Stefan Appel: ein Vierteljahrhundert Ganztagsschulgeschichte

Kaum jemand hat so viele Schulen von innen gesehen - und keiner ist als Ganztagsschulberater in Deutschland so gefragt, wie Stefan Appel. In diesem Jahr feiert der langjährige Direktor der Ganztagsschule am Hegelsberg (Kassel) nun sein 25jähriges Jubiläum als Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes. Grund genug, um mit dem Verfechter des Ganztagsschulgedankens ein Gespräch über die Qualität von Ganztagsschulen sowie über den raschen Wandel des Bildungssystems seit PISA und dem IZBB zu führen.

Online-Redaktion: Sie haben seit 25 Jahren den Vorsitz des Ganztagsschulverbandes inne: Wie war die Situation damals?

Stefan Appel

Stefan Appel: Es war seinerzeit ein Versuchsschulstatus. Als ich 1978 an die Ganztagsschule kam, lautete das Thema des Auswahlverfahrens sinngemäß: Was man über die Pädagogik der Versuchsschulen in Ganztagsform erreichen kann. Die Versuchsschulen wurden über Verordnungen etabliert und In einigen Ländern behielten sie diesen Status noch sehr lange. Die Entwicklung war 1978 einfach noch nicht so weit. Die damalige Bildungsreform, die von den Sozialdemokraten angestoßen worden war, lief nicht über die Ganztagsschule, sondern über die Auseinandersetzung Gesamtschule versus dreigliedriges Schulsystem. Die Losung lautete: Wenn schon Gesamtschule, dann nur in Ganztagsform. Dies hat die Entwicklung der Ganztagsschulen sowohl befördert als auch behindert. Besonders in den südlichen Bundesländern hat man die Begriffe gleichgesetzt und behauptet: Ganztagsschule ist Gesamtschule. Das hieß, man hat gar nicht erkannt, dass die Ganztagsschule für alle Schularten gedacht war.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielten ideologische Vorbehalte für die Ablehnung der Ganztagsschule?

Appel: Ideologische Vorbehalte spielten lange Zeit eine große Rolle.

Online-Redaktion: Danach fragt heute keiner mehr...

Appel: Nein, zumindest nicht besonders spürbar. Ich bin beispielsweise momentan viel in Berlin. Der Grund ist, dass alle Sekundarschulen dort - und dies nach IZBB! - in Ganztagsschulen umgewandelt werden. Die einzelnen Bezirke legen Haupt- und Realschulen zusammen und wandeln sie in Ganztagsschulen um. Die Entwicklung dort ist heftig im Gange. Eine deutliche Zunahme von Ganztagsschulen kann man beispielsweise auch in Baden-Württemberg wahrnehmen.

Entgegen den Erwartungen mancher Skeptiker ist der Ausbau der Ganztagsschulen mit dem Auslaufen des IZBB nicht zum Stillstand gekommen: Überhaupt nicht. Man bekommt vielmehr den Eindruck, dass der Zug in einigen Bundesländern jetzt erst richtig rollt. Auch die Kommunen als Schulträger scheuen sich nicht zu investieren. Das Thema Ganztagsschulen scheint in der Priorität weit nach vorne gerückt zu sein.

Online-Redaktion: Was sind die Gründe dafür?

Appel: Dass die Öffentlichkeit Ganztagsschulen will und braucht und sich keine gesellschaftliche Schicht, aber auch keine politische Partei erlauben kann, den Ausbau von Ganztagsschulen nicht zu unterstützen.

Online-Redaktion: Ganztagsschulen sind teuer: Wo kommt das Geld dafür her?

Appel: Das ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. In Niedersachsen wird der Ausbau deutlich vorangetrieben, aber das Land sagt von vornherein: Ihr kriegt dafür kein Personal und müsst sehen, wie ihr das hinbekommt. Andere Länder handhaben den Ausbau ganz anders. Es hängt vom bildungspolitischen Willen der Bundesländer ab, weniger von der Füllhöhe der Kassen.

Online-Redaktion: Man kennt Sie auch als Kritiker der Probleme von Ganztagsschulentwicklung. Aus Ihren Worten hört man aber doch eine gewisse Zufriedenheit heraus: Wie kommt es dazu?

Appel: Vielleicht ist manchmal der falsche Eindruck entstanden, dass ich nur als Kritiker auftrete. Mir geht es primär darum, den Akteuren Mut zuzusprechen und das Machbare zu erklären. Dazu ist hier und da  auch Kritik nötig. Natürlich gehe ich von gewissen Standards aus, die Ganztagsschulen erfüllen müssen. Prinzipiell ist Ganztagsschule in jeder Schulform und in jedem Schulgebäude möglich. Ob es sich um eine Gebäude der Gründerzeit handelt, einen Sparbau der 1950er Jahre oder ein Atriumgebäude der 1970er Jahre, spielt nicht die entscheidende Rolle.

Allerdings ist es nicht möglich, eine Ganztagsschule zu betreiben, wenn das Gebäude als Halbtagsschule bereits komplett ausgelastet ist. Man kann Ganztagsschule mit geringen Mitteln und wenig Personal betreiben, aber dies hat deutliche Auswirkungen auf das pädagogische Konzept. Wenn man Ganztagsschule nur in Klassenräumen organisiert, wird es nichts werden.

Ich sage den Schulen in solchen Fällen: Ihr werdet Probleme bekommen und das wird zu massiver Unzufriedenheit führen. Im Prinzip gilt: Ganztagsschule braucht 30 Prozent mehr Personal. Wer das nicht umsetzt, versteht nicht viel von Ganztagsschule. So jemand denkt wahrscheinlich an ein angehängtes Modell - also Halbtagsschule mit Betreuungsmodul - oder an Großgruppenbetreuung oder an, zugespitzt ausgedrückt, Käfighaltung.

Online-Redaktion: Sie blicken auf 25 Jahre als Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes zurück. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen - sagen wir "historischen" - Etappen und welche Prozesse haben Sie mitgestalten können?

Appel: Ein Standbein des Verbandes ist der gesellschaftliche Auftrag, durch Ganztagsschulen zur Bildungsgerechtigkeit beizutragen und familienergänzend zu wirken. Eine weitere Säule ist es, die  Ganztagsschule nicht nur in der Rolle der Betreuung sondern auch in der der Erziehung zu betonen. Allerdings hat sich der soziale Auftrag im Lauf der Jahrzehnte gewandelt. Auf der Grundlage dieser Standbeine versuchen wir eine kinderfreundliche, harmonische Schule zu entwickeln und bekannt zu machen. So sieht es die Satzung des Ganztagsschulverbandes vor.Als ich den Vorsitz des Verbandes übernommen habe, war die Mitgliederzahl erheblich geschrumpft. Dabei muss man berücksichtigen, dass die Mitgliederzahl nach dem Zweiten Weltkrieg ständig gestiegen ist: Sie war deswegen sehr groß, weil die alliierten Siegermächte der Gemeinnützigen Gesellschaft Tagesheimschulen e.V., wie der Verband damals hieß, als einem der wenigen Verbände die Erlaubnis erteilte, ins Ausland zu reisen.

Schulklasse

Dies hatte Folgen für die Mitgliederzahl. Unser Verband besaß sogar Verbindungen zu einer speziellen Fluglinie. Vor diesem Hintergrund wurden Schulbesuche ins Ausland, insbesondere nach Amerika unternommen, um dort das Schulsystem zu besichtigen. So hatte der Ganztagsschulverband in den 1960er Jahren Tausende Mitglieder versammelt, die nur über die Mitgliedschaft diese Reisen machen konnten. Mit der weiteren Konsolidierung der Bundesrepublik wurden die Mitgliederzahlen wieder rückläufig, doch zu dieser Zeit war der Verband bereits relativ bekannt geworden. 

Online-Redaktion: Welche Neuerungen haben Sie zu Beginn Ihrer Ägide angestoßen?

Appel: In den 1950er/1960er Jahren gab es einzelne Blüten kinderfreundlicher Schulen. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass sie pädagogisch besonders engagiert waren, und die Motivation in den Kollegien sehr hoch war. Im Gegenzug erwies sich, dass es sehr schwierig war, solche Reformschulen in den Kommunen und Ländern in größeren Umfängen durchzusetzen. Als ich dem Ganztagsschulverband beitrat, lief vieles nach gewissen Routinen ab. Der Verband bestand aus einem "exotischen" Kreis von engagierten Pädagogen, die etwas Besonderes wollten.

Dann kam die Bildungsreform, die zu einer Annäherung zwischen denen führte, die die Ganztagsschule unterstützten, sowie jenen, die die Gesamtschulen verbreiten wollten. Man muss aber unterstreichen, dass der Ganztagsschulverband nicht wesentlich in die Entwicklung der Gesamtschulen involviert war. Das wurde von den "Verbandsfürsten" des Tagesheimschulverbandes und des Gesamtschulverbandes zwar angedacht, doch es kam nicht wirklich zur Umsetzung dieses Vorhabens. Das Problem der Vertreter der Gesamtschulen bestand darin, dass diese viel zu stark ideologisiert waren. Die Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG), die es auch heute noch gibt, hatte seinerzeit vorgefasste Standpunkte, wie die Schule der Zukunft auszusehen hatte, was mit den damaligen politischen und ideologischen Ansichten zusammenhing. Also lief unser Engagement auf einem Parallelgleis weiter und wir kümmerten uns um die reformpädagogisch ausgestaltete Ganztagsschule.

Um den Radius und die Wirksamkeit zu erhöhen, ist der Verband dann dazu übergegangen, Landesverbände zu gründen, die Jahrestagungen größer aufzuhängen sowie Schulberatungen im größeren Stile zu starten. Es entstanden somit "Informationsinseln" im gesamten Bundesgebiet. Nachdem mein Vorgänger die Geschäfte auf mich übertrug, war es mein Antrieb, die Jahrestagungen (Kongresse) systematisch zu erweitern. Dann wurde die "Informationsstelle für Ganztagsschulfragen" in Kassel eingerichtet und die erste Bibliographie zur Ganztagsschulthematik 1983 herausgegeben. Dem Anspruch des Informationsflusses ist auch die Herausgabe des Praxisbandes "Handbuch Ganztagsschule" gefolgt, das der Wochenschau Verlag in den letzten Jahren herausgegeben hat, denn Erfahrungen, wie man Ganztagsschulen aufbaut oder Halbtagsschulen zu Ganztagsschulen umwidmet, lassen sich vermitteln.

Online-Redaktion: Das heißt, es ging Ihnen darum, eine bessere Verbindung von Theorie und Praxis herzustellen?

Appel: Unbedingt. Dies steht zwar auch in der Satzung, aber zuvor  lag der Fokus stärker auf den Informationsreisen und der Beratungsbereitschaft bei Anfragen. Damit war der Verband seinerzeit  organisatorisch komplett ausgelastet. Der Motor der Entwicklung von Ganztagsschulen lag in den 1950er und 1960er Jahren übrigens  beim Land Hessen, wobei es sich überraschender Weise als eines der wenigen Länder aus finanziellen Gründen nicht dem Zug des Ausbaus von Gesamtschulen als Ganztagsschulen angeschlossen hat.

Die beiden hessischen Städte Frankfurt und Kassel hatten aber als erste im Bundesgebiet mit den Ganztagsschulgründungen begonnen; in Frankfurt war es eine Volksschule, in Kassel ein Reformgymnasium. In Kassel gab es auch die erste Ganztagsrealschule in der Bundesrepublik. Dann verbreitete sich der Gedanke der Ganztagsschulen ausgehend von den vereinzelten Inseln zusehends über das Bundesgebiet. Seit der Gründung der Informationsstelle im Jahr 1981 wurden die Vorstandsmitglieder und langjährigen Ganztagsschullehrkräfte des Verbandes als Ganztagsschulberater eingesetzt.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Mitarbeiter des Verbandes denn auf Kurs gebracht?

Appel: Erst einmal hat der Verband mich in den Jahren 1978 bis 1981 selbst auf Kurs gebracht, bis ich soweit war, um Innovationen in Gang zu setzen. Schon im Vorstand habe ich mich dafür eingesetzt, über die Informationsstelle die Literatur zur Ganztagsschule zu bündeln, die Ganztagsschulverzeichnisse auf dem neuesten Stand zu halten und das Beratungssystem auszudehnen. Natürlich gab es zu dieser Zeit noch relativ wenig Fachliteratur. Sie bezog sich auf die Aufgabenbereiche der "Tagesheimschulen", wie die Schulen mit ganztägigem Konzept früher überwiegend hießen..

Aufgrund der Ausbreitung ganztägiger Schulen verbreitete sich dann der Begriff Ganztagsschule mehr und mehr, den wir dann auch in den Namen des Verbandes mit übernahmen: Unter dem Wort Tagesheimschule konnte man sich bereits in den 70ger Jahren in den verschiedenen Ländern kaum etwas vorstellen. Der Begriff führte auch etwas in die Irre, da er das Wort Heim beinhaltet. Es resultierte aus der Nachkriegszeit, wo es darum ging, den Kindern und Jugendlichen eine Ganztagsbetreuung zu ermöglichen, während die Mütter, die oft Kriegswitwen waren, sich um die Arbeit kümmerten.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe für die Entwicklung von Ganztagsschulen - und hat das IZBB Änderungen bewirkt?

Appel: In Deutschland gibt es etwa 725.000 Lehrerinnen und Lehrer, in ca. 42.000 Schulen - Tendenz sinkend. Natürlich erreicht man es nicht über Nacht, die Köpfe dieser Lehrkräfte zu ändern und sie mit den Anforderungen zukunftsfähiger Schulen vertraut zu machen. Das IZBB hat hier aber eine Menge Positives bewirkt. Es sind eine Menge hervorragender Schulen entstanden. Oft staunt man, mit welch geringen Mitteln die neuen Ganztagsschulen qualitativ hochwertige Ganztagskonzepte entwickeln. Diese guten Beispiele gibt es in allen Bundesländern.

Ein wesentlicher Verdienst des Verbandes ist, dass es gelungen ist, bei den Kultusministerien die Türen zu öffnen und darauf hinzuwirken, dass jetzt über die staatlichen Stellen auch Sozialpädagogen eingestellt werden können. Rheinland-Pfalz praktiziert dieses Modell als einziges Land flächendeckend. Auch in Hessen ist es möglich, auf Lehrerstellen des Ganztagszuschlages Sozialpädagogen oder Erzieher einzustellen. Nicht alle Bundesländer sind so weit, dies umzusetzen, aber viele Köpfe sehen bereits die Vorteile. Trotz unserer ständigen Voten pro Sozialpädagogen ist die Zusammenarbeit Jugendhilfe-Schule erst spät in Gang gekommen.

Es liegt wohl daran, dass die beiden Berufsprofessionen "Lehrkräfte-Sozialarbeiter" gewachsene Berührungsvorbehalte haben, die erst allmählich abzubauen sind. Aber wir arbeiten daran. Ein Problem sehe ich allerdings darin, dass es nach wie vor viele Schulen in Deutschland gibt, die das Wort Ganztagsschule lediglich als Etikett führen und die Eltern damit täuschen. An dieser Stelle, also qualitative Nacharbeit einzufordern und reelle Informationen an Eltern weiterzugeben,  ist noch viel zu tun.

Online-Redaktion: Wie sehen aus Ihrer Sicht die nächsten 25 Jahre der Ganztagsschulentwicklung aus?

Appel: Aus der Sicht des Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes gilt es festzuhalten: Die Ganztagsschulentwicklung ist in Deutschland nicht mehr aufzuhalten - sie ist in allen Ländern in vollem Gange. Allerdings fällt sie recht unterschiedlich aus. Das kann man am Beispiel von Brandenburg festmachen. In den ersten zehn Jahren nach der Wiedervereinigung gab es viele qualitativ hochwertige Ganztagsschulgründungen, heute dagegen ist die Entwicklung verhalten, keineswegs aber gestoppt. Dann wieder sieht man Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen oder im Saarland, wo Eltern die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen aus eigener Tasche bezahlen müssen. Dies ist aus unserer Sicht nicht zu begrüßen, da sich die soziale Schere öffnet. Außerdem entsteht keine wesentliche Veranlassung, bei additiven Schulmodellen den Unterricht zu verändern und damit die Qualität zu verbessern.

Solange der Staat nicht das nötige Personal stellt, wird es die voll ausgebauten Ganztagsschulen mit ihren Erfolgen in Erziehung und Leistung nur in Ausnahmefällen geben. Das müssen sich die Bildungsverantwortlichen in den jeweiligen Bundesländern klar machen. Nach dem IZBB wird die Entwicklung naturgemäß verlangsamt stattfinden, weil die Mittel - trotz guten Willens bei Ministerien und Kommunen - mühsamer fließen, aber sie wird nicht stagnieren. Man wird in den Ländern - insbesondere in den neuen Ländern - verhaltener reagieren, da den Schulträgern einfach die finanziellen Mittel fehlen.

Deutschland wird so schnell zwar kein Ganztagsschulland werden, aber ich nehme an, dass die allgemeinbildenden Schulen zahlenmäßig bis zur Hälfte in den nächsten Jahren ganztägige Einrichtungen werden. Wenn Sie die Statistiken anschauen, stellen Sie fest, dass die Grundschulen durch das IZBB am weitesten fortgeschritten sind, der nächste Entwicklungsschub in pädagogischer Hinsicht ist von den Gymnasien zu erwarten, die ja von der Organisation her durch G8 bereits teilgebundene Ganztagsschulen sind. Die Gesamtschulen sind ohnehin überwiegend ganztätige Schulen, die Brennpunktschulen auch.

Online-Redaktion: Sie blicken auf 25 Jahre bundesweiter Ganztagsschulberatung zurück. Benötigt es ein Vierteljahrhundert, um ein Bildungssystem von Grund auf zu verändern?

Appel: Ich fürchte, es ist so. Wenn man, wie ich, mehrere Jahrzehnte im Schuldienst war, stellt man allerdings fest, dass Schule sich immer verändert hat, nur möglicherweise nicht deutlich genug. Man muss schon 25 Jahren rechnen, bis sich ein Schulwesen so verändert, dass es völlig anders geworden ist. Den völligen Systemwechsel wie in Schweden oder Finnland wird es in Deutschland nicht geben, doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass bereits in zehn Jahren regelrechte Sprünge möglich sind.

Die Volksschulen der 1950er Jahre beispielsweise haben mit den Grundschulen der 1960er Jahre nur sehr bedingt etwas gemeinsam. Seitdem hat sich die Entwicklung des Schulsystems erheblich beschleunigt. In diesem und im nächsten Jahrzehnt wird es auf der Grundlage von PISA sowie im Zusammenhang mit den Ganztagsschulen - Stichwort demographischer Wandel, Vereinbarkeit von Schule und Beruf u.ä. - zu einem erheblichen Wandel kommen.

Drohende Schulschließungen beispielsweise sind auch eine Gelegenheit, vieles von Grund auf umzustrukturieren, wie es jetzt in Berlin oder in den neuen Bundesländern geschieht. Probleme sehe ich allerdings nach wie vor im Informationsmangel, wie auf dem Gebiet der Schularchitektur, der Schulausstattung, der Personalversorgung, aber auch im Transfer von Wissenschaftserkenntnissen zur Praxis zu resümieren ist. Wir haben seit mehr als 50 Jahren in Deutschland Ganztagsschulen entwickelt. Es gibt keinen Grund, das Rad neu zu erfinden oder Fehler zu wiederholen.

Stefan Appel, Studium an der Universität Göttingen (Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Philosophie), seit 1969 Lehrertätigkeit an Kasseler Sekundarstufenschulen, Tätigkeit in der Lehrerbildung (Studienseminar Kassel), seit 1978 Veröffentlichungen zu pädagogischen Fragen der Ganztagsschule. Seit 1981 Vorstandsmitglied des Ganztagsschulverbandes GGT e.V., Frankfurt / Main. 1983 bis 2009 Leiter der Schule Hegelsberg (Ganztags-Gesamtschule mit Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig). Seit 1985 Bundesvorsitzender des Ganztagsschulverbandes, Frankfurt/Main, Arolser Straße.

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