Ganztagsschule im "Planungscafé"

Über 2.600 Besucher informierten sich auf der Messe SCHULBAU in Hamburg über Architektur- und Pädagogikkonzepte, darunter auch Lehrerinnen und Lehrer von Ganztagsschulen.

Die Podiumsdiskussionen waren gut besucht.© Claudia Pittelkow

Seit 2013 bringt die bundesweite Messe für den Schulbau in Hamburg, Köln und München alle Beteiligten zusammen – vom Architekten bis zum Fachplaner, von Behördenvertretern bis zu Schulleitungen. Die direkt an der Elbe gelegene Abfertigungshalle des Hamburg Cruise Center – ein Ort, an dem normalerweise Touristen ihre Kreuzfahrt über die Meere beginnen – diente am 22. und 23. Februar zwei Tage lang als Ausstellungshalle für rund 60 Bauelemente-Hersteller aller für den Schulbau relevanten Bereiche: Vom feuerfesten Schallschutz über pädagogisch wertvolle Spielgeräte und ergonomische Schulmöbel bis zu TÜV-geprüften Schließfächern gab es alles, was Schulen brauchen. Den intellektuellen Input zur Ausstellung lieferten hochkarätig besetzte Podiumsdiskussionen und Fachvorträge.

Neues Format: Planungscafé

Ganztags-Referent Adrian Krawczyk im Beratungsgespräch© Claudia Pittelkow

Zum ersten Mal waren in diesem Jahr auch Pädagoginnen und Pädagogen zur Messe eingeladen. „Wenn man Schulbau entwickeln möchte, kann man nicht an Lehrerinnen und Lehrern vorbeiplanen“, erklärt Adrian Krawczyk, seit sechs Jahren beratender Architekt im Ganztagsreferat der Hamburger Schulbehörde. Um die neue Besuchergruppe auf die Messe zu locken, hat der Veranstalter ein neues Format entwickelt: ein „Planungscafé“ für Schulleitungen, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und alle, die Beratung fürs Bauen im Bestand, Umbauten oder den Neubau einer Bildungseinrichtung benötigen.

„Damit mehr Besucher aus den Schulen kommen, mussten wir ihnen natürlich auch etwas bieten“, erläutert Krawczyk, der an der Entwicklung des Planungscafés beteiligt war. Das Konzept: An fünf Tischen stehen Expertinnen und Experten bereit, die in den Themenfeldern Raumkonzepte, Möblierung, Küchenausstattung, Akustik und Außenraumgestaltung auf gezielte Fragen individuell Auskunft geben. Damit das Konzept auch funktioniert, mussten sich die Besucher vorab anmelden. Eine halbe Stunde Zeit wurde pro Beratung eingeplant. Der Plan ging auf: Die 80 zur Verfügung stehenden Plätze waren sofort ausgebucht.

Lehrkräfte werden kurzzeitig zu Bauherren

Teilnehmerinnen der Schulbau-Messe Hamburg im Gespräch
Zwei Lehrerinnen holen sich Rat für ihre neue Mensa.© Claudia Pittelkow

Nicole Seeger und Sybille Kurth, Lehrerinnen am Gymnasium Ohmoor, einer offenen Ganztagsschule im Norden Hamburgs, haben sich für Tisch 3 angemeldet und stehen in der Warteschlange. Ihr Anliegen: „Wir bekommen in unserer Schule eine neue Mensa, die wir uns mit zwei benachbarten Schulen teilen werden“, berichtet Kurth. Der Rohbau sei inzwischen fertig, die Schulleitung habe sie deshalb beauftragt, sich nach geeignetem Mobiliar umzusehen. Seeger: „Da ist so eine Beratung wie diese hier natürlich eine gute Gelegenheit, schließlich sind wir nicht vom Fach.“

Einen Grundriss des Neubaus haben sie mitgebracht, dazu eine Handvoll gezielter Fragen. Als sie an die Reihe kommen, haben die Lehrerinnen gleich eine ganze Reihe hochkarätiger Experten zur Auswahl: Mitarbeiter aus der Planungsabteilung und der Standortentwicklung von Schulbehörde und Schulbau Hamburg, externe Schulbauberater und Architekten, aber auch beispielsweise die Vernetzungsstelle für Schulverpflegung oder den Verein Ökomarkt e.V.

Blick auf die Elbe aus der Ausstellungshalle im Hamburg Cruise Center© Claudia Pittelkow

An Nachbartisch beraten Fachleute aus der Schulbehörde, darunter der Hamburger Schulentwicklungs- und Standortplaner Klaus Grab, sowie Architekten von Schulbau Hamburg (SBH) zum Thema Raumkonzepte. Der städtische Landesbetrieb ist für den Bau und die Bewirtschaftung von mehr als 400 staatlichen Schulen mit über 3.000 Schulgebäuden verantwortlich. „Unsere Aufgabe ist es, den Schulen, zu helfen, das Bestmögliche zu gestalten“, erklärt Architekt Christoph von Winterfeld, Mitarbeiter von SBH.„Lehrerinnen und Lehrer müssen als Nicht-Fachleute aus ihrer Rolle als Pädagogen heraustreten und kurzzeitig Bauherr werden.“

Ganztagsschule im Kontext von Um- und Zubau

Doch genau hier liege die Schwierigkeit. Adrian Krawczyk betont: „Es geht bei diesem neuen Format nicht nur um Beratung, sondern vor allem um den Austausch. Die unterschiedlichen Akteure müssen füreinander sensibilisiert werden.“ Dass der Blickwinkel dabei nicht derselbe sei, spiele keine Rolle. „Beim Ringen um ein gutes Raumkonzept kommt Schule in Bewegung“, weiß der Ganztagsreferent aus Erfahrung. Ein Bauvorhaben ist oft ein Impuls auch für pädagogische Veränderungen. Architekt Krawczyk sagt dazu: „Pädagogik muss mit Raum gedacht werden!“

Ausstellungsstand© Claudia Pittelkow

In Hamburg mit seinem gewaltigen Schulbauprogramm gibt es dafür einige Beispiele. Etwa die Grundschule Eulenkrugstraße, eine offene Ganztagsschule, in der die Eltern frei entscheiden können, ob ihr Kind am Ganztagsprogramm der Schule teilnimmt oder nicht. Hier war ein geplanter Neubau der Auslöser für eine tiefgreifende Veränderung auch in pädagogischer Hinsicht. Die Schule ist abgerückt von den traditionellen Klassenräumen und hat stattdessen ihre Idee von einem Jahrgangshaus umgesetzt. Schulleiterin Eva Baier berichtet auf der Podiumsdiskussion „Ganztagsschule: Schulentwicklung im Kontext von Um- und Zubau“ von ihren Erfahrungen. Als klar gewesen sei, dass Neubauten kommen würden, habe man zunächst eine AG Raum gegründet, erzählt sie. „Dann haben wir die Schule komplett neu gedacht.“

Eingang der Louise-Schroeder-Grundschule Hamburg-Altona
Louise-Schroeder-Grundschule Hamburg-Altona© Britta Hüning

Herausgekommen sei die Idee vom Stufenhaus. „Jeder Jahrgang wurde räumlich zusammengelegt, klassenübergreifend“, so die Schulleiterin. Damit das funktioniert, sei Teamarbeit wichtig gewesen. Heute ist die Grundschule Eulenkrugstraße ein Best Practice-Beispiel für gelungene pädagogische Veränderungen. Adrian Krawczyk, der die Schule während der Planungs- und Bauphase unterstützt hat, sagt: „Sie war die erste Schule, die die Idee des Jahrgangshauses konsequent umgesetzt hat.“ Gleichzeitig ist die Schule ein Beleg dafür, dass der Ganztag Schulentwicklungsprozesse anstoßen kann.

„Kinder im Ganztag brauchen mehr als Tisch und Stuhl“

Die Grundschule Rothestraße im dicht besiedelten Stadtteil Ottensen befindet sich derzeit im Umbau. Die gebundene Ganztagsschule hat durch einen geplanten Erweiterungsbau den Anstoß bekommen, neue pädagogische Wege zu beschreiten. Schulleiterin Susanne Wagner beschreibt auf dem Podium die Ausgangslage: ein 150 Jahre altes Gebäude mit diversen Anbauten „ohne Herz und Struktur“, drum herum Straßen und Häuser, wenig Platz für einen Anbau.

Die Louise-Schroeder-Grundschule in Altona wurde von 2007 bis 2008 mit IZBB-Mitteln umgebaut.© Britta Hüning

Die zündende Idee: Statt für eine viel zu teure Dach-Etage sollte das Budget dazu verwendet werden, den Bestand zu optimieren und Potentiale zu aktivieren. Denn im Inneren des alten Schulgebäudes wird viel Fläche schlecht genutzt. In der ersten Bauphase sind zahlreiche Wände gefallen und Klassenräume verkleinert worden, die Flure erhielten Jahrgangszonen. Den wichtigsten Impuls für die Raumgestaltung und das pädagogische Konzept habe aber der Ganztag gegeben. Wagner: „Kinder brauchen im Ganztag eben mehr als einen Tisch und einen Stuhl.“

Die Schulbau-Messe endete mit einem neuen Besucherrekord. „An beiden Veranstaltungstagen waren insgesamt 2.642 Besucher vor Ort“, erklärt Sprecherin Sabine Natebus. „Elf Prozent der Besucher waren Schulleitungen und acht Prozent Pädagogen.“ Die Idee, erstmals auch Lehrkräfte, Pädagogen und andere Schulbeteiligte einzuladen, ist demnach aufgegangen.

 

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