Schulbauten für die Zukunft

Schulbauten der Zukunft - wirtschaftlich, energieeffizient, nachhaltig und pädagogisch sollen sie sein. Aber wie bekommt man alles Wünschenswerte in Zeiten leerer Kassen unter einen Hut? Könnte Sanieren sinnvoller sein, als komplett neu zu bauen? Der oberbayerische Landkreis Erding hat seine neue Fachober- und Berufsoberschule in Passivhausbauweise errichtet und lud anlässlich des Bezugs zu einer Fachkonferenz am 14. April 2011 nach München ein.

In den 1960er und 1970er Jahren war Energie vergleichsweise billig, die Zinsen vergleichsweise hoch. Wenn eine Kommune also ein Schulgebäude errichten ließ, dann rechnete es sich, dies möglichst kosteneffizient zu tun - was zu Lasten der Energieeffizenz ging. Das hatte zweierlei Folgen, welche die Schulträger noch jahrzehntelang belasten sollten: Zum einen litten die Gebäude unter einer extremen Reparaturanfälligkeit, sodass die Gemeinden im Laufe der Jahre mehr Mittel für den Erhalt der Substanz aufwenden mussten als für die ursprünglichen Baukosten.

Zum anderen sorgen heute die Energiekosten für Sorgenfalten auf der Stirn eines jeden Kämmerers. Denn wie der Einsatz von Wärmebildkameras bei vielen dieser Schulbauten plastisch vor Augen führt, "heizen diese Schulgebäude die Gehsteige", wie es eine Tageszeitung formulierte. So wird in Zeiten der Haushaltssperren die Frage virulent, ob man die galoppierenden Kosten nicht durch Sanierung oder gar Neubauten in den Griff bekommt. Die energetischen Möglichkeiten, die inzwischen bestehen, können gravierende Unterschiede im Unterhalt eines Schulgebäudes ausmachen. Da die vorhandenen Gebäude zudem architektonisch oft alles Andere als anregend sind und gerade für einen Ganztagsschulbetrieb nicht über passende Räumlichkeiten verfügen, kommen die Schulträger noch nachhaltiger ins Grübeln.

Der Landkreis Erding in Oberbayern hat für den Neubau seiner Fachober- und Berufsoberschule die ganz große Lösung gewählt: Auf rund 2.500 Quadratmetern ist für circa 17 Millionen Euro Baukosten in knapp zwei Jahren Bauzeit ein zwei- bis dreigeschossiges Gebäude in Passivhausbauweise mit einer Nettogrundfläche von etwa 7.600 Quadratmetern entstanden. Landrat Martin Beyerstorfer erklärt die Entscheidung für den Neubau mit der außergewöhnlichen demographischen Entwicklung in seinem 127.000 Einwohner umfassenden Landkreis: "Bei uns leben 30 Prozent unter 25-Jährige, was uns zum jüngsten Landkreis Bayerns macht. Kindertagesstätten und Schulen sind daher ein großes Thema bei uns. In der alten, provisorisch eingerichteten Berufsoberschule lernten acht Klassen - das ging gerade so. Aber dann wurde es schnell wieder zu eng."

Bereits 2003 beantragte der Kreistag aufgrund der rasant ansteigenden Schülerzahlen die Errichtung eines Neubaus: Während im Schuljahr 2003/2004 etwa 160 Jugendliche die Schule besuchten, sind es inzwischen 783 Schülerinnen und Schüler in 26 Klassen.

Schülerinnen und Schüler in Planungsphase einbezogen

"Das Besondere an diesem Projekt ist die Einbindung der Schüler- und der Lehrerschaft sowie der Öffentlichkeit während der Planungsphase gewesen", erklärt die Diplom-Ingenieurin Cornelia Jacobsen. "Dies hat die Identifikation aller Beteiligten mit dem Projekt erhöht." Die Einbeziehung der Nutzerinnen und Nutzer war eine Vorgabe der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, die den Neubau mit 765.000 Euro förderte.

Im März 2009 begannen die Bauarbeiten, zwei Jahre später konnte im März 2011 der Unterricht in den neuen Räumlichkeiten aufgenommen werden. 25 Klassenräume mit dazugehörigen Fach-, Gruppen- und Mehrzweckräumen, eine Aula mit etwa 500 Quadratmetern sowie Schulküche und Kantine stehen den Schülerinnen und Schülern nun zur Verfügung. Am 20. Mai 2011 schließlich fand die feierliche Einweihung des Neubaus der Fachober- und Berufsoberschule statt. Hier würdigten alle Rednerinnen und Redner das zukunftsweisende Projekt.

Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle lobte die "offene architektonische Sprache" des Gebäudes und die wegweisende Ausführung der Passivhausbauweise, die bei Betrachtung der gesamten Nutzungsdauer einen um zwei Drittel geringeren Energiebedarf gegenüber einem vergleichbarem Standardgebäude ausmachen soll.

Energiesparen lehren, nicht Energie verschwenden

Dies wird durch den Einsatz verschiedener Baumaßnahmen und Techniken erreicht: Zum Beispiel durch eine passive Sonnenenergienutzung, optimierte Tageslichtnutzung, reduzierte Haustechnik, den Einbezug hybrider Lüftungs- und Kühlungskonzepte, den Einsatz von Umweltkälte durch Nachtlüftung und Brunnenwasserkühlung. Die Restwärmeversorgung erfolgt über eine Anbindung an den Rücklauf der benachbarten Gastro-Berufsschule, hohe Dämmstandards, eine flächendeckende mechanische Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung und die Geothermie-Fernwärmeversorgung.

Der Neubau der Fachober- und Berufsoberschule in Erding

Die Einweihung der Fachober- und Berufsoberschule nahmen der Landkreis Erding, die Bayerische Architektenkammer und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt zum Anlass, Architekten und Ingenieure sowie Vertreter aus Verwaltung und Schulen am 14. April 2011 nach München in die Katholische Akademie Bayern zur Fachkonferenz "Schulbauten für die Zukunft" einzuladen.

"Die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, wie es sein sollte, ist gerade im Bereich der Schulbauten besonders groß", beklagte Dr. Fritz Brickwedde, der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. "Abgesehen von den ästhetischen Komponenten ist es wichtig, dass wir auch den Kindern und Jugendlichen das Energiesparen nahe bringen. Demgegenüber wird jedoch die Energie in den Schulen oft verschwendet. Daher freuen wir uns über die positiven Beispiele von Erding und Sonthofen."

Raus aus den Schuhkartons

So wird derzeit das Gymnasium Sonthofen generalsaniert. Dieses Pilotprojekt  wird unter anderem mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt gefördert. Das gesamte Haus ist entkernt und auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden, sodass es in Zukunft laut Aussage des verantwortlichen Architekten Werner Haase 91 Prozent Energieersparnis aufweisen wird. Die Kosten für Strom und Gas sollen von derzeit 118.000 Euro im Jahr auf jährlich 23.000 Euro sinken. Haase plädierte auf Nachfrage aus dem Plenum für die Sanierungsvariante, so weitreichend sie auch sein möge: "Ich würde dies immer einem Abriss und Neubau vorziehen, denn so können wir die bereits bestehende, wertvolle Rohbausubstanz nutzen."

Aber es ist nicht nur der Bereich der Energieeffizienz, der den Umbau von Schulen notwendig macht, sondern dies erfordern auch die veränderten Ansprüche an Pädagogik und Unterricht. Gerade Ganztagsschulen werden immer mehr auch Lebensorte, schon allein deshalb, weil sich die Verweildauer der Schülerinnen und Schüler im Vergleich zur Halbtagsschule erhöht. Dr. Karl-Heinz Imhäuser von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft bezifferte diese Erhöhung bei Schülerinnen und Schüler auf 60 Prozent, bei Lehrkräften gar auf 70 Prozent. So viel Zeit könne niemand mehr am Stück in Schuhkasten-Klassenzimmern in Sitzreihen verbringen.

Schulgebäude

Zumal auch ein anderes, selbst organisiertes Lernen erforderlich sei, dass andere Lernumgebungen nötig mache: Statt Stillsitzen und Zuhören seien Rhythmuswechsel - zwischen Informieren, Experimentieren, Konzentrieren, Präsentieren, Kommunizieren und Erholen - erforderlich. Ebenso vielseitig nutzbar müssten die Räumlichkeiten der Schule gestaltet werden. "Es gibt bereits viele gute Beispiele für eine Architektur und eine Raumgestaltung, die mit den pädagogischen Methoden korrespondiert, zum Beispiel die Geschwister-Scholl-Schule im westfälischen Lünen, die Hans Scharoun Ende der 1950er Jahre entworfen hat", erklärte Imhäuser. Die Entwicklung in der Schulbauarchitektur gehe in Richtung offener, cluster-artiger Lernlandschaften, meinte der Pädagoge.

Das Thema Schulbauten dürfte die Bundesrepublik auch in den kommenden Jahren beschäftigen. Fritz Brickwedde zitierte aus einer Studie des Instituts für Urbanistik: "Laut deren Berechnungen wird in den kommenden zehn Jahren ein Investitionsbedarf von 70 Milliarden Euro in Schulen fällig."

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