9. Ganztagsschulkongress: Die Inselschule Fehmarn feiert Jubiläum

Wer Michaela Schmeiser nach dem Erfolgsrezept ihrer Schule fragt, schaut erst einmal in etwas ungläubige Augen. Denn für die Leiterin der Gemeinschaftsschule Fehmarn gibt es das Patentrezept nicht. Ihrer Meinung nach muss vielmehr eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommen, damit Schule gelingt. Beim 9. Ganztagsschulkongress "Bildung für mehr! Ganztagsschule der Vielfalt" zog Schmeiser eine erste, vorsichtige Bilanz - denn die Inselschule feiert ein kleines Jubiläum. Sie ist fünf Jahre alt geworden.

Für die engagierte Pädagogin und Mutter zweier Kinder ging gewissermaßen ein Traum in Erfüllung, als sie vor mehr als fünf Jahren mit dem Aufbau der Gemeinschaftsschule betraut wurde. „Eine Schule gründen zu können und diesen herausfordernden Prozess begleiten zu können, bedeutet für mich die Chance, eine Schule so zu gestalten, dass ich hinter ihr stehen kann“, betont sie im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org. Hinter dem Konzept der Inselschule steht sie zu hundert Prozent und mag sich dennoch nicht zu sehr auf die Schulter klopfen lassen: „Auch wir kochen nur mit Wasser“, versichert sie. Allerdings gehöre sie nicht zu den Menschen, die ständig jammerten und argumentierten, dies und jenes könne man unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht leisten. „Natürlich können wir alle mehr gebrauchen. Aber die Frage muss immer lauten, wie man das Bestmögliche aus den bestehenden Bedingungen machen kann“, argumentiert sie und fügt hinzu: „Die Kraft muss von innen kommen.“

Prof. Speck befragt Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer

Prof. Dr. Karsten Speck hält einen Vortrag
Prof. Dr. Karsten Speck, Universität Oldenburg© Piero Chiussi

Bei der großen Mehrzahl von Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern kommt die Kraft offensichtlich von innen, wie eine Publikumsbefragung des Bildungsforschers Prof. Dr. Karsten Speck (Universität Oldenburg) am Vormittag ergab. Auf die Frage, wie sie mit der Vielfalt von Schülerinnen und Schülern umgehen, antworten nahezu alle, dass es sich um eine Herausforderung handele, der sie sich versuchten zu stellen.Für die meisten stelle die Vielfalt eine Chance dar, die sie gewinnbringend nutzten. Gleichwohl stellten sie der Bildungspolitik ein „schlechtes“ Zeugnis aus. Sie verlange von den Schulen individuelle Förderung, schaffe aber selbst nicht immer die erforderlichen Rahmenbedingungen. Was Prof. Speck zu der Schlussfolgerung veranlasste: „Alle Kinder – und zwar nicht nur solche mit Behinderungen und Beeinträchtigungen – haben den Anspruch und das Recht auf individuelle Förderung“.

Schmeiser: „Man muss Kinder mögen...“

Michaela Schmeiser, Gemeinschaftsschule Fehmarn, im Gespräch mit Moderatorin Julia Sen© Piero Chiussi

Diese Förderung wird in der Gemeinschaftsschule Fehmarn, die den Zusammenschluss von vier Schulen (Förderschule, Real- und Hauptschule sowie Gymnasium) darstellt, groß geschrieben. „Die Frage der individuellen Förderung ist der Klassiker in der Diskussion über den gemeinsamen Unterricht“, betonte Schmeiser, die sich selbst als Visionärin bezeichnet. Entscheidend für individuelle Förderung sei der Blick auf das Kind. Wie der sein sollte, verrät die Schulleiterin auch: „Respektvoll, die Vielfalt der Menschen schätzend oder einfach so: Man muss Kinder mögen und nicht als Dienstauftrag verstehen.“ Nach fünf Jahren Gemeinschaftsschule ist sie überzeugt: Ihr Kollegium hat diese Haltung verinnerlicht.

Gut erinnert sie sich an die Vorbehalte und Widerstände, die auch bei den Lehrkräften vor fünf Jahren existierten. „Schaffen wir das?“, sei eine der häufigsten Fragen gewesen. Mit Schaffen sei dabei nicht nur der Umgang mit der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler gemeint gewesen. Vielmehr seien auch Pädagoginnen und Pädagogen aus vier höchst unterschiedlichen Schulformen aufeinandergetroffen. „Es war aber niemals meine Intention, alle gleich zu machen und Widerstände wegzuwischen. Im Gegenteil: Auch diese Form der Vielfalt ist eine Chance, jeder Zweifel hat seine Berechtigung“, unterstrich sie. Doch dieser Prozess der Annäherung erfordere Zeit: „Unter Druck kann man nur angepasstes Verhalten erreichen.“ Auch hier stimmte sie mit ihrem Vorredner, Karsten Speck, überein. Er hatte eindringlich dazu geraten: „Lassen Sie die Sicht des Anderen zu, geben sie sich Zeit für Absprachen und Abstimmung und erkennen sie die andere Profession an.“ Dieser Devise folgt das Kollegium der Inselschule. Allerdings räumte Michaela Schmeiser mit der Illusion auf, man könne stets im großen Team Abstimmungsprozesse organisieren. „90 Lehrerinnen und Lehrer zu managen ist schwer“, erklärte sie. Darum bilde man an ihrer Schule kleine Jahrgangsstufenteams, die sich jederzeit und intensiv abstimmten.

Sorgen und Zweifel ernst nehmen

Bedenken meldeten und melden auf der Insel aber nicht nur die Pädagogen an. „Auch Eltern waren ziemlich skeptisch“, schilderte die Schulleiterin den mehr als 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörern im Kuppelsaal des Berliner Congress Centers. „Sie fragten sich, ob eine solch integrative Schule ihr Kind entsprechend fördern könne“, schildert sie Erinnerungen aus Gesprächen mit Müttern und Vätern. Sie zeigt durchaus Verständnis für diese Sorge: „Schließlich wollen alle den besten Abschluss für ihr Kind. Das ist doch existenziell.“ Ob die Skepsis inzwischen verflogen sei und ob die Gemeinschaftsschule mehr leisten könne als vier unterschiedliche Schulformen, will www.ganztagsschulen.org von ihr wissen. Und erhält eine ehrliche Antwort: „Erst Ende dieses Schuljahres haben die ersten Schülerinnen und Schüler unsere Gemeinschaftsschule von Klasse fünf bis zehn durchlaufen. Erst dann kann man eine erste Bilanz ziehen.“ Doch Michaela Schmeiser wäre nicht Michaela Schmeiser, wenn sie nicht noch ihre persönliche Einschätzung ergänzen würde: „Die Gemeinschaftsschule leistet definitiv mehr.“ Dem Ziel, inklusive Schule zu werden, ist die offene Ganztagsschule jedenfalls bereits sehr nahe gekommen: Nur einige ganz wenige Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder Beeinträchtigung lernen derzeit noch in Förderklassen, weil man überzeugt ist, ihnen in den Integrationsklassen (noch) nicht gerecht werden zu können.   

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