Sigmund-Jähn-Grundschule: "Nach den Sternen greifen"

Den Giebel der Sigmund-Jähn-Grundschule in Fürstenwalde ziert der „Blaue Planet". Eine Schule mit vielen irdischen Problemen, die doch nach den Sternen greift.

Jeden Donnerstag ist es so weit. 18 Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 bis 6 der Sigmund-Jähn-Grundschule in Fürstenwalde (Landkreis Oder-Spree) werden für drei Stunden zu Filmemachern.

Giebel der Schule: "Zu den Sternen greifen"© Redaktion www.ganztagsschulen.org
Begleitet von einem Regisseur, filmen sie seit November ihre Schule und ihre Umgebung. Zuletzt interviewten sie Menschen in ihrem Kiez, die wie sie selbst oft ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. Denn in der Gruppe sind viele Kinder mit Fluchtgeschichte. 77 der 276 Schülerinnen und Schüler der Grundschule haben ein solches Schicksal.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“

Das Projekt „Cinema en curs“, das 2005 in Barcelona konzipiert wurde, unterstützt laut Schulleiterin Ines Tesch nicht nur die Medien-, sondern auch die Sprachbildung. Und die ist nicht nur ein Thema für die neuen Schülerinnen und Schüler. „Die Sprachstandsfeststellungen in den Kitas ergeben auch bei Kindern mit Deutsch als Muttersprache oft ein Minus. Zu Hause wird mit ihnen nicht gelesen“, berichtet die Rektorin. Daher stärkt die Schule mit allen Mitteln die Lese- und Sprachförderung. Das Sprachkonzept der Schule ist mit einem Zitat von Ludwig Wittgenstein überschrieben: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Bildungsminister Günter Baaske besucht die Schule© Sigmund-Jähn-Grundschule

„Cinema en curs“ ist ein Element, und die ersten Ergebnisse sind sehr ermutigend. „In punkto Sprachbildung ist das Projekt toll“, freut sich Ines Tesch. „Die Kinder müssen hier alles auf Deutsch erklären: welche Drehorte sie filmen wollen, welche Ideen sie haben, wie man einen Film analysiert. Dabei haben sie schon erstaunlich schnell Deutsch gelernt.“ Das Projekt wird erstmals in Deutschland durchgeführt. Neben der Sigmund-Jähn-Grundschule sind nur zwei weitere Schulen aus Berlin und Brandenburg dabei.

Dass es der Schule gelungen ist, das Projekt an Land zu ziehen, ist einerseits ein glücklicher Zufall gewesen: „Ich habe auf eine der 40 Mails, die uns am Tag erreichen, geantwortet“, so Ines Tesch. Andererseits verdankt es sich der Unterstützung von Lehrkräften wie Ines Rattey, Ria Jänicke und Dr. Falah Al-Rubaiey sowie von Partnern, darunter des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg.

Engagement im Kosmonautenviertel

Eine Rolle spielt sicherlich, dass es den Schülerinnen und Schülern viel Spaß macht. „Die Kinder sind so begeistert, dass sie durchgesetzt haben, dass der Kurs jetzt länger als drei Stunden dauert“, sagt Ines Tesch. Nachdem die Kinder sich mit dem Kamera- und Tonequipment, mit Foto- und Videokameras, aber auch mit Handys und Tablets vertraut gemacht haben, geht es der Schulleiterin zufolge im zweiten Halbjahr „ans Eingemachte“: Da wird der Cinema-Kurs einen Film drehen, der „liebevoll über unseren Kiez berichten soll“.

Eltern haben die Klassenräume renoviert
Eltern haben die Klassenräume renoviert© Sigmund-Jähn-Grundschule

Der Kiez ist das „Kosmonautenviertel“ in Fürstenwalde, in dem die Straßen die Namen von sowjetischen Raumfahrern tragen. Der Namensgeber der Schule, der diese 1979 mit eröffnet hat, war kein Geringerer als der erste Deutsche im Weltall. Den Kontakt zu Sigmund Jähn, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte, hat die Schule inzwischen wiederbelebt und hofft auf einen Besuch des Kosmonauten in „seiner“ Schule.

Die benachbarte Oberschule trägt den Namen „Juri Gagarin“. Von dieser Vorgeschichte wissen viele Kinder, die die Schule heute besuchen, gar nichts mehr. Fürstenwalde war einst Industriestandort. Das in den 1970er Jahren gebaute „Kosmonautenviertel“ befand sich im größten Wohngebiet der Stadt. Nach 1990 hatte es mit vielen Problemen zu kämpfen, von denen Schulleiterin Ines Tesch zu berichten weiß und die auch in den eindrucksvollen Filmen der Kinder zum Thema geworden sind.

Beim Kinderrechte-Filmfestival Brandenburg erhielt die Schule hat den Preis der Erwachsenen-Jury© Sigmund-Jähn-Grundschule

So beschäftigten sich die 5. Klassen mit dem Thema Kinderrechte – nicht nur in der Gesellschaft insgesamt, sondern auch in der Familie. Dabei werden auch soziale Probleme angesprochen, in denen sich so manches Kind befindet: Im Film „Das Regenbogenschaf" geht es um einen Jungen, der in der Schule müde ist, weil er zu Hause seine Geschwister betreut und Zeitungen austragen muss, im Film „Ein starkes Team“ um ein Mädchen, dessen Eltern keine Krankenversicherung haben.

Ganztagsschul-AGs als einzige Freizeitanregung

Ohne die Schule würden viele Schülerinnen und Schüler die Stadtbibliothek nicht kennenlernen, ist sich Ines Tesch sicher. Aus zu vielen Elternhäusern komme zu wenig Unterstützung, und die Schule liege zu „weitab vom Schuss“. Die Arbeitsgemeinschaften und Neigungskurse der offenen Ganztagsschule sind oftmals die einzige Möglichkeit für die Kinder, Freizeitangebote kennenzulernen und wahrzunehmen. Die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 4. Klassen können nach dem Unterricht den Hort in der in unmittelbarer Nähe befindlichen Kita „Buratino“ besuchen, um dort Hausaufgaben zu erledigen, zu basteln, zu musizieren und einmal in der Woche das benachbarte Spaßbad aufzusuchen.

Von den Schülern der Kunst-AG gestaltetes Wandbild
Von den Schülern der Kunst-AG gestaltetes Wandbild© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Zum Leidwesen der Schulleiterin nehmen aktuell nur 44 Prozent der Schülerinnen und Schüler dieses Angebot wahr. „Die 12 Euro Beitrag im Monat sind vielen Eltern zu viel.“ bedauert Ines Tesch. Demgegenüber machen dann bei den kostenfreien Angeboten für die Klassen 5 und 6 durchweg alle Kinder mit. Von Montag bis Donnerstag stehen am Nachmittag zum Beispiel Theater, Kochen, Schülerradio, Musik, Fußball oder Gesang auf dem Programm.

Die AGs werden von Lehrkräften, der Sozialpädagogin, die mit einer vollen Stelle an der Schule beschäftigt ist, und außerschulischen Partnern gestaltet. Einer von ihnen ist der schottische Maler Gerry Miller, der mit den Schülerinnen und Schülern malt und nebenbei mit ihnen auch das Schulhaus und den Schulhof verschönert. Miller ist über den CTA Kulturverein Nord engagiert, der wiederum ist Mitglied im Netzwerk Fürstenwalde Nord. „Ein unglaubliches Netzwerk“, wie die Schulleiterin schwärmt. Droht an einer Stelle eine AG zu Ende zu gehen, findet sie hier über die Kontakte schnell Ersatz.

„Lesende Grundschule“

Hier zeigt sich das Erfolgsrezept der offenen Ganztagsschule: das Zusammenwirken mit vielen Partnern und das Akquirieren neuer Projekte. So hat die Kooperation mit dem CTA Kulturverein Nord ermöglicht, die Schulbibliothek täglich von 11.30 bis 14.30 Uhr zu öffnen. Und dem „Leseclub“-Projekt der Stiftung Lesen ist es zu verdanken, dass diese Bibliothek hervorragend ausgestattet ist. „Ich habe ein Konzept bei der Stiftung Lesen eingereicht“, erzählt die Schulleiterin, „und als wir in das Projekt aufgenommen wurden, bekamen wir 15 Umzugskartons voller Bücher, sechs Sitzsäcke, Zeitschriftenabos, CDs, Spiele, Tiptoi-Bücher. Unfassbar! Wir waren sehr beeindruckt und haben uns sehr gefreut.“

Spendenlauf 2016: "Wir laufen für Toleranz"© Sigmund-Jähn-Grundschule

Die Schulbibliothek wurde gut angenommen. Sie und die Kolleginnen müssten aber immer wieder mit den Klassen im Unterricht dort hinein, um das Interesse wachzuhalten, sagt Ines Tesch. „Wenn ich mit den Schülerinnen und Schülern dort bin und zum Beispiel Bücher vorstelle, die ich gut finde, ist die Begeisterung groß und viele leihen danach Bücher aus. Aber das ist kein Selbstläufer, sondern wir müssen da dran bleiben.“

Die Schulbibliothek ist eine Säule des Leitbilds der „lesenden Grundschule“, das sich die Schule gegeben hat. Eine weitere sind die Lesepatenschaften der Fünftklässler mit den Zweitklässlern, bei denen diese gemeinsam lesen. Weitere Angebote wie Märchennachmittage, Karaoke, Autorenlesungen und Bilderbuchkino sollen die Leselust unterstützen. Ausflüge in die Stadtbibliothek Fürstenwalde gehören ebenfalls zum Konzept.

Nach den Sternen greifen

Für Ines Tesch, die seit dem Schuljahr 2015/2016 Schulleiterin der Sigmund-Jähn-Schule ist, reicht die derzeitige offene Ganztagsschule nicht aus. „Wir reißen uns hier ein Bein für unsere Schülerinnen und Schüler aus. Aber wir müssen oftmals Elternverantwortung kompensieren. Dafür braucht es die gebundene Ganztagsschule, sodass alle Kinder bis 16 Uhr bei uns sind.“ Das beginne bei einem geregelten Frühstück und Mittagessen und reiche bis zu festen Lernzeiten und der Hausaufgabenbetreuung. Das Thema bleibt auf der Agenda. Zuvor bohrt die Schulleiterin andere Bretter. So hat sich die Grundschule für das Brandenburger Projekt „Gemeinsames Lernen“ beworben und möchte „medienfit:-)Grundschule“ im gleichnamigen Netzwerk werden.

Beim 3. Kinderrechte-Filmfestival Brandenburg im Thalia Kino Potsdam© Sigmund-Jähn-Grundschule

Für ihren Film „Der Spielplatz“ konnten die Schülerinnen und Schüler 2016 beim 3. Kinderrechte-Festival bereits den Preis der Erwachsenen-Jury im Januar 2017 entgegennehmen. Bürgermeister Hans-Ulrich Hengst war stolz: „Ich finde es wunderbar, dass man sich in der Sigmund-Jähn-Schule der Sache angenommen und bewiesen hat, dass jedes Kind Talente hat, egal woher es kommt.“ Alle drei Filme sind noch im Rennen um den Publikumspreis.

Der „Blaue Planet" auf dem Giebel der Schule steht auch für den Wunsch, nach den Sternen zu greifen.

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