"Starke Schule": Anerkennung für Berufsorientierung

Viele Ganztagsschulen sind „Starke Schulen“. Der Wettbewerb der Gemeinnützigen Hertie Stiftung fördert die Berufsorientierung und die Schulentwicklung. Projektleiterin Anne Christine Mündnich im Interview.

Der von der Gemeinnützigen Hertie Stiftung initiierte Wettbewerb „Starke Schule. Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“ startete 1999 als „Hauptschulpreis“ und wurde 2008 zu „Starke Schule“. Darin verbindet sich ein bundesweiter Wettbewerb mit einem länderübergreifenden Netzwerk und umfangreichen Fortbildungsangeboten für Schulen. Anne Christine Mündnich leitet das Projekt zusammen mit Susanne Wiegmann. Ein Team von vier Mitarbeiterinnen hilft bei der inhaltlichen Ausrichtung und Organisation des Wettbewerbs und der Netzwerkarbeit.

Online-Redaktion: Frau Mündnich, warum sollten Schulen am Wettbewerb „Starke Schule“ teilnehmen?

Anne Christine Mündnich© Hertie-Stiftung / Silke Rabung

Anne Christine Mündnich: Schulen können mit der Teilnahme reflektieren, was sie alles im Bereich der Berufsorientierung tun. Viele Schulen, die mitgemacht haben, meldeten uns zurück, dass sie den Wettbewerb als gute Bestandsaufnahme empfunden haben, was sie alles leisten. Der Hertie-Stiftung und ihren Partnern geht es darum zu zeigen, dass sehr viele Schulen unter oft schwierigen Bedingungen sehr gute Arbeit leisten. Nachdem es zunächst nur einen Bundeswettbewerb gab, kamen 2007 die Landeswettbewerbe dazu. Das sollte den Schulen auch regional eine öffentlichkeitswirksame Anerkennung ermöglichen. Weil die Bildungsministerien als Unterstützer dabei sind, verleihen die Ministerinnen und Minister die Preise. Das schafft wiederum eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Schulen.

Online-Redaktion: Was gehört zur Ausbildungsreife und zu einem guten Berufsorientierungskonzept?

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Mündnich: Bei „Starke Schule“ verstehen wir den Begriff Ausbildungsreife in seiner umfassenden Bedeutung – angelehnt an den im Rahmen des „Nationalen Pakts für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland“ erstellten Kriterienkatalog. Ausbildungsreife umfasst darin schulische Basiskenntnisse wie zum Beispiel Schreiben und Lesen und psychologische Leistungsmerkmale wie beispielsweise Sprachbeherrschung oder logisches Denken. Auch eine Rolle spielen physische Merkmale – wie altersgerechter Entwicklungsstand und gesundheitliche Voraussetzungen – , psychologische Merkmale des Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit wie Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und Kommunikationsfähigkeit sowie Berufswahlreife, die Selbsteinschätzungs- und Informationskompetenz umfasst.

Ein gutes Berufsorientierungskonzept setzt frühzeitig und altersgerecht an, mit dem Ziel, dass mehr junge Menschen selbstbestimmt am wirtschaftlichen und sozialen Leben teilhaben können. Die Zusammenarbeit mit Eltern und lokalen Partnern ist zentraler Bestandteil des Konzeptes.

Online-Redaktion: Wie läuft der Wettbewerb ab?

Mündnich: In geraden Jahren, zuletzt also 2016, veröffentlichen wir im Frühjahr die Wettbewerbsausschreibung. Die Schulen können im Internet den Bewerbungsbogen ausfüllen. Hier wird im Grunde gefragt, was die Schule mit welchem Konzept unter welchen Rahmenbedingungen erreicht. Die Jury liest und bewertet die Bewerbungen online. Im September trifft sich die Jury auf Landesebene, bespricht die Bewertungen und entscheidet, welche Schulen besucht werden.

© Hertie-Stiftung / Norbert Miguletz

Die Besuche von drei bis vier Schulen pro Bundesland finden im Oktober und November statt. Ende November trifft sich die Jury dann ein zweites Mal und legt die Siegerschulen und deren Platzierung fest. Die Landessieger werden im darauffolgenden Frühjahr im Rahmen von Festveranstaltungen bekanntgegeben und ausgezeichnet. Unmittelbar im Anschluss tritt die Bundesjury zusammen, die nun zwischen den 16 Landessiegern die Bundessieger identifiziert und dazu diese Schulen besucht. Diese Besuche laufen derzeit. Am 18. Mai wird die Wettbewerbsphase mit die Bundespreisverleihung stattfinden.

Online-Redaktion: Wer gehört zur Jury?

Mündnich: Hier sind mit  der Hertie-Stiftung, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und der Deutsche Bank Stiftung die Partner von „Starke Schule“ vertreten. Dazu kommen weitere Experten aus der Wirtschaft wie beispielsweise Ausbildungsleiter von Unternehmen, sowie Fachleute aus der Wissenschaft und der Bildung, darunter zum Beispiel ehemalige Schulleiterinnen und Schulleiter.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt das Thema Ganztagsschule im Wettbewerb?

Projektfoto Schülergruppe
© Hertie-Stiftung / Dieter Roosen

Mündnich: In den Bewerbungsbögen wird selbstverständlich die Schule danach gefragt, ob sie ein Ganztagsangebot macht und wie dieses konkret aussieht. Bei Ganztagsschulen wird deren Angebot inhaltlich bewertet. Es ist aber nicht so, dass Schulen, die keinen Ganztag anbieten, automatisch einen Nachteil haben.

2015 haben wir einen Sonderpreis „Ganztag“ verliehen. Die Schulen, die der Jury aufgefallen waren, beispielsweise mit ihrem ausgereiften Rhythmisierungskonzept, das den Eindruck vermittelte, dass der Ganztag nicht nur ein Anhängsel ist, sondern integraler Teil des gesamten Schulprogramms, kamen hier in die Auswahl. Ausgezeichnet wurde am Ende die Gustav-Woehrnitz-Mittelschule Lohr in Bayern. An der Schule ist unter anderem spannend, dass sie einen offenen und einen gebundenen Ganztag parallel führt, was die Jury beim Schulbesuch überzeugt hat.

Online-Redaktion: Neben dem Wettbewerb gehören auch Fortbildungsangebote im Netzwerk zum Programm „Starke Schule“. Was ist deren Aufgabe?

Mündnich: Es ist uns mit der Zeit deutlich geworden, dass die Schulen insbesondere vom Austausch untereinander profitieren. So wurden nach und nach unterschiedliche Fortbildungsformate entwickelt. Inzwischen gibt es viele unterschiedliche Fortbildungsangebote.

© Hertie-Stiftung / Dieter Roosen
Die Gewinnerschulen bleiben für insgesamt vier Jahre im Netzwerk. Momentan können 200 Schulen an unterschiedlichen Angeboten teilnehmen. In der aktuellen Ausschreibung haben wir auch für Schulen, die nicht ausgezeichnet werden, die Möglichkeit eingeräumt, an den Fortbildungsangeboten teilzunehmen. So wollen wir denjenigen, die auf dem Weg sind und die sich in der Entwicklung befinden, wenn es auch noch nicht für einen Preis gereicht hat, ebenso die Teilnahme an Fortbildungen ermöglichen.

Online-Redaktion: Zu den Netzwerkangeboten gehören eine Kooperationswerkstatt, die Entwicklungspartnerschaft und Netzkonferenzen. Was verbirgt sich dahinter?

Mündnich: Die Kooperationswerkstatt und die Entwicklungspartnerschaft sind neue Angebote, bei denen wir erstmals Fortbildungsreihen mit jeweils drei festen Terminen anbieten. Hier treffen sich die Kooperationspartner beziehungsweise die Entwicklungstandems, die sich jeweils aus einer „Starken Schule“ und einer Schule, die noch nicht ausgezeichnet wurde, zusammensetzen.

Die Entwicklungstandems arbeiten zu einem gemeinsam festgelegten Thema. Trainer geben Methoden und Strukturen an die Hand, und die Schulen arbeiten zwischen den Treffen zu bestimmten Themen und können dies in den nachfolgenden Treffen gemeinsam reflektieren. Wenn es hakt oder Schwierigkeiten gibt, können die Trainer unterstützen und die Schulen mit neuen Impulsen wieder nach Hause schicken.

Starke Schule
© Hertie-Stiftung / Dieter Roosen

Die Netzkonferenz ist eher ein Markt der Möglichkeiten, ein eineinhalbtägiges Fortbildungsangebot. In unterschiedliche Workshops können sich die Schulen Impulse und Ideen zu aktuellen Bildungsherausforderungen holen. Hier geht es nicht ganz so in die Tiefe wie bei den Fortbildungsreihen.

Online-Redaktion: In diesem Jahr wurde auch ein Sonderpreis „Flüchtlinge willkommen heißen“ vergeben. Was hat es damit auf sich?

Mündnich: Die Stiftung hat sich vor sechs Jahren entschieden, parallel zu den Bundespreisen einen Sonderpreis zu einem aktuellen Bildungsthema aufzugreifen. Das war 2015 der erwähnte Sonderpreis „Ganztag“, 2013 „Stark durch Vielfalt“, und in diesem Jahr geht es um die Schülerinnen und Schüler mit Fluchtgeschichte, die gerade für die Schulen in unserer Zielgruppe sehr präsent sind. Wir wollen sehen, was die Schulen hier an innovativen Wegen entwickelt haben, um solche Schülerinnen und Schüler Stück für Stück in den schulischen Alltag und in den Regelunterricht zu integrieren.

Online-Redaktion: Nun ist jede Schule verschieden, aber wenn Sie es auf einen Nenner bringen müssten: Was zeichnet eine „Starke Schule“ aus?

© Hertie-Stiftung / Dieter Roosen

Mündnich: Da gibt es zwei Punkte: Erstens geht eine solche Schule mit schwierigen Kontextbedingungen kreativ um, wenn es zum Beispiel vor Ort wenig Firmen gibt. Zweitens steht an ihrer Spitze oft eine kreative und wagemutige Schulleitung, die viele Leute mitzieht. Bei uns prämierte Schulen haben oft spezielle Typen und Persönlichkeiten als Schulleiterinnen und Schulleiter. Diese entwickeln innovative und neue Modelle, die überzeugen.

Das beste Beispiel ist hier immer noch die KGS Neustadt in Niedersachsen, die 2009 Bundessieger war. Die Gesamtschule hat ein sehr innovatives Kooperationsmodell mit der Berufsschule entwickelt, was in den Schulgesetzen so nicht vorgesehen war. Sie haben sich da vorgewagt, und schließlich wurde das Schulgesetz dann in dem Sinne geändert, dass so eine Kooperation jetzt umsetzbar ist.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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