Schule bauen: Konzepte und Ideen für zeitgemäße Räume - eine Rezension

Wie plant und baut man eine neue gute Schule? Oder vielleicht noch wichtiger: Was macht man mit tristen Bauten, um sie an ein zeitgemäßes Schulleben anzupassen? Die Montag-Stiftungen haben sich dieser Fragen angenommen. Ein spannendes Arbeitsbuch ist entstanden.

Buchtitel "Schulen planen und bauen"

Autoren und Verlage (ein pädagogischer, ein Architekturverlag) haben Hervorragendes geleistet. So viel sei vorweg schon einmal festgehalten. Verständlich geschrieben, engagiert und in jeder Hinsicht fachlich fundiert, gut strukturiert und reichlich bebildert beschreiben sie nicht nur, was möglich ist, sondern begeben sich mitten hinein in die verschiedenen Spannungsfelder, die das Thema Schulbau bereithält.

Das klingt bereits in den Überschriften zum Kapitel "Praxiswissen" an: Vom Klassenraum zum Lernort, vom Lehrerzimmer zu Teamräumen, von der Bibliothek zum Selbstlernzentrum, von der Aula zum Marktplatz, von der Turnhalle zum Bewegungszentrum, von der Halbtags- zur Ganztagsschule und mehr.  Dabei überzeugt das Buch gerade auch dadurch, dass Gebäudeplanung, Raumnutzung und Architektur in Bezug gesetzt werden zu aktuellen - für Pädagogik relevante -Forschungsbefunde, etwa über Bewegungsmangel und Übergewicht bei Kindern, Bildung und Benachteiligung, erfolgreiches Lernen als lebenslanger Prozess.

Der Raum als dritter Pädagoge

Praxiswissen, Prozesswissen, Handlungswissen, Kontextwissen - so sind die großen Kapitel überschrieben. Was zunächst abstrakt anmutet ist innerhalb der Kapitel wiederum gut strukturiert und an konkreten Fragestellungen orientiert. Modular aufgebaut kann das Buch als Lese- wie als Arbeitsbuch gehandhabt werden. Dabei ist besonders zu würdigen, dass angesichts der Vielfalt und Ausführlichkeit der aufgegriffenen Themen inklusive zahlreicher Querbezüge und Hilfen zu Umsetzung nie der Überblick verloren geht.

Modern gestalteter Computer-Arbeitsplatz

Beschrieben werden Anlässe, warum eine Schule neu gebaut oder gestaltet wird; zentrale Herausforderungen wie Ganztag und Inklusion sowie Thesen aus Pädagogischen Fachdiskursen werden ausführlich und praxisrelevant besprochen. Knapp gehaltene Fragen und Antworten zu Pädagogik, Architektur und Verwaltung,  exemplarische Umsetzungen, Vorschläge zum Ablauf, Skizzen für die Struktur von Workshops sowie Bildbeispiele lassen gar nicht erst den Verdacht aufkommen, diese Publikation sei zur theoretischen Erbauung geschrieben worden.

Inspiration und Anleitung gleichermaßen

Innenaufnahme eines Schulhauses

Aufgegriffen werden Fragen, die vor allem die Kommune als Schulträger beschäftigen (Stichworte sind Schülerzahlen, Richtwerte, Gebäudeanalysen, Haushalt, Bedarf in einer kommunale Bildungslandschaft) und die mit pädagogischen Anliegen abgeglichen werden müssen: Aufenthaltsqualität, die Rolle der Lehrenden, Gesundheit, Mediennutzung, Öffnung in den Stadtteil, um nur wenige zu nennen.

Man spürt: Hier haben Planer, Pädagogen und Verwaltung miteinander gerungen, um gemeinsam das Beste für Schüler, Lehrer und alle, die in Schule arbeiten oder sich dort aufhalten (auch Eltern) vorstellen zu können. Kaum ein Thema wird ausgespart, für die leidigen Toilettenräume gibt es ebenso Anregungen wie für Eingangsbereiche, die als transparente multifunktionale Marktplätze angelegt werden können.

Zu schön, um wahr zu sein? Nein!

Sitzgruppe im Schulhaus

Mag sein: Manch ein Schulleiter schlägt das Buch vielleicht doch schnell wieder zu angesichts ganz wunderbarer Bildbeispiele. Wer hätte nicht gerne Flure, die mit raffinierten Effekten als Gemeinschaftsräume gestaltet sind - wie zum Beispiel in der Hauptschule Meierfeld in Herford -, oder die großzügige Medien- und Sitzelemente aufweisen wie im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt? Ganz zu schweigen von den Pausen- und Konferenzräumen für das pädagogische Personal an einer Schule in Norwegen, oder die luftige, durch große Glaselemente abgetrennte Rezeption in einer Schule in Dänemark mit Infodesk und schicken Sesseln für wartende Besucher. Solche Inspirationskraft internationaler Beispiele wirkt auf bodenständige kommunalen Finanzplaner möglicherweise nicht sofort überzeugend.

Fazit: Das Handbuch zeigt bestens auf, dass der Raum als so genannter dritter Pädagoge (neben Schülern und Lehrern) bei allen baulichen und/oder pädagogischen Diskursen eine eigenständige und gravierende Rolle im Schulleben spielt. Mit der Tristesse und Einfallslosigkeit so vieler Schulen darf man sich nicht abfinden! Und manche Einwände aus dem Schulalltag wie etwa "Geht nicht wegen Brandschutz" oder "Geht nicht, die Fluchtwege müssen frei bleiben"  müssen nicht - wie allzu häufig - das Ende von Gestaltung bedeuten.

Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft,
Montag Stiftung Urbane Räume (Hrsg.)
"Schulen planen und bauen"
Grundlagen und Prozesse

2011 jovis VerlagBerlin, Friedrich Verlag Seelze
345 S.; Euro 34,80 (D)
ISBN jovis Verlag: 978-3-86859-124-8
ISBN Friedrich Verlag: 978-3-7800-4954-4

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