7. Herbstakademie zur Bildungsförderung in Münster: Die Freude am Lernen

Lernzeiten und individuelle Förderung standen im Mittelpunkt der „7. Herbstakademie zur Bildungsförderung in der Ganztagsschule“ vom 25. bis 27. Oktober in Münster.

Rund 100 Lehrkräfte der Primar- und Sekundarstufe I sowie Vertreterinnen und Vertreter der Jugendhilfe waren der Einladung der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Nordrhein-Westfalen gefolgt und nahmen an der Tagung teil. Neben den fachlichen Impulsen schätzten sie den breiten Raum für den intensiven Austausch untereinander. „Für mich war es bereichernd, andere Konzepte von individueller Förderung kennen zu lernen. Dadurch habe ich auch Anregungen für unsere eigenen Pläne erhalten“, so eine Schulleiterin. Ein Kollege am Nebentisch sah das ähnlich: „Es ist zwar immer schön, wenn man Bestätigung für das eigene Konzept erhält. Genauso wertvoll aber ist die Herbstakademie für mich, weil ich andere Meinungen höre und meine eigene Arbeit dadurch noch einmal auf den Prüfstand stellen kann.“

Austausch zwischen den Professionen

Zukunftsforscherin Jeanette Huber: „Das Leben wird spannender, aber auch anstrengender.“ © Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Nordrhein-Westfalen

Um den Erfahrungsaustausch zu verstärken, boten die Veranstalter erstmals neben den zahlreichen Workshops in kleiner Runde auch eine Plenumswerkstatt an. So konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezielt Themen ansprechen, die in anderen als dem selbst gewählten Workshops behandelt wurden. Die stellvertretende Leiterin der Serviceagentur, Birgit Schröder, und Projektleiter Herbert Boßhammer begründeten das neue Angebot: „Wir möchten die Möglichkeit bieten, über die eigene Werkstatt hinauszublicken.“ Das Konzept kam an, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Herbstakademie bestätigten.

Unter ihnen befanden sich nach Einschätzung von Birgit Schröder und Herbert Boßhammer viele „alte Hasen“, aber auch zahlreiche „neue Gesichter“, die erstmals eine Herbstakademie besuchten. Sie nutzten auch die Gelegenheit, den Austausch zwischen den Professionen zu intensivieren. Birgit Schröder: „Die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Fachkräften der Jugendhilfe führt zu einem veränderten Arbeiten an der Ganztagsschule. Erforderlich dafür ist aber die Entwicklung gemeinsamer Ziele und eines gemeinsamen Bildungsverständnisses.“ Viele der Anwesenden  stimmten ihrer Einschätzung, dass auch die Eltern sowie Schülerinnen und Schüler in diesen Prozess eingebunden werden sollten, zu.

Von Hausaufgaben zu Lernzeiten

Stärker eingebunden, als es ihnen lieb ist, werden viele Eltern bei den Hausaufgaben. Weitgehend herrschte im Plenum Einigkeit, dass Hausaufgaben als Lernzeiten in den Schulalltag gehören sollten. An der Südschule Lemgo, die in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert war, sind Lernzeiten fester Bestandteil des Stundenplans. Das machte der Leiter der Offenen Ganztags-Grundschule Torsten Buncher gemeinsam mit der Ganztagskoordinatorin Ulrike Stiewe im von ihnen geleiteten Workshop und in vielen Gesprächen während der dreitägigen Veranstaltung deutlich. Lehrkräfte und Erzieherinnen arbeiten an der Südschule als Teams vor- und nachmittags gemeinsam. Die Türen der Ganztagsschule sind ab 7 Uhr geöffnet. Anderthalb Stunden lang stehen „offene und selbstbestimmte Aktivitäten“ auf dem Stundenplan, ehe um 8.30 Uhr der Unterricht beginnt. Schulleiter Torsten Buncher ist überzeugt, dass der Wechsel zwischen freien Aktivitäten, in denen Kinder nicht „kontrolliert“ werden, Unterricht, Muße- und Bewegungszeiten eine kindgerechte Schule auszeichnet.

© Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Nordrhein-Westfalen

„Es geht um die Umgestaltung des Schulalltags, um Autonomie- und Kompetenzerfahrung“, sagte er im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org. Das bedeute, dass Kinder „autonome Entscheider“ seien oder werden. Das gelinge schließlich bereits in den Kindertagesstätten. „Dort verfolgen die Kinder eigene Projekte, bestimmen das Tempo, in dem sie etwas tun und mit wem sie spielen selbst. Das sollte sich in der Grundschule fortsetzen“, verlangte Buncher. An der Südschule geschieht dies. In den im Stundenplan integrierten Lernzeiten absolvieren die Schülerinnen und Schüler ihr Wochen- und Monatspensum. Für alle einheitlich festgelegte Termine für Tests und Klassenarbeiten gibt es nicht. Wer sich fit fühlt, meldet sich zum Test an. Das aber hat nach Ansicht Bunchers logische Konsequenzen für die Hausaufgaben: „Wenn wir akzeptieren, dass die Kinder nicht alle am gleichen Tag das gleiche machen und auf dem gleichen Stand sind, kann es auch nicht einheitliche Aufgaben geben.“

Auf der Suche nach Verbündeten

Ähnlich sieht es die Leiterin der Karlsschule in Hamm, Gabriela Kreter. Die Hauptschule ist gekennzeichnet von einer äußerst heterogenen Schülerschaft, deren Familien aus bis zu 25 Nationen kommen. Auch hier sind Lernzeiten in den Schulalltag integriert. „Da man aber nicht verhindern kann, dass Kinder ständig lernen, müssen wir immer wieder neu überlegen, wie wir die Ressourcen der Eltern nutzen können“, betonte sie. Schule und Eltern seien für den Schulerfolg Partner, sie müssen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Gabriela Kreter nutzte ihren Workshop ebenso wie die Kollegen der Südschule in erster Linie dazu, mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über Veränderungen der eigenen Schule, etwa bei der Abkehr von Hausaufgaben hin zu Lernzeiten, zu diskutieren. „Wie finde ich Verbündete, wie nehme ich die Menschen mit?“ Diese Fragen standen immer wieder im Mittelpunkt. Eine Antwort lautete: „Kommunizieren, alle Informationen zur Verfügung stellen, Partnerschulen besuchen und von anderen lernen.“ Torsten Buncher: „Wenn es gelingt, die Vision zu entwickeln, die eigene Schule werde ein toller Ort, wird sich die Freude, den Veränderungsprozess zu gestalten, einstellen.“

Zukunftsforscherin Huber: „Haltungen sind wichtig“

Die Begriffe „Freude“ und „Spaß“ spielten auch eine wesentliche Rolle im lebendigen Beitrag „Schule morgen“ der Zukunftsforscherin Jeanette Huber. Sie führte dem Plenum anschaulich die Veränderung der Gesellschaft und die Schnelligkeit des Wandels vor Augen. „Traditionelles wird aufgeben. Das Leben wird spannender, aber auch anstrengender“, betonte sie. Das wirke sich auch auf die Schule aus. „Ihre Schüler werden möglicherweise in Berufen arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. Das heißt, es reicht nicht aus, ihnen Fachwissen zu vermitteln. Die jungen Menschen brauchen Haltungen, Neugier auf Neues, Lust an Veränderung und eine breite Allgemeinbildung.“ Entsprechend müsse Schule bereit sich, sich ständig zu wandeln und sich noch stärker zu öffnen. Mit einer Spur Selbstironie gestand sie: „Mein Lebensgefährte ist Lehrer. Da habe ich auf einmal gemerkt, er kennt ja nur Lehrer.“ Den Schulen riet sie, Mut zu haben, Neues auszuprobieren, „und sich auch zu trauen, einmal Wege zu gehen, die nicht erlaubt sind.“

Jeanette Huber: „Ihre Schüler werden möglicherweise in Berufen arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt." © Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Nordrhein-Westfalen

Eine neue Schulkultur mit Kommunikation innerhalb und außerhalb der eigenen vier Schulwände sei wünschenswert. Die Zeiten, in denen geglaubt werde, durch Druck Lernerfolge erzielen zu können, seien vorbei. „Druck erzeugt keine Motivation. Wichtig sind Spaß und Freude am Lernen. Beides entsteht, wenn wir die Kinder selbst handeln und entscheiden lassen“, meinte sie. Zustimmung kam aus dem Plenum: „Ja, wir müssen Schule radikal umdenken und auch die starren Fächergrenzen aufheben“, forderte ein Zuhörer.
Daran anknüpfend erinnerte Jeanette Huber an den ökologischen Umbau der Welt als ein zentrales Thema der heutigen Gesellschaft: „Dafür benötigen wir andere Denkmodelle, andere Konsumprinzipien und damit andere Haltungen.“ Eine Aufgabe, der sich jede Schule stellen und die sie als Chance betrachten solle: „Da haben sie eine besondere Trumpfkarte in der Hand.“ Die Sinnfrage solle verstärkt ein Merkmal von Unterricht und Schule darstellen.

Schule und ihr Umgang mit der „Lebensgesundheit“

Auf weitere Wandlungspotenziale von Schule angesprochen, plädierte Huber dafür, Dinge jenseits des Lernstoffs stärker ins Blickfeld zu rücken, die „für die Lebensgesundheit wichtig sind“. Ausreichend Bewegung und gesunde Ernährung seien zwei solcher Aspekte. Sie seien übrigens nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Lehrkräfte von besonderer Bedeutung. Untersuchungen belegten, dass ein Drittel der Menschen unter Stress litten. Huber: „Darunter auch viele Lehrer“. Dieser Stress müsse systematisch abgebaut werden, beziehungsweise dürfe sich erst gar nicht entwickeln. „Nutzen Sie die Ganztagsschule für den Wechsel von An- und Entspannung, von geistigem und kreativem Handeln. Daraus resultieren produktive, kreative und zufriedene Schüler wie Lehrer“, lautete ihr Appell. Und schaute in zahlreiche zustimmende Gesichter.

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