Oelkers: „Es gibt kein Optimum, auf dem man sich ausruhen kann“

Die Verzahnung von Vor- und Nachmittag sowie die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln, sind nach Ansicht von Prof. Dr. Jürgen Oelkers entscheidende Qualitätsmerkmale von Ganztagsschulen. Das betonte der Bildungsforscher, der an der Universität Zürich lehrt, während der Landesfachtagung „Ganze Sache Ganztagsschule“ am 1. November 2012 in Frankfurt im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org.

© David Heimerl

Online-Redaktion: Im Mittelpunkt der Landesfachtagung „’Ganze Sache’ Ganztagsschule“ in Frankfurt am Main stand die Qualitätsfrage. Was zeichnet eine gute Ganztagsschule aus?

Jürgen Oelkers: Entscheidend ist, dass die Verknüpfung von Vor- und Nachmittag gelingt. Diese Grundfrage der Ganztagsschule ist in der amerikanischen Forschungsliteratur unter der Frage „Is More Better?“ diskutiert worden. Die Ergebnisse langjähriger Untersuchungen sind eindeutig, insbesondere für die Frühförderung und den Primarbereich: Je länger die Kinder etwa einen Kindergarten besuchen, desto besser schneiden sie bei späteren Leistungstests ab. Allerdings gilt das nur, wenn das Angebot, das sie genossen haben, gehaltvoll war. Das Prinzip lässt sich auf die Ganztagschule übertragen. Entscheidend ist nicht die Dauer des Schulbesuchs, sondern der Zusammenhang von Dauer und Qualität. Unterricht, Freizeitangebote, Projekte und Arbeitsgemeinschaften müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden. Was morgens im Unterricht behandelt wird, sollte zum Gegenstand des Nachmittags werden und umgekehrt.

Online-Redaktion: Nutzen deutsche Ganztagsschulen diese Chance?

Oelkers: Die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ macht uns Mut. Sie zeigt, dass viele Schulen diesen Spielraum nutzen und wissen, dass die gewonnene Zeit allein noch nichts bringt. Aber sicher gilt das noch nicht für alle Schulen. Mit Blick auf die offenen Ganztagsschulen würde ich zum Beispiel sagen: Wenn offene Ganztagsschule bedeutet, an zwei oder drei Nachmittagen ein bisschen zu spielen, dann ist der Bildungsgewinn für die Kinder gewiss nicht groß. Ich bin aber ohnehin der festen Überzeugung, dass sich der gebundene Ganztag durchsetzen wird. Vorausgesetzt, die Ressourcen reichen.

Online-Redaktion: Ob das auch alle Eltern wünschen?

Oelkers: Die Eltern sind sehr für den Ganztag. Einerseits, weil die Ganztagsschule die Berufstätigkeit beider Elternteile ermöglicht, andererseits aber auch, weil immer mehr Eltern glauben, dass ihr Kind, sowohl was die Bildung als auch, was die soziale und emotionale Entwicklung angeht, davon profitiert. Warten Sie es einmal ab - einer planbaren Ganztagsschule von 7.30 bis 16.15 Uhr gehört die Zukunft. Das Argument, so etwas sei die Verstaatlichung der Kindheit, ist längst vom Tisch. Selbst in der konservativen Schweiz greift die Idee der Beschulung im Ganztag um sich.

Online-Redaktion: Wie erklären Sie sich den Stimmungswandel?

Oelkers: Die Stundentafeln für die Sekundarstufe I bewegen sich in den deutschen Bundesländern zwischen 32 und 34 Stunden pro Woche. Sie werden in die Halbtagsschule hineingequetscht. Dessen Betrieb beginnt so früh am Morgen, dass man eigentlich nur von einer absichtlich boshaften Unterbrechung des Schlafes sprechen kann. Und sie endet nach der normalen Mittagszeit. Eine gemeinsame Mahlzeit zuhause scheitert zudem oft genug an Bus und Bahn. Schulorganisatorisch gesagt: Die Erfüllung der Stundentafel, das konservativste Element der Schulgeschichte, bestimmt den Zeittakt der Schulen, der durch die Abschaffung des Samstagsunterrichts nochmals mehr gestaucht wurde. Viel mehr lässt sich in den Halbtagsbetrieb nicht hineinquetschen. Was dann noch lernnotwendig erscheint, soll den Weg in die Köpfe über die Hausaufgaben nehmen – für die Eltern die größte schulische Zumutung, die neben dem Sitzenbleiben denkbar ist. Die Ganztagsschule kann diese Zumutungen beenden, und das wissen die Eltern.

Online-Redaktion: Sie stimmen jenen zu, die dafür plädieren, Hausaufgaben in den Unterricht zu integrieren?

Foto vom Veranstaltungssaal
Auftakt der Landesfachtagung© David Heimerl

Oelkers: Natürlich. Hausaufgaben sind ja nichts anderes als die stillschweigende Einführung der Ganztagsschule. Mit dem Effekt, dass die Eltern nicht nur die Aufsicht zu übernehmen haben, sondern auch noch vergeblich auf die intrinsische Motivation warten müssen. Das galt in der Öffentlichkeit nie als familienfeindlich wie früher die Ganztagsschule. Die Schule profitierte durch Ausbeutung einer Arbeitskraft, die nichts kostet. In vielen Kommunen bestehen kommerzielle Lernstudios. Die Investitionen der Eltern sind erheblich. Aber wieso können nicht ältere Schüler die Förderarbeit der Lernstudios übernehmen und sich ein paar Euros hinzuverdienen. Das wäre eine etwas ungewöhnliche Jugendarbeit, wie sie zu unseren Zeiten auch üblich war. Warum sollen nur Lehrkräfte, die im Nebenamt für Lernstudios arbeiten, von diesem Geschäft profitieren. Ich kenne Ganztagsschulen, die solche „Schüler helfen Schülern-Konzepte“ umsetzen. Die Abkehr von den traditionellen Hausaufgaben trägt sicher dazu bei, dass bei StEG auch herausgekommen ist, dass Ganztagsschulen sich positiv auf das Familienklima auswirken können.

Online-Redaktion: Der Ganztag verändert Schule für alle Beteiligten…

Oelkers: Schule muss sich neu erfinden. Diese Veränderung kann nur durch die Akteure vor Ort gelingen. Ganztagsschule ist mehr als nur Unterricht und eine Abfolge von Lektionen. Erweitert hat sich aber nicht nur das Angebot, sondern auch die Zusammensetzung des Personals. Jetzt haben nicht mehr nur die Lehrerinnen und Lehrer das Sagen. Sie müssen sich mit vielen anderen Professionen, angefangen von den Erzieherinnen und Erziehern, über Heil- und Sonderpädagogen, Sport- und Musikpädagogen, Psychologen, das gesamte nicht pädagogische Personal, Referendare bis hin zu Ehrenamtlichen, Senioren und Lesepaten abstimmen – vorausgesetzt, die Ganztagsschule will mehr als Unterricht mit nachmittäglicher Betreuung darstellen. So ist ein gemischtes Kollegium entstanden. Eine Herausforderung für alle.

Online-Redaktion: Hinkt die Ausbildung nicht dieser Herausforderung hinterher?

Oelkers: Ja. Das Arbeitsfeld hat sich verändert, aber die Ausbildung nicht. Immer noch wird auf Schule, nicht auf Ganztagsschule vorbereitet. Und schauen Sie in die Stellenanzeigen. Gesucht wird da zumeist nach Erzieherinnen und Erziehern, nicht nach solchen, die sich für die Tätigkeit an einer Ganztagsschule besonders qualifiziert haben. Ganztagsschulen sind eingeführt worden, ohne auf die Ausbildungsunterschiede der verschiedenen Professionen Einfluss zu nehmen. Denkbar ist eine berufsbegleitende Nachqualifizierung, wie dies in der Schweiz für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung üblich ist. Vergleichsweise einfach zu ändern wären die inhaltlichen Bezüge der verschiedenen Ausbildungsgänge auf das Tätigkeitsfeld Ganztagsschule. Bislang geschieht das zu wenig. Professionalität in Ganztagsschulen kann als Forschung- und Entwicklungsaufgabe angesehen werden. Seminare der Hochschulen könnten in Kooperation mit den Leitern von Ganztagsschulen angeboten werden. So könnten die Studierenden den Forschungsstand kennenlernen und erhielten Anschauung aus erster Hand. Abschließend will ich noch den Bereich der Praktika ansprechen. Auch dabei spielt der Bezug zum Ganztag eher zufällig eine Rolle. Die Praktikumsbüros der Universitäten und Hochschulen sind meist froh, überhaupt Plätze zur Verfügung zu haben. Die Verteilung richtet sich nach Lehrämtern, nicht nach der Frage, ob es sich um eine Halb- oder Ganztagsschule handelt.

Online-Redaktion: Was schlagen Sie vor?

Oelkers: Zwei Möglichkeiten möchte ich benennen. Die Universitäten und Hochschulen könnten eigene Ganztagsschulpraktika einrichten und in den Studienordnungen verbindlich machen, um so das Feld ausbildungsrelevant zu machen. Die zweite Variante wäre, dass die Schulen selbst Praktikanten anfordern und im Internet eine Stellenbörse einrichten.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt für Sie die Steuerung der Schulen?

Oelkers: Drei Dinge sind mir wichtig. Ich plädiere stark für eine Kommunalisierung der Schulen. Die Aufhebung der doppelten Steuerung, hier das Land, dort die Kommune, ist notwendig, damit vor Ort entschieden werden kann, was getan werden muss, damit die Schule zum Lern- und Lebensort der Schülerinnen und Schüler werden kann. Die Länder müssen einsehen, dass Erlasse keine gute Steuerung darstellen. Sie können nur Rahmen vorgeben. Der zweite Aspekt sind die so genannten Bildungslandschaften. Schule muss sich öffnen und zum Zentrum des Ortes werden. Die Bereitschaft zur Öffnung sollte auch bei Behörden, Vereinen und Verbänden Einzug halten. Die Kinder müssen im Zentrum des Denkens und Handelns stehen, nicht Verwaltungseinheiten. Vielerorts ist dies schon geschehen. Und ein Letztes: Steuerung bedeutet auch die Notwendigkeit von starken Schulleitungen, die wissen, das es kein Optimum gibt, auf dem man sich ausruhen kann. Die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln, darf niemals erlahmen. Wenn ich weiß, wie kreativ Schulen sind, bin ich, was die künftige Entwicklung betrifft, optimistisch.

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