Jugendarbeit im Ganztag: Auswahl und Anregung

Der Bayerische Jugendring (BJR) setzt sich schon lange für ein Miteinander von schulischer und außerschulischer Bildung ein. Martina Liebe, Leiterin des Referats Jugendpolitische Grundsatzfragen, zieht eine Zwischenbilanz.

Martina Liebe© BJR

Online-Redaktion: Mehr als zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Bayern nutzen Angebote der Jugendarbeit. Eine hohe Quote. Warum und seit wann engagiert sich der BJR mit seinen 96 Stadt- und Kreisjugendringen dann zusätzlich auch noch in der Ganztagsschule?

Martina Liebe: Schon seit Ende der 1990er Jahre und damit deutlich vor Veröffentlichung der PISA-Studie und der sich anschließenden Ganztagsschulbewegung haben wir uns die Frage gestellt, ob eine klare Trennung schulischer und außerschulischer Bildung, gar ein Nebeneinander, noch zeitgemäß ist. Unser Ergebnis war: Nein, das kann nicht mehr alleiniges Prinzip von Jugendarbeit sein. Vielmehr muss es bei Wahrung der Eigenständigkeit der Jugendarbeit darum gehen, Trennendes zu überwinden und Jugendarbeit an die Schule zu bringen. Deshalb haben wir das Förderprogramm „Schulbezogene Jugendarbeit“ entwickelt, das nun seit über zehn Jahren existiert. Für uns ist das ein Anlass, darüber nachzudenken, was schulbezogene Jugendarbeit sein kann.

Online-Redaktion: Zu welchen Schlüssen haben Ihre Überlegungen geführt?

Schulhof von oben
© Britta Hüning

Liebe: Ich möchte mal mit der Kooperation von Jugendarbeit und Schule, jenseits und losgelöst von der Ganztagsschule, beginnen. Jugendarbeit führt ihre Aktivitäten am Ort Schule durch, häufig nach Ende des Unterrichts oder im Rahmen von Projekttagen oder Projektwochen. Sie bietet etwa freiwillige Medienprojekte wie den Medienscout an Hauptschulen, Tages- und Wochenkurse für Schülerinnen und Schüler, die sich in der Schule engagieren möchten oder eine Naturerlebniswoche auf einem Jugendzeltplatz an. In diesen verschiedenen Angeboten erfahren junge engagierte Menschen verstärkt Selbstständigkeit, Akzeptanz und Wertschätzung und erwerben Kompetenzen für ihre Zukunft.

Online-Redaktion: In der Präventionsarbeit würde man von aufsuchender Arbeit sprechen...

70 Jahre Bayerischer Jugendring: Gemeinsam Haltung zeigen© BJR

Liebe: Im Kern ist das ja auch nichts anderes. Besonders häufig kooperieren wir mit Mittel- und Förderschulen. Und erreichen so viele, die möglicherweise ohne unseren Besuch in der Schule keinen Kontakt zur Jugendarbeit finden würden. Der entscheidende Unterschied ist, dass alle Aktivitäten in gebundenen wie offenen Ganztagsschulen als schulische Angebote gelten, unabhängig davon, welcher Kooperationspartner diese durchführt. Es erfordert den Abschluss eines Kooperationsvertrages über die zu erbringenden Leistungen. Hierzu gehören die Organisation des Mittagessens genauso wie die Hausaufgabenhilfe und das Freizeitangebot, um in den Genuss finanzieller Leistungen von Land und Kommune zu kommen.

Das Spezifische der Jugendarbeit realisiert sich dann zumeist in dem Segment der Freizeitangebote. Unsere Jugendringe habe die Erfahrung gemacht, dass die stabilsten Kooperationen mit Ganztagsschulen dort bestehen, wo in der Nähe der Schule ein Freizeittreff existiert, der für das Ganztagsangebot genutzt werden kann – um Mittag zu essen, wobei im günstigsten Fall die Schülerinnen und Schüler auch beim Kochen helfen dürfen, um Hausaufgaben zu erledigen und um die Freizeitangebote zu nutzen.

Schülerinnen vor der Schule
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Bieten die Kreisjugendringe oder Verbände auch Arbeitsgemeinschaften an den Ganztagsschulen in Bayern an?

Liebe: In der gebundenen Ganztagsschule ist das erfahrungsgemäß für die Jugendarbeit eher die Ausnahme. Denn der Rahmen hierfür ist doch sehr eng. Das läuft zumeist so ab, dass eine Schule anfragt, ob eine AG am Tag X zum Beispiel von 15 bis 16 Uhr oder auch von 11 bis 12 Uhr angeboten werden könne. Solche Erwartungen sind für die Jugendarbeit, erst recht für Ehrenamtliche der Jugendarbeit, nicht leicht zu erfüllen.

Online-Redaktion: Wünschen Sie sich also etwas mehr Flexibilität von den Ganztagsschulen?

Liebe: Mehr Flexibilität würde der Jugendarbeit entgegenkommen. Gleichzeitig sind auch Ganztagsschulen Schulen, sie unterliegen bestimmten Zwängen, staatlichen Vorgaben und müssen verschiedenste Erwartungen erfüllen. Aus einem Jugendtreff, der ein kulturpädagogisches Angebot in Kooperation mit einer Ganztagsschule durchführen wollte, hatte ich mal einen Bericht, dass die Schülerinnen und Schüler nach Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben eigentlich nur noch spielen oder einfach gar nichts mehr tun wollten.

© Britta Hüning

Wir sollten also mit Akzeptanzhürden bei Kindern und Jugendlichen rechnen – so gut gemeint das zusätzliche Angebot im Rahmen der Ganztagsschule auch sein mag. Dies gilt besonders für die Älteren. Das bedeutet aber, dass wir, die Vertreter der Jugendarbeit und der Ganztagsschulen, stärker die Bedarfslagen der jungen Menschen berücksichtigen müssen.

Online-Redaktion: Wie könnte das aussehen?

Liebe: Ich denke, wir sollten uns bei der Weiterentwicklung der Idee der Ganztagsbildung, die für uns mehr und teilweise auch etwas anderes ist als Ganztagsschule, von der Angebotslogik lösen und eher in Kategorien des Anregens denken. Dazu gehört wesentlich, dass Kinder und Jugendliche Auswahl- und Entscheidungsmöglichkeiten haben, was sie wahrnehmen möchten. Und ganz entscheidend ist, dass sie mitgestalten können, zum Beispiel auch entscheiden können, dass sie nur spielen oder mit ihren Freundinnen reden wollen. Auch solche Bedürfnisse brauchen richtigerweise ihren Platz in der Ganztagsschule.

Schülerinnen und Schüler treffen sich auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Welche noch schlummernden Potenziale einer Kooperation von Jugendarbeit und Ganztagsschulen sehen Sie?

Liebe: Die Frage muss ja immer lauten: Was haben die Kinder und Jugendlichen davon? Ich bin sicher, dass eine Öffnung des Unterrichts- und Schulprogramms nach außen eine Bereicherung darstellen kann. Das ist natürlich im Ganztag leichter der Fall. Wenn Schülerinnen und Schüler den Ort Schule verlassen und Einrichtungen der Jugendarbeit aufsuchen, dann lernen sie jenseits ihrer Lehrerinnen und Lehrer auch einmal andere pädagogische Bezugspersonen kennen und schätzen.

Wir haben auch oft erfahren, wie wichtig außerschulische Aktivitäten für das Sozialklima der Klassen sein können, etwa wenn jemand von uns auf dem Schulgelände mit den Kindern ein Baumhaus baut. Bei solchen gemeinsamen Betätigungen zählen andere Anforderungen als im Unterricht. Jeder kann sich einbringen und zeigen, was er kann. So steigen Selbstwertgefühle genauso wie die Achtung vor der Leistung des anderen. Diese Aktivitäten wirken sich, das bestätigen Lehrkräfte immer wieder, immer positiv auf das Klassenklima aus.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie Stolpersteine von Kooperationen?

© Britta Hüning

Liebe: Stolperstein würde ich es vielleicht nicht nennen. Aber eindeutig einen nicht zu unterschätzenden Einfluss üben die Eltern aus. Insbesondere in der Offenen Ganztagsschule, dem am meisten genutzten Angebot in Bayern, erwarten Eltern vom längeren Aufenthalt in der Schule eine Verbesserung der Schulleistungen ihrer Kinder. Wenn dann in einem Angebot etwa der Jugendarbeit nur gespielt wird, wird dies schon sehr kritisch hinterfragt. Damit kämpfen immer mal Schulen und ihre außerschulischen Partner.

Online-Redaktion: Strukturelle Probleme spielen keine Rolle?

Liebe: Doch. Mitunter fehlen Räumlichkeiten für außerunterrichtliche Angebote. Häufig kommt dann das Argument, Schule und Ganztagsangebote müssten eben enger verzahnt werden, sich intensiv abstimmen und Räume gemeinsam nutzen. Als erstes setzt dies voraus, dass die Räume überhaupt vorhanden sind, was nicht überall der Fall ist. Zweitens sollte bei der Diskussion um Verzahnung und Kooperation nicht übersehen werden, dass manchmal eine klare Rollenverteilung und Unterscheidbarkeit der Angebote für die Kinder, auch hier wieder ganz besonders für Jugendliche, wichtig ist.

Schülerband bei der Probe
© Britta Hüning

Wenn sie beispielsweise Rat suchen, dann fällt ihnen das im informellen Bereich vielleicht leichter, und sie nutzen den Kontakt zur dortigen Bezugsperson, wissend, dass das Thema nicht ihre Lehrkräfte erreicht. Eine weitere Schwierigkeit sind die auf ein Jahr abgeschlossenen Kooperationsverträge. Ein so kurzer Zeitraum gibt den Kooperationspartnern keinerlei Planungssicherheit und erschwert die Anstellung von gutem Personal, was aber der Dreh- und Angelpunkt für gute Angebote ist. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels ist das ein ernsthaftes Problem.

Online-Redaktion: In welcher Form profitieren die Kreisjugendringe von der Kooperation mit Ganztagsschulen?

Liebe: Das Wichtigste ist: Sie spüren ein verstärktes und verbessertes kommunalpolitisches Standing, werden breiter wahrgenommen und erfahren Wertschätzung. Sie erreichen viele Kinder und Jugendliche und können ihre fachliche Kompetenz einbringen. Und natürlich partizipieren sie auch an zusätzlichen Finanzmitteln, zum Beispiel der Gemeinden, der Schulaufwandsträger, die auch für Jugendarbeit zuständig sind.

© BJR

Online-Redaktion: Welche Unterstützung beim Thema Kooperation mit Schulen erfahren Ihre Mitglieder vom BJR?

Liebe: Träger der Jugendarbeit werden finanziell unterstützt, wenn sie Angebote der Jugendarbeit mit Schulen durchführen wollen. Die Fachberatung Schulbezogene Jugendarbeit berät zu Fragen der Kooperation von Jugendarbeit und Schule und führt Informationsveranstaltungen und Fachtage durch. Im Institut für Jugendarbeit in Gauting, der landesweiten Einrichtung für Fort- und Weiterbildung des BJR, gibt es gezielte Angebote für Fachkräfte, die im Ganztag tätig sind. Bezirksjugendringe führen Vernetzungs- und Austauschtreffen für sozialpädagogische Fachkräfte an Schulen durch, weil diese gerade in ländlichen Regionen oft vereinzelt, ohne Anbindung an eine Fachbasis tätig sind.

Online-Redaktion: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was würde die Zusammenarbeit mit den Ganztagsschulen erleichtern?

Liebe: Eine Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen. Aktuell müssen unsere Organisationen und Einrichtungen nicht unerhebliche eigene Ressourcen einbringen, seien es finanzielle, personelle oder organisatorische Mittel, um ein schulisches Angebot zu gewährleisten. Und es muss eine rechtlich gleichberechtigte Kooperation der schulischen und außerschulischen Verantwortlichen hergestellt werden. Nur dann kann tatsächlich von der oft geforderten Augenhöhe gesprochen werden.

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