"Fahrplan OGS" in Orsbeck: Unterricht und mehr

Wenn 95 Prozent der Kinder am offenen Ganztag teilnehmen, muss ein Schulteam ziemlich viel richtigmachen – wie die Martinus-Grundschule Wassenberg-Orsbeck, die zudem vom Engagement des ganzen Ortes profitiert.

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Unweit der niederländischen Grenze, in ländlicher Idylle, liegt die Stadt Wassenberg im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. In deren Ortsteil Orsbeck befindet sich die Martinus-Grundschule, eine Katholische Grundschule. Bevor die Martinus-Grundschule im Schuljahr 2005/2006 zur Offenen Ganztagsschule (OGS) wurde, hatte sie schon am Programm „13 plus“ mit Nachmittagsbetreuung teilgenommen. Doch da wurden gerade mal sieben Kinder betreut. Jetzt melden 95 Prozent der Eltern ihre Kinder für die OGS an. Was ist passiert?

Schulleiterin Elvira Tholen und OGS-Leiterin Andrea Fuchsmann schauen sich an und müssen schmunzeln. „Die Eltern kamen früher in einen Gewissenskonflikt, wenn sie ihre Kinder bei uns anmeldeten“, berichtet Andrea Fuchsmann. „Heute melden sie ihre Kinder an, weil sie wissen, dass die Ganztagsschule integraler Bestandteil des Schulprogramms ist und weil die Kinder das Gefühl haben, dass sie etwas verpassen, wenn sie nachmittags nicht dabei sind.“

Erweiterte Lernchancen des Ganztags entdecken

GTS-Info-Tafel
Unübersehbar: GTS-Info-Tafel am Eingang© Redaktion www.ganztagsschulen.org

130 Schülerinnen und Schüler lernen an der Martinus-Grundschule. Dass die Schülerzahlen steigen, führt Elvira Tholen zu einem großen Teil auf das Ganztagsangebot zurück. Was einst als „Makel“ galt, hat sich zu einem veritablen Vorteil für die zweizügige Grundschule entwickelt. Seit 2005 ist aber auch viel Aufklärungsarbeit über die Inhalte des offenen Ganztags gegenüber den Eltern geleistet worden.

Sieben Lehrerinnen und nochmal rund 20 weitere Mitarbeiterinnen bilden das „Schulteam“, wie der Glaskasten am Eingang der Schule ausweist. Dazu gehören neben den Lehrerinnen die OGS-Fachkräfte, der Hausmeister, das Küchenpersonal und die AG-Partner. Über die Jahre hat dieses Team in ständiger Qualitätsentwicklung auch immer mehr selbst die erweiterten Lernchancen des Ganztags für die Schülerinnen und Schüler entdeckt.

© Martinus-Grundschule

Das Schulteam entwickelte situationsorientierte und individuelle Förderangebote, eine qualifizierte Hausaufgabenbetreuung, verbindliche und offene Arbeitsgemeinschaften, „Experten-Workshops“ zur Vertiefung von Sachthemen, aber auch eine gut organisierte Mittagspause einschließlich eines kindgerechten Mittagessens. Nicht zuletzt gehört dazu ein Raumangebot, das den Schülerinnen und Schülern vielfältige Erfahrungsbereiche bietet.

„Experten-Workshops“ verbinden Vor- und Nachmittag

„Tue Gutes und rede darüber“ – Transparenz gehört mit zum Erfolgsgeheimnis der Schule. Ein wichtiges Kommunikationsmittel ist für Elvira Tholen der Internet-Auftritt der Schule: „Auf unserer Homepage ist alles drauf, was wir tun und vorhaben. Wir haben schon die Rückmeldung bekommen, wie toll es ist, dass die immer so aktuell ist.“ Die Transparenz erstreckt sich schon auf die Kindergärten in der Umgebung, zu denen die Schule guten Kontakt hält.

Miniaturküche mit Strom in einem Karton
Im Projekt „Strom“ ging es auch um alternativen Energien.© Martinus-Grundschule
Wenn das Schulteam eine neue Idee hat, wie beispielsweise Bewegungsangebote auf dem Schulhof anzubieten, wird ein Poster entwickelt, das ausführlich über die Funktion und die Ziele dieser Bewegungsangebote informiert. Das Poster signalisiert, wie viele Gedanken sich das Team gemacht hat. Es zeigt zum Beispiel, dass Lernen mehr als Unterricht ist und welche Möglichkeiten des Lernens Sport und Bewegung bieten. „Es ist verrückt, wie viele Lernchancen im freien Spiel stecken“, staunt selbst die Schulleiterin.

Ein besonderes Ganztagsangebot, das Vor- und Nachmittag verbindet, sind die „Experten-Workshops“, in denen sich die Schülerinnen und Schüler zwei Monate lang vertiefend mit einem Sachthema beschäftigen. Im vergangenen Schuljahr standen die Dritt- und Viertklässler „unter Strom“ und widmeten sich dem Thema Elektrizität. Aus Kopierpapier-Kartons bauten sie Zimmer nach, die sie mit Glühlämpchen bestückten. Auch alternative Energien kamen zur Sprache. Ein Schüler baute sogar mit seinem Onkel ein kleines Windrad mit Dynamo.

"Fantasieblumen mit Milch marmoriert" von den Erstklässlern.© Martinus-Grundschule

 Für die Erst- und Zweitklässler ging es ins „Reich der Fantasie“: Sie durften beispielsweise Geheimschriften erfinden, ein Bilderbuchkino gestalten, „märchenhaft verzierte Muffins“ herstellen und „Fantasieblumen mit Milch marmorieren“, Das Adventsprojekt „Bunt … und hoch hinaus“ über die Baustile Gotik und Romanik – darunter das von Gerhard Richter gestaltete Fenster im Kölner Dom – endete mit dem Bau einer „Richterfenster-Laterne“ für den Umzug an St. Martin. Andere Schüler-Projekte heißen „Mathematik mit allen Sinnen“ oder „Clothes“ – Englisch für Zweitklässler.

Guter Unterricht ist fachübergreifend

„Mir ist das fachübergreifende Lernen wichtig“, betont Schulleiterin Elvira Tholen. „Wenn ein Thema von allen Seiten beleuchtet wird, lacht mein Herz. Ich möchte, dass wir zu schuleigenen Arbeitsplänen kommen. Da gibt es dann unterschiedliche Anforderungen für schwächere und stärkere Schülerinnen und Schüler. Guter Unterricht ist für mich einer, der den Kopf anspricht, aber den Rest nicht vergisst.“

Projekt über die Baustile Gotik und Romantik
Projekt „Baustile Gotik und Romantik“ mit „Richter-Fenster“© Martinus-Grundschule

Der Vormittag ist an der Martinus-Grundschule weiter im 45-Minuten-Rhythmus organisiert. Doch weil fast alle Schülerinnen und Schüler im Ganztag sind, ist die Martinus-Grundschule de facto eine gebundene Ganztagsschule, denn die hohe Teilnahmezahl bietet überhaupt erst die Möglichkeit der Verknüpfung von Vor- und Nachmittag.

„Diese Verknüpfung ist ein Schwerpunkt bei uns“, bestätigt auch OGS-Leiterin Andrea Fuchsmann. „In der Lehrerkonferenz werden Sachkundethemen vereinbart, die wir mit unseren Angeboten aufgreifen. Wir als OGS-Team tauschen uns dazu ständig mit den Lehrerinnen aus. Ist am Vormittag Verkehrserziehung ein Thema, dann bieten wir am Nachmittag eine Fahrradwerkstatt an. Dreht sich der Unterricht um das Mittelalter, organisieren wir ein Ritterfest mit zwei Rittern.“ Letztere erschienen tatsächlich im Mai 2016 auf dem Schulhof.

Schulförderverein als OGS-Träger: „Jeder kennt einen“

Ritterfest: Frank Jansen (15. Jh.) und Knappe Andreas Evrard (12. Jh.)© Martinus-Grundschule

Träger des Ganztags in der Martinus-Grundschule ist der Schulförderverein. Diese eher „seltene Konstruktion“ ist laut Elvira Tholen ein Glücksfall für die Ganztagsgrundschule. „Die Mitglieder kommen aus dem Ort und arbeiten hier mit, weil sie die Schule als wichtigen Teil der Gemeinde sehen und sich mit viel Engagement dafür einsetzen. Ob wir wie neulich einen Fußball-Court brauchen oder ein Treibhaus – jeder kennt einen, der mithelfen und etwas beitragen kann. An einem Samstag ist das Treibhaus mit vereinten Kräften aufgebaut worden, und wir haben viel gelacht. Mit den kurzen Wegen ist das alles unkompliziert. Dieses persönliche Engagement zu erleben, ist toll.“

Mit den vielen Vollzeitstellen ist der Schulförderverein der Martinus-Grundschule übrigens einer der größten Arbeitgeber in Orsbeck. Allein in der Hausaufgabenbetreuung sind drei Mitarbeiterinnen für 28 Schülerinnen und Schüler dabei. „Im ersten Schuljahr wird dort täglich mit jedem Kind gelesen“, berichtet Andrea Fuchsmann. Finanziell unterstützt der Verein die Einrichtung von Klassenbüchereien, aber auch die Beschaffung von Software für den PC-Raum. Er kümmert sich auch um die Gestaltung des Schulgeländes, nicht nur, was Spielgeräte betrifft, sondern auch verstanden als „Natur- und Landschaftsplanung“.

„Fahrplan OGS“ für die Neuen

Elten und Kinder bei der Vorstellung eines Kunstprojekts
© Martinus-Grundschule

Und dann gibt es da noch den Ortsring Orsbeck-Luchtenberg. Unter dem Motto „Die Schule ist Teil des Ortes und umgekehrt der Ort Teil unserer schulischen Wirklichkeit“ bringt dieser sich mit allen seinen Vereinen als Kooperationspartner ein. Zu Schulfesten kommen Musiker aus dem Musikverein „St. Martini“, und die Feuerwehr schmeißt den Grill an.

Wie Gemeinde und Schule zusammenwirken, zeigen Projekte wie „Heimatkunde“, die Teilnahme des Schulgartens am „Tag der offenen Gartenpforte“ oder Seniorennachmittage bei der AWO. Jedes Jahr schmücken die Schülerinnen und Schüler den Weihnachtsbaum vor der Stadtverwaltung Wassenberg. Im vorigen Jahr kam Bürgermeister Martin Winkens zum Vorlesen in die Schule.

Vereinsbaum des Ortsrings© Ortsring Orsbeck-Luchtenberg

Bis 16 Uhr findet das Ganztagsprogramm statt. Der AG-Plan für das in dieser Woche beginnende Schuljahr sieht 34 Arbeitsgemeinschaften von „Klavier“ und „Bläserklasse“ über „Sinnesgarten aktiv“, „Angeln“ und „Naturdetektive“ bis zum „Nähstübchen“ und zur „PC-AG“ vor. Einige AGs müssen verbindlich für ein Halbjahr angewählt, andere können wochenweise besucht werden. Eine besondere Idee für die Erstklässlerinnen und Erstklässler ist die AG Fahrplan OGS“: Hier werden die Kinder im ersten halben Jahr zunächst an die Angebote herangeführt. „Sie besuchen nach und nach alle Räume, schnuppern in die AGs hinein und lernen die Abläufe kennen“, schildert die Ganztagskoordinatorin.

„Neues aus dem Ganztag“

Im offenen Ganztag arbeitet qualifiziertes Personal, zu dem Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen gehören. Einmal im Monat kommen alle zur OGS-Konferenz zusammen; wöchentlich treffen sich die Gruppenleiterinnen zur Teamsitzung, monatlich mit den Lehrerinnen. „Austausch ist die Basis von allem“, findet OGS-Leiterin Andrea Fuchsmann. „Es gibt immer viel Redebedarf.“

Foto-Tafel des Schulteams
„Wir sind ein Schulteam!“© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Um die Wertschätzung und Wichtigkeit des Ganztags herauszustellen, beginnt andererseits Schulleiterin Elvira Tholen jede Lehrerkonferenz mit dem Tagesordnungspunkt „Neues aus dem Ganztag“. Sie hat sich auch für den „Pädagogischen Tag“ eingesetzt, an dem sich einmal pro Schuljahr Lehrkräfte und OGS-Team treffen, um ein Schwerpunktthema zu erarbeiten.

Über allem, was Schule, Eltern und Gemeinde in der Martinus-Grundschule neu angehen, steht der Anspruch, dass „es schön für die Kinder sein muss, sie sollen sich hier wohlfühlen.“ Elvira Tholen hat selber „als Schulleiterin gelernt, dass man einerseits flexibel sein und andererseits ein großes Stück Gelassenheit entwickeln muss“, um dieses Ziel zu erreichen. Das ist dieser Grundschule ganz offensichtlich gelungen.

 

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