Stuttgart 2020: "Attraktive Ganztagsschulen"

Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung der Landeshauptstadt Stuttgart, möchte attraktive Ganztagsschulen, die Schülerinnen, Schüler und Eltern überzeugen.

Online-Redaktion: Frau Fezer, wie sieht aktuell die Ganztagsschullandschaft in Stuttgart aus?

Isabel Fezer: In unserer Stadt gibt es die Modelle Ganztagsschule in Wahlform und die verbindliche Form der Ganztagsschule. Der Ganztagsschulbetrieb findet an vier Tagen pro Woche entweder von 8 bis 15 Uhr oder von 8 bis 16 Uhr statt. In der verbindlichen Form nehmen alle Schülerinnen und Schüler der Schule am ganztägigen Betrieb teil. An Ganztagsschulen in Wahlform besucht ein Teil der Schülerschaft die Schule ganztägig, der andere Teil wählt die Halbtagsklasse.

Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung in Stuttgart© Stadt Stuttgart

Derzeit befinden sich in Stuttgart 35 der 72 Grundschulen im Ganztagsschulbetrieb. Davon sind zwölf Schulen verbindliche Ganztagsschulen, 22 Schulen sind „Ganztagsschule in Wahlform“, und eine Schule arbeitet als offene Ganztagsschule. Pro Jahr können bis zu acht Grundschulen und zwei weiterführende Schulen zu Ganztagsschulen umgewandelt werden, sodass bis zum Jahr 2020 alle Grundschulen den Ganztag anbieten könnten.

Online-Redaktion: Was verbirgt sich hinter dem Konzept der Mischklassen, das seit zwei Jahren stark diskutiert wird?

Fezer: Bei den Mischklassen handelt sich nicht um ein Konzept, sondern um den Versuch einiger Schulen, die Diskrepanz zwischen dem Organisationserlass – also der klassenweise Lehrerzuweisung – und der Nachfrage nach Plätzen im Ganztag so gut wie möglich zu steuern. Dieses Problem stellt sich vermehrt durch die Regelung im baden-württembergischen Schulgesetz, nach der ab 25 Ganztagsschülern klassenstufenübergreifende Ganztagsgruppen gebildet werden können. Auf dieser Basis erhält die Schule zusätzliche Lehrerwochenstunden. Dies ist mit dem normalen Klassenteiler von 28 Schülerinnen und Schülern aber nicht kompatibel.

Brita Hüning
© Britta Hüning

Vereinfacht gesagt gibt es an Grundschulen, die sowohl Ganztags- als auch Halbtagsunterricht anbieten, dann Probleme, wenn die Zahl der Anmeldungen nicht mit dem Klassenteiler harmoniert – es also zu viele oder zu wenige Anmeldungen für eine Klasse sind. Ein Beispiel: Nehmen wir an, dass wir 70 Kinder in der Klassenstufe 2 haben, davon 35 Kinder im Ganztag und 35 Kinder im Halbtag. Dies ergibt laut Organisationserlass drei Klassen. Die Schule würde hier entweder eine Ganztagsklasse, eine Halbtagsklasse und eine Mischklasse oder drei Mischklassen bilden können.

Die Position der Stadt hierzu ist, dass wir Mischklassen so weit wie möglich vermeiden wollen, da in diesem Konstrukt, wie es derzeit sechs Grundschulen anbieten, eine sinnvolle Rhythmisierung des Stundenplans nach den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler an Grenzen stößt.

Online-Redaktion: Welche Punkte diskutiert man in Stuttgart noch, wenn es um das Thema Ganztagsschule geht?

Fezer: Das ist die ganze Bandbreite, die wir uns hier denken können. Das Mittagessen ist immer ein Thema, die Qualität und der Preis und die Vergabefrage der Mittagsverpflegung.

© Britta Hüning
Werden örtliche und regionale Anbieter gewählt? Wie sieht es mit den Sozialaspekten aus? Dann drehen sich Fragen um die Finanzierung der freien Träger, die in Stuttgart einen erheblichen Teil der Angebote in den Schulen übernehmen, und um die Einbindung von Sport, Kultur, Musik und der Kirchen. Es geht um den Lehrermangel und den Mangel an sozialpädagogischen Fachkräften der Träger. Ein weiteres Thema sind freiwillige Angebotsbausteine, insbesondere die Ferienbetreuung. Manche Eltern äußern den Wunsch nach Alternativen zur Ganztagsschule und fragen nach Hortbetreuung. Dann drehen sich Fragen um die bauliche Erweiterung von Gebäuden: Was wird wann und wo gebaut?

Online-Redaktion: In Baden-Württemberg gibt es eine starke Diskussion um den Grad der Verbindlichkeit der Ganztagsschule. Spielt das auch in Stuttgart eine Rolle? Und wie sehen Sie das?

Fezer: Abgesehen von Gemeinschaftsschulen und einzelnen Werkrealschulen gibt es in der Sekundarstufe nur offene Ganztagsschulen an verschiedenen Realschulen und Gymnasien. Die Frage der Flexibilität stellt sich hier also nicht. Aber im Grundschulbereich spiegelt sich die Diskussion in unserer Stadt sehr intensiv wider.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Ich finde, dass die Qualität der Ganztagsschule entscheidend ist für mehr Chancengleichheit unabhängig vom sozialen Status des Elternhauses der Kinder. Diese Qualität ist meines Erachtens aber nur mit einer entsprechenden Verbindlichkeit der Teilnahme zu erreichen, das hat auch die bundesweite StEG-Studie gezeigt. Eine hohe Flexibilität bezüglich Abholzeiten oder flexiblen Tagen steht dem entgegen. Wir sehen die Flexibilität für die Eltern insofern bereits ausreichend gewährleistet, als sich Grundschulen überwiegend in der Wahlform zu Ganztagsschulen weiterentwickeln. Damit ist gewährleistet, dass allen Kindern nach dem Motto „Kurze Beine, kurze Wege“ genau die Schulform geboten wird, die die Familien benötigen beziehungsweise präferieren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine attraktive Ganztagsschule aus sich heraus die Schülerinnen und Schüler und die Eltern überzeugt. Und eine Ganztagsschule ist attraktiv, wenn sie auf den Bedarf eingeht, der allem zugrunde liegt, nämlich dass die Eltern ihren Kindern die bestmögliche Bildung ermöglichen wollen. Der Wunsch nach Flexibilität ist ja keiner an sich, sondern hier soll im Idealfall oft Raum für eigene Bildungsangebote geschaffen werden.

Online-Redaktion: Sie haben zwei Studien zur Ganztagsschule beauftragt. Was ist die Intention, und von wem werden die Studien durchgeführt?

Fezer: Es handelt sich um eine schriftliche Umfrage zur Feststellung des Betreuungsbedarfs der Eltern von zukünftigen Grundschulkindern und um eine schriftliche Erhebung der Erfahrungen und Bewertungen in den bestehenden Ganztagsgrundschulen bei den verschiedenen Akteuren: den Schülern, Eltern, Lehrern, Schulleitungen und den Ganztagsträgern. Hier wollen wir eine Rückmeldung bekommen, was gut und was nicht so gut funktioniert.

© Britta Hüning

Wir hoffen da auf Ergebnisse im Sommer. Dazu bilden wir eine Projektgruppe aus Vertretern des Staatlichen Schulamtes, der Schulen, der freien Träger sowie der Vorsitzenden des Gesamtelternbeirates, dem Schulverwaltungsamt, dem Statistischen Amt und der Abteilung Bildungspartnerschaft. Die Geschäftsführung wird von der Abteilung Bildungspartnerschaft übernommen. Die Umfragen selbst führt das Statistische Amt durch.

Online-Redaktion: Was liegt Ihnen noch am Herzen beim Thema Ganztag?

Fezer: Unser Ansatz ist: Die Schule ist der Ort, an dem wir den Reichtum der ganzen Welt an jedes einzelne Kind herantragen können, und diese Chance sollte voll genutzt werden. Der Ganztag gibt uns den zeitlichen Raum dazu. Ich möchte deshalb insbesondere gerne die musischen und die sportlichen Angebote noch enger mit den Ganztagsschulen verzahnen. Wir wollen seitens der Stadt enger mit der Musikschule zusammenarbeiten, damit zum Beispiel in den Ganztagsschulen Instrumentalunterricht und richtiger professioneller Musikunterricht gegeben werden kann. Alle Kinder sollen mal in Kontakt mit einem Musikinstrument kommen und die Gelegenheit erhalten, Begabungen und Neigungen zu entdecken und gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

Isabel Fezer, Jg. 1959, ist seit August 2016 Bürgermeisterin für Jugend und Bildung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Konstanz und Bonn führten sie ihre beruflichen Stationen an die Freie Universität Berlin und zum Bundesministerium für Post und Telekommunikation. Von 1996 bis 2004 war sie Bürgermeisterin in ihrer Heimatstadt Radolfzell am Bodensee und von 2004 bis 2008 als Rechtsanwältin tätig. 2008 übernahm sie die Leitung des Europareferats in der Landesvertretung Baden-Württemberg beim Bund in Berlin. Isabel Fezer war von 1999 bis 2010 Mitglied im Kreistag des Landkreises Konstanz und dort von 2004 bis 2010 Vorsitzende der FDP-Fraktion. Von 2010 bis Juli 2016 war sie Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Stuttgart für Soziales, Jugend und Gesundheit.

 

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