9.Ganztagsschulkongress: Wie weit fällt der Apfel vom Stamm?

Kann die Ganztagsschule das, was die Gesellschaft nicht kann? Kann sie Bildungsgerechtigkeit ermöglichen? Und wenn ja, was braucht sie dazu?

Zu diesen Fragen tauschten sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 9. Ganztagsschulkongresses im Gesprächssalon aus, der unter dem Titel „Wie weit fällt der Apfel vom Stamm – Bildungsgerechtigkeit und Ganztagsschule“ angeboten wurde.

„Ich war lange genug bei der Bundesagentur für Arbeit, um gesehen zu haben, dass es für manche Fördermaßnahmen irgendwann zu spät ist.“ Mit diesem Hinweis hatte Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die Lacher auf ihrer Seite. Allmendinger, ebenfalls Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin bezog sich damit auf ihre Zeit als Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), welches der Bundesagentur für Arbeit angegliedert ist. Die Soziologin drückte damit ihr Unverständnis darüber aus, dass nicht offensiver und konsequenter in die Förderung von Kindern im Kita-Alter und früher investiert würde.

Frühe Förderung zeigt Effekte

Die empirische Forschung, so die Wissenschaftlerin, beweise ganz klar: Ab einem Alter von einem Jahr zeigt die Förderung von Kindern aus benachteiligten Elternhäusern positive Effekte, solange diese Förderung von hoher Qualität ist. Der erwünschte kompensatorische Effekt intensiver Förderung greife bis zum Ende der Grundschulzeit. Danach jedoch verliert sich der Erfolg; die „differentiellen Entwicklungsmilieus“ in unseren Schulen, zitiert sie den Bildungsforscher Prof. Dr. Jürgen Baumert, schlagen wieder durch. Allmendiger plädierte für ein gemeinsames Lernen bis zum 16. Lebensjahr und erinnerte daran, was man sich einst vom dreigliedrigen Schulsystem erhofft hatte: erstens hohe Kompetenzwerte im internationalen Vergleich, zweitens höheres Leistungsniveau für schwächere Schüler. „Beides“, so die Wissenschaftlerin, „ist nicht geglückt und hat nicht zu Kompetenzreichtum geführt.“

Kultureller Habitus kann Leistung überlagern

Die Analysen der engagierten und streitbaren Wissenschaftlerin motivierten das Publikum im voll besetzten Salon ebenso zu lebendigen Diskussionen wie die Impulse von Kornelia Haugg aus dem Bundesbildungsministerium, Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg, und Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Gerade aus Stiftungssicht, so Heike Kahl, sei es bedrückend, immer wieder feststellen zu müssen, dass sich in den Schulen der Status quo erhalte. Dieser „historische Fatalismus“ wiederum sei insbesondere darin begründet, dass in Schule und Unterricht der kulturelle Habitus eines Kindes bei der Beurteilung seiner Leistung eine gravierende Rolle spiele. Sie warb für eine Abkehr von den Zugangsmechanismen der Mittelschicht als Bedingung für Partizipation, für eine „Selbstreflexion unseres Zugangs zum Thema Teilhabe.“

„Ich mache die Unterschiede noch deutlicher“

Eine Teilnehmerin, die sich als Arbeiterkind mit Hochschulabschluss „outete“, sprach sich dafür aus, Eltern zu ermutigen und zu informieren, damit diese wiederum ihre Kinder stützen können. „Ich bin beeindruckt, was es alles für Programme und Förderinitiativen gibt“, staunte sie unverhohlen und bedauerte, dass immer noch zu wenig davon bei den Elternhäusern ankomme.   Das war das Stichwort für Staatssekretär Wolfgang Schroeder. Auch er plädierte: „Gerade die Ganztagsschulen müssen Eltern noch stärker als Kooperationspartner entdecken.“ Er forderte bei den Schulen eine Haltung ein, nach der jedes Kind kann, was es sich zutraut. Nur die Wege, die es zu beschreiten gelte, seien unterschiedlich.

Geradezu eine Tugend aus der Unterschiedlichkeit von Kindern macht Arno Lange. Der Gründungsvater von zwei freien Ganztagsschulen verblüffte mit den Worten: „Ich mache die vorhandenen Unterschiede noch deutlicher.“ Nur so, ist er sicher, kann man Kindern geben, was sie brauchen.

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