Ganztag in Baden-Württemberg: Qualität in Stadt und Land

Das Land Baden-Württemberg entwickelt im dialogischen Prozess neue Konzepte für die Qualität von Ganztagsschulen. Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann, amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz, spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen.

Ministerin Dr. Susanne Eisenmann© Kultusministerium Baden-Württemberg

Online-Redaktion: Frau Dr. Eisenmann, das Land Baden-Württemberg hat im letzten Jahr neue Initiativen beim Ausbau von Ganztagsschulen begonnen: einen dialogischen Prozess, an dem alle Ebenen beteiligt sind. Warum ist Ihnen dieser Beteiligungsprozess zur Weiterentwicklung der Ganztagsschule wichtig?

Susanne Eisenmann: Ich bin davon überzeugt, dass wir nur auf diese Art und Weise eine Ganztagsschule anbieten können, die zu den Bedürfnissen der Menschen in unserem Land passt. Auf den beiden Ganztagsgipfeln im November 2016 und Mai 2017 haben wir alle wichtigen Partner an einen Tisch geholt, um mit ihnen über die Zukunft der Ganztagsschule zu diskutieren. Rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich in Facharbeitsgruppen intensiv mit den relevanten Fragen auseinandergesetzt.

Übergabe der Fachgruppenergebnisse auf der Bühne
Zweiter Ganztagsgipfel 2017© Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Jenseits des Kontakts zu Schulleitungen, Lehrern, Eltern und Schülern kommt es darauf an, die enge Partnerschaft von Land und Kommunen weiter auszubauen. Dabei hat sich die bisherige Aufgabenteilung bewährt: Die organisatorische und inhaltliche Verantwortung für die Betreuungsangebote außerhalb des Ganztagsschulbetriebs bleiben in kommunaler Hand. Ergänzend streben wir an, dass sich das Land innerhalb der schulischen Kernzeiten wieder verstärkt bei der Betreuungsförderung engagiert. Auch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern ist ein wichtiger Bestandteil des Ganztagsschulkonzepts. Sie bereichern den Schulalltag mit vielfältigen Aktivitäten, die für die persönliche Entwicklung der Kinder bedeutsam sind.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse finden Sie besonders bemerkenswert?

Erster Ganztagsgipfel 2016 © Florian Gleibs / Kultusministerium

Eisenmann: Beim zweiten Ganztagsgipfel haben wir drei verschiedene Modelle ausgearbeitet: Eines rhythmisiert, mit einem ganztägigen, verbindlichen Angebot, ein weiteres Modell mit flexiblem Betreuungsangebot sowie Unterricht nach Stundentafel ohne erweitertes Angebot. Damit wollen wir den Familien auch zusätzliche Möglichkeiten geben, sich nach ihren Wünschen zu organisieren.

Online-Redaktion: Viele Eltern – nicht nur in Baden-Württemberg – möchten Flexibilität bei der Entscheidung für Ganztagsangebote. Für Schulen wiederum sind Planbarkeit und Verlässlichkeit wichtig, um die Qualität der Angebote zu sichern. Wie gehen Sie mit dieser "Quadratur des Kreises" um?

Schüler beim selbstorganisiertem Arbeiten im Klassenraum
Lernzeit in der Weststadtschule Ravensburg© Weststadtschule Ravensburg

Eisenmann: Mit den drei eben skizzierten Modellen wollen wir die bisherige Angebotsvielfalt vereinheitlichen und damit zu Stabilität und Planbarkeit beitragen. Unser Ziel ist es, die verschiedenen Angebotsformen zu harmonisieren und dadurch auf beiden Seiten Verlässlichkeit zu schaffen. Eltern sollen die Wahl haben, ihr Kind verbindlich an einer Ganztagsschule anzumelden oder auf flexible Betreuungsangebote auszuweichen.

Allerdings sollten sich die Eltern nach Möglichkeit für die Dauer von zwei Schuljahren für ein Angebot entscheiden. Das kommt nicht nur dem pädagogischen Konzept der Schule zugute, sondern erleichtert es den Schulen, den Schulträgern und außerschulischen Partnern zu planen. Außerdem wollen wir die Schulen stärker in ihren organisatorischen Aufgaben unterstützen, indem wir eine "Kooperationsstelle Ganztagsschule" einrichten.

Online-Redaktion: Sie kennen das Thema Ganztagsschule aus Ihrer Zeit als Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport der Landeshauptstadt Stuttgart. Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land – sei es bei der Nachfrage nach Ganztagsangeboten, sei es bei der Umsetzung?

Mensa der Weststadtschule Ravensburg© Weststadtschule Ravensburg

Eisenmann: Es gibt durchaus Unterschiede zwischen den städtischen Zentren und dem ländlichen Raum: Die Nachfrage nach Ganztagsangeboten ist in der Stadt tendenziell höher als auf dem Land. Auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse müssen wir reagieren, die Leitlinie bleibt aber gleich: Die Qualität des Angebots steht überall an erster Stelle.

Unser Ziel ist außerdem, die Eltern darin zu unterstützen, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen. Eltern müssen sich grundsätzlich darauf verlassen können, dass ihre Kinder hier wie dort verlässliche, gute Angebote erhalten.

Online-Redaktion: Auf dem Ganztagsgipfel wurde kleinen Schulen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wie können diese durch Land und Schulträger in der Ganztagsschulentwicklung unterstützt werden?

Schülerinnen führen beim Sommerfest einen Tanz auf
Tullaschule Karlsruhe© Tullaschule

Eisenmann: Den vielen kleinen Grundschulen wollen wir es ermöglichen, auch kleinere Ganztagsgruppen zu bilden. Damit wollen wir den Ausbau des Ganztags im ländlichen Raum unterstützen. So können auch kleinere Schulen von der Möglichkeit des Ganztags profitieren. Zudem erhält eine Schule einen zweijährigen Bestandsschutz, sollte die Mindestschülerzahl für die Dauer eines Jahres unterschritten werden. Außerdem werden wir an einzügigen Grundschulen aus organisatorischen Gründen Ausnahmen zulassen, was die Kombinationsmöglichkeiten der verschiedenen Modelle angeht.

Online-Redaktion: Was bleibt aus Ihrer Sicht vordringlich? Wie sehen Sie die Zukunft der Ganztagsschule in Baden-Württemberg?

Adolf-Kußmaul-Schule Graben-Neudorf© Adolf-Kußmaul-Schule

Eisenmann: Die Ganztagsschule ist eine zentrale Säule unseres Bildungssystems. Wir wollen jedem Kind ermöglichen, eine Ganztagsschule in erreichbarer Entfernung zu besuchen. Schulgesetzlich verankert haben wir in Baden-Württemberg bislang das Angebot im Primarbereich. Mit Blick auf den Übergang in die weiterführende Schule streben wir gute Anschlussmöglichkeiten an.

Bei den Angeboten an weiterführenden Schulen müssen wir noch andere Kriterien berücksichtigen als an den Grundschulen, denn die Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen haben natürlich andere Bedürfnisse als Grundschüler. Sie brauchen ein altersgemäßes Angebot. Wir werden deshalb auch weiterhin daran arbeiten, unseren Qualitätsanspruch mit der größtmöglichen Flexibilität zu verbinden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

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