Schulbau als Innovation: "Eine Schule, die man vorzeigen kann"

"Kunst bedeutet auch, dass man sich das Recht herausnimmt, selbst zu gestalten", so lautet das Credo der "Schulkünstlerin" Ute Reeh. Getreu dieser Devise setzt sie sich mit ihren Partnern aus Schule, Gemeinde und Stiftungen an vier Schulstandorten in Düsseldorf dafür ein, dass der Schulbau eine innovative, künstlerische Leistung aller Beteiligten wird. Die Online-Redaktion hat die Künstlerin an die Alfred-Herrhausen-Förderschule und das Geschwister-Scholl-Gymnasium begleitet.

Die Alfred-Herrhausen-Schule liegt in einem Vorort im Süden der Stadt, in Düsseldorf-Garath. Der Stadtteil besitzt den Charakter einer Trabantenstadt, die scheinbar ohne Kontakt zur restlichen Metropole existiert. Wohnsiedlungen aus den 1960er und 1970er Jahren, die von Supermärkten, Friseurläden, Fitnesscentern, Spielcasinos umgeben sind, bestimmen den Stadtteil. Was man nicht auf den ersten Blick erkennt, ist die ungeheure Bevölkerungsdichte. So kommen auf 3,6 Quadratkilometer rund 20.000 Einwohner.

Nur wenige Minuten Fußweg von Zentrum dieses Vororts entfernt befindet sich die Förderschule mit den Förderschwerpunkten Lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass hier eine öffentliche Schule an einem Ort errichtet wurde, der sie der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewissermaßen entzieht. Die rund 220 Schülerinnen und Schüler, die die Förderschule besuchen, kommen überwiegend aus den Stadtteilen Benrath, Garath und Hellerhof und besuchen mit der Förderschule eine Ganztagsschule in offener Form, die sich auf sechs Standorte mit der Stammschule in Düsseldorf-Garath verteilt und die Klassen eins bis zehn führt.

Eine unscheinbare Förderschule macht sich attraktiv

Schülerinnen und Schüler von Förderschulen haben oftmals negative Schulerfahrungen gemacht und entwickeln daher eher ein geringeres Selbstwertgefühl. Deshalb war es ein vordringliches Ziel, im Rahmen der Kooperation mit der Schulkünstlerin Ute Reeh auch das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler zu stärken und ihre Qualitäten sichtbar zu machen. Der Schulleiter der Förderschule, Peter Zerfass, begründet das so: "Schulkunst ist ein Projekt, dass die ganze Schule beeinflusst und an dem sich alle Klassen beteiligen. Wir möchten, dass die Schule eine schöne und attraktive Schule wird, in der sich die Kinder und Jugendlichen wohlfühlen und die man auch nach außen zeigen kann."

Ute Reeh, Peter Zerfass, Frau und Junge

Ohne die Unterstützung des Schulleiters wäre die Zusammenarbeit mit Ute Reeh übrigens nicht durchführbar. Er steht als zentraler Ansprechpartner zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die Kommunikation mit dem Lehrerkollegium, das er mit einer großen Mehrheit hinter sich weiß, in seiner Hand liegt. Um die - nicht selten konzentrationsschwachen - Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, ist mehr gefragt als der gewöhnliche Unterricht. Es bedarf einer kontinuierlichen projektorientierten Arbeit, und in einem viel stärkerem Maße als in anderen Schulformen der Kooperation mit außerschulischen Partnern.

"Wenn den Kindern und Jugendlichen ein Projekt gefällt, ziehen sie das richtig durch", lobt die Referendarin Anna Wollny die Schülerinnen und Schüler. Mit Begeisterung und großer Motivation nähmen sie an dem Schulkunst-Projekt von Ute Reeh teil. Wenn die Künstlerin an den Schulkonferenzen teilnehme, falle auf, wie unvoreingenommen und wertschätzend sie der Schule gegenüber auftrete. Ein Merkmal der umfassenden Gebäude- und Terrassengestaltung besteht darin, dass die Kinder ihre Ideen einbringen können und an deren Realisierung partizipieren.

Zwischen Fantasie, Kreativität und Schulwirklichkeit

Modell der künftigen Terrasse

Die Professionalität der künstlerischen Gestaltung des Schulstandorts äußert sich darin, dass das Projekt einem strukturierten, mit allen Beteiligten eng abgestimmten Weg folgt, der aber immer auf Veränderungen reagieren muss. Nachdem als Erstes ein Farbkonzept für die zu sanierenden Gebäudeteile entwickelt wurde, entwarfen und gestalteten die Kinder Hinterglasfliesen für den Sanitärbereich, die die Toiletten in einen Ort verwandelten, der von den Schülerinnen und Schülern neuerdings wertgeschätzt und gut gepflegt wird. Die Fliesen zeigen Zeichnungen mit Motiven wie exotische Landschaften, Liebessymbole, Singvögel in freier Wildbahn, Geld, Motorräder, Pokale und vieles mehr.

Das nächste große - von den Schülerinnen und Schülern in einem partizipativen Prozess erarbeitete - Projekt ist die Öffnung der Schule durch eine Terrasse. Mit der Entscheidung für den Bau der Terrasse geht zugleich die Verantwortung für die Natur als Umgebung einher. So geht es etwa um den Erhalt eines alten Baums, der mitten auf dem Gelände der künftigen Terrasse steht.

"In 30 Jahren gucken wir uns an, was aus unserem Baum geworden ist"

"Bäume brauchen sehr lange, um zu wachsen. Wir haben uns deshalb entschieden, dass der Baum in die Terrasse integriert wird", erklärt die elfjährige Laura aus der siebten Klasse ganz professionell. Sie freue sich darauf, in 30 Jahren mit ihren Schulfreundinnen Tosca und Kathleen die selbst angelegte Terrasse zu besuchen.

Das Modell der Terrasse haben die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Architekturstudenten aus Holz, Pappe und Karton entworfen und hergestellt. Vorgesehen ist auch eine geschwungene Treppenanlage, die sich zugleich als Versammlungsort nutzen lässt. Ein kunstvoll gestaltetes Geländer ist zu sehen. Die Realisierung geht laut Ute Reeh mal schneller, mal langsamer voran, häufig müsse sie mit den Ämtern langwierige Details verhandeln: Aber es sei ja schließlich gemeinsame Pionierarbeit.

In dem Projekt sind Kenntnisse und Fähigkeiten der Förderschüler gefragt, die nicht Gegenstand des Unterrichts sind. Die Einflussnahme der Kinder und Jugendlichen auf die Gestaltung ist für die Künstlerin sehr wichtig: Schulkunst versteht sie als sozialen Prozess, der dem expansiven, tätigen Lernen Vorschub leistet. Immer wieder zeigt sich Ute Reeh beeindruckt, mit welcher Geschicklichkeit, Ausdauer und Energie die Schülerinnen und Schüler zu Werke gehen, wenn sie eine konkrete Aufgabe zu erfüllen haben.

Schulkunst als sozialer Prozess

Im Projekt "Schulkunst" ist jede Schülerin und jeder Schüler gefragt, ihren bzw. seinen Beitrag zum gemeinsamen Gelingen zu leisten. Noten, die nach individueller Leistung differenzieren, gibt es nicht, dafür müssen sich die Mädchen und Jungen aber vor ganz anderen Instanzen bewähren: vor Ämtern, Stiftungen, Medien, ja nicht zuletzt vor den eigenen Eltern, die aktiv am Erfolg ihrer Kinder partizipieren. Auch auf diese Herausforderung werden die Schülerinnen und Schüler durch Ute Reeh vorbereitet. In der siebten Klasse präsentieren Laura und ihre Klassenkameraden im Beisein der Künstlerin, wie sie das Terrassen-Projekt nach außen darstellen wollen. Reihum leistet jedes Kind seinen Beitrag zu der Powerpoint-Präsentation, die mit Fotos und Erläuterungen das Projekt in der Lerngruppe visualisiert.

Schüler zeigt auf eine bemalte Fliese

Die festen, verlässlichen Klassenverbände aus zwölf bis 14 Schülerinnen und Schülern, in denen das Terrassen-Projekt jeweils arbeitsteilig realisiert wird, sind für die emotionale Stabilität der Kinder sehr wichtig. Hier finden die Mädchen und Jungen, die jeweils von einer Lehrkraft und einer sozialpädagogischen Fachkraft betreut werden, ihren Rückhalt. Von hier aus wagen sie Schritte in die außerschulische Realität und werden auf ein selbstständiges Leben vorbereitet:

"Wir haben das Projekt schon bei der Sparkasse, der Bezirksvertretung, der Fachhochschule und dem Lions Club vorgestellt", erzählt Laura. Der Lions Club spendete, ohne zu zögern, 10.000 Euro. Das war ein echter Höhepunkt für die Kinder. Hier konnten sie sich auch vor den Augen der Eltern von ihrer besten Seite zeigen. Und die Eltern staunten, wie gut sich ihre Kinder in der Öffentlichkeit auszudrücken und durchzusetzen wussten.

Begegnung von Förderschule und Gymnasium

Das Projekt "Schulkunst" öffnet für die Förderschule auch die Türen zum Gymnasium - dabei erleben die Schülerinnen und Schüler beider Schulformen die jeweils andere Schulrealität. Eine Gelegenheit bot sich für die Förderschülerinnen und -schüler, als sie ihr Schulprojekt im Geschwister-Scholl-Gymnasium vorstellten. Das Gefühl, etwas Besonderes zu können, wofür man ihnen Respekt zollt, erfüllte sie mit Stolz: "Die Gymnasiasten haben erlebt, dass wir auch Ideen haben und diese dann schnell umsetzen", freut sich Katharina. Auch Ute Reeh hat die Erfahrung gemacht, dass die Schülerinnen und Schüler der Förderschule Fähigkeiten haben, die man ihnen oft nicht zutraut.

Seit 2011 ist die Künstlerin auch im Geschwister-Scholl-Gymnasium mit einem Projekt im Modellvorhaben "Schulkunst" vertreten. Das Gymnasium liegt in der Nähe des Zentrums der Landeshauptstadt, in Düsseldorf-Bilk. Schon äußerlich ist das Gebäude nicht attraktiv anzusehen und auch innen dominiert eine kalte Funktionalität, zu der etwa schwarz glänzende Fußböden und lange, abwechslungsarme Flure gehören. Geplant sind deshalb ein Anbau als Ersatz für ein marodes Pavillongebäude die Neugestaltung des Schulhofs. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler von Beginn an mit einbezogen werden, um die "Entwicklung der ästhetischen und funktionalen Qualitäten" des Schulgebäudes zu begleiten. Ute Reeh steht auch diesem Projekt als Moderatorin zur Verfügung.

Kunst am Schulbau: Alles ist möglich

Momentan befindet sich das Projekt noch in der Planungsphase, das heißt, die Künstlerin ist damit beschäftigt, in mehreren Gruppen von vier bis zu acht Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Hier arbeiten die Mädchen und Jungen ihre Ideen zur Neugestaltung der Mittagspause, zum Pflanzen von Obstbäumen für den Schulgarten oder zur Beschaffung geeigneter Bänke für die Oberstufenwiese aus. Nur gelegentlich macht die Arbeit mit ganzen Klassengruppen im Plenum Sinn. Das Projekt wurde darüber hinaus in den regulären Unterricht integriert: Die Klasse 7d entwickelte beispielsweise im Kunstunterricht Vorschläge zur Außenraumplanung, während im Deutschunterricht das Präsentieren geübt wurde.

Die Präsentation der Gymnasiasten, die übrigens deutlich verhaltener bzw. defensiver auftreten als die Förderschüler, wurde von zwei SchülerInnen der Alfred-Herrhausen-Förderschule auf Video dokumentiert. Wie ausgeklügelt die organisatorische und konzeptionelle Agenda des Projekts bereits in der Ideenphase ist, zeigte sich Mitte April 2011, als Ute Reeh am Gymnasium die Präsentation mit den Schülerinnen und Schülern übte. Sechs Schülerinnen und Schüler der Klassen 9a erläuterten den aktuellen Stand. Anschließend entschied sich die 9a, das Projektmanagement zu übernehmen, eine Finanz-, Technik-, Kiosk- sowie eine Kommunikationsgruppe wurden gegründet.

Der Baumgruppe, die für alles Grüne zuständig ist, obliegt es beispielsweise, den Standort der Bäume zu bestimmen und die Auswahl der Bäume zu treffen. Einen großen Stellenwert hat für die Schülerinnen und Schüler die Mittagspause. Hier brauche man eine andere Bestuhlung der Aula und die Möglichkeit, sich dort Getränke zu besorgen, referiert Lisa die Ergebnisse.

"Kunst bedeutet mitentscheiden"

Gerade im Zuge des verkürzten G8 Gymnasiums, wo Schülerinnen und Schüler ihre Zeit manchmal von 8 Uhr bis 17:30 Uhr in der Schule verbringen, ist es wichtig, für ausreichend Ruhe, Sport- und Bewegungsmöglichkeiten zu sorgen. Den Ideen der Mädchen und Jungen waren übrigens kaum Grenzen gesetzt, auf ihrer Wunschliste standen sogar die Einrichtung einer Kartbahn und einer Beachvolleyball-Anlage. Demokratisch durchsetzen konnten sich diese Vorschläge allerdings nicht. Für Finn von der Kommunikationsgruppe gehört das Mitbestimmen zum Wesen des Projektes selbst: "Es ist eine Kunst für sich, eine Schule zu verschönern." Kunst bedeute mitzuentscheiden, über das, was in Schule passiert.

Da die wichtigen Entscheidungsträger in den Schulgremien bzw. den Amtsstuben der Gemeinden sitzen, müssen diese noch überzeugt werden: "Der Schulträger plant und fragt oft nicht", weiß Schulleiter Hans-Herrmann Schrader aus eigener Erfahrung. Allerdings sei in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren auch viel über Architektur diskutiert worden. Die Ideen der Schülerinnen und Schüler müssten noch dem Lehrerkollegium und der Schulkonferenz, in der auch die Eltern vertreten sind, vorgestellt werden: "Es wird sicherlich noch viele spannende Veränderungen geben." Wichtig seien aus Sicht des Schulträgers dauerhaft sparsame Lösungen, etwa im Bereich der Energie.

Von der Ideenfindung zur Bauphase: Schulbau als Innovation

Durch die Kunst am Bau können laut Schrader die Kommunikationsprozesse zwischen der Schule und der Stadt als Schulträger erheblich verbessert werden: "Ich persönlich stehe deshalb zu dem Projekt 'Schulkunst'." Diese Auffassung deckt sich mit dem, was das Projekt "Schulkunst" bezweckt: Die Phase der Ideenfindung müsse vor der baulichen Planung, also der Zusammenarbeit mit den Architekten abgeschlossen sein. Erst dann entscheide sich, welche Teile der baulichen Umsetzung von den Schülerinnen und Schülern mit übernommen werden könnten.

Allen Ganztagsschulen möchte man das Motto mit auf dem Weg geben, das die Alfred-Herrhausen-Förderschule auf ihrer Schulhomepage verwendet: "Jede Gesellschaft kann auf Dauer nur so intelligent, leistungsfähig und erfolgreich sein wie die Menschen, aus denen sie besteht. Es kommt deshalb darauf an, immer wieder Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, alle in ihr vorhandenen Fähigkeiten und Talente voll zu entfalten und auszuschöpfen" (Alfred Herrhausen).

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