"In Bayern bewegt sich derzeit eine Menge"

Wenn es nach Gerhard Koller geht, soll sich Bayern von der Bildungsregion Forchheim inspirieren lassen. Dort ziehen die bildungspolitischen Akteure seit vielen Jahren an einem Strang. In einem Gespräch mit der Online-Redaktion schildert der Schulamtsleiter des Landkreises Forchheim, wie aus einer Vision Wirklichkeit wurde: Eine ganze Region - ein Landkreis, eine Stadt sowie eine Gemeinde als Netzwerk für Bildung - haben sich auf den Weg gemacht.

Online-Redaktion: Sie sind ein Aushängeschild des Reformprozesses in der Bildungsregion Forchheim. Woher kommt dieses außergewöhnliche Engagement?

Gerhard Koller
Gerhard Koller

Koller: In der Bildung ist es notwendig, dass sich Leute auf den Weg machen und von unten her etwas bewirken wollen. Dies geht aber nur in Netzwerken. Mein Ziel war es von Anfang an, gute Schule zu gestalten.

Nach meinem Studium zum Lehramt unterrichtete ich einige Jahre an Grund-, Haupt- und Förderschulen. Es folgten zwölf Jahre in der Lehrerausbildung und in der Leitung eines Studienseminars für Referendare im Grund- und Hauptschulbereich. Seit 1985 bin ich im Staatlichen Schulamt im Landkreis Forchheim tätig. Dazwischen war ich von 1993 bis 1996 stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts in Leipzig.

Online-Redaktion: Bei welcher Gelegenheit haben Sie die Ganztagsschulen entdeckt?

Koller: Mir ist in den letzten 25 Jahren, seit ich im Schulamt bin, bewusst geworden, dass Schulen in anderen Ländern wesentlich ruhiger arbeiten und trotzdem effektiver sind. Die internationale Schülerleistungsstudie PISA bestätigte meine persönliche Einschätzung dann. Infolgedessen haben wir ein System von Schulberatungstagen entwickelt. Hier begleiten wir Schulen jeweils eine Woche lang und erleben den Schulalltag hautnah.

Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr die Lehrerinnen und Lehrer durch den Schulalltag hetzen - schlimmer noch, die Kinder durch den Schulalltag gehetzt werden. Mir wurde bewusst, dass die Halbtagsschule am Ende ist.

Online-Redaktion: Wann war Ihnen das klar?

Koller: Schon seit längerem. Ein Schlüssel zum Verständnis der Probleme in Deutschland waren auch meine Auslandsaufenthalte. Ich erkannte, dass die Schulen fast überall außer in Deutschland später anfangen. Die Frage war, wie wir zu einer anderen Schule gelangen könnten.

Aus den vielen Fragen versuchte ich, eine Vision zu entwickeln: Was wäre dagegen einzuwenden, wenn wir mit der Schule und dem Unterricht später beginnen? Man müsste natürlich für eine Frühbetreuung sorgen. Zentral war für mich die Schaffung einer gemeinsamen Mittagspause mit Mittagessen für alle, die aus meiner Sicht zur Schulkultur gehört.

Ich wollte die Schule in den Nachmittag verlängern, um mit den Schülerinnen und Schülern ganzheitlicher arbeiten zu können, die Erledigung der Hausaufgaben eingeschlossen. Damit sollte auch Stress aus dem Elternhaus genommen werden.

Das Wort Ganztagsschule war ja in Deutschland verpönt. Dennoch liegt der Vorteil der Ganztagsschule darin, dass sie auf die veränderten Familienverhältnisse reagiert und ermöglicht, dass die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Kinder Schule stressfreier erleben.

Online-Redaktion: Wieso bauen Sie dabei insbesondere auf Netzwerke?

Gerhard Koller (links im Bild) mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Podiumsdiskussion in Forchheim

Koller: Ich habe mich schon im ehrenamtlichen Bereich mit dem Netzwerkgedanken vertraut gemacht und bemerkt, was diese bewirken können. Daraus zog ich den Schluss, dass Schule sich nicht isoliert betrachten darf. Zur Schule gehören viele Partner, vor allem auch die Eltern. Auf viele Ressourcen der Eltern greift die Schule viel zu wenig zu.

Ein zweiter Aspekt war für mich die Frage, welche außerschulischen Partner die Schule braucht, um sinnvolle Angebote zu ermöglichen. Das geht bis zur Frage der Finanzierung. Netzwerke sind vor diesem Hintergrund sehr hilfreich.

Aber ihre Bedeutung geht darüber hinaus. Wir müssen nämlich ein anderes Bildungsverständnis entwickeln: Jede Gemeinde, jede Stadt, der Landkreis, eine ganze Region, müssen sich als Netzwerk für Bildung verstehen.

Wir dürfen die Kinder also nicht mehr isoliert in einem jeweiligen Bildungsabschnitt sehen, sondern müssen uns fragen, wie begleiten wir die Familien, die Eltern und Kinder vom Kindergarten über die Schule, bis sie vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind und sich auch ins kulturelle Leben einbringen.
 
Online-Redaktion: Sie waren an der Organisation der wegweisenden Tagung zum Thema "Ganztagsschule - Forschung, Erfahrungen, Praxis", die am 28. und 29. Februar 2008 in Forchheim stattfand, maßgeblich beteiligt. Was hat die Tagung, die erstmals Theorie und Praxis der Ganztagsschulen in Bayern in den Mittelpunkt stellte, aus Ihrer Sicht bewirkt?

Koller: Wenn ich mir die Bandbreite der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Augen führe, bin ich der Meinung, dass Netzwerke hier bereits im Entstehen sind. Dies bietet sich bei Ganztagsschulen auch an. Der letzte bundesweite Ganztagsschulkongress hat gezeigt: Lokale Bildungslandschaften zu gestalten, heißt, alle Beteiligten in den Prozess einzubeziehen.

Und wenn man sieht, was in hier in Forchheim passiert, dass also Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrkräfte, Elternvertreter und Kommunal- und Landespolitiker vor Ort sind, ist dies ein gutes Zeichen für Bayern. Das ist die erste bayerische Tagung, die Theorie und Praxis der Ganztagsschule zusammenbringt.

Das Ziel dieser Tagung war es, inhaltliche Konzepte zu entwickeln, die eine vernünftige Rhythmisierung und Gestaltung eines Schultages erlauben und die Schule als Lern- und Lebensraum für die Schülerinnen und Schüler erlebbar machen. Sie sollen Freude am Lernen entwickeln, und wir kommen von diesem aufreibenden Frontalunterricht weg.

Online-Redaktion: Was ist in Bayern anders als früher?

Koller: In Bayern hat sich unter dem Vorzeichen der Ganztagsschule eine Menge bewegt. Auf der einen Seite hat das bayerische Kultusministerium nach einigem Zögern nun sehr deutlich gemacht, dass wir Ganztagsschulen brauchen. Kultusminister Siegfried Schneider setzt sich dafür ein, dass alle Hauptschulen Ganztagsschulen werden.

Auf der anderen Seite haben wir das achtjährige Gymnasium, das de facto eine ganztägige Schule ist, aber noch keine Ganztagsschule, weil konzeptionell nicht rhythmisiert. In Bayern gibt es also zwei Ansatzpunkte, die uns die Chance eröffnen, inhaltlich in die Diskussion um Ganztagsschulen einzusteigen.

Online-Redaktion: Sehen Sie in diesen Veränderungen auch bereits die Auswirkungen des IZBB-Programms?

Koller: Den Effekt sehe ich sehr stark, zumal ich an den letzten Ganztagsschulkongressen in Berlin teilgenommen habe. Dort habe ich das IZBB als äußerst anregend und bereichernd empfunden. Allerdings ärgerte ich mich darüber, dass es im Bundesgebiet mit Bayern und Baden-Württemberg keine Serviceagenturen "Ganztägig lernen" gibt.

Der weiße Fleck Bayern muss weg, und ich denke, wir sind mit dieser Tagung auf einem guten Weg. Was können wir uns mehr wünschen, als von dem angeregt zu werden, was andere Bundesländer entwickelt haben?

Ich sehe also hoffnungsvolle Zeichen, dass es in diese Richtung weitergeht. Außerdem werde ich die Einrichtung einer Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bayern unterstützen, damit das Land von den Netzwerken partizipieren kann und unsere Schulen konkrete Unterstützung erfahren.

Online-Redaktion: Was trägt die Bildungsregion Forchheim zum Ausbau der Ganztagsschulen bei?

Koller: Ziel ist es, eines Tages alle Schulen als Ganztagsschulen in der rhythmisierten Form zu führen und zwar über alle Schulformen hinweg. Dem dient auch die Bildungsregion Forchheim, in der dieser Gedanke verbreitet wird.

Unabhängig von dieser Fachtagung gab es in den letzten drei Jahren eine Reihe von Fachvorträgen zum Thema Ganztagsschule bei uns im Landkreis. Das Kultusministerium hat bereits darauf reagiert und sehr viele Ganztagsschulen bewilligt. Im Landkreis Forchheim sind von insgesamt 37 Schulen bereits neun Ganztagsschulen..

Das Land hat uns den Zuschlag erteilt, eine Modellregion für Ganztagsschulen zu werden. Im Zuge dessen wird eine wissenschaftliche Begleitung stattfinden, die die Effekte von Ganztagsschulen untersucht. Wir setzen uns dafür ein, mit den Investitionsmitteln noch mehr gestalten zu können, um den Schulen individuelle Möglichkeiten der Entwicklung ihres Ganztagskonzeptes zu geben.

Koller, Gerhard, Dipl. Päd., Schulamtsdirektor, geb. 16. Juni.1946, 1965 bis 1968 Studium für das Lehramt an Volksschulen, 1968 bis 1971 Referendariat, 1971 bis 1973 Lehrer an Grund-, Haupt- und Förderschulen, 1973 bis 1985 Leiter eines Studienseminars für die Ausbildung von Lehrern an Grund- und Hauptschulen, 1985 bis 1993 Schulrat am Staatlichen Schulamt im Landkreis Forchheim, 1993 bis 1996 Stellv. Leiter des Staatlichen Schulamts Leipzig, seit 1997 Leiter des Staatlichen Schulamts im Landkreis Forchheim, Vorsitzender des Trägervereins FOrsprung e.V. der Bildungsregion Forchheim

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