2. Sächsischer Kongress zu Ganztagsangeboten: "Kultur der Kommunikation und Partnerschaft"

Kaum ins Leben gerufen, ist der zweite landesweite sächsische Kongress zu Ganztagsangeboten bereits eine Institution geworden. Über 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Politik, Schule, Verwaltung sowie außerschulische Partner waren am 25. März 2009 der Einladung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus sowie der Serviceagentur "Ganztägig lernen" nach Dresden gefolgt. Dort tauschten sie sich über das Thema "Ganztagsangebote mit Qualität gestalten!" aus.

Manche Veranstaltungen suchen sich ihre Orte. Ein Beispiel sind die landesweiten Kongresse zu Ganztagsangeboten in Sachsen, deren Örtlichkeit gewissermaßen schon Programm ist. Während ein Blick vom Eingangsfoyer des Internationalen Congress Centers aus die historische Kulisse Dresdens wie ein klassisches Gemälde erschienen ließ, imponierte die aufsteigende Schräge der Terrasse, die eine Linie in die Zukunft zu bilden schien.

Der 2. landesweite Kongress zum Thema Ganztagsangebote zeugte von den Strömungen und Entwicklungen innerhalb der sich rasch wandelnden sächsischen Schullandschaft. Die Bläserklasse der Mittelschule Oelsnitz untermalte zum Auftakt des Kongresses diese Botschaft. Die Schule, die vor vier Jahren eine Bläserklasse einrichtete und es heute auf fünf Orchesterklassen bringt, ist eine der ersten Schulen in Sachsen, die sich dem Ganztag verschrieben hat.

Die Qualität der Schulentwicklung in Sachsen ist eng mit dem Ausbau der Ganztagsangebote verbunden. Dazu  der Kultusminister Prof. Roland Wöller: "Beim quantitativen Ausbau der Ganztagsangebote ist Sachsen in den letzten Jahren mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten. Jetzt gilt es, sich verstärkt dem qualitativen Ausbau der Ganztagsangebote zu widmen.

"Wir wollen das Bildungssystem verbessern"

Schulen mit Ganztagsangeboten ermöglichen es, auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler einzugehen und ihre Fähigkeiten und Interessen zu berücksichtigen. Schulen mit Ganztagsangeboten sind nicht nur Orte des Lernens, sondern ebenso Orte der Begegnung. "Es geht vor allem auch darum, die Lernvoraussetzungen der einzelnen Schüler, unabhängig ihrer sozialen Herkunft, zu verbessern", so Kultusminister Wöller weiter.

Kongressteilnehmer

Besonders der Austausch zwischen Wissenschaft, Ministerium, Schule sowie Kindern und Eltern vor Ort sei entscheidend, um bereits bestehende Angebote qualitativ weiter auszubauen. "Kooperationen mit außerschulischen Partnern sind wichtig, um den relativ geschlossenen Lern-Mikrokosmos zu öffnen", betonte Wöller. Die Zusammenarbeit mit Vereinen und der Wirtschaft schaffe optimale Voraussetzungen für das ganzheitliche Lernen. "Wir wollen das Bildungssystem verbessern." Die Ganztagsangebote, deren Ausbau der Kultusminister folgerichtig zum Chefthema erhob, könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

"Die Ganztagsangebote haben sich flächendeckend etabliert"

Seit 2005 habe sich die Zahl der Schulen mit Ganztagsangeboten von 170 auf 1080 im Jahr 2009 mehr als verzehnfacht: "Die Ganztagsangebote haben sich flächendeckend etabliert", so der Minister. Mehr als drei Viertel der sächsischen Schulen verfügen über Ganztagsangebote. Trotz des hervorragenden Abschneidens der sächsischen Schülerinnen und Schüler im innerdeutschen Vergleich bei PISA gab er sich nicht zufrieden.

Schließlich müsse der theoretische Anspruch an die Ganztagsangebote in die Praxis übertragen werden. Er sicherte den vollen Einsatz seines Hauses für die Verbesserung der Qualität  zu. Dafür stünden jährlich trotz angespannter Haushaltslage 30 Mio. Euro zur Verfügung. "Jetzt gilt es, sich verstärkt dem qualitativen Ausbau der Ganztagsangebote zu widmen." Guter Unterricht, eine enge Vernetzung im Umfeld der Schule und Rhythmisierung seien Merkmale einer guten Schule.

"Dresden steht für die Bildung von morgen"

Der politischen Botschaft des Ministers schloss sich eine Videoansprache von Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan an. "Dresden steht für Bildung von morgen", bekräftigte die Politikerin, denn hier wurde die Bildungsoffensive mit dem Ziel gestartet, bis zum Jahr 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung zu investieren. Mit dem Konjunkturprogramm II würde dieser Weg fortgesetzt. In den kommenden zwei Jahren stehen den Ländern und Kommunen rund 8,7 Milliarden Euro für Investitionen in die Bildungsinfrastruktur zur Verfügung. 70 Prozent davon sollen in Kindergärten, Schulen und Volkshochschulen investiert werden.: "Es ist das größte Investitionsprogramm in Bildung in der Geschichte Deutschlands."

Es knüpfe an die Erfolge des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) an, das den Aufbau von über 7.000 Ganztagsschulen bundesweit ermöglicht habe. Die schulische Qualität, der das diesjährige Augenmerk gehöre, soll durch das  Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) verbessert werden. Dementsprechend sei das Programm um fünf Jahre verlängert worden. Jede Schule müsse die Möglichkeit bekommen, ihre eigene Biographie zu schreiben.

"Wie steuert man und wie bezieht man die Serviceagentur mit ein?"

"Die Entwicklung der ganztägigen Angebote ist in Sachsen durch eine gelungene Kooperation des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung gekennzeichnet. Die Förderung von Ganztagsangeboten an Schulen ist eng mit der Beratung und Fortbildung verzahnt und mit einer externen wissenschaftlichen Begleitung bundesweit beispielgebend", erläuterte die Geschäftsführerin der DKJS, Heike Kahl.

Sachsen "ist nicht nervös geworden" als die Mittel aus dem Bundesprogramm zur Verfügung standen, meinte Heike Kahl. Vielmehr habe man das Geld insbesondere jenen Schulen zugute kommen lassen, die ein Qualitätskonzept bzw. ein entsprechendes Schulprofil vorweisen konnten. Ein Qualitätsmerkmal sei das systemische Vorgehen: "Wie steuert man den landesweiten Ausbau der Ganztagsangebote, und wie bezieht man dabei die Serviceagentur mit ein?"

Das Land Sachsen verfüge über eine aufgeschlossene und kooperationsbereite Verwaltung, die zugleich Motor der schulischen Entwicklung sei. Die Serviceagentur ziehe mit dem Ministerium an einem Strang mit dem Ziel, um einen besseren Bildungserfolg für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen und die enge Koppelung von Herkunft und Bildungserfolg zu überwinden.

"Qualitätssicherung", "Schulevaluation", "externe Evaluation"

Kongressteilnehmer

Nach der "Theorie" schlug die Stunde der Praxis. Diese fand in der Vielfalt der sächsischen Ganztagsangebote ihren beredten Ausdruck: 29 Schulen, die in dem großen lichtdurchfluteten Saal ihre Ganztagsangebote ausstellten, präsentierten die Früchte ihrer intensiven inhaltlichen Arbeit. Sie wäre ohne die Kooperation mit externen Partnern in dieser Form undenkbar, die klar gesetzlich geregelt wurde. Im § 16 des Schulgesetzes für den Freistaat Sachsen ist festgelegt, dass außerunterrichtliche Betreuungsangebote an Mittelschulen und Gymnasien von der fünften bis zur zehnten Klassenstufe möglich sind. An Schulen für Lernförderung gilt dies auch für die Klassenstufen 1 bis 4. Im Grundschulbereich wird die ganztägige Betreuung demgegenüber durch Horte gewährleistet.

Eine Säule der außerunterrichtlichen Angebote ist die Schuljugendarbeit. Ein eigenes Förderprogramm "Schuljugendarbeit als Bestandteil von Ganztagsangeboten", das an entsprechende Qualitätsanforderungen gekoppelt ist, belegt die entsprechenden Anforderungen, die das Land an gute Ganztagsangebote stellt. So bilden Begriffe wie "Qualitätssicherung", "Schulevaluation" sowie "externe Evaluation durch das Sächsische Bildungsinstitut" eine Art Gütesiegel der Entwicklung von Ganztagsangeboten in Sachsen. Während der Ausstellung guter Beispiele, in der Schulen aller Schulformen vertreten waren, wurde die Bandbreite deutlich. Sie reicht von der Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe, den Sportvereinen, Musikschulen bis hin zur Berufswelt.

Forschungsbefunde und Entwicklungsperspektiven zum sächsischen Ganztag

Was versteht die Forschung mit Blick auf die Ganztagsangebote in Sachsen unter dem Begriff "Qualität"? In einem Vortrag mit dem Titel "Forschungsbefunde und Entwicklungsperspektiven zu schulischen Ganztagsangeboten" nahm Prof. Hans Gängler, Erziehungswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden dazu Stellung. Qualität bezeichne rein begrifflich gesehen einen Zustand bzw. eine positive Beschaffenheit. Qualität bezogen auf Schule bzw. auf das Bildungssystem sei mit einer Dienstleistung zu vergleichen, die quantitative und qualitative Aspekte besitze: "Was Schulen leisten, lässt sich als Dienstleistung begreifen."

Kongressteilnehmer

Um die Qualität der Ganztagsangebote in Sachsen zu bestimmen, habe das Land allgemeine schulspezifische Qualitätskriterien im Rahmen der Förderrichtlinie entwickelt. Parallel dazu wurde eine wissenschaftliche Begleitung an 20 allgemein bildenden sächsische Schulen mit Ganztagsangeboten durchgeführt, die eine Forschergruppe um Prof Gängler betreute. Dabei wurden Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte jeweils gesondert befragt.

Die Befunde der Elternbefragung gaben Anlass zur Freude. So erhöhte sich die Elternzufriedenheit von 36 Prozent im Jahr 2007 auf 38,9 Prozent im Jahr 2008. Sogar 90 Prozent der Eltern zeigten sich mit den Ganztagsangeboten sowie den Räumen zufrieden. Allerdings gab es auch "Ambivalenzen" hinsichtlich der Essensversorgung. "Schulen, denen es gelingt, eine Kultur der Kommunikation und Partnerschaft zu etablieren, haben zufriedenere Eltern", erläuterte der Erziehungswissenschaftler. In der Grundschule und Mittelschule erwarten die Eltern, dass die Hausaufgaben im Rahmen des Ganztags erledigt werden, fuhr Gängler fort.

Qualitätsbaustellen im Ganztag

Es gebe aber auch "Qualitätsbaustellen". So zeigt die Schülerbefragung einen Rückgang der Teilnahme am Ganztagsangebot auf 29 Prozent im Jahr 2008 gegenüber 31,5 Prozent im Jahr 2007. Auch bei der Hausaufgabenbetreuung zeigten die Schülerinnen und Schüler Skepsis: "Nur bei den Grundschülern wird die Hausaufgabenbetreuung positiv eingeschätzt", meinte Gängler. Dagegen zeigten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Vielfalt der Ganztagsangebote "sehr zufrieden". "Es scheint den Schulen zu gelingen, die Schülerinnen und Schüler bei den Ganztagsangeboten zu beteiligen."

Die Befunde der Schulleiterbefragung ergaben, dass 80 Prozent der Schulen mit Übungsleitern im Sport kooperieren, gefolgt von den künstlerischen Berufen. Dagegen kooperieren die Grundschulen am häufigsten mit den Erzieherinnen und Erziehern. Zufriedenheit gab es bei der Schülerbeförderung: "Es ist gelungen, den Fahrplan an den Ganztag anzupassen. In den Schulen mit Ganztagsangeboten habe sich ferner das Zeitfenster zugunsten der Pausen verbessert. Bei der Sicherung der Qualität befinde sich das Land allerdings erst am "Anfang". Wichtige Einflüsse seien der Ausbau der Qualitätsteams sowie des Unterstützungssystems.

Wie gelangt man zu einer guten Schule?

Dazu sprach Prof. em. Hans-Günter Rolff in seinem Vortrag "Gelingens- und Misslingensbedingungen von Schulentwicklung". Fünf Faktoren seien dafür entscheidend. Erstens eine starke pädagogische Führung. Professionelle Führung bedeute einen beständigen und zielgerichteten Ansatz. Zweitens die Betonung die Aneignung der Basisfähigkeiten wie Lesen, Rechnen, Schreiben. Drittens eine ordentliche und sichere Lernumgebung, in der die Schülerinnen und Schüler vor Überraschungen gefeit sind.

Es komme darauf an, die Schule zu einem lernenden Organismus zu entwickeln. Eine attraktive Lernumgebung habe viel mit dem Ganztag zu tun. Viertens relativ hohe Erwartungen an die Schülerleistungen. Dies setze allerdings gute diagnostische Fähigkeiten voraus, die in Deutschland zu wenig vorhanden seien. Fünftens, regelmäßige Evaluation von Schülerleistungen.

"Energie und Leidenschaft" sind die Dauerbrenner

Ferner machte Rolff auf drei "Treiber" von Qualität aufmerksam: Zielorientiertes Handeln, Teamentwicklung sowie reziprokes Feedback. Wie erkläre es sich aber, dass viele Schulen, die über gleiche Strukturen verfügen, sich dennoch sehr unterscheiden? "Die Menschen und der Teamgeist machen den Unterschied", erklärte der Erziehungswissenschaftler. Es gäbe so genannte "intangible" Faktoren wie Leidenschaft, gemeinsame Werte, Spirit oder eine Vertrauenskultur, die den entscheidenden Unterschied markiere.

Die Leidenschaft sei das Thema der klassischen Pädagogik: Es geht um das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem heranwachsenden." Dies sei ein sehr persönliches Verhältnis. "Wir müssen mutig sein und experimentieren - und brauchen dafür viel Unterstützung." brachte Rolff unter viel Applaus die Komplexität der Schulentwicklung auf einen Nenner.

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