„denkmal aktiv“ im Ganztag: Europa und die Reformation

Am morgigen Reformationstag wird Geschichte wieder einmal greifbar. Im Programm „denkmal aktiv“ beschäftigen sich viele Ganztagsschulen mit dem europäischen Kulturerbe.

© Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schloss Reinhardsbrunn, 1827 auf den Ruinen des Hausklosters der Landgrafen von Thüringen errichtet, ist in diesem Schuljahr von besonderem Interesse für die Fünft- und Sechstklässler der  Gemeinschaftsschule „Am Inselsberg“ in Tabarz. Eine Arbeitsgemeinschaft der Ganztagsschule erkundet anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018 dieses Kulturdenkmal in seinem europäischen Kontext: Welche kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Vernetzungen lassen sich am Denkmal vor Ort ablesen? Wo liegen gemeinsame kulturelle Wurzeln als Europäer? Lehrplaninhalte der Fächer Deutsch und Geschichte, aber auch Geografie, Kunst, Ethik und Medienkunde werden im Projekt vertieft.

Und die Schülerinnen und Schüler stellen sich auch ganz handfesten Tatsachen. Schloss Reinhardsbrunn verfällt seit den 1990er Jahren mehr und mehr. Wegen unterlassener Pflege plant der Freistaat Thüringen, das Schloss seinem jetzigen Besitzer per Enteignung zu entziehen – das wäre ein Präzedenzfall für die deutsche Denkmalpflege. Seit 1980 stand das Schloss als „Denkmal von nationaler Bedeutung" in der Denkmalliste der DDR, seit 1992 im „Denkmalbuch“ des Freistaates Thüringen. Warum es bisher nicht vor dem Verfall gerettet werden konnte, versuchen die Schülerinnen und Schüler nun zu ergründen.

Schüler führen Interviews in Berlin
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Die Gemeinschaftsschule „Am Inselsberg“ ist eine von 94 Schulen aus 14 Bundesländern, die im Schuljahr 2017/2018 an dem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz initiierten Schulprogramm „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ teilnehmen. Auch Deutsche Auslandsschulen aus Bukarest und Prag sind dabei. Eine Jury hat die Schulen ausgewählt. Für ihre Vorhaben erhalten die Schulteams Materialien und eine finanzielle Unterstützung von je rund 2.000 Euro.

Mit "denkmal aktiv" das Lebensumfeld kennenlernen

2002 startete die Stiftung unter der Schirmherrschaft der Deutschen Unesco-Kommission das Förderprogramm, mit dem sie bis heute rund 1.000 schulische Projekte zu den Themen Kulturerbe und Denkmalschutz unterstützt hat. „Wir möchten die Beschäftigung mit Denkmalen als authentische Zeugnisse und Quellen ihrer Zeit im schulischen Alltag verankern. Die Schülerinnen und Schüler sollen Gelegenheit erhalten, Denkmale in ihrem direkten Lebensumfeld als Teil der eigenen Geschichte kennen zu lernen“, erläutert Dr. Susanne Braun.

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Die Kunsthistorikerin koordiniert bei der Stiftung in Bonn das Programm „denkmal aktiv“. „Eine zentrale Aufgabe ist natürlich die jährliche Ausschreibung von März bis Mai, mit der wir auf das Programm aufmerksam machen und Schulen zur Einbindung der Themen Kulturerbe und Denkmalschutz in den Schulalltag anregen möchten“, berichtet Susanne Braun. „Auch die regelmäßigen Teilnehmertreffen werden in meinem Referat geplant.“ Die Treffen werden über die „denkmal aktiv“-Fördermittel finanziert. Dazu gehören Exkursionen, angeleitete Workshops und thematische Arbeitskreise für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte. Über den wichtigen fachlichen Input zu Fragen des Denkmalschutzes und Kulturerbes hinaus gibt es Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch sowie zur Vernetzung der Projekte.

Das Programm bietet weiterführenden Schulen einen thematischen, organisatorischen und finanziellen Rahmen für alters- und schulformgerechte Projekte zu Denkmalthemen. Die Möglichkeiten, ein „denkmal aktiv“-Projekt durchzuführen, sind dabei ebenso vielfältig wie die Themen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen, immer in Kooperation mit fachlichen Partnern. Ein „denkmal aktiv“-Projekt zu einem bedeutenden Einzelbau oder Ensemble oder einer historischen Kulturlandschaft kann im Klassenverband ebenso wie im Wahlpflichtkurs oder in der Ganztags-AG durchgeführt werden.

Kooperation mit Fachleuten: Einblick in Berufsfelder

„Unabhängig davon, wie das Projekt im Laufe eines Schuljahres umgesetzt wird – wesentliches Element der Projektarbeit ist immer, dass sich die Schülerinnen und Schüler nicht nur theoretisch, sondern auch in der eigenen Anschauung mit den geschichtlichen Zeugnissen auseinandersetzen“, sagt Susanne Braun. „In Exkursionen und Projekteinheiten vor Ort erkunden sie das Objekt und sammeln Informationen zu 'ihrem' Kulturdenkmal. Das Denkmal wird zu einem außerschulischen Lernort, den sie im Verlauf des Projekts immer wieder aufsuchen, um seine unterschiedlichen Facetten zu erschließen.“

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Zu speziellen Fragestellungen recherchieren die Schülerinnen und Schüler in Archiven und Bibliotheken. Sie führen zum Beispiel Interviews mit Zeitzeugen. Begleitet werden die Projekte immer von Fachleuten: Denkmalpfleger, Bauforscher, Restauratoren, Handwerker, Architekten oder Historiker unterstützen die Schülerinnen und Schülern und geben zudem interessante Einblicke in ihre jeweiligen Berufsfelder. Zum Beispiel hat die Gemeinschaftsschule „Am Inselsberg“ den Architekten Michael Heß gewonnen, der Schloss Reinhardsbrunn als Denkmalpfleger betreut.

Die Schülerinnen und Schüler stellen sich die Frage: „Was können wir tun, um Kulturdenkmale stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen?“ Als Ergebnis soll ein Buch zur Geschichte von Schloss und Park Reinhardsbrunn entstehen – und verdeutlichen, warum ein solches Denkmal nicht weiter verfallen darf. Andere Schülergruppen fertigen Plakate, Broschüren oder Flyer an, gestalten eine Internetseite, veröffentlichen einen Aufsatz in der Schülerzeitung oder entwickeln einen Audio-Guide. Manche erarbeiten sogar eine Ausstellung mit Führung.

Emotionales Gesamterlebnis

Den umfassenden Begriff des „Denkmals“ zeigt ein Projekt der Gustav-Heinemann-Schule Alsdorf. „Bergmannshäuser und ihre Gärten. Von der Selbstversorgung zum Freizeitobjekt“. Die Bergmannssiedlungen entstanden vom 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre für Arbeiter im Steinkohlebergbau der Region. Zu den heute unter Denkmalschutz stehenden Bauten gehören auch Gärten und Stallungen. So untersuchen die Fünft- und Sechstklässler neben der Baugeschichte auch die Nutzung der Gärten und lernen damit ein Stück Alltagsgeschichte der Region kennen.

Mauerblümchen
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„Dass wir mit 'denkmal aktiv' die Beschäftigung mit der gebauten Geschichte anregen und mit den Projekten Wert und Bedeutung des kulturellen Erbes an Kinder und Jugendliche vermitteln können, finde ich eine ebenso interessante wie spannende Aufgabe“, betont Susanne Braun „Und für mich ist es immer wieder toll zu sehen, was die Schülerinnen und Schüler aus den Projekten mitnehmen. Es ist zunächst vielleicht kein Thema für die Schule, das unmittelbar auf der Hand liegt, aber wenn man einmal Feuer gefangen hat, bietet die Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe immer wieder interessante Lernerfahrungen. In jedem Denkmal verbinden sich unterschiedliche Lerninhalte zu einem oft überraschenden Gesamteindruck. Ganz abgesehen von dem emotionalen Erlebnis, das die Schüler mitnehmen.“

„Gut gebrüllt, Löwe!

2018 wird sich ein weiteres entscheidendes Datum zum 100. Mal jähren, das ganz Europa politisch, kulturell, sozial und wirtschaftlich auf Jahrzehnte geprägt hat: das Ende des Ersten Weltkriegs. In Deutschland zeugen unzählige Denkmale von den massenhaft getöteten Soldaten. Zu ihnen gehört auch ein monumentaler steinerner Löwe in Bochum, errichtet vom deutschnationalen Kyffhäuserbund. Gleich nebenan liegt die Schiller-Schule, die vielen Bochumern deshalb auch als Schule „hinter dem Löwen“ bekannt ist.

1990 ließ die Stadt auf Anregung der Schülervertretung des Gymnasiums eine Bronzetafel neben der ursprünglichen Inschrift („Der Überzahl / erlegen / Im Geiste / unbesiegt“) anbringen: „Dieses Denkmal – errichtet 1928 zur Verherrlichung des Heldentodes und des Krieges – ist uns heute Mahnung zur friedlichen Verständigung unter den Völkern!“ Die Geschichts-AG der Schiller-Schule will nun im „denkmal aktiv“-Projekt die umstrittene Gedenkstätte, die 2002 in die Denkmalliste der Stadt eingetragen wurde, mithilfe einer Lerntheke auf dem Platz des Löwen an die Öffentlichkeit vermitteln.

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Das Bochumer Projekt ist ein gutes Beispiel, wie sich Schülerinnen und Schüler über ein Denkmal in ihrem unmittelbaren Umfeld auch mit schwierigen Seiten der Geschichte auseinandersetzen. Die Lerntheke ist ein offenes Unterrichtskonzept, das Wochenplanarbeit, Werkstattunterricht und Freiarbeit kombiniert. Uwe Langer von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Bochum begleitet das Projekt. „denkmal aktiv“ lässt sich somit auch als Aufforderung zum Nachdenken verstehen, zum Beispiel über Nationalismus und Chauvinismus. Darauf weist auch das Fragezeichen im – Shakespeare angelehnten – Projekttitel: „Gut gebrüllt? Der Bochumer Löwe“.

Die Friesenschule Leer, Europaschule und offene Ganztagsschule, hat sich im Projekt „In Flanders Fields“ ebenfalls schon einmal intensiv mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Jetzt widmet sich der Wahlpflichtkurs 7 und 8 einem Denkmal ganz anderer Art: dem „Weltnaturerbe Wattenmeer“ und dessen Erhaltung durch die Anrainerstaaten Dänemark, Deutschland und Niederlande.

Denn das „Europäische Kulturerbe“ ist neben dem Reformationsjubiläum in diesem Schuljahr ein weiterer Schwerpunkt von „denkmal aktiv“. Mit Jürgen Rahmel von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und Burghardt Sonnenburg vom Heimatmuseum Leer stehen den Schülerinnen und Schülern dabei ausgewiesene Experten zur Seite. Eine Besonderheit des Projekts ist, dass das Fach Kunst im Mittelpunkt steht. Die entstehenden Bilder werden an mehreren Ausstellungsorten präsentiert werden.

Auf den Spuren der Reformation

Das Reformationsjubiläum bietet in diesem Schuljahr besonders viele Anlässe, in die Geschichte einzutauchen. Das Gymnasium Martineum, nach dem Reformator Martin Luther benannt, war die erste städtische Schule in Halberstadt, deren Gründung aus einer ehemaligen Pfarrschule 1545 unmittelbar von den Ideen der Reformation getragen war. Die Schüler des „denkmal aktiv“-Teams aus den Klassen 6,7 und 11 gehen nun an Orten der Reformation auf Spurensuche. Sie erkunden die Marktkirche St. Martini, den Fachwerkbau der Johanniskirche und natürlich den Dom zu Halberstadt, an dem 1591 die protestantische Lehre eingeführt wurde. Als Expertinnen mit dabei: Claudia Wyludda vom und Domschatz Halberstadt und Simone Bliemeister vom Städtischen Museum.

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Die Spuren der Reformation führen auch in den Norden. Mit dem Wirken des Mönchs und Reformators Heinrich Never in Wismar und den reformatorischen Ideen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt sich ein Projekt der Großen Stadtschule Wismar „Geschwister-Scholl-Gymnasium“  mit ihrer AG Denkmal. Die Schülerinnen und Schüler haben zum Beispiel die Geschichte des Reformationstalers in Gadebusch für sich entdeckt. Unterstützt werden sie dabei von Bischof Dr. Andreas von Maltzahn, von der Kirchengemeinde St. Nikolai, vom Archiv der Hansestadt und vom Gadebuscher Stadtchronisten Dr. Gerhard Schotte.

Die Reformation ist nicht nur deutsche, sondern europäische Geschichte. Das Programm „denkmal aktiv“ ermöglicht, dass Schülerinnen und Schüler die Zusammenhänge erkennen: von Geschichte und Gegenwart, von Geografie, Politik und Religion, von Kunst- und Deutschunterricht, bis hin zu Mathematik und Informatik.

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