Interview mit Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan

"Ganztagsangebote bedeuten eine qualitative Veränderung von Unterricht und Schule", betont Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan anlässlich des 8. Ganztagsschulkongresses in Berlin am 4. November 2011. Im Interview mit www.ganztagsschulen.org spricht sie sich dafür aus, die Anforderungen der Ganztagsschule stärker in der Ausbildung zu berücksichtigen.

Online-Redaktion: 2004 haben Sie, damals noch als Kultusministerin in Baden-Württemberg, auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll zum Thema "Ganztagsschule - Ganztagsbildung" hervorgehoben, dass wir einen anderen Umgang mit Zeit in der Schule brauchen und ein Schulklima, in dem Kinder ernst genommen werden. Inzwischen arbeitet fast jede zweite Schule in Deutschland als Ganztagsschule. Sind die damaligen Erwartungen eingelöst?

Porträtfoto Annette Schavan

Annette Schavan: Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht und sind auf einem guten Weg, gerade, was das Schulklima und die Lernzeitgestaltung anbetrifft. Ein solch tiefgreifender Reformprozess braucht aber natürlich Zeit. Das belegt auch die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG).

Online-Redaktion: Das Ganztagsschulprogramm ist ein Beispiel der Kooperation von Bund und Ländern - trotz Föderalismus. Hat diese Kooperation letztlich zum Erfolg der Ganztagsschule in Deutschland geführt?

Schavan: Das Ganztagsschulprogramm belegt die Chancen der Zusammenarbeit im Föderalismus. Die Zuständigkeiten von Bund und Ländern wurden gewahrt und alle haben profitiert. Schule ist Sache der Länder, die Länder finanzieren das Personal und den Schulalltag. Schulentwicklung kann nur vor Ort umgesetzt werden. Der Bund kann Impulse geben und die Entwicklung in den Ländern unterstützen, wie das Beispiel der regionalen Serviceagenturen "Ganztägig lernen" zeigt.

Online-Redaktion: Das Ganztagsschulprogramm ist Ende 2009 ausgelaufen. Eine finanzielle Beteiligung des Bundes an der Schaffung neuer Ganztagsschulen ist nach der Föderalismusreform von 2006 nicht mehr möglich. Welchen Beitrag kann der Bund leisten?

Schavan: Das Ganztagsschulprogramm besteht im Grunde aus drei Säulen: Bauen - Begleiten - Bewerten. Wir haben uns bereits vor dem Ende des Investitionsprogramms mit den Ländern verständigt, dass wir das Begleitprogramm und die Begleitforschung weiterführen wollen. Auch Schulen, die erst zum Ende des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" Fördermittel erhalten haben, sollen schließlich die Möglichkeit der Begleitung und Unterstützung erhalten. Die Begleitforschung wiederum muss die Entwicklung und vor allem die Wirkungen der Ganztagsschulen über einen längeren Zeitraum untersuchen, schließlich zeigen sich entsprechende Veränderungen nicht von heute auf morgen. Es ist überaus erfreulich, dass sowohl am Begleitprogramm als auch an der Begleitforschung alle 16 Länder beteiligt sind. Der Bund stellt für die Maßnahmen jährlich insgesamt rund sechs Millionen Euro bereit. So entstehen die notwendigen pädagogischen Konzepte, die wir für einen qualitativ hochwertigen Unterricht an Ganztagsschulen brauchen.

Online-Redaktion: Manche Eltern sind noch skeptisch, ob eine Ganztagsschule das Richtige für ihr Kind ist. Welche positiven Einflüsse hat die Ganztagsschule für die Bildungsbiographie eines Kindes bzw. eines Jugendlichen und was ist Eltern zu empfehlen?

Schavan: Die StEG-Untersuchung belegt eine sehr hohe Akzeptanz der Ganztagsschule bei den Eltern. Aber sie erwarten auch eine Verbesserung der pädagogischen Qualität. Eltern möchten, dass ihr Kind individuell gefördert wird. Den meisten Ganztagsschulen gelingt es gut, den Bedürfnissen von Eltern und Schülern gerecht zu werden. Die Vorteile einer Ganztagsschule liegen für die Schüler zudem darin, dass soziale Kompetenzen und die Lernmotivation gefördert werden, wie mehrere Untersuchungen belegen. Auch tragen sie zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei. Für die Eltern bieten Ganztagsschulen den Vorteil, dass viele Zusatzangebote wie Sport und Musik in der Schule stattfinden können.

Online-Redaktion: Ganztagsschule bedeutet eine umfassende Veränderung der Schulorganisation, nicht zuletzt im Hinblick auf die Zusammensetzung des Personals. Gehört die Schule, in der ausschließlich Lehrerinnen und Lehrer unterrichten, der Vergangenheit an?

Schavan: Ganztagsschule bedeutet vor allem eine qualitative Veränderung. Sie eröffnet die Chance, den Unterricht zu verbessern, wozu es didaktischer Überlegungen bedarf. Sie ermöglicht eine Nachmittagsgestaltung, die stärker Formen des informellen Lernens nutzt. Beides muss verbunden sein. Und hier kommen die personellen Fragen ins Spiel: Eine gute Ganztagsschule ist nur in multiprofessioneller Zusammenarbeit denkbar. Verschiedene Professionen können ihre Kompetenzen und Erfahrungen der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einbringen. Dazu gehören Erzieher und Sozialpädagogen ebenso wie außerschulische Partner aus verschiedensten Berufsfeldern.

Online-Redaktion: Sind die Lehrkräfte auf diese Entwicklung ausreichend vorbereitet?

Schavan: Kern der Lehrerarbeit ist und bleibt der Unterricht. Die Forschung zeigt immer wieder die erheblichen Qualitätsunterschiede des Unterrichts, deshalb gelten die Anstrengungen der vergangenen Jahre zu Recht besonders der Unterrichtsqualität. Das schlägt sich auch in der Lehrerausbildung nieder. Ich halte es darüber hinaus für notwendig, die Arbeit der Ganztagsschule stärker in der Ausbildung zu verankern, nicht nur in der Lehrerbildung, sondern auch in der Ausbildung von Erzieherinnen, Sozial-, Kunst- und Musikpädagogen. Die verschiedenen Professionen wissen oft zu wenig über die Arbeitsweise des jeweils anderen. Wir haben im Rahmen des Begleitprogramms die Grundlage gelegt, indem wir den Transfer von Erkenntnissen aus der Ganztagsschulentwicklung in die Ausbildung anstoßen.

Online-Redaktion: Der 8. Ganztagsschulkongress steht unter dem Motto "Ganztagsschule verändert". Welche Veränderungen nehmen Sie wahr und welche sehen Sie noch als notwendig an?

Schavan: Ganztagsschulen verändern sich, und sie verändern die Schullandschaft. Beides ist wichtig. Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, wollen die Qualität des Lernens und Lehrens verbessern. Veränderungen in jeder einzelnen Schule strahlen wiederum auf das Bildungssystem insgesamt aus. Künftig wird es nicht nur darum gehen, ob ein Ganztagsangebot vorhanden, sondern vor allem um die Frage, von welcher Qualität es ist. Sie ist das wichtigste Maß der Veränderung.

Online-Redaktion: Wie wird die Ganztagsschullandschaft in Deutschland im Jahr 2030 aussehen?

Schavan: Wir wollen den Ausbau von qualitativ hochwertigen Ganztagsangeboten. Und zwar nicht nur wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immer mehr Eltern erkennen den pädagogischen Wert. Wir müssen künftig sagen können: Unser Bildungssystem ist leistungsfähig und gerecht. Dazu brauchen wir auch die Ganztagsschulen.

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