6. Münchner Ganztagsbildungskongress 2017

Respekt, Urteilsfähigkeit, Selbstwirksamkeit als Bildungsziele – und vor allem gute Beispiele waren Themen des 6. Münchner Ganztagsbildungskongresses.

Rund 1.000 Teilnehmende an zwei Tagen – das ist auch die Gelegenheit, Mitstreiter, Kooperationspartner, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Schulen kennenzulernen.Eine Veranstaltung wie der Münchner Ganztagsbildungskongress am 17. und 18. Januar in der Alten Kongresshalle und anderen Orten in der bayerischen Landeshauptstadt wirkt wie eine riesige Kontaktbörse: Man kommt in den Pausen ins Gespräch, kann sich im „Forum der Möglichkeiten“ über 40 außerschulische Bildungseinrichtungen informieren oder die Foto-Ausstellung „Ich in Giesing“ von sechs Kinder- und Jugendeinrichtungen besuchen.

Alte Kongresshalle in München© Tobias Hase

Und wer weiß? Vielleicht wäre so eine Aktion wie die WIR-Werkstatt an der Ludwig-Thoma-Realschule, wie sie in einem der rund 50 Workshops vorgestellt wurde, ohne den Kongress niemals entstanden. „Schulleiter Claus Tonke und ich haben uns auf dem Kongress 2015 kennen gelernt“, berichtete Jana Frädrich, Kinderbeauftragte der Stadt München, „und sind ins Gespräch gekommen, was sich an Zusammenarbeit realisieren ließe.“

Zum Auftakt erklärte Bürgermeisterin Christine Strobl dementsprechend, dass es wichtig sei, „die Vernetzung beizubehalten und miteinander zu reden“. Für die Veranstalter vom Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt ist es auch wesentlich, gute Beispiele bekannt zu machen. Dazu dient unter anderem der Münchner Schulpreis. „Der Schulpreis soll helfen, die guten Beispiele in unserer Stadt zu entdecken“, so Stadtschulrätin Beatrix Zurek, „und so wichtige Impulse für die Entwicklung von Schule und Unterricht zu setzen.“

Schulpreis: „Schon die Nominierung ist eine hohe Anerkennung“

Die 18-köpfigen Jury, der die Stadtschulrätin vorsaß und in der Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis sowie auch zwei Schüler vertreten waren, hatte sechs Schulen nominiert. „Schon die Nominierung ist eine hohe Anerkennung“, betonte Beatrix Zurek. Diese Wertschätzung sollte sich auch am Ende der Preisverleihung zeigen, als auch die Grundschule an der Eduard-Spranger-Straße, die Jan-Amos-Comenius-Grundschule und das Städtische Heinrich-Heine-Gymnasium, die gemeinsam den vierten Platz belegten, auf die Bühne im Großen Saal der Alten Kongresshalle gebeten wurden, um ihren wohlverdienten Applaus entgegenzunehmen.

Stadtschulrätin Beatrix Zurek
Stadtschulrätin Beatrix Zurek© Tobias Hase

Den dritten Preis erhielt die Städtische Wilhelm-Busch-Realschule, mit 700 Schülerinnen und Schüler eine der größten Realschulen Münchens. Wie viele andere Ganztagsschulen der Stadt hat auch sie die Lernhausstruktur mit fünf jahrgangsgemischten Lernhäusern – darunter zehn Ganztagsklassen und drei DaZ-Klassen – eingeführt. Diese neugeschaffene Struktur fördert die Beziehung zwischen den Jugendlichen und den Lehrkräften und erleichtert die Zusammenarbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Ein Zeitfenster für Konferenzen ermöglicht die Koordinierung des Teamteachings und die Vorbereitung der regelmäßigen Lernbegleitgespräche mit jeder Schülerin und jedem Schüler. Die als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgezeichnete Ganztagsschule legt einen Schwerpunkt auf soziales Lernen und Persönlichkeitsentwicklung. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung in den Klassenräten, als Tutorinnen und Tutoren und werden in Entscheidungen über die Schulentwicklung eingebunden. Rund 20 Kooperationspartner sorgen auch für eine Vernetzung mit der Lebenswelt.

„Mit der richtigen Unterstützung sind herausragende Schulleistungen möglich“

Die vor fünf Jahren gegründete Grundschule an der Helmholtzstraße erhielt den zweiten Preis. Auch hier lernen die Schülerinnen und Schüler in Lernhäusern. Im teils klassen- und jahrgangsübergreifenden Unterricht werden Methoden wie Lerntagebücher, Wochenplanarbeit und Lernentwicklungsgespräche genutzt. Räume und technische Möglichkeiten dienen der Differenzierung. Die Lehrerinnen und Lehrer führen regelmäßige Lernentwicklungsgespräche mit den Schülerinnen und Schüler, aber auch Elterngespräche. Die Ganztagsgrundschule ist mit dem Tagesheim und Kindergärten vernetzt, was laut Jurymitglied Prof. Ewald Kiel von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) „von allen Partnern als erfolgreiche und bereichernde Kooperation erlebt wird“. Schulleiterin Manuela Schwimmbeck ergänzte in ihrer Dankesrede: „Die Arbeit mit den Kindern macht wahnsinnig Spaß.“

Gewinner des Münchner Schulpreises 2017: SchlaU-Schule© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Den Hauptpreis erhielt in diesem Jahr die SchlaU-Schule München. SchlauU steht für schulanaloger Unterricht. 320 Jugendliche mit Fluchthintergrund werden hier zum Schulabschluss geführt. Rund 85 Schülerinnen und Schüler machen jährlich den Abschluss und werden in eine Ausbildung oder an weiterführende Schulen vermittelt. Ein wichtiger Unterrichtsbestandteil ist dabei die Berufsorientierung. Dazu gehören eine klassenübergreifende Berufsorientierungswoche, Betriebsbesichtigungen und Bewerbungstrainings sowie ein zweiwöchiges Betriebspraktikum in der Mittelstufe. Der Unterricht wird durch Arbeitsgemeinschaften wie eine Englisch-AG, eine Computer-AG oder das Lerncamp zur Prüfungsvorbereitung ergänzt. Die Kooperation mit außerschulischen Partnern auch an externen Lernorten ist selbstverständlich. „Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll, wer mir bei meinen Problemen helfen wird“, berichtete eine Schülerin. „Hier werde ich unterstützt und betreut. Wenn man will, kann man es schaffen, das sagen alle an unserer Schule.“ Schulleiterin Antonia Veramendi erklärte unter großem Applaus bei Entgegennahme des Preises: „Mit der richtigen Unterstützung sind herausragende Schulleistungen möglich.“

Bildungsziele: Respekt, Urteilsfähigkeit und Selbstwirksamkeit

Den Abschluss des ersten Tages bildeten zwei Impulsvorträge unterschiedlicher Blickwinkel, aber doch durchaus vergleichbaren Inhalts:

Prof. Dr. Maria von Salisch© Tobias Hase
Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie an der LMU und Staatsminister a.D., und Maria von Salisch, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Beide betonten die Potenziale, die Ganztagsschulen für informelle Bildung bieten. „Zentrale Bildungsziele müssen die eigene Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit, sich ein Bild von der Welt machen zu können, sein“, sagte Julian Nida-Rümelin. Die Schule könne nicht alles reparieren, was in der Gesellschaft schief laufe, aber ein von „Respekt getragenes Bildungssystem wird auch große Unterschiedlichkeiten aushalten können“.

Prof. Maria von Salisch konnte anhand ihrer Studie „Peers in Netzwerken“, die sie im Rahmen der vom BMBF geförderten Ganztagsschulforschung durchführte,

Prof. Dr. Dr. h. c. Julian Nida-Rümelin
Prof. Dr. Dr. h. c. Julian Nida-Rümelin© Tobias Hase
und ihrer weiteren Forschungen zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen das Fazit ziehen, dass „informelles Lernen den Lernerfolg positiv beeinflusst“. Hier liege das Potenzial der Ganztagsschule: „Sie ermöglicht das Erleben von Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit, Kompetenzaufbau und unterstützende Beziehungen.“ Freundschaften seien kein Störfaktor in der Schule, sondern im Gegenteil sollten Ganztagsschulen durch geeignete pädagogische und räumliche Gestaltung mehr Gelegenheiten für das Entwickeln und Leben von Freundschaften bieten. „Es muss Rückzugsorte ohne pädagogische Belagerung geben“, zitierte die Wissenschaftlerin den Soziologen Lothar Krappmann.

Bayerische Wirtschaft: „Steigende Sozialkompetenz dank der Ganztagsschule“

Die Gesprächsrunde „Bereitet die (Ganztags)Schule auf das Leben vor?“ griff am zweiten Tag einige der Fragen auf. Dr. Christof Prechtl, Leiter der Abteilung Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, berichtete, dass in den letzten Jahren positive Rückmeldungen von den Ausbildern in den Betrieben kämen, die von einer steigenden Sozialkompetenz der Auszubildenden kündeten – „dank der Ganztagsschule“. Die Wirtschaft fordere gebundene Ganztagsschulen mit einer ganztägigen Rhythmisierung, so Prechtl, die Unterricht und außerunterrichtliche Angebote, auch durch Einbeziehung externer Fachleute, besser verbinden könnten. Da man wisse, dass der gebundene Ganztag für alle in der Gesellschaft nicht konsensfähig sei, sollten zumindest für alle Eltern und Kinder, die es wollten, ausreichend Plätze vorhanden sein.

Schulleiter Claus Tonke (r.) und Projektkoordinatorin Eva Maria Yannaros mit Schülerin und Schülern© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Schulleiterin Irmgard Fischer-Guggemos von der Städtischen Anita-Augspurg-Berufsoberschule für Sozialwesen, die im vergangenen Jahr den Münchner Schulpreis erhalten hatte, und Hannah Imhoff von der Stadtschülerinnenvertretung waren sich einig, dass Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung übergeben werden müsste. Für Hannah Imhoff sind dazu besonders Projekte geeignet.

Am Nachmittag verteilten sich die Teilnehmenden auf die Workshops und weitere Vorträge. Laut Bürgermeisterin Christa Strobl gibt es derzeit 164 Kooperationsprojekte an den Münchner Ganztagsschulen, von denen sich viele vorstellten. So auch die Ludwig-Thoma-Realschule mit ihrer WIR-Werkstatt. Drei Tage lang arbeitete die gesamte Schulgemeinschaft mit rund 500 Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Eltern und externen Partnern im vergangenen September an Vorschlägen zur Verbesserung des Schulklimas. Über Monate war durch Befragungen und vorbereitende Workshops geklärt worden, welche Maßnahmen durchgeführt werden sollten. „Es braucht Mut, Vertrauen und Geld, um so etwas zu machen“, erklärte die Kinderbeauftragte Jana Frädrich, „vor allem aber geht es nicht ohne eine Schulleitung, die dahinter steht.“

Im Anschluss an den Kongress fanden in diesem Jahr erstmals „Hospitationsreisen“ an Münchner Ganztagsschulen statt. Unsere Redaktion hat die Gelegenheit wahrgenommen. Den Bericht können Sie in den nächsten Tagen auf www.ganztagsschulen.org lesen!

 

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