(Beginn des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])

"Wohin wollen wir eigentlich?"

In Deutschland befinden sich die Schulen und das Bildungssystem im Wandel. Welchen Beitrag können die Ganztagsschulen zur Bewältigung der drängenden Probleme leisten? Gibt es gesellschaftliche Leitbilder, in welche Richtung Bildungsreformen eigentlich gehen sollen? Am Rande der Tagung "Reformpädagogik und Demokratie", die vom 12. bis 14. Dezember 2010 in der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand, hatte die Online-Redaktion die Gelegenheit, mit der ehemaligen Bundestagspräsidentin und Mitinitiatorin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Prof. Dr. Rita Süssmuth, zu sprechen.

Online-Redaktion: Frau Professorin Süssmuth, Sie gründeten 1994 die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, die heute mit dem Programm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." den Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland begleitet. Welche Chancen sind aus Ihrer Sicht mit Ganztagsschulen verbunden?

Prof. Dr. Rita Süssmuth

Süssmuth: Ganztagsschulen sind viel besser dazu geeignet, das Schulische mit dem Außerschulischen zu verbinden. Am Nachmittag soll ja nicht nur Schulisches aufgearbeitet werden, sondern die Schülerinnen und Schüler können auch sinnvolle Freizeitaktivitäten im Bereich des Musischen, Sportlichen oder der Medien wahrnehmen. In der Ganztagsschule erleben die Kinder mehr als den Pädagogen: Sie kommen mit dem Personal in der Küche, mit den Sozialpädagogen und mit vielen anderen Berufen in Kontakt.

Darüber hinaus erleben die Kinder hier, dass Schule mehr als die Unterrichtsschule ist, in der es um die Leistungen in den Einzelfächern geht. Sie erleben die Ganztagsschule auch als Schulgemeinschaft. Deswegen ist es wichtig, dass die Schule sich auch zu jenen Berufsgruppen öffnet, die nicht genuin zur Pädagogik gerechnet werden, etwa den Handwerkern oder Trainern und anderen. Ferner intensivieren sich die Beziehungen zu Gleichaltrigen, zu Lehrkräften und zum pädagogischen Personal, was das außerschulische Lernen beflügelt. Eine Schülerin oder ein Schüler, der den Nachmittag zu Hause ausschließlich vor dem Fernseher oder Computer verbringt, hat ein geringeres Angebotsmilieu. 

Online-Redaktion: Sie setzen sich sehr für die Integration von Migrantinnen und Migranten in die Gesellschaft ein. Bieten Ganztagsschulen aus Ihrer Sicht auch bessere Integrationschancen?

Süssmuth: Was ich eben ausgeführt habe, gilt selbstverständlich auch für Kinder aus Migrantenfamilien. Das Problem ist oft, dass diese Kinder viel zu wenige Gelegenheit haben, Deutsch zu sprechen. Mit den Ganztagsschulen haben die Kinder ein erweitertes Umfeld, in dem sie nicht nur Deutsch sprechen, sondern soziale Kontakte pflegen und ausbauen können. An der Ganztagsschule baue ich auch bessere Beziehungen zu Kindern aus anderen Jahrgängen auf. Für die Kinder aus Migrantenfamilien ist dies besonders wichtig.

Tagungsteilnehmer in Bad Boll

Online-Redaktion: Peer-Beziehungen spielen demnach eine besondere Rolle für die Bildung?

Süssmuth: Die medizinische Forschung ist heute der Auffassung, dass Bildung vor allem ein Beziehungsvorgang ist. Ohne Beziehungen kann ich nicht lernen, und ohne Beziehungen kann ich mich nicht selbst bilden. Wir lernen alle aus Beziehungen. Als junge Erwachsene war ich der Auffassung, dass ich ein analytischer, kopfgesteuerter Mensch bin, bis ich dazu gelernt und erkannt habe, dass meine Stärke vielleicht in der Gestaltung von Beziehungen zu anderen Menschen liegt. Häufige Fragen, die an mich als Politikerin herangetragen werden, lauten: Was ist das für ein Mensch? Wofür steht sie? Ein gutes Beispiel für die Bedeutung der Peer-Beziehungen ist im Übrigen das Buddy-Programm, dessen Schirmherrin ich bin. In diesem Programm geht es darum, dass Kinder und Jugendliche voneinander lernen.

Online-Redaktion: Was macht eine gute Ganztagsschule aus?

Süssmuth: Ich habe gute Ganztagsschulen in Hildesheim, in Düsseldorf oder in Elberfeld besucht. Der Deutsche Schulpreis verdeutlicht zum Beispiel, dass es gute Ganztagsschulen in ganz Deutschland gibt. Die preisgekrönten Schulen, darunter viele Ganztagsschulen, sind erst durch ihre Praxis gute Schulen geworden. Die Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim, Hauptpreisträgerin des Deutschen Schulpreises 2007, bekam plötzlich starken Zulauf, da hier begeisterte Kinder in modernen Lehr- und Lernformen unterrichtet werden, die auch reformpädagogische Elemente aufweisen.

Eine gute Ganztagsschule wird vom Individuum her gedacht. An der Schule findet eine Balance zwischen einem starken Individuum und einer schützenden Gemeinschaft statt. Wenn die Gesellschaft deutlich macht, wie sehr die Lehrerinnen und Lehrer gebraucht werden, gibt ihnen dies einen starken Motivationsschub. Heute gehen viele junge Lehrkräfte aus freien Stücken an die schwierigen Schulen, das gehört zu ihrem pädagogischen Ethos.

Online-Redaktion: Welchen Stellenwert hat die Bildungsforschung für die Praxis?

Süssmuth: Wir brauchen eine emanzipatorische Bildungsforschung, denn wir können in Deutschland nicht ohne die quantitative Forschung und die standardisierte Leistungsmessung bestehen. Nur dürfen wir darüber nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass viele Ebenen von Schule nur über qualitative Forschung zu erschließen sind. Beispielsweise die Frage: Unter welchen Voraussetzungen leisten Menschen etwas? Oder die Frage: Wohin wollen wir eigentlich?

Unser gewandeltes Bildungsverständnis geht davon aus, dass emotionale, soziale und kognitive Kompetenzen eine Einheit darstellen. Neue Befunde der Lernforschung belegen die positiven Wirkungen der kulturellen Bildung bei Kindern und Jugendlichen. Die Hirnforschung hat auch positive Effekte von Tanz, Musik oder Theater festgestellt. Dies zeigt, dass wir in der Bildung umdenken und uns einem ressourcenorientierten Ansatz zuwenden müssen.

Online-Redaktion: Man kann gegenwärtig von einem Wandel im Bildungssystem sprechen.

Süssmuth: Schule befindet sich gegenwärtig im Umbruch. Die deutschen Grundschulen schneiden aber bei internationalen Leistungsmessungen vergleichsweise gut ab. Ihr oberstes Prinzip lautet Integration und nicht Selektion. Wie tief verwurzelt die Vorbehalte gegen die gemeinsame Grundschule in Deutschland allerdings sind, zeigt die Diskussion um die Grundschulreform von 1920 bis 1923: Gegen die gemeinsame Primarschule wurde von den "besseren" Schichten der Gesellschaft der Einwand vorgebracht, dass sie auch von den damals so genannten "Schmuddelkindern" besucht würden.

Online-Redaktion: Sind die Ganztagsschulen aus Ihrer Sicht so etwas wie eine "nachholende Modernisierung"?

Süssmuth: Die Ganztagsschule ist insofern Teil eines Modernisierungsprozesses, als es darum geht, Schule nicht mehr gegen Familie oder gegen das Elternhaus zu positionieren. Vielmehr geht es darum, Vernetzungen zu schaffen, die wir früher nicht hatten. Man besuchte vormittags die Schule und ging nachmittags nach Hause und seiner eigenen Freizeit nach. Heute haben wir ganz neue Vernetzungen, die dem Lernen vor Ort zugute kommen. Die Frage lautet heute nicht mehr, was jeder für sich oder nebeneinander tut, sondern was wir miteinander für Kinder, Jugendliche, Eltern sowie die Erwachsenen tun können. Die Bedeutung der Eltern hat an den Ganztagsschulen enorm zugenommen. Wir holen sie zum Vorlesen oder Singen, weil sie die Texte noch können. Dieser kulturelle Austausch hat auch mit Zusammenhalt in der Gesellschaft zu tun.

Online-Redaktion: Welche dringenden Probleme sind im Bildungssystem zu lösen?

Süssmuth: Ein zentrales Problem in Deutschland besteht in der Aufgabe der vermeintlich schlechten Schülerinnen und Schüler. Rund 20 Prozent von ihnen gehen der Gesellschaft verloren. Wir können die Probleme benennen, aber es erfordert ein Motivieren der Gesellschaft, diese Probleme auch ändern zu wollen. Wir sind noch zu wenige, die sich Gehör verschaffen, aber ohnmächtig fühlen wir uns deshalb nicht. Konkret stellt sich die Frage: Womit fangen wir an? Wichtig ist: Wir müssen vieles in Frage stellen und Vorschläge für ein besseres Bildungssystem machen. Auch vor diesem Hintergrund habe ich mich schon früh dazu entschieden, Familienpädagogik und Familienpolitik mit meiner politischen Praxis zu verbinden.

Prof. Dr. Rita Süssmuth, geb. 1937 in Wuppertal, studierte 1956-1961 Romanistik und Geschichte an den Universitäten Münster, Tübingen und Paris. Im Anschluss an ihre Promotion in Philosophie (1964) war sie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr und Professorin für International Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen 1985 und 1988 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Gesundheit später auch für Frauen. 1988-1998 hatte sie das Amt der Präsidentin des Deutschen Bundestages inne. Sie ist Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung (PV) der OSZE und stellvertretende Leiterin der deutschen Delegation bei der PV der OSZE. 2001-2002 war sie Vorsitzende der Zuwanderungskommission der Bundesregierung, zwischen 2003-2005 Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration und von Januar 2004 bis Dezember 2005 Mitglied in der »Global Commission on International Migration«. Seit Januar 2006 ist Süssmuth Präsidentin des Deutschen-Polen Instituts und Vorsitzende der »EU Hochrangigen Beratergruppe (High Level Group) für Integration von benachteiligten ethnischen Minderheiten in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt« sowie Mitglied im Kuratorium des OECD Entwicklungszentrumprojekts »Bereicherung durch Migration«.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 
(Ende des Inhalts [zu den inhaltlichen Zusatzinformationen Taste Z, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 

(Beginn der inhaltlichen Zusatzinformationen [zum Inhalt Taste I, zum Servicemenü Taste S, zum Menü Taste M])
 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)