Lernen für den GanzTag: "Eine beachtliche Breitenwirkung"

Das Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" der Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz endete 2008. Im Vordergrund stand die Qualifikation des Personals durch 28 Fortbildungsmodule für Fortbildner, aber auch für Schulleitungen und für Steuergruppen, welche diese Module für den Prozess ihrer Schulentwicklung nutzen konnten. Zwei Jahre nach Ende des Projektes erfreuen sich die Module ungebrochener Nachfrage. Daniela Wellner-Petsch von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Berlin, Mitarbeiterin in der Abteilung Schulentwicklung im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, erklärt im Interview die Gründe für diesen Erfolg.

Daniela Wellner-Petsch und Hermann Zöllner

Online-Redaktion: Frau Wellner-Petsch, das Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" ging 2008 zu Ende. Doch beendet scheint es damit noch lange nicht. Es gibt immer noch eine Internet-Seite für "Lernen für den GanzTag", auf der man die Materialien herunterladen und bestellen kann. Wer pflegt eigentlich die Seiten?

Daniela Wellner-Petsch: Das Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster, das zeitweise die Koordination des Projekts übernommen hatte. Unser Ansprechpartner, wenn wir zum Beispiel neue Materialien auf die Seite setzen lassen wollen, ist die am ISA ansässige Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen.

Online-Redaktion: Wie kamen Sie zu diesem Projekt?

Wellner-Petsch: Im Rahmen des bundesweiten Modellversuchs "Lernen für den Ganztag" taten sich Hermann Zöllner vom Landesinstitut Brandenburg und ich von der RAA in Berlin zusammen, weil wir unsere beiden Länder als eine gemeinsame Bildungsregion verstanden. Es zeichnete sich damals auch bereits ab, dass das Berliner Landesinstitut 2007 mit dem Brandenburger Landesinstitut zu einer Einrichtung fusionieren würde.

Ich hatte 2007 in der regionalen Fortbildung Aufgaben wahrgenommen, nach Projektende Koordinierungsaufgaben für die Senatsverwaltung übernommen und die Begleitung und Weiterqualifizierung der Ganztagsmultiplikatoren, die es in Berlin seit dem Modellvorhaben gab, fortgeführt. Darunter fiel auch die Begleitung und Weiterqualifizierung der Ganztagsmultiplikatoren über das Landesinstitut.

Letztes Jahr wechselte ich in die Abteilung Schulentwicklung im Landesinstitut und bin nun eine der Ansprechpartnerinnen in Sachen Ganztagsschule, darunter auch für das Projekt "Lernen für den GanzTag". In Berlin arbeiten so genannte Ganztagsmultiplikatoren und in Brandenburg die schon seit Ende der 1990er Jahre etablierten Ganztagsberater mit den Fortbildungsmodulen. Unsere Möglichkeit vom Landesinstitut aus ist es, die Module im Rahmen der Begleitung dieser Zielgruppen, zum Teil sogar über Schulleiterqualifizierungen direkt in die Schulen zu bringen.

Online-Redaktion: Wie erklären Sie sich, dass die Fortbildungsmaterialien derzeit so stark nachgefragt sind?

Wellner-Petsch: Dies ist vor allem durch die bildungspolitische Entwicklung in Berlin mit den Reformen im Sekundarschulbereich bedingt: Die geplanten integrierten Sekundarschulen müssen alle ein Ganztagsschulkonzept vorlegen. Bisher beschränkte sich in Berlin der Ganztagsschulausbau hauptsächlich auf Grundschulen, nun ist die Ausweitung wie in Brandenburg schulartenübergreifend. Von dieser Entwicklung konnten wir bei Projektende vor zwei Jahren noch gar nichts ahnen. Hätten wir das gewusst, hätten wir vielleicht sogar noch einiges anders angelegt.

Die Module entfalten inzwischen eine beachtliche Breitenwirkung. Beispielsweise setzen die Schulleiter- und Steuergruppenqualifizierungen in unserem benachbarten Referat die Module erfolgreich als Handlungsleitfaden ein. Und erst letzte Woche erhielt ich eine Rückmeldung von einer Grundschulleiterin, die erklärte, sie habe das Modul zur Individuellen Förderung intensiv gelesen und sei davon sehr überzeugt.

Als Mitarbeiterin der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Berlin bilde ich selbst eine Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, zum Beispiel vermittele ich bei Bedarf die Module zum Beispiel an die Ganztagsschulnetzwerke. Da erreiche ich Zielgruppen, an die wir hier im LISUM gar nicht herankommen. Dann spricht sich in Schulleiterkreisen und bei den Multiplikatoren weiter herum, dass es diese Materialien gibt, und die Nachfrage steigt damit höher, als wir ursprünglich mal gedacht hatten.

Online-Redaktion: Wie drückt sich diese große Nachfrage zahlenmäßig aus?

Wellner-Petsch: Wir haben 2009 die 1.000 Exemplare, die es für Berlin und Brandenburg jeweils gab, teilweise neu aufgelegt. Besonders stark nachgefragt war das von den Brandenburger Kolleginnen und Kollegen unter der Leitung von Hermann Zöllner erarbeitete Modul zur Individuellen Förderung. Zusätzlich haben wir das gemeinsam entwickelte Modul zur Rhythmisierung in einer Auflage von jeweils 500 Exemplaren neu herausgebracht.

Online-Redaktion: Was zeichnet die Module aus?

Wellner-Petsch: Sie sind eine sehr gute Orientierungshilfe, die von den Schulen auf ihre Bedarfe übertragen werden müssen und nicht eins zu eins übernommen werden können. Es kommt zum Beispiel darauf an, wie der Stundenplan der Schule aussieht oder ob eine Mensa vorhanden ist. Dann kann man bestimmte Schritte identifizieren: Wie sieht unser pädagogisches Profil aus? Was wollen wir überhaupt ermöglichen? Wie gestalten wir den Rahmen für den Ganztag? Was ist dabei konkret hilfreich?

Online-Redaktion: Welche Themen sind besonders gefragt?

Wellner-Petsch: Der Bereich der multiprofessionellen Teamentwicklung ist ein großes Thema in allen beteiligten Bundesländern. In Berlin hatten wir eine Expertise zu diesem Themenbereich anfertigen lassen, bei der es um die Kommunikation innerhalb der Schule und die Öffnung in den Sozialraum ging. Die Teamentwicklung haben wir dabei gut aufgearbeitet.

Die Kommunikation zwischen Schule und Jugendhilfe bleibt nach wie vor ein Thema mit hohem Entwicklungsbedarf. Das Gleiche gilt auch für Arbeitszeitmodelle, die besonders in den gebundenen Ganztagsschulen in Berlin diskutiert werden. Uwe Schulz vom ISA hat bereits auf unserem Internet-Portal verschiedene Arbeitszeitmodelle vorgestellt.

Online-Redaktion: Was kann eine Schule im Idealfall durch die Anwendung dieser Fortbildungsmodule erreichen?

Tagung des LISUM und der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Berlin mit den Berliner Ganztagsmultiplikatoren

Wellner-Petsch: Man erhält einen guten Überblick über die Handlungsfelder eines Ganztagsschulkonzeptes und hat die Möglichkeit, sich einzelne Schulentwicklungsprojekte genauer vorzunehmen. Den beteiligten Autorinnen und Autoren war es dabei besonders wichtig, die Änderung von Einstellungen und die Veränderung der Professionalität zu thematisieren. Dass die Lehr- und Lernkultur in einer ganztägigen Schule überdacht werden muss, schwingt in allen Modulen mit.

Online-Redaktion: Entwickeln Sie die Module fort?

Wellner-Petsch: Für eine Weiterentwicklung der Module gibt es keinen Auftrag und keine Ressourcen. Das ist bedauerlich, denn es gibt Teile, die ergänzungsbedürftig wären, weil sich für den Ganztag auch immer neue Fragen stellen. Unser Modul zur Orientierung in den Sozialraum hinein erscheint mir zum Beispiel dringend überarbeitungsbedürftig.

Online-Redaktion: Weshalb das?

Wellner-Petsch: Der Blick hat sich verändert. Im Berliner Team waren wir damals vier abgeordnete Lehrerinnen und Lehrer, die zu der Zeit noch bis auf eine Kollegin alle in der Schule tätig waren - es fehlte eine andere, außerschulische Perspektive, die sich an der Modulentwicklung beteiligen konnte. Die Erzieherinnen bzw. die Sozialpädagogin, die zeitweise in unserem Team waren, haben diesen Blick immer wieder hineingebracht. Vertreter der Jugendhilfe haben in Gesprächen den einseitigen schulischen Blick bemängelt, der nicht das Zusammenwachsen der beiden Kulturen befördere.

Um diese Anregung aufzunehmen, war die Zeit der Bearbeitung damals zu knapp bemessen: Die eigentlich geplante Überarbeitung und Erprobung der Module kamen zu kurz. Im Rahmen der Fortbildungen mit den Berliner Multiplikatoren versuche ich jetzt, diese Weiterentwicklung zu leisten. Ebenso entwickelt Hermann Zöllner, der inzwischen als freier Referent arbeitet, die Materialien weiter. Auch Jutta Vogel vom Brandenburger Team, die viel zur Rhythmisierung, zur Entwicklung von Lernkultur und zur Arbeit mit dem Logbuch nachgefragt ist, nimmt die Anstöße aus Fortbildungen und Veranstaltungen in ihre Präsentationen auf. Aber es gibt leider bisher niemanden, der sich an die kontinuierliche Überprüfung und Überarbeitung einiger Module begibt, die sehr sinnvoll wäre.

Online-Redaktion: Wie können Schulen Ihre Materialien erhalten?

Wellner-Petsch: Sie können sich die Module als pdf-Dateien auf der "Lernen für den Ganztag"-Seite oder auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg herunterladen. Im bestimmten Umfang versenden wir die Materialien auch in gedruckter Form oder auf CD. Auf der Internetseite finden sich zu allen wichtigen Themen der Ganztagsschule Expertisen und Materialien, natürlich auch aus den anderen beteiligten Ländern Nordrhein-Westfalen, Bremen und Rheinland-Pfalz. Alle sind so angelegt, dass sie auch über die genannten Bundesländer hinaus für die Fortbildung genutzt werden können.

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