Ganztag in Österreich: "Keine halben Sachen"

Auch in Österreich werden seit einigen Jahren Ganztagsschulen ausgebaut. Zwei Schulen in Salzburg und Steyr stellten sich bei der Salzburg Summer School 2017 vor.

Unipark Nonntal in Salzburg© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Diese Antwort bleiben Erwin Dorn und Bogdan Pammer nicht lange schuldig: „Alles!“, rufen beide gleichzeitig auf die Frage, was ohne Ganztag an ihrem Oberstufenrealgymnasium in Steyr, dem ROSE, verloren ginge. „Unser ganzes pädagogisches Konzept fußt auf der Ganztagsschule“, betont Schulleiter Dorn. Ihr Gymnasium und die Volksschule Lehen 2 aus Salzburg, die sich mit ihren Schulprogrammen am 5. September 2017 während der 5. Salzburg Summer School der Pädagogischen Hochschule und der Universität Salzburg vorstellten, demonstrieren, dass sich auch im Nachbarland einiges in Sachen Ganztagsschulen tut.

Die Salzburg Summer School, eine Fortbildungsveranstaltung für Pädagoginnen und Pädagogen, stand unter der Überschrift der Chancengleichheit und Gerechtigkeit im schulischen Kontext. Das Thema ist in Österreich ebenso relevant wie in Deutschland. Die OECD-Bildungsstudie „Education at a Glance 2017“, die 35 OECD-Länder und acht weitere Staaten untersucht, hat der Nachbarrepublik bescheinigt, dass Österreicherinnen und Österreicher zwar überdurchschnittlich gut gebildet sind, aber die Bildungsvererbung noch immer hoch ist.

Quote der Ganztagsangebote verdoppeln

An dieser Stelle kommt die Ganztagsschule ins Spiel. Die österreichische Bildungsministerin Sonja Hammerschmid sieht als ein Ziel der Bildungspolitik, „Chancengerechtigkeit für alle Kinder herzustellen, und das unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Bildungsgrad der Eltern.“ Ein wichtiger Schritt dorthin sei der Ausbau der Ganztagsschulen, für den ab diesem Schuljahr 2017/2018 rund 750 Millionen Euro für zusätzliche Angebote bis 2025 bereitstehen, die Zahl der Ganztagsschulplätze würde sich von 150.000 im Jahr 2015 auf rund 270.000 erhöhen.

Rose Schule Steyr
© Rose Schule Steyr

Bis 2025 soll für alle Schülerinnen und Schülern im Umkreis von 20 Kilometern zum Wohnort ein Platz in einer Ganztagsschule erreichbar sein. Die Quote der Ganztagsangebote soll sich von derzeit 20 auf 40 Prozent verdoppeln. Die Mittel fließen vor allem in die Förderung von „verschränkten Angeboten“, die dem gebundenen Ganztag entsprechen. Das Bildungsministerium flankiert den Ausbau mit der Informationskampagne „Keine halben Sachen“.

„Nur eins ist teurer als Bildung – keine Bildung“

Wie der Zukunftsforscher Prof. Reinhold Popp, der in Salzburg einen Eröffnungsvortrag „Zukunft der Bildung“ hielt, meint, korrespondiere der Ausbauwille mit dem „extrem optimistischen“ Glauben der Österreicher an ein flächendeckendes Ganztagsschulangebot in näherer Zukunft. Laut einer Umfrage sähen 63 Prozent der Befragten dieses Ziel schon in wenigen Jahren erreicht.

„Ich halte das für unrealistisch, weil Österreich insbesondere im architektonischen Bereich auf diese Entwicklung unzureichend vorbereitet ist“, so Popp. „Es fehlt den Schulen an Räumlichkeiten für Freizeit, Multimedia, künstlerisches Gestalten, Beisammensein und Rückzug.“ Auch er sehe die Ganztagsschule als „nachhaltige Qualitätsverbesserung“, wie er klarstellte. „Es müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen, damit sie nicht Aufbewahrungsanstalten werden.“

Lesen ist Wau - Kinder lesen Hunden vor© Volksschule Lehen 2

Ganztagsschulen könnten Popp zufolge mit multiprofessionalen Teams punkten, in denen Lehrkräfte die Lernsituationen moderieren. Kreativität, Innovationsfähigkeit und interkulturelle Bezüge könnten gefördert werden, so der Wissenschaftler, ebenso die politische Bildung: „Denn die Demokratie ist die einzige Staatsform, die ohne politisch gebildete Menschen nicht auskommt“. Investitionen in diesem Bereich seien in jedem Fall richtig. Popp zitierte John F. Kennedy: „There is only one thing in the long run more expensive than education – no education“. Nur eins ist auf die Dauer teurer als Bildung – keine Bildung.

Volksschule Lehen: „Eliteschule multikulturellen Lernens“

Multiprofessionalität ist auf jeden Fall an der Volksschule Lehen 2, einer Schule mit offenem Ganztag und drei Ganztagsklassen im Salzburger Vorort Lehen, gegeben. Schulleiterin Sylvia Wallinger war mit drei Kolleginnen zur Summer School gekommen, um ihre Ganztagsschule vorzustellen, an der 250 Schülerinnen und Schüler lernen. Der Schultag dauert dort von 7.45 bis 16 Uhr und demnächst wird sogar Betreuung bis 18 Uhr möglich sein.

Singen
© Volksschule Lehen 2

Die Schule versteht sich als „multikulturelle Volksschule“, weil die Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedliche Herkünfte haben. Seit sieben Jahren leitet Sylvia Wallinger die Schule. Ihr Ziel ist, aus „unserer Brennpunktschule eine Eliteschule zu machen, eine Eliteschule des multikulturellen Lernens“. Studierende fordere man heute auf, Erfahrungen in anderen Ländern, mit anderen Sprachen und anderen Kulturen zu machen. „Bei uns beginnt das schon in Klasse 1!“, sagt die Schulleiterin.

Sylvia Wallinger freut sich: „Wir haben zum Glück ein Team, das was ausprobiert.“ Drei Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind an der Schule mit 45 Wochenstunden präsent, aber „nicht als Rettungsteam“, wie die Schulleiterin betont. Vielmehr hat die Schule vor drei Jahren das Fach „Soziales Lernen“ eingeführt und im Stundenplan verankert. Die Diplom-Pädagogin Nina Flieger kommt mit diesem Angebot in die Klassen.

© Volksschule Lehen 2

„Soziales Lernen“ bedeutet, die eigenen Emotionen zu verstehen und Konfliktbewältigung zu lernen. Nina Flieger erläutert: „Wie werde ich einem Kind voller Emotionen gerecht, dass in eine Schule kommt und still sitzen soll? Körperlichkeit ist für die Kinder ein großes Ausdrucksventil, und darum geht es in diesen Stunden.“ Die Diplom-Pädagogin geht vieles spielerisch an. „Meine Erfahrung ist, dass ich die Kinder da abholen muss, wo sie stehen. Und Kinder spielen halt gerne.“

Ein anderes Projekt, das das Miteinander fördert, ist „Superar“. 2009 vom Wiener Konzerthaus, den Wiener Sängerknaben und der Caritas gegründet, ist dieser Verein seit drei Jahren auch an der Volksschule Lehen aktiv und organisiert kostenfreien Gesangsunterricht. In vier Klassen wird vier Tage lang in der Woche intensiv gesungen, an drei Tagen im Klassenverband, an einem Tag mit allen vier Klassen gemeinsam. Einmal jährlich gibt es ein großes öffentliches Konzert, letztes Jahr im Mozarteum, in diesem Jahr erstmals im Großen Festspielhaus. „Was mir daran besonders gut gefällt, ist, dass wir auch den Eltern etwas mitgeben, die das Konzert voller Stolz auf ihre Kinder erleben“, findet Sylvia Wallinger.

ROSE: „Die Schule planvoll auf den Kopf gestellt“

Raum
© Rose Schule Steyr

Das Reformpädagogische Oberstufenrealgymnasium (ROSE) der Evangelischen Kirche in Steyr, das 2014 gegründet wurde, fördert besonders die Selbstständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler. Dazu haben Schulleitung und Kollegium „die Schule planvoll auf den Kopf gestellt“, wie Schulleiter Erwin Dorn den Zuhörern in Salzburg erläutert. In der Schule gibt es über den gesamten Tag auch jahrgangsgemischte Lernateliers, begleitet durch eine Lehrerin oder einen Lehrer, sowie offene fächerübergreifende Lernphasen und individuelle Lernzeiten. Der Donnerstag ist ganztägiger Projekt- und Werkstättentag.

„Solche Lernateliers wären ohne Ganztagsschule nicht möglich“, erzählt Lehrer Bogdan Pammer. Hier können die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Theater spielen, sich der bildenden Kunst widmen oder mit neuen Medien auseinandersetzen. Ergänzt wird dies durch Arbeit in außerschulischen Einrichtungen wie Betrieben und Sozialeinrichtungen. Im Projekt „Ab ins Ausland“ haben Schülerinnen und Schüler schon am Polarkreis in einer Rentierfarm gearbeitet, in einem buddhistischen Kloster meditiert oder in der Deutschen Schule Buenos Aires Deutsch-Nachhilfe gegeben.

Aufführung "500 Jahre Reformation"© Rose Schule Steyr

„Wir sprechen sehr viel mit den Schülerinnen und Schülern und untereinander im Kollegium“, berichtet Schulleiter Dorn. „Einmal in der Woche sitzen alle Kolleginnen und Kollegen bis zu zwei Stunden zusammen, um über die einzelnen Schülerinnen und Schüler zu sprechen.“ Und am Schuljahresanfang ist es Tradition, dass jede Lehrerin und jeder Lehrer für die Schülerinnen und Schüler eine Suppe kocht, die dort alle gerne auslöffeln.

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