Ganztagskongress M-V: "Lehrer sind nicht Alleinunterhalter"

Finnland ist Mecklenburg-Vorpommern näher als anderen Bundesländern, nicht nur geografisch. Diesen Eindruck erweckte zumindest der Ganztagsschulkongress „Ganztägig lernen für die Zukunft“ in Rostock.

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Weder ein Termin am Samstag noch die Sturmfolgen hielten 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 7. Oktober 2017 davon ab, sich auf den Weg nach Rostock zu machen, um beim 3. Landeskongress für Ganztagsschulen in Mecklenburg-Vorpommern dabei zu sein. „Ganztägig lernen für die Zukunft“ war der Kongress der Serviceagentur, die bei der RAA Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt ist, überschrieben.

Gemeinsam mit Maria Parttimaa-Zabel, der langjährigen Leiterin der Serviceagentur mit finnischem Hintergrund – sie hat an der Universität Tampere Sozialpädagogik studiert –, freute sich Bildungsministerin Birgit Hesse über das ungebremste Interesse am Thema Ganztagsschule und am Landeskongress. Im Interview mit dem Radiojournalisten Andreas Kuhlage berichtete sie zum Auftakt, dass 65 Prozent der Schulen im Land Mecklenburg-Vorpommern bereits Ganztagsschulen seien. An diesen 337 Schulen lernen 71.000 Schülerinnen und Schüler. „Unser Ziel ist es, diese Zahl in der Legislaturperiode auf 81.000 zu erhöhen“, so Birgit Hesse.

Birgit Hesse, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Birgit Hesse, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur© Serviceagentur

Die Ministerin nahm auch Stellung zu den Bedingungen in ländlichen Räumen, die derzeit in den Flächenländern wieder eine große Rolle spielen. Zum Beispiel mit Blick auf die Kooperationspartner aus Sport, Musik und Kultur: „Der Landessportbund ist zur Zusammenarbeit mit den Ganztagsschulen bereit. Ich möchte auch mit anderen großen Dachverbänden zu einer Rahmenvereinbarung kommen.“ Um den Ganztagsschulen die Suche nach Kooperationspartnern zu erleichtern, kündigte sie für 2018 eine Online-Datenbank mit Kooperationspartnern an. „Es ist sehr wichtig, dass es die Serviceagentur gibt“, nannte Birgit Hesse einen schon bestehenden Anlaufpunkt für Ganztagsschulen und Kooperationspartner.

Finnland: „Lehrer sind nicht mehr Alleinunterhalter“

Welche „Kompetenzen für das 21. Jahrhundert“ es braucht und wie Schulen ihre Schülerinnen und Schüler am besten auf die Zukunft vorbereiten können, beleuchteten im Anschluss Fachleute aus verschiedenen Perspektiven. Aus Helsinki war Schulleiterin Marja Martikainen gekommen. Ihre Viikki-Übungsschule der Universität Helsinki kennen Schulleitungen und Lehrkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern aus einem Hospitationsprogramm der Serviceagentur.

Marja K. Martikainen ist Schulleiterin der Viikki-Übungsschule der Universität Helsinki
Marja K. Martikainen ist Schulleiterin der Viikki-Übungsschule der Universität Helsinki© Serviceagentur

„Die Schule ist keine einsame Insel in der Welt“, stellte die Schulleiterin fest. Der zum Schuljahr 2016/2017 eingeführte neue finnische Lehrplan sei auch deshalb in einem offenen Diskussionsprozess entstanden, in den sich jeder per Internet einbringen konnte. Die dort festgeschriebenen Kompetenzen umfassen die Denkkompetenz, kulturelle Kompetenz, Alltagskompetenz, Multilesekompetenz, IT-Kompetenz, Kompetenz für die Berufswelt sowie Engagement und Nachhaltigkeit.

„Der Schüler ist bei uns der aktive Lerner, der Lehrer nicht mehr der Alleinunterhalter“, führte Marja Martikainen später in ihrem „Zukunftsklassenzimmer“ weiter aus. Klassenräume würden immer mehr zu aktiven Lernumgebungen, in denen Schülerinnen und Schüler selbstständig lernten. „Digitale Medien sehe ich dabei als Werkzeug, das Lernen zu unterstützen, aber nicht als Ziel“, so die Schulleiterin. Auch auf der Ebene des Kollegiums ändere sich etwas: „Die Schulleitung muss Kooperationen zwischen den Lehrkräften ermöglichen, um die Verbindung zwischen den Fächern zu fördern.“

„Schule hat einen gesellschaftlichen Auftrag“

Dieser Punkt war auch dem Erziehungswissenschaftler Prof. Falk Radisch von der Universität Rostock, der seit vielen Jahren zur Ganztagsschule forscht und einer der Begründer der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“ war, in seinem Vortrag wichtig:

Bildungsforscher Prof. Falk Radisch, Universität Rostock© Serviceagentur
„Fachwissen ist die Grundlage. Aber wir müssen auch in Kompetenzen denken. Dazu muss in Schulen mehr kooperiert werden. Noch werden Unterricht und außerschulische Angebote zu sehr getrennt gedacht.“ Es sei gut, wenn sich die Schule auf die Arbeitswelt beziehe, aber: „Schule hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag“.

Wie Ganztagsschulen den gesellschaftlichen Auftrag wahrnehmen und dabei auch den Schülerinnen und Schülern ein Bewusstmachen ihrer Kompetenzen ermöglichen, davon legten die konkreten Beispiele in den „Zukunftsklassenzimmern“ im Anschluss ein beredtes Zeugnis ab.

Als Wahlpflichtkurs läuft am Eldenburg-Gymnasium in Lübz das Projekt „Jugend debattiert“. Eine Schülerin erzählte: „Wir haben gesehen, wie wichtig Opposition bei der Lösungsfindung ist und wie dankbar wir sein können, unsere Meinung äußern zu können. Wenn man gelernt hat zu diskutieren, kann man anderen Menschen auch andere Sichtweisen eröffnen.“ Es stärke die Allgemeinbildung, das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein in der Welt.

Warnhinweis des Eldenburg-Gymnasiums Lübz
Warnhinweis des Eldenburg-Gymnasiums Lübz© Redaktion www.ganztagsschulen.org

„Wir können inzwischen besser organisieren, wir sind sensibler geworden für rassistische Sprüche“, meinte eine andere Schülerin, die am Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teilgenommen hat. Das Projekt wird als Wahlpflichtkurs in den Jahrgangsstufen 9 und 10 und als Ganztags-AG angeboten. Jedes Jahr suchen sich die Jugendlichen ein neues Thema aus, mehrere Projekte laufen auch unabhängig voneinander. So ließen sich Schülerinnen und Schüler qualifizieren, um andere Schulen durch eine Anne-Frank-Ausstellung zu führen, sie widmeten sich dem Thema „Schwule und Lesben“ oder luden an einem Aktionstag 30 Flüchtlinge ein, kochten mit ihnen, trieben Sport zusammen und hörten ihre Geschichten an.

Von Alltagshelden und Kunstkooperationen

Schulsozialarbeiter Martin Koch war mit vier Schülerinnen vom Goethegymnasium Demmin zum Kongress gekommen, um die „VielfältICH“-AG vorzustellen, die Zehntklässler entwickelt haben. 2015 wurde mit ihrer Hilfe das Gymnasium „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, aber die „Anti-Extremistisch-Engagierten“, wie sich die Gruppe aus Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Sozialpädagogen und Schulsozialarbeit nennt, haben „VielfältICH“ zu einem Dauerprojekt für Fünft- bis Elftklässler entwickelt.

Thementalk "Ganztägiges Lernen und die Zukunft"
Thementalk "Ganztägiges Lernen und die Zukunft" © Redaktion www.ganztagsschulen.org

Unter anderem sind in den vergangenen beiden Jahren historische Projekte durchgeführt worden, zum Beispiel zum Kriegsende in Demmin oder „Jüdisches Leben in Deutschland“. Weitere Projekte sind „Ausstieg aus der rechten Szene“, oder das Theaterstück „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“. „Die VielfältICH ist inzwischen Bestandteil des Schuljahresplans“, berichtete Martin Koch. „Hier können Themen vermittelt werden, die im Unterricht zu kurz kommen, und Unterrichtsinhalte ergänzt werden. Unser Ziel sind Wissensvermittlung, Diskussion und Meinungsbildung.“

Die Projekte können jeweils von 45 Minuten bis zu sechs Stunden dauern und binden teilweise „großartige Kooperationspartner“ wie „Courage! Das Netzwerk für Demokratie“ oder das „Centrum für sexuelle Gesundheit“ in Rostock mit ein. „Wir haben manche Themen mehr verinnerlichen können“, konnte man die Reaktion eines Schülers zu diesen Projekten lesen, während ein anderer meinte, er habe gelernt, „mich selber einzuschätzen“. Zudem zeichnet das Goethegymnasium seit zwei Jahren auch „Alltagshelden“ aus: für gelungene Integration oder für den Schutz vor Mobbing zum Beispiel.

Angebot der "Breakfast S-GmbH" des Schulzentrums Paul Friedrich Scheel© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Welche erstaunlichen Ergebnisse entstehen, wenn der Einfallsreichtum von Schülerinnen und Schülern auf das Können von Künstlerinnen und Künstlern trifft, konnte Marie Schratzel von der RAA Mecklenburg-Vorpommern im Programm „Klappe gegen Rassismus“ demonstrieren. Schülerinnen und Schülern von 11 bis 16 Jahren taten sich in Hagenow mit der Soph!e Medienwerkstatt und mecklenburgischen Künstlern aus Bereichen wie Puppenspiel, Schauspiel, Graffiti und Animation zusammen. Es entstand der Animationsfilm „Das Phänomen“ nach einem Gedicht von Hanns Dieter Hüsch aus dem Jahr 1981, das leider nichts von seiner bedrückenden Dringlichkeit eingebüßt hat.

Nicht ohne den Ganztag...

Fragt man bei all diesen Projekten nach, ob sie denn nicht auch ohne Ganztagsschule möglich wären, heißt es stets: „Nein“, „Nicht in diesem Umfang“ oder „Nicht in diesem Maße“. Das gilt sicherlich auch für das gute Dutzend von Kooperationen und Schülerfirmen, die sich über die Mittagszeit vorstellten. Zum Beispiel servierte die Schülerfirma „Breakfast S-GmbH“ des Schulzentrums Paul Friedrich Scheel aus Rostock köstliche Smoothies. Aldo Segler vom Mitmachradio Radio Lohro 90,2 stellte die Möglichkeiten, selbst Radio zu produzieren, vor. Und Alexander Felske und Torsten Schulz von der HSG Universität Rostock präsentierten Baseball als AG-Sport.

Die HSG Universität Rostock wirbt für Baseball-AGs© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Zum Abschluss des inhaltsreichen Kongresses fanden vier parallele Thementalks statt. In der Diskussion „Ganztägiges Lernen und die Zukunft“ gab es ein Wiedersehen mit Marja Martikainen und Falk Radisch. Hinzu kamen Dr. Julia Kleeberger, die Geschäftsführerin des Vereins „Junge Tüftler“ aus Berlin, Katrin Zeisler, Lehrerin in der Regionalen Schule „Am Lindetal“ Neubrandenburg, und Olaf Müller vom Medienpädagogischen Zentrum im Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern. Die Runde diskutierte besonders intensiv über das Thema Lehrerausbildung.

„Die Lehrerausbildung ist aufgerufen, sich zu verändern. Das sage ich auch selbstkritisch“, begann gleich Prof. Falk Radisch. „Es wäre besser, den angehenden Lehrern flexibler eigene Ideen zu ermöglichen. Und innerhalb der drei Phasen Ausbildung, Referendariat und Weiterbildung muss deutlich mehr kommuniziert werden.“ Für Olaf Müller ist „die Ganztagsschule in der Lehrerausbildung vollkommen unterrepräsentiert. Das passt überhaupt nicht mehr in die Zeit.“ Wichtig ist Radisch zufolge, dass die Ganztagsschule „über die Fächer hinaus Bildung vermitteln“ kann. Einig waren sich alle, dass die Lehrerausbildung die Potenziale der Ganztagsschule einbeziehen muss.

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