Ganztagsschule: Potenzial für Integration

Die Gutachten und Studien des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration sollen Debatten versachlichen. Was bedeutet Migration für Ganztagsschulen? Geschäftsführerin Dr. Cornelia Schu im Interview.

Online-Redaktion: Frau Dr. Schu, was verbirgt sich hinter dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)?

Dr. Cornelia Schu© SVR/Dera

Cornelia Schu: Das ist eine Einrichtung, die 2008 von privaten Stiftungen gegründet worden ist und derzeit von sieben Stiftungen getragen wird. Die Aufgaben des SVR bestehen in einer wissenschaftsbasierten Politikberatung in den Bereichen Integrations- und Migrationspolitik. Das soll auch die teilweise emotionalen Debatten in diesem Themenfeld versachlichen, indem der Öffentlichkeit Fakten und wissenschaftliche Evidenz zugänglich gemacht werden. In der Berliner Geschäftsstelle arbeiten wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Rat zu. Daneben gibt es einen eigenen Forschungsbereich, der die Arbeit des Rats flankiert. Dessen thematische Schwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen Bildung und Migration, Flucht und Asyl. Aus den Analysen sollen Handlungsempfehlungen für die Politik abgeleitet werden.

Der Rat selbst besteht aus neun Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen aus deutschen Universitäten und Universitäten des deutschsprachigen Auslands.

Die Mitglieder des Sachverständigenrats
Die Mitglieder des Sachverständigenrats© SVR/Setzpfandt
Die Mitglieder wählen ihre Themen selbst und veröffentlichen einmal jährlich ein Jahresgutachten. Dort geht es immer um zentrale Fragen der Integrations- und Migrationspolitik in einer ganzheitlichen Weise. In diesem Jahr beispielsweise hat der Rat ein Gutachten mit dem Titel „Chancen in der Krise: Zur Zukunft der Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa“ veröffentlicht. Alle zwei Jahre veröffentlicht der Rat außerdem das „Integrationsbarometer“, eine groß angelegte Befragung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland zu Fragen der Integration und zu ihrer Einschätzung zum Zusammenlebens in der Einwanderungsgesellschaft.

Online-Redaktion: Sie haben im Juli die Studie „Vielfalt im Klassenzimmer“ vorgestellt. Was wurde dort untersucht?

Schu: Es handelt sich um eine Studie in Kooperation mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität. Wir haben zunächst die Einstellungen und Erwartungen von Lehrkräften zu migrationsbezogenen Ungleichheiten im Bildungssystem untersucht. Zweitens wurde geschaut, wie man deren Auswirkungen entgegenwirken kann, also Schülerinnen und Schüler, die von negativen Stereotypen betroffen sind, zu unterstützen, dass sie ihre Potenziale voll abrufen können.

© Britta Hüning

Ein Fazit ist, dass Lehrkräfte liberaler und offener gegenüber Vielfalt eingestellt sind als die Gesamtbevölkerung. Es gibt aber auch hier Vorbehalte. So unterstellen viele Lehrkräfte, dass muslimische Familien geringere Bildungsaspirationen hätten, also nicht so bildungsorientiert seien wie andere. Dabei sind gerade in türkischstämmigen Familien hohe Bildungsaspirationen wissenschaftlich belegt.

Online-Redaktion: Wirken sich die Einstellungen auf das Handeln aus?

Schu: In einem zweiten Teil wurde das Unterrichtsgeschehen betrachtet. Schüler, von denen die Lehrkräfte nicht so viel erwarten, werden zum Beispiel nicht so häufig drangenommen, oder die Interaktionsdauer mit ihnen ist geringer. Das kann wiederum dazu führen, dass sich die Leistungsentwicklung der Kinder nicht so positiv gestaltet, wie es möglich wäre.

Im dritten Teil der Studie wurde untersucht, welche Effekte das auf die Schülerinnen und Schüler hat. Amerikanischen Studien haben ja den sogenannten Pygmalion-Effekt, also die selbsterfüllende Prophezeiung, nachgewiesen. Schüler, die ahnen oder wissen, dass ihnen Lehrkräfte nicht so viel zutrauen, entfalten ihre Potentiale tatsächlich nicht. Da haben wir durch eine Intervention gegengesteuert, eine sogenannte Selbstbestätigungsintervention, die an der Stanford University entwickelt und erfolgreich etabliert worden ist.

© Britta Hüning

An elf Integrierten Sekundarschulen in Berlin haben wir alle Schülerinnen und Schüler vor Mathetests an ihre Ressourcen erinnert. Die Jugendlichen haben sich mit dem beschäftigt, was ihnen wichtig ist und was sie gerne machen. Die Leistungen in den Mathetests stiegen bei den arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen danach an. Selbstbestätigung kann also ein Mittel sein, negativen Effekten des sogenannten Sterotype Threat – der Bedrohung durch Stereotype – entgegenzuwirken.

Online-Redaktion: Wie können Lehrkräfte das selbst praktizieren?

Schu: Es ist eine vergleichsweise schlanke Methode, positive Impulse im Unterricht zu setzen. Aber natürlich kann man das nicht einfach so mal machen, sondern im Vorfeld ist eine Schulung nötig. Wenn man es dann aber unter Anleitung und qualitativ hochwertig durchführt, kann es Effekte haben. Und diese Effekte können anhalten, wie wir nach acht Wochen nachweisen konnten. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler hielten sich auf einem höheren Niveau, es konnte also eine Aufwärtsspirale in Gang gesetzt werden. Wir hoffen, dass das als kleines Modul mittelfristig Eingang in die Lehrerausbildung findet.

Online-Redaktion: Das Jahresgutachten 2017 des Sachverständigenrats erwähnt das Potenzial der Ganztagsschule für die Integration. Welche Gründe sehen Sie dafür?

© Britta Hüning

Schu: Dank des BMBF, der StEG-Studie und anderer Untersuchungen gibt es Erkenntnisse über die Effekte des Ganztags. Hier zeigt sich, dass Schulen mit einem rhythmisierten Ganztagsangebot deutlich mehr Möglichkeiten bieten, den Spracherwerb zu fördern. Alleine der ausgedehnte Lernraum wirkt sich hier positiv aus. Der Ganztag ist aus unserer Sicht ein prädestinierter Ort, die Flüchtlingsintegration zu gestalten.

Einschränkend muss man allerdings sagen, dass der Ganztag von den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund aktuell etwas weniger als von anderen frequentiert wird – da ist noch Luft nach oben. Man sollte hier noch für mehr Akzeptanz werben und diese Gruppe, insbesondere die Eltern, aktivieren, dass ihre Kinder die Ganztagsangebote stärker nutzen. In den Schulen wären Konzepte für die Beschulung der Flüchtlingskinder und für die Qualifizierung des pädagogischen Fachpersonals wichtig.

Kinder
© Britta Hüning

Im Moment helfen viele Ehrenamtliche, was erfreulich ist. Aber gerade in der Sprachbildung ist es wichtig, dass diese von ausgebildeten Kräften durchgeführt wird. Da müssten unserer Meinung nach Lehrkräfte deutlich mehr als bisher aus- und weitergebildet werden. In einer Einwanderungsgesellschaft müssten eigentlich Lehrkräfte aller Fachrichtungen Sprachförderkompetenzen erwerben.

Online-Redaktion: Sie erwähnen die Eltern, die in der Studie „Eltern als Bildungspartner“ im Vordergrund stehen. Welche Bedeutung hat das Thema Ganztag dort?

Schu: In dieser Studie haben wir gefragt, wie ihre Beteiligung an Grundschulen gelingen kann, welche Angebote die Schulen machen und wie diese von Eltern unterschiedlicher soziokultureller Herkunft genutzt werden. Dazu haben wir Daten aus IGLU und TIMSS genutzt und Interviews durchgeführt. Es kam heraus, dass Ganztagsschulen häufiger Beteiligungsangebote für Eltern machen. Bei diesen Angeboten lag der Fokus auf der Unterstützung der häuslichen Lernbegleitung. Ganztagsschulen gelang es auch besser, Eltern der ersten Einwanderungsgeneration mit niederschwelligen Angeboten in den Schulkontext einzubeziehen, zum Beispiel in Projekten.

© Britta Hüning

Außerdem konnten wir zeigen, dass Ganztagsschulen besonders mit Familien von Kindern mit Förderbedarf zusammenarbeiten. Offensichtlich führt die Schulentwicklung, die mit der Einführung des Ganztags verbunden ist, auch zu neuen Konzepten für die Beteiligung von Eltern. Eine Empfehlung, die der Forschungsbereich abgeleitet hat, besteht in der Stärkung der Eltern zur Unterstützung der Bildungskompetenz ihrer Kinder. Ganztagsschule kann dazu einen zentralen Beitrag leisten.

Online-Redaktion: Kann Schule etwas gegen Ungleichheit tun, oder ist es primär eine Aufgabe gesellschaftlicher und sozioökonomischer Integration außerhalb der Schule?

Schu: Bildung legt den Grundstein. Das gilt umso mehr für Familien, die nicht über die Mittel verfügen, ihre Kinder zu Hause zu unterstützen. Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Hochschule sind gerade für diese Familien wichtig. Der Blick ins Ausland zeigt, dass in Deutschland die Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg besonders eng ist. Im Umkehrschluss heißt das, dass es anderen Ländern besser gelingt, herkunftsbedingte Nachteile auszugleichen.

Kinder
© Britta Hüning

Man kann von daher die Bildungsinstitutionen von dieser Aufgabe nicht entlasten. Wobei die Eltern natürlich auch Verantwortung für den Bildungserfolg ihrer Kinder tragen. Es ist ja auch sehr lohnend, vorhandene Potenziale abzurufen, wie wir häufig beobachten. Wenn es der Schule gelingt, die Weichen richtig zu stellen, können Schülerinnen und Schüler mit eigentlich schlechten Voraussetzungen ihre Talente entfalten und ein erfolgreiches, eigenständiges Leben führen.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!


Dr. Cornelia Schu ist seit 2014 Geschäftsführerin des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration und Direktorin des Forschungsbereichs. Zuvor war sie nach dem Philologiestudium und Promotion über Wolframs von Eschenbach „Parzival“ u. a. als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn und in der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates und im Kompetenzzentrum Wissenschaft der Stiftung Mercator tätig. In der Stiftung Mercator war sie von 2011 bis 2014 Leiterin des Themenschwerpunkts Integration.

Cornelia Schu ist u. a. seit 2016 Mentorin im Mentee-Programm der Deutschlandstiftung Integration und seit 2017 Mitglied im Themenbeirat „Mobilität und Migration“ des Goethe-Instituts.
 

Die Studie „Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können“ wurde durchgeführt von Georg Lorenz (Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin), Dr. Tim Müller und Dr. Mohini Lokhande (beide SVR-Forschungsbereich). Sie wurde begleitet durch Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan (Universität Duisburg-Essen, Leiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung und Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration).

 

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