Von Südkorea bis Schweden: Fördern durch After-School-Programme

Am 7. November 2007 fand im südkoreanischen Busan eine internationale Konferenz zum Austausch über Nachmittagsangebote an Schulen und außerschulischen Einrichtungen (After-School-Programme) statt. Mit dabei war der Erziehungswissenschaftler PD Dr. Ludwig Stecher vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Im Interview berichtet er von seinen Eindrücken aus einer Besuchsschule, den Parallelen zwischen den ganztägigen Bildungssystemen und der Vorreiterrolle der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG".

Online-Redaktion: Dr. Stecher, Sie haben im südkoreanischen Busan an einer internationalen Konferenz zum Thema After-School-Programme teilgenommen. Wie kam es zu dieser Einladung?

Ludwig Stecher: Es gab eine entsprechende Anfrage des Korean Ministry of Education and Human Resources Development und des angeschlossenen Korean Educational Development Institute (KEDI) an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das diese an das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) weiterleitete. Da ich am DIPF mit Ganztagsschulen, außerunterrichtlichen und außerschulischen Bildungsangeboten befasst bin, wurde ich vom KEDI eingeladen.

Gruppenbild zum Auftakt der Konferenz über die After-School-Programme in Busan

Online-Redaktion: Was war die Intention der Veranstaltung?

Stecher: Seit 1996 gibt es in Südkorea After-School-Programme. Die Begründungen ähneln denjenigen, die auch in Deutschland für die Ganztagsschule ins Feld geführt werden: Verbesserung der schulischen Förderung leistungsschwächerer wie leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, Ausschöpfung des Bildungspotenzials aller Bevölkerungsschichten, Abbau sozialer Ungleichheiten beim Bildungserwerb und verstärkte Möglichkeiten sozialen Lernens. Aber auch arbeitsmarkt- und familienpolitische Argumente - wie steigende Erwerbstätigkeit der Eltern und die Zunahme an Einelternfamilien - werden sehr ähnlich zu der Diskussion hierzulande für den Ausbau schulergänzender Programme genannt.

Abweichend von der deutschen Situation sind After-School-Programme allerdings auch eingeführt worden, um den weit verbreiteten und für die Familien kostenintensiven privaten Förderinstituten ein öffentliches Pendant entgegenzustellen. Die Tagung diente im Wesentlichen dazu, die verschiedenen außerschulischen und außerunterrichtlichen Programme der eingeladenen Länder zu diskutieren und von deren Erfahrungen - Problemen wie Erfolgen - wechselseitig zu lernen.
Gruppenbild zum Auftakt der Konferenz über die After-School-Programme in Busan

Online-Redaktion: Verfügt Südkorea denn über ein Halbtagsschulsystem?

Stecher: Im Prinzip handelt es sich um ein Halbtagsschulsystem, die Teilnahme an außerschulischen Angeboten von privaten Förderinstituten ist dort allerdings fast die Regel. Die offiziellen Zahlen sprechen allein bei den Grundschülern von einem Anteil von 73 Prozent, die in private außerschulische Bildungsangebote eingebunden sind. Korea ist ein stark bildungsorientiertes Land. Die Kosten, die ein Kind den Eltern statistisch gesehen ,verursacht', gehen bis zu einem Drittel in außerschulische Lehrmaterialien, Nachhilfe, Bildungsangebote wie Musik- oder Sportschulen und eben die genannten privaten Förderinstitute.

Online-Redaktion: Wie muss man sich diese Institute vorstellen?

Stecher: Ich habe eine solche Einrichtung bei meinem Aufenthalt leider nicht besuchen können, das hätte mich sehr interessiert. Es handelt sich dabei um sehr leistungs- und lernbezogene Institute, die Nachhilfe und Tutorien anbieten.

Online-Redaktion: Besteht dort die Gefahr einer sozialen Spaltung der Schülerschaft: Kinder vermögender Eltern können sich diese Institute leisten, andere nicht?

Stecher: Ja, und dies war einer der Gründe, so die Initiatoren der Tagung, After-School-Programme weiter zu verstärken. Für die außerschulische Bildung geben die Eltern durchschnittlich zwischen 200 und 300 US-Dollar im Monat aus. Das kann sich natürlich ein großer Teil der Familien nicht leisten.

Online-Redaktion: Bei After-School Programmen handelt es sich um Förderunterricht am Nachmittag unter dem Dach der Schule?

Stecher: Man kann sich das After-School-Programm in Südkorea ganz ähnlich wie eine deutsche Ganztagsschule vorstellen. Die nachmittäglichen Aktivitäten finden im Schulgebäude unter der Aufsicht der Schulleitung und in der Verantwortung der Schule statt, und die Teilnahme ist freiwillig - rein organisatorisch ähnelt es den offenen Ganztagsschulen hierzulande.

Online-Redaktion: Welches Personal ist am Nachmittag präsent - Lehrer oder außerschulische Pädagogen?

Stecher: Sowohl als auch. Die Arbeitszeiten werden dort so organisiert, dass ein Teil der Lehrerinnen und Lehrer auch am Nachmittag in der Schule tätig ist. Aber es ist dort genauso üblich, zum Beispiel Musiklehrer oder anderes Personal von außen in die Schule zu holen. Das, was wir in unserer Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) als "weiteres pädagogisch tätiges Personal" bezeichnen, gibt es in Südkorea also auch. Dies gilt im Übrigen ebenso für Japan, die USA, Großbritannien und Schweden.

Interessanterweise sind in allen Ländern die Mitarbeit des außerschulischen Personals und deren Kooperation mit den Lehrkräften zentrale Probleme schulergänzender Programme. Zum einen stellt sich die Frage, inwieweit die Ausbildung des weiteren pädagogischen Personals den schulischen Anforderungen genügt. Zum anderen geht es ganz trivial ums Geld: Die unterschiedliche Bezahlung der Berufsgruppen führt zu Statusfragen. In allen Ländern wird diskutiert, wie die Bezahlung der Lehrkräfte und des weiteren pädagogischen Personals sinnvoll gestaffelt werden sollte.

Beide genannten Herausforderungen - Ausbildung und Status - münden in ein drittes Problem: Die Zusammenarbeit beider Berufsgruppen als Grundlage gelingender Programme wird ebenfalls überall sehr intensiv diskutiert, unabhängig davon, ob After-School-Programme innerhalb oder außerhalb der Schule organisiert sind. Das hat mich sehr an die in Deutschland geführte Diskussion um die "gleiche Augenhöhe" zwischen Lehrkräften und weiterem pädagogischem Personal erinnert.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit der Unterrichtskultur aus? Südkorea und Japan schneiden bei den PISA-Erhebungen hervorragend ab - man hört allerdings hierzulande oft etwas abfällig, dies würde mit einer "Paukschule" erkauft.

Computerangebot im After-School-Programm der Besuchsschule in Busan

Stecher: Die PISA-Ergebnisse Südkoreas in den Bereichen Mathematik und Lesekompetenz sind in der Tat außerordentlich gut - wie wieder die jüngste PISA-Studie zeigt. Gleichzeitig muss konstatiert werden, dass zum Beispiel die Lernmotivation in Mathematik und das Interesse der Schülerinnen und Schüler an Mathematik im internationalen Vergleich auffällig niedrig ist. Das könnte man als ein Indiz für eine Diskrepanz zwischen der Leistungsfähigkeit einerseits und der Vermittlungsatmosphäre - mit der motivationale Aspekte zusammenhängen - andererseits deuten. Auch der Leiter des KEDI, Dr. Kim, hat in seiner Eröffnungsrede auf diesen Umstand hingewiesen. Die After-School-Programme sollen helfen, diese Diskrepanz zu verringern, indem sie darauf zielen, neben der Leistung auch die Motivation der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Wie in Deutschland geht es darum, die nachmittäglichen Angebote nicht allein für verlängerten Unterricht zu nutzen.

Online-Redaktion: War es Ihnen möglich, den Alltag in den Ganztagsangeboten zu beobachten?

Stecher: Die Einblicke, die ich bei meinem einwöchigen Aufenthalt gewinnen konnte, waren begrenzt. Allerdings habe ich bei dem Besuch des After-School-Programms einer Ganztagsgrundschule in Busan festgestellt, dass die meisten Angebote am Nachmittag sehr lehrerzentriert ausgerichtet waren. Beispielsweise gab an einer Stelle der Lehrer den Schülerinnen und Schülern Hinweise, und die Kinder mussten dann versuchen, in einem Text diese Informationen möglichst schnell zu finden - hier sollte das schnelle Lesen geübt werden. In einer anderen Gruppe saßen die Schüler an Computern, und die Lehrerin schritt durch die Reihen und gab per Mikrofon Aufgaben in einem bestimmten Rhythmus vor. Auf individuelle Aneignung und individuelle Lerntempi - was ja gerade in Deutschland derzeit unter individueller Förderung diskutiert wird - schien mir das weniger ausgelegt. Allerdings sahen wir auch offener gestaltete Angebote, wie zum Beispiel Tanzgruppen und Musikklassen.

Online-Redaktion: Sind diese Nachmittagsangebote für die Eltern kostenlos?

Stecher: Die Eltern müssen in den meisten Fällen einen finanziellen Beitrag leisten. Für die Kinder, deren Eltern diesen Beitrag nicht aufbringen können, gibt es an den Schulen häufig ein separates Betreuungsangebot. Wir trafen dort in unserer Besuchsschule Kinder, die gerade die Dekoration für ein am nächsten Tag bevorstehendes Schulfest bastelten.

Grundsätzlich ist es positiv, dass es für alle Schülerinnen und Schüler auch dieses kostenfreie Betreuungsangebot gibt, zumal in Südkorea die Berufstätigkeit beider Elternteile bis 18 Uhr weit verbreitet ist - allerdings findet in diesen Betreuungsangeboten nicht die Förderung statt wie in den Angeboten der kostenpflichtigen After-School-Programme.

Online-Redaktion: Wie sah die Besuchsschule architektonisch aus?

Stecher: Busan ist eine überwiegend aus Hochhäusern bestehende, eng bebaute Hafenstadt. Die Schule lag in einem finanzkräftigen Bezirk im Kessel zwischen solchen Hochhäusern. Sie ist großzügig und einladend gebaut, mit breiten Fluren und Schiebetüren. Zumindest am Nachmittag, als wir die Schule besuchten, standen diese Türen alle offen. Es gab eine große Bibliothek, in der eine Tageszeitung eigens für Kinder auslag, und frei nutzbare PC-Plätze. Die Ausstattung der Schule und ihre großzügige Bauweise haben uns beeindruckt.

Inwieweit die Schule typisch für alle Schulen war, ist natürlich schwer zu beurteilen - Gästen werden ja immer möglichst gute Schulen präsentiert. Der Direktor der Schule hatte für uns viel Zeit, und es war alles sehr gut vorbereitet. Sie ist ein besonderes Beispiel für die Bemühungen im koreanischen Bildungssystem, qualitativ hochwertige außerunterrichtliche Angebote anzubieten. Ob diese Qualität für alle Schulprogramme und für alle Schulen gilt, die solche Angebote vorhalten, kann ich aufgrund der beschränkten Erfahrungen, die wir machen konnten, nicht sagen. Ich gehe davon aus, dass es - wie überall - eine große Variationsbreite zwischen den Schulen gibt.

Online-Redaktion: Auf der Konferenz waren unter anderem auch Bildungsexperten aus Japan, Schweden, Großbritannien und den USA vertreten. Welche der Ausführungen haben Sie besonders beeindruckt?

Stecher: Mir sind, wie ich eingangs erwähnte, die starken Parallelen in den Bildungssystemen mit Blick auf die nicht immer einfache Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und außerschulischen Pädagogen aufgefallen. Die beiden schwedischen Kolleginnen berichteten zum Beispiel, dass die Nachmittagsangebote in Schweden nicht in der Verantwortung der Schule stehen und man dort massive Probleme in der Vernetzung des Vormittagsunterrichts und der nachmittäglichen Angebote hat.

Online-Redaktion: Welche Fragen hatten umgekehrt die internationalen Expertinnen und Experten an Sie?

Stecher: Fast alle Kolleginnen und Kollegen haben über einen Mangel an Forschung zur Effektivität der außerunterrichtlichen und außerschulischen Angebote geklagt. Auf meine Frage, ob die After-School-Programme in Südkorea denn den gewünschten Effekt - unter anderem das Zurückdrängen der privaten Institute - zur Folge haben, sagte man mir, dass bislang dazu noch keine Daten vorlägen. Meine Vermutung ist, dass die Kinder nun eben nach 16 oder 17 Uhr, also nach den schulischen Nachmittagsprogrammen, diese Institute besuchen. Das müsste man überprüfen.

Ähnlich bestätigten mir auch die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen teilnehmenden Ländern, dass über die Wirkungen der außerunterrichtlichen und außerschulischen Angebote in ihren Ländern empirisch zu wenig bekannt sei - vielleicht mit Ausnahme der USA, wo es zur Effektivität der außerschulischen Programme umfangreiche Forschung betrieben wird. Dort gibt es sogar ein eigenes nationales Forschungsinstitut, das National Institute on Out-of-School Time (NIOST), das sich mit der Qualität und Wirkung schulergänzender Programme beschäftigt.

Online-Redaktion: Von besonderem Interesse ist ja, ob solche ergänzenden Programme sich - zum Beispiel durch mehr individuelle Förderung - auf die Schulleistungen auswirken. Bieten die Forschungen dazu Hinweise?

Stecher: Für die USA gibt es mittlerweile eine Reihe von zusammenfassenden Forschungsberichten, die die positive Wirkung von After-School-Programmen grundsätzlich belegen. Das gilt für die Leistungsentwicklung in der Schule, den Schulerfolg wie auch für andere Bereiche wie etwa das soziale Lernen. Interessante Befunde mit Blick auf die schulische Leistungsentwicklung dürfen wir mit den Daten von PISA-E und IGLU-E erwarten. In beiden Studien sind Fragen zur Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an Ganztagsangeboten enthalten.

Die schulische Leistungsentwicklung ist eine Perspektive auf die Wirkung der Ganztagsschule beziehungsweise ihrer Angebote. Es geht jedoch auch um Förderung im Bereich sozialer Kompetenzen, interkulturellen Lernens, um Motivationsförderung, Selbstbildentwicklung und vieles andere mehr. Zu Anfang habe ich darauf hingewiesen, dass es im Falle Koreas ja gerade um die Förderung der motivationalen Aspekte geht. Es gilt, eine breite Palette von möglichen Wirkungen im Auge zu behalten. In StEG wurde der Schwerpunkt nicht auf die Schulleistungen gelegt, sondern vor allem auf diese letztgenannten Bereiche. Amerikanische Studien belegen dabei, dass über die Förderung der Schulmotivation und des Schulinteresses durch hochwertige ganztägige Programme die Quote der Schülerinnen und Schüler, die die Schule vorzeitig verlassen, deutlich reduziert werden kann. Die Frage ist, ob sich das auch für die Ganztagsschulen hierzulande bestätigen lässt.

Online-Redaktion: Das heißt, die Befunde der Längsschnittstudie StEG sind auch für die internationale Diskussion von Bedeutung...

Stecher: An der StEG-Studie, die vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, dem Deutschen Jugendinstitut und dem Institut für Schulentwicklungsforschung durchgeführt wird, nehmen 30.000 Schülerinnen und Schüler sowie 8.000 Lehrkräfte an 373 Schulen in drei Wellen in 2005, 2007 und 2009 teil. Vergleichbares gibt es derzeit nicht. Ich denke, dass StEG im internationalen Vergleich damit durchaus Maßstäbe setzt. Alle Kongressteilnehmer wünschten sich für ihre Länder vergleichbare Studien und waren beeindruckt, dass Deutschland in die Forschung und die Infrastruktur von Ganztagsschulen so viel investiert. Uns ist klar geworden, dass sich die Fragen, die wir mit der StEG-Studie bearbeiten - über die Qualität und die Effektivität der Ganztagsangebote oder über schulstrukturelle Entwicklungen in den Ganztagsschulen - in Bezug auf jede institutionelle Erweiterung schulischer Bildung stellen. Dass es notwendig ist, solche Forschung zu betreiben, um After-School-Programme effektiv zu gestalten, war auf der Konferenz unstrittig.

In diesem Sinn ist StEG über den nationalen Kontext hinaus in hohem Maße anschlussfähig an die internationale Diskussion. An der deutschen Forschungsperspektive ist man sehr interessiert. Mit den südkoreanischen Kollegen wird es auch weitere Kontakte dazu geben. Im Mai wird eine Delegation aus Korea Deutschland besuchen. Darauf freue ich mich besonders, denn dadurch bietet sich die Gelegenheit, sich für die Gastfreundschaft, die perfekte Tagungsorganisation und für die vielen anregenden Kontakte zu revanchieren. Auch mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen sind wir in Kooperationsgesprächen. Ich hoffe sehr, dass daraus gemeinsame Forschungsprojekte entstehen. Eine gemeinsame internationale Konferenz zu außerunterrichtlichen und außerschulischen Programmen ist für das Jahr 2009 geplant.

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