention und Gesundheitsförderung leisten.“

Pauline-Thoma-Schule Kolbermoor: Schulküche und Aufenthaltsräume aus IZBB-Mitteln© Britta Hüning

Ein gutes Praxisbeispiel lag direkt nebenan: Über den Tag konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer während ihrer Pausen und des eigenen Mittagessens in der Mensa der Grundschule, die im offenen Eingangsbereich liegt, den ganzen Prozess von der Vorbereitung des Eindeckens der Tische über das Essen der Schülerinnen und Schüler bis zum Putzen und Aufräumen verfolgen.

Schulleiterin Julia Schoft und ihr Team sind stolz auf die mit dem Qualitätssiegel „Schule+Essen=Note1“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zertifizierte Mensa, in der die Schülerinnen und Schüler unter dem Motto „Benimm ist in“ auch Tischkultur einüben. „Das Essen soll nicht nur schmecken und satt machen, sondern die gemeinsame Mahlzeit auch Spaß machen. Eine angenehme Tischatmosphäre ist uns deshalb wichtig“, so die Rektorin.

Mit „Coaching Schulverpflegung zur DGE-Zertifizierung

Den heutigen Stand der Mensa hat die Westpark-Grundschule nicht alleine erreicht. „Wir wären ohne diese Begleitung der Vernetzungsstelle Schulverpflegung nicht da, wo wir heute sind“, erklärte Jutta Schoft dem Plenum. Im Schuljahr 2013/2014 habe man das „Coaching Schulverpflegung“ der Servicestelle Schulverpflegung in Anspruch genommen. „Ich kann jedem nur raten, so etwas zu machen“, riet Schulleiterin Jutta Schoft.

Billard
© Britta Hüning

Veronique Germscheid vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Augsburg stellte den Teilnehmenden dieses „Coaching Schulverpflegung“ vor. Am Coaching können Schulen teilnehmen, die ihre Mittagsverpflegung verbessern wollen. Sie werden für ein Jahr lang begleitet. Die Schule analysiert ihr Verpflegungsangebot und erarbeitet individuelle Ziele und Maßnahmen zur Verbesserung. Dabei werden die Aspekte Gesundheit, Nachhaltigkeit, Wertschätzung und Wirtschaftlichkeit einbezogen. „Ganz wichtig ist, dass die Schulleitung dahintersteht“, betonte Veronique Germscheid. Im vergangenen Schuljahr wurden in Bayern 30 Schulen gecoacht.

Jutta Schneider, die Leiterin des Spielhauses Sophienstraße in München, dessen Aktivitäten sie vorstellte, wurde mehrfach mit einer Frage konfrontiert, die sie nur allzu gut kennt: Die Frage nach der Aufsicht. Wie schafft es das Team des Spielhauses Sophienstraße in München, innerhalb der 90 Minuten Mittagszeit die rund 200 Schülerinnen und Schüler zu beaufsichtigen, die vom gegenüberliegenden Luisengymnasium zu ihnen kommen? Wann greift man bei Konflikten ein? Darf der Junge auf den Baum klettern? Wie hoch ist die Verletzungsgefahr beim Einradfahren?

Luisengymnasium und Spielhaus – eine gewachsene Partnerschaft

Jutta Schneider ist Diplom-Sozialpädagogin, seit 1981 im Spielhaus Sophienstraße tätig und seit 1996 dessen Leiterin. Abgesehen davon, dass in diesen Jahrzehnten glücklicherweise kein Kind und kein Jugendlicher zu Schaden gekommen ist, kann sie nur feststellen: „Es gibt keine allgemein gültige Regel. Mein Team hat auf jeden Fall den Überblick, und auch unter uns Kolleginnen sind die Sichtweisen, wann in Konfliktsituationen eingegriffen werden muss, unterschiedlich.“

Spielhausleiterin Jutta Schneider© Spielhaus

Mit den Lehrkräften des Luisengymnasiums, die die Fünft- bis Achtklässler an drei Wochentagen zum Spielhaus begleiten, bespreche man das immer mal wieder. „Unser mit Matten ausgelegter Toberaum mit den Kissen und Decken ist da der spannendste Ort, weil die Kinder hier an Konflikten am besten lernen können“, meint Jutta Schneider. Man wolle die Stärken und Neigungen unterrichtsferner Art erkennen und fördern und spreche dazu viel mit den Lehrerinnen und Lehrern.

Das Spielhaus Sophienstraße nennt die Diplom-Sozialpädagogin einen „Ort für wildes Lernen“ – im Sinne von ungeplant und unangeleitet. Träger des Spielhauses ist der Kreisjugendring München-Stadt. „Wir bieten den Schülerinnen und Schülern Spielmöglichkeiten im Haus und auf unserem Spielplatz. Ein Wochenrätsel, bei dem man um die Ecke denken muss, lädt zum Mitmachen ein. Die Schülerinnen und Schüler haben auch schon bei der Karaoke-Veranstaltung 'Kids on Stage' teilgenommen. Die Kinder können sich Spiele und Geräte ausleihen, sie können singen, tanzen, Musik machen oder sich auch einfach nur erholen und chillen. Alle ausgeliehenen Geräte ordne man in einem Karteikästchen dem jeweiligen Kind und Jugendlichen zu, um den Überblick zu behalten – „ohne unseren Karteikasten wären wir verloren“, meint Jutta Schneider.

Konzentration, Koordination und Kommunikation

Seit 2005 ist das Luisengymnasium gebundene Ganztagsschule, und ebenso lange reicht die Zusammenarbeit mit dem Spielhaus zurück. Das Ganztagsgymnasium machte einst aus der Not fehlender geeigneter Räume eine Tugend und suchte den Kontakt zum Spielhaus Sophienstraße. Nun wird jährlich ein Kooperationsvertrag erneuert, was längst nur noch Formsache ist. An einem Wochentag kommen die Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern, um das Außengelände des Spielhauses zu nutzen, ohne dass das Spielhaus-Team involviert ist.

Spielhaus Drache
© Spielhaus

Aus dem sehr engen Kontakt des Spielhaus-Teams, das noch aus Erzieherin Kerstin Hof, Sozialpädagogin Susann Lange und Kunstpädagogin Marlene Charlotte Pruss besteht, mit den Lehrkräften der Mittagsbetreuung, ist ein gegenseitiges Verständnis für das jeweilige Arbeitsfeld entstanden. Gemeinsam haben alle über die Jahre verschiedene Projekte realisiert. So entstand zum Beispiel im Kunstunterricht des Gymnasiums ein Graffiti auf der Ballwand des Spielplatzes oder in der Behindertentoilette eine neue Fliesengestaltung. Schülerinnen des Gymnasiums beteiligen sich mit dem Spielhaus an der "one billion rising"-Aktion gegen Gewalt gegen Frauen, und die Lehrkräfte übernahmen das Thema in ihrem Ethikunterricht. Die Gymnasiasten übernahmen bei einem Fest des Spielhauses das Catering, umgekehrt beriet und begleitete das Spielhaus-Team ein Praxisseminar im Sozialkundeunterricht zum Thema „Kinder und Jugendliche in der Maxvorstadt – Aufwachsen in einer Citynahen Umgebung“.

Nun hat nicht jede Ganztagsschule das Glück, einen Partner für die Gestaltung der Mittagszeit zu haben, der buchstäblich nebenan liegt. Wie es sich in einem Raum ohne große Geräte spielen lässt und der Spaßfaktor dennoch nicht zu kurz kommt, zeigte Dr. Alois Hechenberger in seinem ausgebuchten Workshop „Kraft tanken – Pausenspiele für zwischendurch“.

© Britta Hüning

Der österreichische Pädagoge, seit 2013 Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein in Innsbruck, ist ein großer Verfechter der Erlebnispädagogik. Die interaktiven Spiele, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Kreis stehen oder sich durch den Raum bewegen, benötigen Konzentration und Koordination. Bei den verschiedenen Klatsch-, Zeige-, Sprach- und Geräuschbewegungen ist Reaktionsschnelle genauso gefragt wie Kommunikation. „Manche Spiele eignen sich sehr gut für Kinder und Jugendliche, die die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrschen“, erzählte Hechenberger. Dass seine Spiele zumindest bei den außerschulischen Pädagoginnen und Pädagogen und Lehrkräften sehr gut ankamen, ließ sich an der bereits nach wenigen Minuten ausgelassenen Stimmung im Workshop beobachten.

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