Ganztagsschule NRW "ganz!mittendrin": Geht doch!

Ganztagsschulen können im Sozialraum extrem viel leisten, um Chancen für Kinder und Jugendliche zu erhöhen. So lautet eine Erkenntnis des NRW-Forums „ganz!mittendrin“ – Ganztagsschule im Sozialraum in Gelsenkirchen.

Forum Ganztag in Gelsenkirchen© Saskia Nielen/ISA e.V.

„Geht doch! Ganztagsschule im Sozialraum“ sollte der Titel des Impulsvortrages von Dr. Karl-Heinz Imhäuser (Montag Stiftungen) lauten. So hatte die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Nordrhein-Westfalen den Vortrag im Programm ausgeschrieben. Doch Imhäuser wandelte das Motto gleich einmal ab: „Geht doch (alles gar nicht)!“ Damit wollte er pointiert darauf hinweisen, was die Anwesenden auslösen würden, wenn sie am kommenden Tag in ihren Einrichtungen begeistert für ein Engagement in der regionalen Bildungslandschaft werben würden.

Imhäuser nahm die Einwände vorweg, die zu erwarten seien: „Das auch noch? Keine Zeit. Keine Ressourcen. Und überhaupt…“ Genau diese Bedenkenträger aber, so appellierte er, sollte man nicht nur ernst nehmen, sondern als wichtige Impulsgeber und damit Träger der Aufgabenerweiterung schätzen. Er machte deutlich, dass es natürlich zusätzlicher Ressourcen bedürfe, sich im Sozialraum zu vernetzen. „Gibt es die nicht, muss man schauen, welche Aufgaben eventuell eingeschränkt werden können“, meinte er.

Dr. Karl-Heinz Imhäuser (Montag Stiftungen)
Dr. Karl-Heinz Imhäuser© Saskia Nielen/ISA e.V.

Anschaulich und unterhaltsam warb er dafür, die Schätze des Sozialraums zu heben, den Mut zu selbstbewusstem, gleichrangigem Auftreten zu entwickeln und einen Perspektivwechsel zu wagen: Nicht fragen, warum es nicht geht, sondern schauen, was möglich ist. „Dann werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Ergebnis kommen: Die Öffnung in den Sozialraum geht doch“, versicherte er und verabschiedete die Leitungs-, Lehr- und Fachkräfte aus Ganztagsschulen, Vertreterinnen und Vertreter von Trägern, Schulverwaltung sowie außerschulischer Bildungsorte der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit auf ihre Tour zu vier außerschulischen Lernorten im Sozialraum Gelsenkirchen.

Ein Familienzentrum und Schule in Gelsenkirchen

Mitten auf Schalke und eingebettet in die Sternschule, eine Offene Ganztagsgrundschule (OGS), JEKI-Schule („Jedem Kind ein Instrument“) und Klimaschutz-Schule, agiert seit nunmehr drei Jahren ein Familienzentrum. Es war das erste seiner Art, das seine Heimat in einer Grundschule fand.

© Gregor Rüdel
Die Caritas trägt sowohl die OGS als auch das Familienzentrum. Eng verzahnt mit der Schule wurde ein Nachmittagsband für die Kinder entwickelt, das von Hausaufgabenbegleitung über verschiedene Bildungsangebote bis hin zu Freizeitaktivitäten und Elternangeboten reicht. Schließt die OGS, öffnet das Familienzentrum seine Pforten.

Tanja Hupe leitet beide Einrichtungen in diesem Quartier, das mit reichlichen sozialen Problemen zu kämpfen hat und wo das Engagement vieler für die Bildung deutlich mehr Wertschätzung verdient. Wie selbstverständlich nimmt Tanja Hupe an den Lehrer- und Schulkonferenzen der Sternschule teil. „Der Austausch über die Kinder ist uns enorm wichtig“, sagt sie. So können die Lehrkräfte im Vormittag „Hinweise von uns und umgekehrt wir ihre bei der Betreuung am Nachmittag aufgreifen. Gezielte Förderung wird möglich“, weiß sie. Sie schätzt einen ganz wesentlichen Vorteil des Agierens unter einem Dach:

Kinder basteln Modell-Spielplätze
Kinder bestimmen bei der Umgestaltung von Spielplätzen im Bezirk mit© Gregor Rüdel

„Hier erreichen wir Eltern, die sonst wahrscheinlich nur schwer den Weg zu uns finden würden. Dadurch, dass wir uns kennen, fällt es deutlich leichter, Mütter und Väter einzuladen und mit ihnen, wenn erforderlich, auch über Erziehungsfragen zu sprechen.“ Wie eng dabei die Kooperation mit den Lehrkräften ausfällt, belegt der Kurs „Elterndiplom“. Geleitet wird er von Tanja Hupe und einer Pädagogin. Mit dabei ist auch das Elterncafé „Brücke“ der Schule, das Betül Topcu und Gülsah Aydogan als Integrationshelferinnen organisieren. Ziel der Elternarbeit ist letztlich die Förderung der Potenziale der Kinder.

Mit den Pflanzen lernen

Äußerst attraktiv präsentieren sich auch die Angebote des Internationalen Mädchengartens. 2006 gegründet von der Landesarbeitsgemeinschaft autonome Mädchenhäuser NRW, hat er sich längst zu einem beliebten außerschulischen Bildungsort entwickelt. Gruppen von fünf bis zehn Mädchen beschäftigen sich hier mit nachhaltiger Entwicklung und Natur, lernen die Möglichkeiten von Pflanzenfarbe kennen, bauen und basteln gemeinsam. Und es sind eben jene sozialen Kompetenzen, die die Mädchen hier erwerben, die Leiterin Renate Janßen schätzt: „Sie erfahren, was es heißt, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, Streitigkeiten zu klären, und sie merken auf einmal, welche Fähigkeiten sie jenseits des Schulunterrichts haben.“ Das spüren dann auch ihre Lehrkräfte am gestiegenen Selbstbewusstsein der Kinder.

Eingemachte Wolle wird mit Pflanzen gefärbt© Renate Janßen

Das Lernen durch praktisches Handeln deckt nach Einschätzung Janßens eine Bandbreite von Lerninhalten ab: Chemie, Physik, Biologie, Mathematik. Einziges Problem: So mancher Schule fehlen die personellen Ressourcen, um die Schülerinnen in den Mädchengarten begleiten zu können. Das aber ist aus Versicherungsgründen erforderlich. Bedauerte unter anderem eine Lehrerin aus einer benachbarten Stadt: „Wir würden auch gerne häufiger mit Gruppen solch tolle außerschulische Angebote nutzen. Es scheitert zumeist nicht an unserm Willen, sondern an den personellen Ressourcen.“ In den Medien konnten die Tagungsgäste an diesem Tag lesen, dass in Gelsenkirchen aktuell rund 100 Grundschullehrkräfte fehlen sollen.

„Die Einrichtung ist ein Segen“

Seit mehr als 20 Jahren kooperiert der Städtische Bau- und Abenteuerspielplatz Ückendorf mit Ganztagsgrundschulen in Gelsenkirchen. „Die Einrichtung ist ein wahrer Segen“, versichert ein Pädagoge, der seine Kinder seit langem dort zu Projekten versammelt. Die Palette der Angebote ist bunt. Sie reicht von Bauen, Kochen und Backen bis hin zu Abenteuerwanderungen.

Spielen in der eigenen "Burg" im Baubereich
Spielen in der eigenen "Burg" auf dem Bau- & Abenteuerspielplatz© Gregor Rüdel

Kultstatus haben die Kinderpuppenspieltage im November eines jeden Jahres erworben. Bis zu 120 Schülerinnen und Schüler begeistern sich dann am Puppenspiel. Ungeahnte Fähigkeiten entwickelt so manch ein Kind bei den regelmäßigen Pixibüchertagen. Gregor Rüdel leitet den Bau- und Spielplatz seit über 30 Jahren. Er weiß: „Bei den Pixibüchertagen werden selbst Schreibfaule fleißig.“ Seinem Credo „Kinder sollten nicht nur in Klassen und Schulen eingesperrt bleiben, sondern rausgehen“ folgen immer mehr Lehrkräfte im Sozialraum.

Bewerbungstraining und Hausaufgaben

Als vierte Station des Besuchsprogramms hatte der Veranstalter das Städtische Jugendzentrum Tossehof auserkoren. Es hat als Einzugsbereich den Norden des Stadtteils Bulmke-Hüllen und grenzt an die Hochhaussiedlung Tossehof, in der viele sozial schwächere Familien und vor allem viele Kinder wohnen. Übergeordnetes Ziel der Einrichtung ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstbestimmung und Organisation zu fördern, das Sozialverhalten und ihre soziale Integration zu stärken.

© Gregor Rüdel

Darüber hinaus bietet das Jugendzentrum außerschulische Bildungsangebote wie Bewerbungstraining und Hausaufgabenbetreuung. Diese nutzen unter anderem Schülerinnen und Schüler der Hauptschule an der Emmastraße, einer gebundenen Ganztagsschule. Das Motto der „Emma“ lautet übrigens in Anlehnung an ein Charlie-Chaplin-Zitat: „Unser Schulgebäude lächelt und empfängt gerne neue Schüler und Schülerinnen.“

Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums über die vielen positiven Aspekte außerschulischer Lernorte. „Ich werde diese Idee direkt morgen bei uns im Team vorstellen“, meinte ein Schulvertreter und fügte in Anspielung auf die Eingangsbemerkung von Karl-Heinz Imhäuser hinzu: „Ich freue mich schon auf die Einwände.“

Ein wenig Geduld

Als zum Abschluss des Tages das langjährige NRW-Ganztagsduo auf Ministeriumsebene, Dr. Norbert Reichel (Ministerium für Schule und Bildung) und Uwe Schulz (Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration) vor das Mikrofon traten, hätten seine Ausführungen mit der Frage „Was geht?“ überschrieben sein können. Denn die beiden, die bundesweit als besonders harmonisches, eng kooperierendes, Ministerien übergreifendes Team gelten, baten schlicht noch um etwas Geduld, was die weitere Ganztagsentwicklung betrifft.

Uwe Schule (l.) und Dr. Norbert Reichel
Uwe Schulz (l.) und Dr. Norbert Reichel© Saskia Nielen/ISA e.V.

Im Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen 2017–2022“ sind Ziele und Überlegungen für den Ganztag benannt. Sie reichen von einem „Sofortprogramm“, neue Plätze zu schaffen und die Qualität zu verbessern, über mehr Freiheit bei der Gestaltung des Ganztags und die Flexibilisierung der OGS in Kombination mit anderen Betreuungsangeboten, eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen Sportvereinen und offenem Ganztag bis zu einem – bei Beteiligung des Bundes – langfristig angestrebten Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz. Gespannt ist man auch auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin.

Feststehen dürfte, auch unabhängig davon, mit Blick auf die Praxis von Schulen und ihren Kooperationspartnern ebenso wie die Serviceagentur NRW, die sich auf dem Forum „Ganztagsschule NRW 2017“ umfassend präsentierten: Es geht doch noch viel im Ganztag.

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