Der Erzieher: Heiko Ringe

Es gibt nur wenige Männer im Beruf des Erziehers. Heiko Ringe ist einer von ihnen. www.ganztagsschulen.org stellt den Erzieher der Johann-Hinrich-Fehrs-Schule in Neumünster vor.

Die Biografie des Mannes, der vor mir sitzt, hört sich spannend an. Glatt gelaufen ist die Jugend des heute 53-jährigen Heiko Ringe wahrlich nicht. Mit 15 Jahren „durfte“ er die Realschule vorzeitig verlassen. „Durfte“, sagt er mit Blick auf die eigene Vergangenheit mit Selbstironie. Heiko Ringe hatte sich allzu oft und all zu deutlich mit den Pädagogen angelegt. Ein Start ins Erwachsenendasein ohne Schulabschluss? Nein, sagte sich der junge Mann, der, wie er selbst sagt, aus „sehr einfachen Verhältnissen“ kommt. Er nutzte die Chance, den Hauptschulabschluss extern nachzuholen. Es folgten eine Ausbildung als Fleischer und Wurstmacher, die Gesellenprüfung und schließlich die Verpflichtung bei der Bundeswehr für zwölf Jahre, wo er die Fachhochschulreife Wirtschaft ablegte. „Danach musste ich neu überlegen, wie es weitergehen sollte“, erinnert er sich Die Entscheidung fiel, nachdem ihn 1991 der Leiter einer diakonischen Einrichtung gefragt hatte, ob er nicht ein Pflegekind übernehmen wolle. „Mit Kindern arbeiten – das ist es“, war sich der Vater zweier Söhne schnell sicher. Heiko Ringe absolvierte die Ausbildung zum Erzieher.

Lehrerin Mareike Ströh und Erzieher Heiko Ringe erläutern bei der Herbstakademie im Bildungszentrum Tannenfelde das Konzept der Lernwerkstatt. © Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Schleswig-Holstein

Johann-Hinrich-Fehrs-Schule: Miteinander der Professionen

Zwei Jahrzehnte später arbeitet er in der Johann-Hinrich-Fehrs-Schule Neumünster Seite an Seite mit zwei Erzieherinnen „sehr eng mit dem Kollegium dieser Offenen Ganztagsgrundschule zusammen.“ Längst sind sie die ersten wichtigen Schritte auf dem Weg gemeinsam gegangen, den Schulalltag zu rhythmisieren. Der Unterricht für die 360 Schülerinnen und Schüler, von denen ein Drittel in der OGS angemeldet ist, findet an den Vormittagen statt. Heiko Ringe bezeichnet sich als „Zweitbesetzung im Unterricht, die den sozialpädagogischen Part übernimmt“. Gleichzeitig hat die Schule ihn gebeten, die schuleigene Lernwerkstatt aufzubauen. Der dafür zur Verfügung stehende große Klassenraum wird morgens für binnendifferenzierten und projektorientierten Unterricht in den Fächern Mathematik und Deutsch genutzt. Nachmittags steht er den Kindern zum Forschen, Handwerken und Experimentieren zur Verfügung. In dieser Zeit kümmern sich Heiko Ringe und zwei weitere Erzieherinnen um die Kinder. An vier Nachmittagen pro Woche werden sie von mindestens zwei Lehrkräften unterstützt.

Vertrauen, Regeln und Normen

Das Miteinander gelingt gut. Und dass ein Mann die Frauenrunde ergänzt, empfindet Lehrerin Mareike Ströh irgendwie als „ganz selbstverständlich. Für die Kinder ist es toll, wenn auch eine männliche Bezugsperson dabei ist“. Als sie das sagt, muss Heiko Ringe schmunzeln: „Aber Frauen und Männer gehen mit den Kindern anders um.“ Mareike Ströh meint: „Frauen sind viel vorsichtiger. Heiko traut den Kindern mehr zu.“ Er ergänzt: „Fußball ist nun einmal kein Minigolf“ und erklärt, dass er, Kinder Kinder sein lassen möchte. Sie dürften sich auch schon einmal wehtun. Wobei die Betonung auf sich liegt. Anderen wehtun, das lässt Heiko Ringe nämlich nicht zu. „Auch wenn das alles sehr locker klingt, wie ich mit Kindern umgehe – ich bestehe auf einem funktionierenden Sozialgefüge, auf Regeln, guten Umgangsformen und Normen“, betont er.

„Das Verhalten der Kinder hinterfragen“

Regeln und gute Umgangsformen? „Ja, ja“, sagt Ringe, der von Eltern, Kolleginnen und Schülern gleichermaßen geschätzt wird, „manchmal muss ich mich, wenn ich bestimmte Verhaltensweisen einfordere, selbst bremsen.“ Es seien die Momente, in denen er sich frage: „Stell dir mal vor, wie du warst, und jetzt reagierst du genauso wie deine eigenen Lehrer früher. Willst du das?“ Früher habe er sich selbst häufig ungerecht behandelt und missverstanden gefühlt. Das wolle er heute anders machen. „Ordnung, Disziplin und Respekt müssen sein, aber meine Aufgabe als Erzieher ist es auch, das Verhalten eines Kindes zu hinterfragen.“

Vielfalt als Bereicherung

Der 53-Jährige verhehlt nicht, dass die Arbeit „Kraft kostet“. Die Lautstärke, aber auch die Schicksale mancher Schülerinnen und Schüler an dieser Schule im Brennpunkt lassen ihn trotz aller professionellen Einstellung nicht kalt. Entspannung findet er bei der Arbeit im Garten, beim Fahrradfahren, Lesen und Kochen („Eintöpfe sind meine Spezialität“) oder bei Gesprächen mit seiner Lebensgefährtin, die als Altenpflegerin arbeitet. Viele seiner Freunde und Bekannte würden  ihm ganz offen sagen, dass sie „diese Arbeit nicht leisten könnten“. Wohl auch, weil das Aufeinandertreffen zahlreicher Kulturen in der Johann-Hinrich-Fehrs Schule eine besondere Herausforderung darstellt. „Die Deutschkenntnisse der Kinder sind schon sehr unterschiedlich“, berichtet der Erzieher. Manchmal gelinge die Verständigung nur mit Händen und Füßen. Heiko Ringe kann dieser Vielfalt eine Menge abgewinnen: „Mit jenen zu arbeiten, die sich öffnen,  ist äußerst bereichernd.“

Heikle Themen offen ansprechen

Das wird rund um die Schule offensichtlich nicht von vielen so gesehen. Auf Unterstützung außerschulischer Partner kann man dort kaum zählen. „Viele haben es versucht, fühlten sich aber oft überfordert und gaben auf“, schildert Ringe. Derzeit besteht das außerschulische Netz aus fünf Damen. Vier begleiten die nachmittäglichen Hausaufgabengruppen. Die fünfte ist eine ältere Dame, die regelmäßig erscheint, um mit den Kindern zu spielen. „Sie ist so etwas wie die Oma der Schule“, freut sich der Erzieher. Eines heiklen Punktes ist er sich sehr bewusst. Dass Männer an Schulen im Umgang mit kleinen Kindern besonders argwöhnisch betrachtet werden, hält er für verständlich. Entsprechend offensiv geht er damit um. „Hängt ein Kind zu sehr an meinem Rockzipfel, thematisiere ich das gegenüber den Eltern.“ Die zahlen diese Offenheit mit Vertrauen zurück. Und nicht wenige teilen Heiko Ringes Wunsch: „Es müssten mehr Männer im Elementarbereich aktiv sein. Denn sie fehlen den Kindern in dieser wichtigen Lebensphase als Bezugspersonen.“

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