Offen für den Wandel

Jedes Kind als Individuum zu betrachten, es gezielt zu fördern und zu fordern, ist in der Lobdeburgschule in Jena mehr als ein Ziel: Es ist tägliches Programm.

Pausenhof
© Michael Miltzow, Weimar

Es ist Dienstagmorgen, die Sonne strahlt auf die Lobdeburgschule in der thüringischen Stadt. Dem Wetter angemessen schaut man in fröhliche Gesichter. Lachen ist zu hören, von Hektik keine Spur. Doch mit dem Wetter hat die positive Stimmung nicht in erster Linie etwas zu tun. „Uns geht es hier richtig gut“, erzählt eine junge Schülerin begeistert. Schon der erste Eindruck spiegelt die Offenheit der Menschen, die sich hier zum Lernen und Leben täglich versammeln, wider. Eine Offenheit, die auch an den Klassenzimmern in dem modernen Gebäude nicht halt macht. Viele Türen stehen offen, alle haben ein Fenster, durch das man auch während der Unterrichtsstunde einen Eindruck vom Schulalltag gewinnen kann.

Lobdeburgschule in Jena wandelt sich stetig

Schulleiterin Barbara Wrede hat sich Zeit genommen ihre Schule zu beschreiben. Doch bevor das Gespräch beginnen kann, schnappt sich die engagierte Pädagogin einen „etwas sehr lauten“ Jungen, erklärt ihm freundlich die Verhaltensregeln in der Schule. Lachend kommt sie zurück: „Das ist ein ganz Netter, hat wohl nur gerade einen Pubertätsschub gemacht.“ Auch das kennzeichnet diese Gemeinschaftsschule, die von 700 Schülerinnen und Schülern der Klassen eins bis 13 besucht werden: Disziplin, Regeln und Leistung gehören ebenso selbstverständlich wie die Offenheit zum Konzept, dem nicht nur die Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und Sozialpädagogen, sondern auch die Eltern und Schüler ausdrücklich zustimmen. Wer sein Kind hier anmeldet, weiß, was er bekommt. Und doch muss er damit rechnen, dass sich diese Schule mit offenem Ganztagsangebot mit schöner Regelmäßigkeit wandelt. Denn, wie sagt Barbara Wrede an diesem Morgen gleich mehrfach: „Wir sind nicht perfekt, wir entwickeln uns stetig weiter“ oder „Wir stoßen permanent auf Dinge, die noch verbessert werden können und müssen.“

© Lobdeburgschule Jena

Vierte Klasse zählt zum „weiterführenden Zweig“

Eine Veränderung wurde gerade im vergangenen Schuljahr beraten und beschlossen. Die Klassenstufen eins bis drei sind altersgemischt. Ab Klasse fünf gibt es Jahrgangsstufen, die durchgängig bis zum Schulabschluss von einem festen Lehrerteam unterrichtet werden. Die  vierte Klasse, die formal noch zur Grundschule zählt, „hing etwas in der Luft“, wie Barbara Wrede es formuliert. Es wurde beschlossen, sie dem „weiterführenden Zweig“ der Gemeinschaftsschule zuzuordnen. Dies sei nicht völlig reibungslos verlaufen. Die Schulleiterin verweist auf die Ausbildung, die einerseits Grundschulpädagogen oder eben solche für das Lehramt Regelschule/Gymnasium hervorbringt. Wer sollte fortan die Klassenstufe vier unterrichten? Das Ergebnis der Debatte: Lehrerinnen und Lehrer aus beiden Bereichen werden nach Möglichkeit den Übergang von Klasse vier zu fünf gemeinsam gestalten. „Die schulrechtlichen Probleme müssen an anderer Stelle für alle Gemeinschaftsschulen geklärt werden“, bemerkt die Schulleiterin.

Das System der Lehrerteams, die die Schülerinnen und Schüler gemeinsam bis zum Schulabschluss begleiten, brachte der Schule bereits in der Vergangenheit viele Pluspunkte ein. Der Sonderpreis als innovative Schule der Bertelsmann-Stiftung 1996, der Deutsche Arbeitgeberpreis für Werteerziehung (2002) oder auch die Nominierung zum Deutschen Schulpreis 2006 stehen symbolhaft für zahlreiche Auszeichnungen. Die geäußerte Befürchtung, auf diese Weise könne ein Kind zu lange in Obhut einer Lehrkraft sein, mit der es nicht klar kommt, erwies sich als unbegründet. „Aber es ist wichtig, das zu beobachten und gegebenenfalls einzugreifen“, sagt Barbara Wrede. „Bislang war das aber nur einmal erforderlich.“ Die Vorteile des Konzepts überwiegen und überzeugen auch die Eltern. Alle Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich für „ihre“ Jahrgangsstufe verantwortlich. Sie erleben die Entwicklung jedes einzelnen Kindes über Jahre mit. Es gibt nicht den einen Klassenlehrer. Projekte lassen sich leichter organisieren und Verantwortung nicht abschieben. Wrede: „Keiner kann es sich leicht machen und etwa darauf verweisen, na ja, Mathe hatten die ja bei…“

Foto des Schulgebäudes

„ELZ“ – die Eigene Lernzeit steht frühmorgens auf dem Stundenplan

Jeweils dienstags, mittwochs und donnerstags taucht in den ersten beiden Stunden der Jahrgangsstufen vier bis zehn „ELZ“ auf – die Eigene Lernzeit. Die Klassenräume einer Jahrgangsstufe stehen dann offen, in jeder sitzt ein Fachpädagoge. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, wie sie die Zeit nutzen: Sie arbeiten an ihrem Wochenplan oder Lerntagebuch, vertiefen bereits Gelerntes, fragen um Rat, wenn sie etwas im Unterricht nicht verstanden haben oder fördern die eigenen besonderen Begabungen. Eine Fülle von speziellen Angeboten, angefangen von Yoga bis hin zu Robotik steht zusätzlich und zeitgleich zur Auswahl. Frei nach der Devise: „Wir wollen bei unseren Schülern Interessen wecken und sie begeistern.“ Dafür arbeitet die Schule intensiv mit außerschulischen Partnern zusammen.  Seit August 2012 wird das Projekt „Begabtenförderung“ von der Robert Bosch Stiftung unterstützt.

Wie Interesse geweckt wird, erleben wir an verschiedenen Orten der Schule. Im Außengelände treffen wir Katja Milker. Sie ist studierte Mediendesignerin und Kunstlehrerin und unterrichtet Medienkunde. Heute in der 5. Klasse. Die Kinder bewegen sich frei im Gelände, sollen Orte suchen, wo sie beispielsweise ein Klassenzimmer mit einfachen Hilfsmitteln konstruieren, anschließend digital festhalten sollen. Einige von ihnen finden den geeigneten Platz im fantasievoll und in eigener Regie gestalteten Hort, andere auf dem Schulhof oder der im „Theater“. Und sie finden es klasse. „Das ist ganz cooler Unterricht“, versichert Fabian (11) und der gleichaltrige Alex ergänzt: „Selbst Dinge zu erforschen ist total spannend.“ Spannend geht es auch in der „Neugierzeit“ der Klassen eins bis drei zu. Hier treffen sich jene Kinder, die „schon weiter sind“ und beschließen selbst, womit sie sich in den nächsten Wochen beschäftigen wollen. Soll es was Naturwissenschaftlich/Technisches oder doch etwas Kreativ-künstlerisches sein? Die Antwort geben die Kinder.

© Lobdeburgschule Jena

Frei, offen, flexibel und leistungsorientiert

Bei der der wöchentlich zwei- bis dreistündigen „Freien Arbeit“ sind die Themen – seien es etwa naturwissenschaftliche oder künstlerische – vorgegeben. Hier sind die Schülerinnen und Schüler frei zu entscheiden, wie sie arbeiten: Arbeiten sie zum Beispiel in der Gruppe oder lieber alleine? Entscheidend ist die dauerhafte und strukturierte Auseinandersetzung mit einem Thema, die mit einer Präsentation der jeweiligen Ergebnisse und Erfahrungen endet. Barbara Wrede: „Ziel ist es dabei, sich nicht an den Vorgaben anderer zu orientieren, sondern einen eigenen Weg zu finden, seine Arbeit gut zu reflektieren und daraus Schlüsse zu ziehen.“ Die Lehrkraft sieht sie dabei als jemanden, der die Freude am Lernen und Entdecken fördert. Von ihrem Kollegium und sich verlangt sie: „Diese Freude muss von uns ausgehen. Uns muss man anmerken, dass wir auch noch gerne lernen. Lehrer sein heißt nicht nur Fachkompetenz, sondern auch Begeisterung und Beziehung.“

Während sie das ausspricht, treffen wir in einem kleinen Raum Martin Bitterlich und David Beruchaschwili (18). Gemeinsam komponieren der Referendar und sein Schüler Songs für das neue Schulmusical „Linie 5“. Der Schüler weiß, was er der Schule zu verdanken hat: „Hier geht es nicht nur um Wissen. In der Schule wurde bei mir das musikalische Interesse geweckt.“ Barbara Wrede nennt das: „Alle Sinne und jedes einzelne Kind fördern.“ Dazu zählt auch der Einsatz von Förderlehrern, die sich speziell um „Leistungsschwächere“ kümmern und diese auch schon einmal aus der Gruppe hinaus und als Einzelperson unter ihre Fittiche nehmen.

Schulsozialarbeiterinnen – die Anwältinnen der Schülerinnen und Schüler

Die beiden Schulsozialarbeiterinnen sehen sich als „Anwältinnen der Schüler“. Anke Jänner ist eine von ihnen. Dass sie nicht nur gefragt sind, wenn es „brennt“, sondern konzeptionell eingebunden werden, empfindet sie als besonders wertvoll. Dazu zählen die Teilnahme an der Schulleiterdienstberatung und das gemeinsam vereinbarte Ziel „präventiv zu arbeiten.“ Das gelingt nach Einschätzung von Anke Jänner aber nur, wenn die Schule in das Netzwerk der städtischen Jugendhilfe eingebunden ist. Dass der Austausch mit dem ambulanten sozialen Dienst der Stadt funktioniert und die Schulsozialarbeit an der Lobdeburgschule ein „Standing“ hat, empfindet sie, wissend, dass es andernorts schlechter aussieht, als „Luxus“.

Luftbild des Schulgebäudes
© Michael Miltzow, Weimar

Als solchen mag Barbara Wrede weder die intensive Elternarbeit noch die Pflichtkurse für die Schülerinnen und Schüler „Fit für den Alltag“ einstufen. Mütter und Väter werden nicht nur zu den herkömmlichen Elternabenden eingeladen. An Themenabenden erfahren sie unter anderem auch, wo und wie sie ihre Kinder unterstützen können und welche Methoden sinnvoll sind. „Fit für den Alltag“ vermittelt den Klassen 7 und 8 Grundlagen in Hauswirtschaft und Handwerk (Nähen, Kochen, Holzbearbeitung etc.). In den Stufen 9 und 10 geht es um Familienplanung und Gesundheitsfragen. „Da wollen wir die Schülerinnen und Schüler ein Stück weit aufs Leben vorbereiten“, erläutert die Schulleiterin. In den 16 Kursen des Wahlpflichtbereiches können die Schülerinnen und Schüler in altersgemischten Gruppen speziellen Interessen und Fähigkeiten nachgehen (Fremdsprachen, Musical, Holzbau...)

Die nächsten Ziele sind definiert

Barbara Wrede benennt aber Verbesserungspotenziale wie zum Beispiel eine stärkere Individualisierung des Fachunterrichts und die Intensivierung des kooperativen Lernens. Noch mehr als bisher möchte sie „über den Zaun“ blicken und von Erfahrungen anderer profitieren. Gemeinsam mit dem Kollegium arbeitet sie an einem ausgefeilteren Beurteilungssystem, das mehr aussagt als Noten, gleichzeitig aber auch von den Lehrerinnen und Lehrern „angemessen leistbar“ ist. Angestrebt wird, den Schülerinnen und Schülern das Abitur sowohl nach 12 Jahren als auch nach 13 Schuljahren zu ermöglichen. Wrede und ihr Team wollen ihnen Zeit geben. Denn wie der niederländische Erziehungswissenschaftler, Autors und Coach von Schulen, Simon Ettekoven, sagt: „Wir helfen noch zu schnell und fordern sie damit zu wenig. Bevor der Lehrer hilft, soll ein Schüler dem anderen helfen.“

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