Pädagogik im Ganztag braucht ethische Orientierung

Am Wirkungsort eines preußischen Bildungsreformers haben Expertinnen die „Reckahner Reflexionen“, Leitlinien für pädagogische Beziehungen und Kinderrechte, entwickelt.

Der Arbeitskreis Menschenrechtsbildung vor Schloss Reckahn © Redaktion www.ganztasschulen.org

Sie liegen fußläufig voneinander entfernt und zeugen in Reckahn noch heute vom Wirken von Christiane Louise von Rochow und Friedrich Eberhard von Rochow, die im 18. Jahrhundert eine Landschulreform begründeten: die Dorfschule von 1773, die seit 1992 als Schulmuseum hergerichtet ist, und das Schloss, in dem seit 2001 das Rochow-Museum untergebracht ist.

Friedrich Eberhard von Rochow wollte als Landgutbesitzer durch die Gründung einer Schule im Dorf Reckahn südlich von Brandenburg an der Havel die soziale und wirtschaftliche Lage der Bauern und Gutsarbeiter durch Bildung verbessern. Das von ihm im Sinn der philanthropischen Aufklärung konzipierte Lesebuch „Der Kinderfreund“ (1776) gibt davon Zeugnis. Von 1773 bis 1794 besetzte Heinrich Julius Bruns die Lehrerstelle. Die Schule entwickelte den Ruf als „Muster aller Landschulen“ und zog in zwei Jahrzehnten rund 1.200 Besucher an – Lehrer, Geistliche, preußische Beamte und Wissenschaftler. Zahlreiche Pädagogen ließen sich vom dort praktizierten Unterricht anregen.

Schulmuseum Reckahn
Reckahn: "Muster aller Landschulen"© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Noch heute lassen sich Pädagoginnen und Pädagogen vom besonderen Geist dieses „Kulturellen Gedächtnisorts mit nationaler Bedeutung“ inspirieren. Seit 2011 trifft sich hier jährlich der Arbeitskreis Menschenrechtsbildung, der von Prof. Dr. Annedore Prengel von der Universität Potsdam, Dr. Sandra Reitz vom Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin, Prof. Friederike Heinzel von der Universität Kassel und Ursula Winklhofer vom Deutschen Jugendinstitut in München organisiert wird. Die Expertenkonferenz zum Thema „Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen“ sieht sich selbst in der Tradition der in der Reckahner Musterschule praktizierten „philanthropischen Pädagogik“.

Pädagogische Beziehungen – relevant für Ganztagsschulen

Ziel der pädagogischen Expertinnen und Experten aus vielen Bundesländern und aus der Schweiz ist die Stärkung von Anerkennung und die Verminderung verletzender Handlungsweisen in pädagogischen Beziehungen. Nachdem in den Medien die Folgen körperlicher und sexueller Gewalt thematisiert wurden, will der Arbeitskreis auch auf die Folgen seelischer Gewalt aufmerksam machen, die laut Annedore Prengel die häufigste Form der Gewalt gegen Kinder ist.

© Britta Hüning
Friederike Heinzel ergänzt: „Aus der internationalen Forschung ist bekannt, dass gute Beziehungen zu ihren Lehrern und Erziehern für Kinder entwicklungs- und lernförderlich sind, während Verletzungen und Anerkennungsmängel Kindern sowohl in ihrem emotionalen und sozialen Wachstum als auch in ihren Lernmöglichkeiten schaden.“

Die Expertinnen und Experten entwickelten zehn Leitlinien für pädagogische Beziehungen auf Basis der UN-Kinderrechtskonvention und der INTAKT-Studien (Soziale Interaktionen in pädagogischen Arbeitsfeldern), einem Datensatz von 15.000 protokollierten Beobachtungen, die an mehr als 300 Tagen in 120 Schulen aller Schulstufen im Unterricht von 350 Lehrern notiert wurden. Diese Leitlinien sind im vergangenen Jahr unter dem Titel „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ vorgestellt worden. Sie wollen anerkennende Handlungsweisen stärken und verletzende im pädagogischen Alltag vermindern.

Lothar Krappmann, Annedore Prengel,  Anna Piezunka
Prof. Lothar Krappmann, Prof. Annedore Prengel und Anna Piezunka© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Prof. Annedore Prengel ist überzeugt, dass diese Fragen vor dem Hintergrund des Ausbaus der Ganztagsschulen noch relevanter werden: „Ganztagsschulen sehe ich insbesondere als gute Chance für Kinder ohne feste Bindungen im familiären und sozialen Bereich, in ihrer Entwicklung gestärkt zu werden. Da die Schülerinnen und Schüler hier mehr Zeit als in einer Halbtagsschule verbringen und mit noch mehr unterschiedlichen Erwachsenen interagieren, ist eine ethische Orientierung zugleich noch dringender.“

Informationen über Kinderrechte sind gefragt

Dass es für die ethischen Leitlinien, die als Broschüre, Flyer und Plakat vorliegen, in Schulen eine Nachfrage gibt, kann Dr. Silke Siebrecht-Grabig, die Leiterin der Reckahner Museen, bestätigen: „Wir sind hier in den letzten Monaten zu einem Versandhaus geworden.“ Auch Bodo Rudolph, Leiter des Jugendamts des Landkreises Potsdam-Mittelmark, erfährt dieses Interesse: „An unserem Stand auf dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf war das Kinderrechteplakat das am meisten gefragte. Am Ende war sogar unser Ansichtsexemplar weg.“

© Britta Hüning

Dennoch sind die „Reckahner Reflexionen“ kein Selbstläufer. Wie sich die Leitlinien bekannt machen und in Studium, Ausbildung und in der Praxis verankern lassen, war daher Thema des Arbeitskreises am 3. und 4. November 2017 in Reckahn, zu dem rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschienen. Sie stellten Projekte und Vorhaben der Arbeit mit den Leitlinien vor und entwickelten Bausteine zur Weiterentwicklung.

Es geht darum, unterschiedliche Adressaten in Forschung, Bildungspolitik, Verwaltung, Multiplikatoren, Schulen und Kindertagesstätten zu gewinnen. Annedore Prengel ist die systematische Verbreitung besonders wichtig: „Ich erhalte Hilferufe von Lehrkräften, die nicht wissen, wie sie mit schwierigen Schülern umgehen sollen. Und es kommen Hilferufe von Schulleitern, die nicht wissen, wie sie mit unprofessionell handelnden Lehrern umgehen sollen.“

Internationalisierung vom Dorf aus

Es tut sich schon einiges: Heike Noll, Schulrätin im Landkreis Potsdam-Mittelmark, plant zum Beispiel einen Fachtag zu den „Reckahner Reflexionen“ mit den Ortsvorstehern der 14 Ortsteile von Kloster Lehnin, zu denen auch Reckahn gehört. Diese wollen die Leitlinien für ihre Partnergemeinde in Belgien übersetzen lassen. „Die Internationalisierung geschieht vom Dorf aus“, freut sich Annedore Prengel.

Schulleiter, Lehrerin und Schüler im Gespräch
© Britta Hüning

Heike Noll findet wichtig, mit den Reflexionen über das pädagogische Tun so früh wie möglich zu beginnen: „Wenn sie erst in Fallgesprächen stattfinden, nachdem etwas schiefgelaufen ist, ist es schon zu spät.“ Ihrer Ansicht nach wird diese Auseinandersetzung aber schwierig, denn „das traditionelle Bild vom Lehren und Lernen ist noch so stark verankert, dass Reflexion nicht als Chance gesehen wird. Wenn Eltern schon am zweiten Grundschultag die Lehrerinnen fragen, ob ihr Kind wohl den Übergang zum Gymnasium schaffen wird, sind Lehrkräfte oft verunsichert.“

An der Universität Oldenburg bindet Dr. Susanne Müller-Using die „Reckahner Reflexionen“ in ihr Seminar „Ethik in pädagogischen Professionen“ ein. „Zu jedem Aspekt tauschen sich die Studierenden in Kleingruppen aus“, berichtete sie. Dr. Manuale Diers von der Universität Hildesheim ist mit ihrem Vorhaben, an der IGS Peine einen Workshop für das Kollegium zu den „Reckahner Reflexionen“ zu veranstalten, „bei der Schulleitung auf offene Ohren“ gestoßen.

„Wirken wie ein Verkehrsschild“

Um die „Reckahner Reflexionen“ in die Verwaltung hineinzutragen, „können wir diese in die Überprüfungszyklen hineingeben“, empfahl Thomas Kirchschläger, Leiter des Menschenrechtszentrums an der PH Luzern. „Und wir können sie in Veranstaltungen einbinden, die wir selbst organisieren, wie Fachtagungen und Dienstberatungen.“ Prof. Natalie Fischer von der Universität Kassel plädierte dafür, die Leitlinien „kultursensibel“ zu übersetzen, um eine Internationalisierung zu erreichen. Dazu könne man Kontakt zu Universitäten oder dem europäischen „The Learning Teacher Network“ aufnehmen.

Schulmuseum im früheren Schulhaus Reckahn © Redaktion www.ganztagsschulen.org

Die „Reckahner Reflexionen“ sind keine Einbahnstraße. Auch Lehrerinnen und Lehrer wollen sich angstfrei in der Schule bewegen und respektvoll behandelt werden. „Die Menschen müssen die Schule als haltgebende Institution erleben“, erklärte Prof. Ulrike Becker, Schulleiterin der Refik-Veseli-Schule in Berlin.

Wie sich mit den Leitlinien Konflikte entschärfen lassen, berichtete sie dem Teilnehmerkreis. Ein Jugendlicher, „ein echter Kleiderschrank“, der Lehrer auch mal im Flur anrempelte, hatte angesetzt, einen Aufsichtslehrer umzurennen und erst ganz kurz vor diesem abgestoppt. Per Mediation gelang es, eine Entschuldigung und eine Lösung zu finden, während „der Schüler früher wahrscheinlich der Schule verwiesen worden wäre“, wie eine Teilnehmerin mutmaßte. Der Schüler übernahm daraufhin selbst die Aufsicht am Hoftor. Die Leitlinien könnten „wie Verkehrsschilder wirken“, meinte Ulrike Becker.

Die gedruckten Materialien können kostenlos im Rochow-Museum bestellt werden:

Die Broschüre informiert auf 25 Seiten über die 10 Leitlinien der Reckahner Reflexionen und begründet sie.

Das Plakat zum Aushängen in Lehrerzimmern und Teamräumen präsentiert übersichtlich die 10 Leitlinien mit Handlungsmöglichkeiten sowie kurzer Begründung.

Der Flyer präsentiert ebenfalls die 10 Leitlinien mit Handlungsmöglichkeiten und kurzer Begründung.

Der Mini-Flyer bietet die 10 Leitlinien kleinformatig in knappster Form für Hand-, Westen- oder Hosentaschen.

Die Materialien stehen auch zum Download bereit.

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