"Künstlerische Prozesse wagen" - Schulbau als Kunst

Die "Pädagogische Architektur" befindet sich seit PISA und dem Auf- und Ausbau der Ganztagsschulen im Aufwind. Zahlreiche Architektinnen und Architekten drängen seitdem in die Schulen, um Schulentwicklung zu Gunsten von mehr Qualität und besserer Schulräume anzustoßen. Wie es aber gelingen kann, Schulentwicklung durch die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern, externen Partnern und den kommunalen Institutionen umzusetzen, zeigt das Modellprojekt "Schulkunst" der Düsseldorfer Künstlerin Ute Reeh. Im folgenden Beitrag wird das Projekt vorgestellt. In einem zweiten Teil wird seine Realisierung an zwei Schulstandorten beschrieben.

Düsseldorf scheint ein bevorzugter Ort zu sein, um neue Wege der Schulentwicklung in Kooperation mit Künstlern, Architekten und Lehrkräften zu beschreiten. Hier finden sich soziale, kulturelle und urbane Bedingungen, die viele Schulen dazu bewegen, etwas Neues auszuprobieren. Dabei scheinen die Voraussetzungen für eine Pädagogische Architektur auf den ersten Blick nicht allzu rosig zu sein, denn wer sich vor Ort ein Bild vom baulichen Zustand und der Ästhetik so mancher Schule in Düsseldorf macht, mag sich verwundert fragen, wie hier vernünftige Schulleistungen erbracht werden sollen?

Viele Bausünden gehen in Düsseldorf auf die 1960er und 1970er Jahre zurück, als die geburtenstarken Jahrgänge die Schulträger zum raschem Ausbau der Schulen drängten und vor dem Hintergrund der ersten Konjunkturkrisen Funktionalität und Sparsamkeit zu obersten Tugenden erkoren wurden. Was aber damals als sparsam galt, ist heute mit hohen Energiekosten verbunden.

Schularchitektur zwischen Bildungsexpansion und PISA

Erstes Beiratstreffen Schulkunst in der Alfred-Herrhausen-Schule

Die Pädagogische Architektur, wie sie in skandinavischen Ländern praktiziert wird, hatte bis Ende der 1990er Jahre in Deutschland noch wenig Einfluss. Die PISA-Studie und das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) initiierten eine Wende in der bisherigen Schulbaupolitik und bahnten einem neuen Verständnis von Schularchitektur den Weg.

Zusätzlich zu den Mitteln aus dem IZBB-Programm entwickelte die Stadt Düsseldorf einen "Masterplan", in dem sie bis 2008 weitere Mittel für Schulen in Höhe von 300 Millionen Euro und für die Jahre 2009 bis 2010 in Höhe von insgesamt 85 Millionen Euro einplante. Darüber hinaus können Städte und Kommunen bei Sanierungen, Neubauten bzw. Anbauten 1 bis 2 Prozent der veranschlagten Baukosten für Kunst am Bau zur Verfügung stellen. Bislang wurden viele Schulen auf diesem Wege mit Plastiken, Brunnen und Wandbildern geschmückt.

Ein Tanker bewegt sich: Kooperation zwischen den Ämtern

Ute Reeh in ihrem Atelier

Ihre Qualifikation als "Schulkünstlerin" hat sich Ute Reeh in der Praxis erarbeitet. Sie prägte diesen Begriff in einer zehnjährigen Zusammenarbeit mit einer großen Düsseldorfer Gesamtschule. "SchulkünstlerInnen" zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie der Schule als gleichberechtigte Partner zur Seite stehen: "In der Dieter-Forte-Gesamtschule bin ich mehr und mehr das Wagnis eingegangen, künstlerische Prozesse zu initiieren. Mit dem Erfolg konnte ich dann die Stadt überzeugen, sich auf Prozesse einzulassen, die in Architektur münden."

Warum gerade Düsseldorf? Obwohl die Situation der Landesmetropole in vielen Aspekten stellvertretend für die Herausforderungen der Schularchitektur in ganz Deutschland steht, unterscheidet sie sich in einem Punkt doch erheblich von anderen Kommunen: Düsseldorf ist nämlich Sitz einer international renommierten Kunstakademie, die viele ausgezeichnete Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht hat. Hierin mag jene besondere Konstellation begründet sein, in der ungewöhnliche und beispielhafte Verbindungen von Schule und Kunst gedeihen können.

Jedoch erforderte es ausdauernde Verhandlungen mit den zuständigen Ämtern. Eine Beteiligung der Schulleitungen, Pädagogen und insbesondere der Schülerinnen und Schüler könnte die unmittelbare Wirkung des Masterplans Schule steigern, lautete die Argumentation von Ute Reeh. Ausgehend von den positiven Erfahrungen der Landeshauptstadt Düsseldorf in der Zusammenarbeit zwischen Kunst, Kommune und Schule könnten die Prinzipien der "Schulkunst" in einem übergreifenden Projekt gebündelt und evaluiert werden.

Beim Umbau der Schule sind alle Ideen gefragt

Das Modellvorhaben "Schulkunst", das 2009 gestartet wurde, ist Ergebnis ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit sozialen Prozessen. "Mich interessiert, wie zeitgenössische Kunst gesellschaftliche Prozesse mit formt. Was bringt Kunst mit? Das Wissen um die Bedeutung der Form, das Bewusstsein für den Kontext und die Metaebene, das Bewusstsein darüber, dass alles auch ganz anders sein könnte, die Erfahrung der Formbarkeit von Prozess und Umfeld", erklärt die Düsseldorferin. Sie beziehe in die zeitgenössische Kunst insbesondere auch soziale Prozesse ein, die ein erweitertes Raumkonzept implizieren.

Ute Reeh ist bildende Künstlerin mit den Schwerpunkten Zeichnung und Video sowie Performances und Skulpturen - sie war Meisterschülerin des renommierten Künstlers Nam June Paik. Vor ihrem Studium der Bildenden Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie sowie an der Hochschule für Bildende Künste Kassel (HbK) verbrachte sie ihre ersten Schuljahre in den USA. Das habe ihre Perspektive auf die Struktur von Schule erweitert. Ihr Modellvorhaben versteht Ute Reeh als einen Schulentwicklungsprozess. Dieser ermögliche einen neuen Blick auf Schule und befördere die Umwandlung eines Schulkörpers nach im Dialog entstehenden Kriterien: "Indem ich die Schülerinnen und Schüler mit Künstlern, Architekten, Lehrkräften in einen Dialog bringe, der in ein gemeinsames Bild mündet, wird das Ergebnis von allen Nutzern getragen. Ein Indikator für die Qualität, bzw die Reife der Prozesse auf dem Weg dahin ist Energie und Lebensfreude. Sie entsteht, wenn sich Raum für die Einzelnen mit ihren Wünschen und Fähigkeiten öffnet und diese im gemeinsamen Vorhaben ernsthaft geschätzt und gebraucht werden."

Gruppenfoto vor dem Schulhaus

Das Vorhaben, das insbesondere in Düsseldorf entwickelt wurde, versteht Ute Reeh als ein bundesweit übertragbares Modell. Ziel des Projektes "Schulkunst" sei es, dass Jugendliche architektonische und soziale Strukturen planen und umsetzen. Sie werden darin von Künstlern als Spezialisten für transversale Prozesse begleitet. "Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung beim gemeinsamen Finden von ästhetischen, formalen und technischen Lösungen."

Der Beirat: ein bundesweites Netzwerk pädagogischer Architektur

Für das Modellprojekt "Schulkunst" hat Ute Reeh prominente Partner gewonnen, die dem Gedanken der Pädagogischen Architektur in besonderer Weise verpflichtet sind. Dazu gehören Frauke Burgdorff von der Montag-Stiftung Urbane Räume, der Musiker und Improvisationstheoretiker Christopher Dell, Dr. Gregor Jansen, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Düsseldorf, der Architekt und Dekan der FH Düsseldorf Prof. Pablo Molestina, der Architekt. Prof. Johannes Schilling von der FH Münster und der Pädagoge Dr. Otto Seydel aus Überlingen.

Als Vertreter unterschiedlicher Disziplinen tragen sie im Beirat des Modellprojekts dafür Sorge, dass die Qualität des Vorhabens gewährleistet ist und die Außendarstellung professionell gestaltet wird. "Jeder hat sein Projekt im Projekt", erläutert Ute Reeh die Architektonik des Projekts. Sie arbeite als Künstlerin auf der Metaebene, auf der die Prozesse mit Gespür für die nötigen Freiräume reflektiert werden. Diese Perspektive erfordere das Sich-Einlassen auf das Ungewisse: "Meine abstrakten Zeichnungen und Filme sind der Extrakt dieser Arbeit, sie sind aber nicht mehr oder weniger Kunst als die Arbeit in und mit den Schulen selbst."

Zeitgenössische Auffassung von Kunst am Bau

Gregor Jansen vertritt im Beirat eine wichtige Position: "Schulkunst" beinhaltet für ihn eine zeitgenössische Auffassung von Kunst, die er im Kontrast sieht zu Kunst am Bau, die der Architektur als dekoratives Element hinzugefügt wird. Gegenwärtig nehmen zwei Schulen unterschiedlicher Schulformen an dem Modellvorhaben teil: die Alfred-Herrhausen-Förderschule in Düsseldorf-Garath, die in einem so genannten sozialen Brennpunkt liegt, und das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Düsseldorf-Bilk, das von den Nutzern als ein Ort empfunden wird, der durch seine funktionale Sachlichkeit eher abweisend wirkt. Ab Mitte Mai 2011 werden drei weitere Schulen hinzukommen. Wie das Projekt "Schulkunst" an diesen beiden Schulstandorten Kinder und Jugendliche in einen Dialog mit ihrer Schule, externen Partnern und den kommunalen Institutionen einbezieht, soll in einem späteren zweiten Teil unseres Berichts erläutert werden.

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