Eine schlaue Idee für Berliner Ganztagsschulen

Sie studieren Physik, Mathe, Deutsch, Englisch auf Lehramt, aber auch Rechtswissenschaft, BWL oder Medizin. Als „Schlaufüchse“ unterstützen sie das Ganztagsangebot ihrer früheren Schulen. Alexander Möller gründete die Initiative.

Online-Redaktion: Schlaufüchse als Unterstützung für Schülerinnen und Schüler – eine schlaue Idee. Was brachte sie darauf?

© Schlaufuchs Berlin

Alexander Möller: Es begann, als ich vor sechs Jahren meine Eltern bei einem Elternabend meiner kleinen Schwester vertrat. Das Otto-Nagel-Gymnasium, das auch ich besucht hatte, stellte sein Ganztagskonzept vor. Die Idee, wie Hausaufgabenbetreuung angeboten werden sollte, fand ich problematisch. Schließlich war geplant, dass ein Lehrer, egal welcher Fachrichtung, den Schülerinnen und Schülern zur Seite stehen sollte. Was aber, so fragte ich mich, passiert, wenn dort ein Französischlehrer sitzt und ein Schüler eine Mathefrage hat und er die nicht beantworten kann. Ich schlug dem Direktor vor, mit ehemaligen Absolventen dieses Gymnasiums fachspezifische Hausaufgabenbetreuung anzubieten.

Online-Redaktion: Dabei ist es nicht geblieben...

Möller: Unser Konzept an diesem Gymnasium kam super an, und schnell meldete sich eine weitere Schule: das Barnim-Gymnasium. Auch dort suchten wir Ehemalige, die an der Schule als Schlaufüchse aktiv wurden. Fortan war ich dann so etwas wie ein nebenberuflicher Manager, stellte über Netzwerkkontakte schulspezifische Teams auf die Beine, die dann in den Schulen Aufgaben übernahmen, die diese alleine nicht stemmen konnten.

Schlaufuchs Berlin
Alexander Möller© Schlaufuchs Berlin
Unsere Idee war und ist von Anfang gewesen, einen Beitrag dazu zu leisten, Schule so zu gestalten, dass sie ein Ort wird, wo Kinder und Jugendliche gerne hinkommen und mit Freude lernen. Geld stand da nicht an erster Stelle. Im März 2016 habe ich mein Studium als Wirtschaftsingenieur abgeschlossen und stand dann vor der Frage, in diesem Bereich einen Job zu suchen oder aus dem Nebenjob etwas Größeres aufzuziehen. Und da ich immer von der Logik des Konzepts der Schlaufüchse überzeugt war, habe ich mich dafür entschieden. Inzwischen begleiten wir vier Gymnasien, zwei Integrierte Sekundarschulen und zwei Grundschulen.

Online-Redaktion: Wie entstand der Name Schlaufüchse?

Möller: Wir hatten ursprünglich einen Namen gewählt, der ein kommerzielles Nachhilfeinstitut dazu bewegte, uns wegen zu großer Namensähnlichkeit mit einer Klage zu drohen. Mein Kollege Timo Simmat hat dann eine Liste mit 50 Namen aufgestellt. Mir gefiel Schlaufüchse auf Anhieb am besten.

Online-Redaktion: Wie finden Sie Mitstreiter und nach welchen Kriterien suchen Sie diese aus?

© Britta Hüning

Möller: Wir sprechen Ehemalige über Ehemalige an. Damit haben wir schon eine gewisse Garantie, dass die Neuen geeignet sind. Wichtig ist mir, mögliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich kennen und einschätzen zu lernen. Dabei versuche ich herauszufinden, ob es ihnen in erster Linie ums Geldverdienen oder um die Identifikation mit unserer Idee geht. Ich glaube, ich merke in den Gesprächen auch, ob die Kandidaten gut mit Menschen und Kindern umgehen können – ein für mich ganz entscheidendes Kriterium. Und natürlich frage ich auch nach Noten und Studium.

Unsere Schlaufüchse studieren Physik und Mathe, Geschichte, Deutsch, Englisch, Französisch auf Lehramt, aber auch Rechtswissenschaft oder Betriebswirtschaftslehre, Biotechnologie und Medizin. Auch Politikwissenschaft ist dabei. Auf unserer Internetseite weisen sich übrigens alle auch mit ihren Leistungskursen aus der Schule aus, das sehen wir ebenfalls als Qualifikation.

Online-Redaktion: An Grundschulen kann das Konzept, Ehemalige als Schlaufüchse einzusetzen, aufgrund des Alters nicht greifen...

Möller: Nein. Dort setzen wir tatsächlich auch Ehemalige aus den weiterführenden Schulen ein. Und unter uns sind ja auch Studierende der Grundschulpädagogik.

Online-Redaktion: Die Schulen empfangen sie mit offenen Armen?

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Möller: Wir spüren eine große Akzeptanz, weil wir natürlich selbst hier aufgewachsen und in der Region verwurzelt sind und eine starke Kommunikation mit den Partnerschulen führen. Es gelingt uns offensichtlich, zu vermitteln, dass auch wir nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, sondern dass wir die Schule unterstützen wollen, noch besser zu werden. Dabei kommt uns entgegen, dass wir aufgrund unseres Alters so dicht an den aktuellen Schülerinnen und Schülern dran sind. Und wir machen immer wieder deutlich, dass es uns nicht einfach nur darum geht, das Ganztagsprogramm einer Schule zu füllen. Wir wollen etwas Sinnvolles für die Kinder und Jugendlichen tun.

Online-Redaktion: Welche Schwerpunkte setzen sie dabei?

Möller: Im Prinzip bieten wir alles an, wofür eine Schule Unterstützung benötigt. Das fängt bei Hausaufgabenbetreuung an, führt über Lernstudios und -werkstätten, Feriencamps, die Begleitung beim Übergang von der Schule zum Studium bis zur Klärung von Mobbingproblematiken.

Online-Redaktion: Ist Mobbing nicht eher etwas für Schulpsychologen?

Möller: Wir können und wollen Schulpsychologen nicht ersetzen. Aber wir können niedrigschwellige Dinge anbieten, insbesondere dort, wo ein Schulpsychologe nicht ständig greifbar ist. Wenn sich dann eine Schule mit einer solchen Problematik an uns wendet, entwickeln wir ein Konzept für gruppendynamische Prozesse und schlagen das der Schule vor. Zur Konzepterstellung gehört auch, dass wir mit den Betroffenen reden, hören, was los ist. Manchmal hilft das schon.

Online-Redaktion: Ist Ihr Engagement in und für Willkommensklassen eine besondere Herausforderung?

Britta Hüning
© Britta Hüning

Möller: Sicher, aber bei unserem konkreten Angebot nicht. Vor den Sommerferien 2016 bat uns der Schulleiter des Barnim-Gymnasiums, eine Idee zu entwickeln, wie man die lange schulfreie Zeit für die Kinder so vieler Nationalitäten gestalten könnte. Wir schlugen ihm ein zweiwöchiges Feriencamp vor. Hier trafen sich rund 40 Kinder von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 16 Uhr. Im Mittelpunkt der Tage stand die Sprache. Aber nicht als Unterricht, sondern wir haben viel gespielt und Alltagssituationen simuliert, zum Beispiel „Wie kaufe ich mir eine Fahrkarte“. Die Kinder hatten so viel Spaß, dass wir schon im Herbst ein zweites Camp angeboten haben.

Online-Redaktion: Kommen wir noch einmal auf den Schulalltag zu sprechen. Was bietet ihr Lernstudio?

Möller: Lernstudio heißt nicht nur Hausaufgabenbetreuung, sondern umfasst Prüfungsvorbereitung, Klärung von Verständnisfragen, Vorbereiten von Vorträgen. Es ist zugleich Anlaufstelle für alle Schulprobleme. An fast allen unseren Schulen können die Schülerinnen und Schüler dreimal pro Woche, meist ab 13.30 Uhr, freiwillig kommen. Wir stehen ihnen dann für all das Genannte zur Verfügung. Wir bauen auf diese Freiwilligkeit, weil die Schülerinnen und Schüler in der Regel selbst am besten wissen, wann sie Hilfe benötigen. Wenn sie dann aus eigener Motivation kommen, lernen sie auch effektiver. Manchmal müssen sie aber auch eine Hemmschwelle überwinden, sie fürchten, als dumm zu gelten, wenn sie das Angebot nutzen. Deshalb haben wir mit den Schulen auch die Möglichkeit eröffnet, dass zwischen Schüler, Lehrer und möglichst Eltern ein Lernvertrag zunächst für eine kurze Zeit geschlossen wird.

Online-Redaktion: Vertrag klingt nach Geld. Müssen die Schülerinnen und Schüler beziehungsweise ihre Eltern für die Nutzung Ihrer Angebote bezahlen?

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Möller: Nein. Vertragspartner ist immer die Schule. Mit ihr handeln wir alles aus, klären wir Wünsche und Aufwand ab. Die Schulen orientieren sich dann an ihren finanziellen Möglichkeiten. Dabei sind wir höchst flexibel, wir schließen gerne auch Verträge mit kurzen Laufzeiten ab. Entscheidend ist immer, was die Schulen erreichen wollen und wie die Maßnahme dafür aussehen soll.

Online-Redaktion: Sie decken in der schulischen Arbeit alle Fächer ab?

Möller: Grundsätzlich ja. Aber man kann schon feststellen, dass sich die meisten Fragen auf Mathe, die Naturwissenschaften und Sprachen konzentrieren, insbesondere an den Gymnasien. Entsprechend rekrutieren wir unser Personal und achten dabei auch darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ein möglichst breit aufgestelltes Wissen verfügen. Das gilt auch für unsere Lernwerkstatt, die wir derzeit an der Grundschule „Unter dem Regenbogen“ durchführen. Hier sollen sich die Kinder – ein Stück weit angeleitet, aber möglichst frei – naturwissenschaftliche Phänomene aneignen. Durch unsere Unterstützung können die Klassen geteilt werden und so deutlich effektiver experimentieren.

Online-Redaktion: Abgerundet wird Ihre Angebotspalette durch die Vorbereitung aufs Studium. Wie sieht sie aus?

Möller: Das Motto heißt: Leben nach dem Abitur. Wir organisieren einen Thementag mit zahlreichen Vorträgen und Workshops an der Schule. Dabei geht es um Fragen, wie man das richtige Studium findet, wie man es finanzieren kann oder was passiert, wenn man ein Studium abbricht. Ansprechpartner sind dann Studentinnen und Studenten, aber auch Firmen. Man kann sagen: Berufs- und Studienfindung auf die schlaue Art.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

 

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