Ganztagsschulen nachhaltig gestalten

Wie bringen Schulen und außerschulische Partner gemeinsam mehr Nachhaltigkeit in den Schulalltag? Um diese und andere Fragen ging es auf der Tagung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) "Ganztagsschule nachhaltig gestalten - Chancen und Herausforderungen für die pädagogische Praxis" am 28. und 29. September in Osnabrück.

Rund 70 Interessierte aus ganz Deutschland kamen  zu der zweitägigen Veranstaltung, darunter Vertreterinnen und Vertreter von Schulen und außerschulische Anbieter pädagogischer Projekte zum Thema nachhaltige Entwicklung. In Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops suchten sie nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten für den Ganztag und tauschten sich über gelungene Kooperationsprojekte aus, die das Thema Nachhaltigkeit in die Schulpraxis umsetzen.

„Zeit für mehr Nachhaltigkeit in der Ganztagsschule?“ fragt der Zukunfts- und Bildungsforscher Professor Gerhard de Haan von der Freien Universität Berlin in seinem Vortrag. Und seine Antwort lautet: „Schön wär´s!“ Doch dann holt de Haan weiter aus, berichtet über Untersuchungen, abgeschlossene und laufende. Aufrütteln und Antreiben, die Stolpersteine finden und aus dem Weg räumen: Das ist die Mission des 61-Jährigen.

© Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

Aber es geht ihm nicht schnell genug. Seit 2004 ist de Haan Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees für die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung", kurz BNE. Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, seit die Vereinten Nationen die Jahre 2005 bis 2014 zur BNE-Weltdekade ausgerufen haben. Ziel ist es, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ihnen ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft erforderlich sind. Zu den Schlüsselthemen zählen die Energiewende, Nachhaltiger Konsum, Mobilität, Biologische Vielfalt.

Professor Gerhard de Haan: „An Ideen mangelt es nicht“

„Alle betonen die Dringlichkeit von nachhaltiger Entwicklung“, weiß de Haan. So bekenne sich die Kultusministerkonferenz (KMK) zu einer Fortsetzung des BNE-Programms über 2014 hinaus, berichtet er. Aber: „Es darf nichts kosten“, zeigt der Zukunftsforscher einen Grund für seine Unzufriedenheit auf. Doch nicht nur daran hapert es aus seiner Sicht. Ein wesentliches Problem bei BNE sei der Transfer von Innovationen. Es mangele nicht an Ideen, aber die Umsetzung gelinge noch nicht.

Verzahnung von AGs mit Unterricht muss intensiver werden

Das Praxisprojekt "Einfach ganz ANDERS - Bildung für nachhaltige Entwicklung an Ganztagsschulen"
Das Praxisprojekt "Einfach ganz ANDERS - Bildung für nachhaltige Entwicklung an Ganztagsschulen" stellt sich vor.© Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

Bildung für nachhaltige Entwicklung fände in Ganztagsschulen bislang überwiegend nachmittags in Arbeitsgemeinschaften (AG) statt, angeboten von Kooperationspartnern wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz. Zwar tauschten sich Lehrkräfte und pädagogische Betreuer des Ganztagsangebotes untereinander aus, aber eine Verzahnung mit dem Unterricht gebe es kaum. Zur multiprofessionelle Kooperation an Ganztagsschulen berichtet auf der DBU-Tagung auch de Haans Vorredner, der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Professor Oliver Böhm-Kasper. Er beruft sich dabei auf die Ergebnisse seiner vom BMBF geförderten Forschung  an der Universität Wuppertal zu den „Formen der Lehrerkooperation und Beanspruchungserleben an Ganztagsschulen“. Böhm-Kasper liefert, wie der Titel seines Referats „Ganztagsschule: Wege zur gelungenen Kooperation“ verspricht, Lösungsvorschläge. So regt er an, die inner- und außerschulische Kooperation in einer Zielvereinbarung zu verankern, Kommunikation beispielsweise über einen Jour fixe zu institutionalisieren und eine kontinuierliche Zusammenarbeit aufzubauen.

In bestehende Strukturen einfügen

Den Schluss, dass eine solche Kooperation im Bereich BNE nicht nur funktionieren könnte, sondern auch schon gelungen ist, lässt de Haans Aussage zu: „Zehn Schulen in Deutschland haben BNE systemisch integriert.“ Ein Anfang ist also gemacht. Warum es (noch) nicht mehr sind, weiß de Haan nur zu gut: „Veränderungen sind nicht beliebig möglich, sie müssen sich in bestehende Strukturen einfügen.“ In der Integrierten Gesamtschule Buxtehude arbeitet daran der neue Schulleiter Jörg Utermöhlen, bis vor kurzem noch Referent für Energie- und Klimabildung im Niedersächsischen Kultusministerium – und gibt in Osnabrück positiven Bescheid: Auch hier wird das Nachmittagsprogramm jetzt auf BNE ausgerichtet.

Schülerfirmen besonders geeignet

Die Schülergenossenschaft Kannstein präsentierte ihre nachhaltige Schülerfirma
Die SchülerGenossenschaft Kanstein präsentierte ihre nachhaltige Schülerfirma: eine Vorverkaufsstelle des Fußball-Bundesligisten Hannover 96© Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

Weitere Projekte, die in Osnabrück in den Workshops und in der Ausstellung „Markt der Möglichkeiten“ präsentiert wurden, zeugen davon, dass sich durchaus etwas bewegt und auch etabliert hat: Zum Beispiel die Nachhaltige Schülerfirma der Schülergenossenschaft Kanstein (SGK). Seit einigen Jahren schon arbeiten Mädchen und Jungen der Kooperativen Gesamtschule Salzhemmendorf mit dem Bundesligisten Hannover 96 zusammen, führen eine eigene Vorverkaufsstelle für Heimspiel-Karten, haben nachhaltig produzierte Fan-Artikel initiiert und vertreiben diese. 2009 gegründet, hat die SGK inzwischen auch eigene Schulkleidung im Angebot – an der natürlich ein Ökosiegel prangt. Ein insgesamt stimmiges Konzept, das die Veranstaltungsteilnehmer begeisterte. „Spezifische BNE-Methoden wie etwa Nachhaltige Schülerfirmen werden sowohl von schulischen als auch von außerschulischen Bildungsexperten als besonders geeigneter methodischer Zugang für BNE an Ganztagsschulen bewertet“, zog DBU-Moderator Dr. Alexander Bittner vom Referat Umweltbildung Bilanz.

Interesse an Freiwilligem Ökologischen Jahr

Anerkannt ist auch die Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz als Träger des Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) in Niedersachsen. So waren einige schulische Vertreter eigens nach Osnabrück gereist, um über einen persönlichen Kontakt die Chancen zu erhöhen, einen FÖJler an ihre Schule zu bekommen. FÖJler betreuen an Schulenbis zu drei AGs, arbeiten ehrenamtlich – sie erhalten von den Einsatzstellen wie beim Freiwilligen Sozialen Jahr lediglich ein Taschengeld – und praxisorientiert. FÖJler bauen mit den Schülerinnen und Schülern Wasserräder aus Holz,Windmesser aus Milchdosen und klären wie Sonja Kohmöller, die in Osnabrück über geleistete Arbeit berichtete, auch schon mal über Eier auf. Sie setzen die Kinder in Erstaunen darüber, dass Hühner früher 30 Eier im Jahr legten und heute 300, berichten, wie viel Platz dem Federvieh laut Gesetz zusteht und was die Stempel auf den Eiern im Supermarkt bedeuten. Mit Nachdruck und nachhaltig.

„Markt der Möglichkeiten": Die vorgestellten Praxisprojekte zeigten Möglichkeiten auf, wie der Schullalltag mit Kooperationen und Netzwerken nachhaltig gestaltet werden kann. © Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
 

Kooperationsverträge und Abstimmungstreffen

„Die Projekte laufen, aber es ist schwierig, etwas Dauerhaftes in die Schulstruktur einzubinden – aber inzwischen gelingt auch das“, erklärte Friedhelm Meier, Vorstand des Vereins Netzwerk e. V. Soziale Dienste und Ökologische Bildung in Köln. „Die Akteure sind sich dahingehend einig, dass der Erfolg von BNE im Ganztagsschulbereich maßgeblich von der Qualität der Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Akteuren abhängt. An dieser Stelle besteht erheblicher Handlungsbedarf. Die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung, Lehrkräften und außerschulischen BNE-Akteuren muss verbessert und auch stärker institutionalisiert werden“, ergänzt Bittner. Er meint damit Kooperationsverträge, regelmäßige Abstimmungstreffen, gemeinsame Elterninformationen von Lehrern und BNE-Akteuren sowie Klausurtagungen. Das Optimum einer gelingenden BNE im Ganztagsschulbereich wäre die Implementierung von BNE im Leitbild der Schule, hieß es am Ende des zweiten Veranstaltungstags. Bittner: „Dort sehen die Akteure aber auch Unterstützungsbedarf durch Ministerien und Förderinstitutionen.“

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)